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Full text of "Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, Volume 17"

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Zeitschrift 



\ 

Vereins für hessische Geschichte 
und Landeskunde. 

Neue Folge. Siebenzehnter Band- 

(Der ganzen Folp;o XXV] I. Band.) 



v 



.:\ 



P.(p),^(9).<i 



^ Kassel. 



Im Comniissionsvorlage von A. Froyschmidt, 

Hof-Bitchliaudlung. 

1892. 



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l 



THE NEW YORK 
PUBLIC LIBRARY 

672565A 

ASTOR, LENOX AND 

TILDEN FOUNDATIONÖ 

R 1933 L 



Pruck von L. pöll in Kassel 



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Inhalt. 

Seite 
I. Der Chronist Wigand Gerstenberg. Nebst Uoter- 
suchuDgen über idtere hessische Uesohichlsquellea. 

Von JuHus IM stör 1 

II. Die Ritterburgen der vormaligen Abtei Fulda. Von 

Dr. Justus-Sühneider in Fulda 121 

III. Johann von Pappenheim und seine Fehden gegen 
den Bischof Johann IV. von Hildesheim. Von 
Gustav von Pappenheini 176 

IV. Burgfriede der Qanerben des Schlosses Schildeck 
(d. 22. Februar 1425.) Mitgetheilt von L. von 
Loowenstein . 213 

V. Die Kasseler Bibliothek im ersten Jahrhundert ihres 
Bestehens. (16. und 17. Jahrhundert.) Von Dr. 

• Carl Scherer 224 

VI. Zur Geschichte der Schmalkalder Kirchenbibliothek. 

Eine Berichtigung von Dr. CarlScherer. . . . 260 
VII. Zur hessischen Familiengeschichte. Von Aug. 

Heldmann 2t>4 

Vlli. Beitrag zur Geschichte des Postamts Bebra. Von 

Joseph Ruhl 305 

IX. Der Marburger Aufstand des Jahres i8og. Von Dr. 

AVilli Varges 350 

X. Beiträge zur Geschichte des Landgrafen Hermann II. 

von Hessen. Von Friedrich Küch 409 

XI. Die Porzellansammlung des Schlosses Wilhelms- 

tbal bei Kassel. Von Dr. Chr. Scherer. . . . 440 




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I. 
Der Chronist Wigpand Oerstenbergr. 

Nebst Untersuchungen über ältere hessische 
Geschichtsquellen^ 

Von 
Julius Pistor. 

ilrster Abschnitt. 



Einleitung. 
|ie Bedingungen, unter denen die politische und 
^kirchliche Entwicklung Hessens im früheren Mittel- 
alter vor sich gegangen ist, haben mit denjenigen viel 
Verwandtes, die für die Ausbildung des benachbarten 
thüringischen Gebietes massgebend gewesen sind. Beide 
Länder waren schon früh Theile des fränkischen Reiches, 
behielten aber dabei eine Zeit lang einen gewissen 
Grad von Selbständigkeit: in Thüringen wie in Hessen 
finden wir ein nationales Herzogthura, das sich freilich 
hier bedeutend länger hielt als dort. Man wird zwar 
nicht behaupten können, dass der Schwerpunkt des 
Reiches in jenen Zeiten dauernd in den genannten 

K- F. XVII. Bd 1 



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Territorien gelegen habe; trotzdem entbehrten sie 
aber keineswegs einer nach einer anderen Seite sich 
geltend machenden Bedeutung: Hessen diente Jahr- 
hunderte hindurch den fränkischen Herrschern als Stütz- 
punkt für ihre Unternehmungen gegen die Sachsen; 
in einem noch höheren Grade und während eines viel 
grösseren Zeitraumes lag Thüringens Bedeutung in 
seiner Eigenschaft als Grenzmark gegen die slavische 

WeltO. 

Viel Aehnlichkeit zeigt sich auch hinsichtlich der 
kirchlichen Entwickelung beider Territorien. In Hessen 
wie in Thüringen bestand das Heideuthum nach der 
Bekehrung der Franken noch zwei Jahrhunderte fort, 
bis Bonifatius dort dem Christenthum eine bleibende 
Stätte schuf. Um diesen Zweck bald und vollständig 
zu erreichen, fasste man die Stiftung von Bisthümern 
in's Auge : in Thüringen sollte Erfurt, in Hessen Büra- 
burg der kirchliche Mittelpunkt werden. Allein hier 
wie dort scheinen wichtige Vorbedingungen für ihre 
Existenz gefehlt zu habend), denn von einer Wirksam- 
keit des Erfurter Bisthums hören wir gar nichts^) 
und die Thätigkeit, die Büraburg entfaltete, war gleich- 
falls nicht von Belang*). Auch andere Stiftungen 
des Bonifatius in diesen Landen konnten nie zu 
rechtem Gedeihen kommen: Ohrdruf in Thüringen 
und Amöneburg und Fritzlar in Hessen. Aber darin 
liegt ein wesentlicher Unterschied, dass hier die Klöster 
Fulda und Hersfeld sich schnell zu grosser Bedeutung 



>) Vgl. Fr. X. V. Wegele in den Anuales Roinhardsbriin- 
nenses (Thür. Geschichts quellen I. Bd.) p. VIl ff. 

») Vgl. hierüber u. a. W. Arnold, Deutsche Geschichte II, 1 , 
S. 213 ff. 

«) F. W. Kettberg, Kirchengesch. Deutschlands II, 367 ff. 

*) Rettberg, I, 598 ff. und H. Eeppe, Kirchengeschichte 
beider Hessen I, 36 und 44. 



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aufschwangen: nicht nur dass sie die Erbschaft des 
eingegangenen Bisthums Bnraburg antraten nnd durch 
päpstliche und kaiserliche Privilegien die Immunität 
von Bischofs- und Grafengewalt erlangten, auch in 
Thüringen nahmen sie unter den kirchlichen Gewalten 
die erste, unter den weltlichen eine nicht zu unter- 
schätzende Stellung ein. Selbst Mainz konnte hier 
diesen Klöstern weder an äusseren Machtmitteln noch 
an Einfluss auf das kirchliche Leben gleichkommen*). 
Diese Verhältnisse sind begreiflicherweise nicht 
ohne nachhaltigen Einfluss auf die Entfaltung des 
geistigen Lebens, und besonders auf die Entwicklung 
der Geschichtschreibung in beiden Ländern gewesen. 
Der hervorragenden Stellung entsprechend, welche die 
genannten Klöster im Reiche einnahmen, finden wir in 
ihnen eine z. Th. glänzende historiographische Thätig- 
keit zu einer Zeit, wo in Thüringen noch niemand 
daran dachte, geschichtliche Ereignisse aufzuzeichnen. 
Bald sollte indes das umgekehrte Verhältnis eintreten. 
Denn kaum ist die Historiographie in Hessen verstummt, 
da entfaltet sich im Nachbarlande, anknüpfend an das 
Geschlecht Ludwigs des Bärtigen, eine grosse Regsam- 
keit auf dem Gebiete der Geschichtschreibung, zuerst 
in Erfurt, dann in Reinhardsbrunn und später in Eise- 
nach*). Unter der nicht geringen Zahl der hessischen 
Dynastengeschlecht^r jener Zeit findet sich keines, das 
auch nur im entferntesten von der Bedeutung für das 
Land gewesen wäre, welche das Haus Ludwigs für 
Thüringen hatte; und als nun gar die beträchtlichen 
gisonischen Besitzungen an Thüringen kamen und der 
Kern des hessischen Landes zu einem Anhängsel des 
l^achbargebietes herabsank, da konnte dort von einem 

*) Th, Knockenhauer, Gesch. Thüringens in der karol. und 
Bachs. Zeit S. 145 ff., bes. S. 164 ff. 

•) V. Wegele a. a. 0. p. X und XL 

1* 



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Erwachen des eingeschlummerten geschichtlichen Inter- 
esses keine Rede sein. In der That sind die Nach- 
richten der späteren hessischen Chronisten über diese 
Zeiten höchst spärlich, und vergeblich versuchen sie 
diese Dürftigkeit durch eine intensive Berücksichtigung 
der thüringischen Verhältnisse zu verdecken. Man hat 
es eben damals unterlassen, Aufzeichnungen zu machen, 
und das Versäumte konnte später nicht nachgeholt 
werden. Infolge dieses Umstandes fing die thüringische 
Historiographie an einen ausserordentlich starken Ein- 
fluss auf die hessische auszuüben, und dieser machte 
sich auch noch für die Zeiten geltend, wo sich in 
Hessen bereits eine ansehnliche Geschichtschreibung 
entwickelt hatte. 

Nahezu hundertundzwanzig Jahre war ein grosser 
Theil von Hessen im Besitze des thüringischen Land- 
grafenhauses gewesen, da errang das Land durch den 
Tod des Heinrich Raspe seine politische Selbständig- 
keit wieder, es bekam in Heinrich von Brabant einen 
Herrscher, dessen Persönlichkeit und Thaten wohl ge- 
eignet waren, der heimischen Geschichtschreibung neue 
und nachhaltige Anregung zu geben. Indessen ist über 
das Wiedererwachen historischer Studien in dieser Zeit 
nichts Sicheres bekannt, weil die Quellen, aus denen 
der sogleich zu liennende Johannes Riedesel für 
die zweite Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts schöpfte, 
nicht nothwendig schriftlich fixirt gewesen sein müssen. 
Riedesel ist der Verfasser einer hessischen Chronik, die 
jedoch nicht in ihrer ursprünglichen Form, sondern nur 
in — freilich, wie es scheint, ziemlich vollständigen — 
Auszügen erhalten ist, welche Wigand Gerstenberg 
gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts aus 
derselben machte. 

Schwerlich wird es gelingen, über die Person des 
Verfassers völlige Klarheit zu schaffen. Der Chronist 



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hiess Johannes und gehörte dem bekannten hessischen 
Adelsgeschlechte der Riedesel an'); mehr lässt sich mit 
Bestimmtheit nicht behaupten®). 

Trotz der mangelhaften Ueberlieferung tritt übrigens 
der Charakter der Arbeit unzweideutig hervor: der 
Verfasser ist offenbar bemüht, die Begebenheiten ob- 
jektiv zu schildern ; Aeusserungen subjektiver Art finden 
sich nicht, doch lässt sich seine Anhänglichkeit an das 
hessische Fürstenhaus unschwer erkennen. 

Riedesels Chronik, die übrigens in Hessen wenig 
verbreitet gewesen sein muss, — denn nur von Gersten- 
berg steht es unzweifelhaft fest, dass er sie unmittel- 
bar benutzt hat, — ist begreiflicherweise von nicht 
geringem Einfluss auf spätere Darsteller der hessischen 
Geschichte gewesen: ausser Lauze war kein einziger 
unter diesen Chronisten in der Lage, Riedesels Nach- 
richten richtig zu stellen oder gar durch andere Quellen 
zu ersetzen. 

Mit der Landesgeschichte muss sich auch die so- 
genannte Hessenchronik beschäftigt haben. Gersten- 
berg citirt dieselbe im ganzen 14 mal, aber nur in 
grossen Zwischenräumen. Der unbekannte Verfasser 
ist in seiner Darstellung bis auf Heinrich L zurück- 
gegangen und hat ohne Zweifel den genealogischen 
Verhältnissen des hessischen Fürstenhauses besondere 
Aufmerksamkeit geschenkt, doch berichtet er auch über 



'') 0. Lorenxy Deutschlands Geschichtsquellen 11*, 93 will 
nicht entscheiden, ob Joh. Kiedesel der Verfasser oder nur der 
Besitzer der Chronik war. Doch kann keinerlei Zweifel hierüber 
obwalten: Gej-stenborg sagt (bei Fr, Chr. Schmineke, Monimenta 
Bassiaca II, S. 437) ausdrücklich: „Alsus schribet Johan Ryteßel*', 
ferner S. 445: „alß Johan Eyteßel beschribet'' und ähnlich auch 
S. 378, 448, 451, 453, 457 u. s. w. 

^) Dass Riedesel im Jahre 1327 gestorben sei, wie Jos. 
Kübsam bei Wetxer und Weite, Kirchenlexikon 2. Aufl. 5. Bd. 
Sp. 1934 annimmt, bei-uht auf einem Inihum. 



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äussere Unternehmungen, besonders über solche aus 
der Regierungszeit des Landgrafen Hermann. — 

Die Zeiten des vierzehnten und des beginnenden 
fünfzehnten Jahrhunderts waren für eine kräftige und 
gleichmässige Entfaltung der die Landesgeschichte be- 
handelnden Historiographie nichts weniger als günstig, 
w^ährend gerade die lokale Geschichtschreibung man- 
cherlei Anregung erhielt. Wohl vollzogen sich damals 
wichtige Umwandlungen, aber sie traten selbst für den 
aufmerksamen Beobachter nicht sogleich in ihrer vollen 
Bedeutung hervor; sie waren auch z. Th. wenigstens 
von zuviel Unruhe und Unglück für das Land begleitet, 
als dass die Wissenschaften hätten blühen, dass die 
Geschichte namentlich in ausgiebigem Maasse hätte 
Bearbeiter finden können. Hierher gehört zunächst das 
eifrige und beharrliche Streben der Landgrafen, den 
überkommenen kleinen und sehr zerstückelten Besitz- 
stand zu vergrössern und abzurunden, ein Bemühen, 
das nach Lage der Dinge anfangs nur schwachen Er- 
folg haben konnte. Am glücklichsten war hierin Hein- 
rich L und dessen Enkel Heinrich H. Bedeutungs- 
voller war es, dass es ersterem gelang, seine Erhebung 
in den Reichsfürstenstand durchzusetzen ; aber noch 
waren nur geringe Theile, nicht sein gesammtes Be- 
sitzthum als ein dem Reiche unmittelbar angehörendes 
Lehen anerkannt: dies war erst der Regierung Hein- 
richs n. vorbehalten. Allein dieses Emporkommen war 
doch nur langsam und in beträchtlichen Zwischen- 
räumen erfolgt und ausserdem zu wenig mit bedeu- 
tenden äusseren Vorgängen, etwa siegreichen Feld- 
zügen und gänzenden Thaten, verbunden gewesen, als 
dass die Historiographie hier rechte Anknüpfungspunkte 
hätte finden können. 

Stärker mussten schon die kriegerischen Ereig- 
nisse der Zeit, insbesondere die langwiedgen Kämpfe 



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mit Mainz um die staatliche und territorial-kirchliche 
Selbständigkeit Hessens in^s Auge fallen^). Bereits in 
der Zeit der Verbindung dieses Landes mit Thüringen 
hatten dieselben begonnen ; heftiger waren sie dann unter 
Heinrich I. entbrannt, der trotz Acht und Bann die mit 
Nachdruck erhobenen unbilligen Ansprüche des Erzbis- 
thums nach vieljährigen mit aller Erbitterung geführten 
Kämpfen zurückwies (1283). Nach dem Tode des Land- 
grafen Johann brach, da die um die mainzischen Lehen 
des Verstorbenen zwischen dessen Bruder Otto und 
Peter von Mainz geführten Unterhandlungen erfolglos 
blieben, der Streit von neuem aus, und wiederum litt 
Hessen unsäglich unter der Barbarei der mainzischen 
Kriegsvölker. Erst nach dem Tode der beiden Fürsten 
kam es zu einem Vergleich. Lange dauerte aber die 
Ruhe nicht; nach ergebnislosen Unterhandlungen griff 
man zu den Waffen, und der Kampf endete mit dem 
Siege Heinrichs II. (1347). 

Ein Vierteljahrhundert etwa ruhten nunmehr die 
Fehden mit dem gefährlichen Nachbar, aber diese 
Epoche war nicht dazu angethan, die schweren Schäden, 
die Land und Leute erlitten, zu heilen, im Gegentheil, 
die schlimmsten Zeiten kamen erst, als Heinrich H. und 
sein Neffe Hermann mit dem übermüthigen hessischen 
und benachbarten Adel um ihre Existenz ringen mussten. 
Diesen Konflikten folgte ein womöglich noch heftigerer 
Zusammenstoss mit den niederhessischen Städten, die 
sich soeben noch als die treuesten Helfer der Fürsten 
gezeigt hatten. In engem Zusammenhang mit diesen 
Unruhen standen die gegen Hessen gerichteten kriege- 



*) Vergl. die übersichtliche Darstelluog der Beziehuogea 
Hessens zu Kurmainz bei W. Friedensburg, Landgraf Hermann II. 
der Gelehrte von Hessen und Erzbischof Adolf I. von Mainz 
(Zeitschr. für hess. Gesch. N. F. XI, 3 ff.) und besonders bei 
E^>pe a. a. 0. I, 47 ff. 



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rischen Unternehmungen benachbarter Fürsten, des 
Markgrafen Balthasar von Thüringen, des Herzogs Otto 
von Braunschweig und des Erzbischofs Adolf I. von 
Mainz, die, unterstützt von dem hessischen Adel, nichts 
Geringeres als die Vernichtung der Landgrafschaft be- 
absichtigten. Auch die Städte regten sich und konnten 
nur mit Mühe niedergehalten werden. Aber trotzdem 
ging aus all diesen wechselvollen Kämpfen die zähe 
Ausdauer Hermanns siegreich hervor, nicht jedoch, 
ohne dass dieser Erfolg der Territorialherrschaft mit 
einem starken Niedergang des hessischen Städtethums 
und mit beträchtlichem materiellen Schaden des ganzen 
Landes erkauft Worden wäre. An Zwistigkeiten mit 
Mainz fehlte es zwar auch während der letzten Re- 
gierungsjahre dieses Fürsten nicht, doch ruhten we- 
nigstens die Waffen, und erst Hermanns Nachfolger 
Ludwig L war es beschieden, durch zwei Siege die 
fort und fort erneuten Uebergriffe dauernd zu besei- 
tigen (1427). 

Alle diese Konflikte, zu denen noch zahlreiche Feh- 
den mit benachbarten weltlichen und geistlichen Fürsten 
und vereinzelt auch Zwistigkeiten innerhalb des land- 
gräflichen Hauses kamen hatten die gesunde, stetige 
Entwicklung der politischen Verhältnisse stark beein- 
trächtigt und im Zusammenhang hiermit eine Ge- 
schichtschreibung, die sich höhere Ziele steckt als die 
lokale, nicht recht aufkommen lassen. Doch war trotz 
mannigfacher Misserfolge die Dynastie aus diesen 
Kämpfen und Verwicklungen siegreich hervorgegangen, 
sie hatte ihren Besitz erheblich vermehrt, ihr Ansehn 
war in den Nachbargebieten und darüber hinaus nicht 
unbeträchtlich gestiegen. Besonders reichen Zuwachs 
hatte die zweite Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts 
durch die Erwerbung der Grafschaften Ziegenhain, 
Nidda und Katzenelnbogen gebracht. Und als dann 



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9 

allmählich rnhigere Zeiten eintraten, als in Hessen das 
Bewusstsein der Zusammengehörigkeit, das sich trotz 
der Theilung des Landes in zwei Fürstenthümer stets 
erhalten hatte, durch die Erfolge der Landgrafen mehr 
und mehr erstarkte, da begann entsprechend dieser 
Steigerung der äusseren Macht und des damit verbun- 
denen Selbstgefühls auch die Historiographie einen 
kräftigen Aufschwung zu nehmen. 

Auf die Mitte des genannten Jahrhunderts etwa 
weisen zunächst nicht näher bekannte Aufzeichnungen 
des Tilemann Hollaucb, des Kanzlers Ludwigs L, 
die von Späteren benutzt wurden. Sie handeln, soweit 
dies aus vereinzelten Citaten ersichtlich ist, von Er- 
werbungen des genannten Fürsten, um dieselbe Zeit 
entsta,nden, vielleicht in Zierenberg oder dem benach- 
barten Kloster Hasungen, kurze in kunstloser Form 
abgefasste Notizen, welche die Zeit von 1455 — 1460 
behandeln und unter anderem auf Ereignisse Rücksicht 
nehmen, die Hessen betrafen ^^). 

Eine viel höhere Bedeutung haben die Werke, die 
gegen das Ende des fünfzehnten und im ersten Viertel 
des sechzehnten Jahrhunderts entstanden : es sind die 
Chroniken des Wigand Gerstenberg aus Franken- 
berg und des JohannesNohen^') aus Hersfeld. Beide 



*°) Abgedruckt bei 3/owc, Aozeiger für Kunde der deutseben 
Vorzeit 1836 Sp. 282 fF. Vgl. Lorenx, Deutschlands Gescbichts- 
quellen 11', 94 und hierzu Ä. Wyss in der Deutschen Litteratur- 
zeitung VÜI. (1887) Sp. 1339. 

**) So schreibt er seinen Namen in der von Lafiduu nach 
dem verniuthlichen Autograph herausgegebenen Chronik (Zeitschr. 
für hes& Gesch. V. S. 1). Dieselbe Form hat ausserdem Cyr. 
Spangenberg^ Hennebergische Chronika (Strassburg 1599) S. 8—10 
und 219, womit desselben Adelspiegel 11, 72 zu vergleichen ist. 
In der Erfurter Matrikel ist er (1461) verzeichnet als Joh. Nun 
(Akten d. Erf. Univ. I, 287). Lauxe nennt ihn in dem ereten, 
noch ungedruckten Theile seiner Chronik (S. 30a, 252, 258, 263, 



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10 

Männer hatten nahe Beziehungen zum Landgrafenhause : 
Gerstenberg war Kapellan Wilhelms III., Nohen stand in 
den Diensten der Landgräfin Mechthilde, der Witwe Lud- 
wigs II., und scheint Hofmeister des jungen Wilhelm 11. 
gewesen zu sein. Gerstenberg, dem wir uns nunmehr 
ausschliesslich zuwenden, schrieb neben einer Geschichte 
seiner Vaterstadt Frankenberg eine ausführlichere thü- 
ringisch-hessische Chronik. 

IL 

Die Handschriften und Ausgaben. 

Die Frankenberger Chronik ist in zahlreichen 
Handschriften überliefert^^), von denen jedoch nur die 
der Ständischen Landesbibliothek in Kassel gehörige 
Mss. Hass. in 4^ nr. 26 in Betracht kommen kann, da sie 
wie ein Vergleich mit zwei von Gerstenbergs Hand 
herrührenden Schriftstücken lehrt, von dem Chronisten 
selbst geschrieben ist ^^). Dieselbe enthält ausserdem 
Johann Emmerichs Frankenberger Stadtrecht, das 
anfangs (bis Blatt 8 einschliesslich) ebenfalls die Schrift- 
züge Gerstenbergs aufweist. 



u. 8. w.) Nhuen oder Nhun. Dagegen weist der nach einer 
schlechten Handschrift von Senckmberg in Selecta jur. et hist. V. 
veranstaltete Abdruck einer Chronik des Hersfelder Geschicht- 
schreibers S. 463 die Form Nohe auf, während man S. 388 wieder 
Nohen liest. Noch heute kommt der Familienname Nuhn in einigen 
westlich von Hersfeld gelegenen Dörfern (Kirchheim u. a.) vor. 

^») Vergl. Ph. A, F. Walther^ Literarisches Handbuch für 
Geschichte und Landeskunde von Hessen im allgemeinen und dem 
Grossherzogthum Hessen insbesondere. 2. Suppl. S. 13 (nr. 90). 

") Hierauf hat, wie ich nachträglich sehe, bereits O. Schenk 
XU Schweinsberg (Quartal blätter des hist. Vereins f. d. Grossherzogth. 
Hessen 1884 S. 35) aufmerksam gemacht. Eine nochmals vorge- 
nommene Yergleichung der von diesem herangezogenen Urkunde 
vom Jahre 1497 und eines eigenhändigen Schreibens Gerstenbergs 
(mitgetheilt unten im Anhang I.) mit dieser Handschrift und dem 



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11 

Der Codex umfasst im ganzen mit Ausschluss des 
leeren Vorsetzblattes 68 Blätter, von denen 60 mehr 
oder weniger beschrieben sind. Davon kommen 40 auf 
die Frankenberger Chronik, die ursprünglich 41 Blätter 
umfasste. An Stelle von Blatt 16 und 17 (nax;h Gersten- 
bergs Zählung), die herausgerissen sind, ist nämlich 
später nur ein Blatt eingeklebt und dasselbe auch nur 
theilweise beschrieben. Im Texte findet sich also hier 
eine beträchtliche Lücke. Mit Blatt 41 beginnt das 
Frankenberger Stadtrecht, das bis Blatt 60 reicht. Die 
übrigen 8, ursprünglich 9 Blätter ^- denn das erste 
ist weggeschnitten — sind leer. 

Das Titelblatt trägt folgende Aufschrift in grossen 
Buchstaben, von denen einige im Anfang der Wörter 
mit Roth ausgemalt sind: 

Hec chronica francobergensia edita sunt a 
venerabili viro domino Guigando Gerstenberg 
dicto vietoris Incliti principis ac domini domini 
Guilhelmi lantgrauij Sacellano et huius ciuitatis 
filio. 

Darunter steht von späterer Hand und mit an- 
derer Tinte geschrieben: 

Pro Civitate Francobergensi. 
Dann unten rechts mit dunklerer Tinte die Zahl 1350. 
Die Rückseite und die erste Seite des nächsten 
Blattes ist unbeschrieben. Weiterhin folgt auf der 
zweiten Seite des zweiten Blattes ein Verzeichniss der 
geistlichen Orden mit Angabe ihrer Stiftungszeit u.s.w. ^*). 



noch zu erwähnenden Codex, weicher die gleichfalls von Gersten- 
berg selbst geschriebene thüringisch-hessische Chronik enthält, be- 
stätigt obige Annahme. 

") Vielleicht hat bei dieser Zusammenstellung die üeber- 
sicbt De ordinibus ecclesiae, die einigen Handschriften der Chronik 
des von Gerstenberg viel benutzten Engelhus angehängt ist (vergl. 
Leibnitx^ Script rer. Bransv. U, 87), als Vorbild gedient Beide 



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12 

Mit Blatt 4 beginnt die Chronik und zugleich mit ihr 
die vom Verfasser herrührende Blattzählung vermit- 
telst römischer Zahlzeichen, die zunächst bis Blatt 10 
geht; dann sind letztere beim Einbinden ganz oder 
theilweise weggeschnitten mit Ausnahme von Blatt 27, 
29, 32, 33, 34, 35 (nach der Zählung des Chronisten, 
der wir hier folgen). Blatt 10 und 11 sind von an- 
derer Hand numerirt. Am Schlüsse der Frankenberger 
Chronik befindet sich ein ausführliches sachlich geord- 
netes Register. 

Mit dem Frankenberger Stadtrecht beginnt eine 
neue Blattzählung; die römischen Zahlen sind hier in 
Roth ausgeführt, aber ebenfalls häufig ganz oder theil- 
weise weggeschnitten (Blatt 1, 2, 3, 4 — Blatt 5 fehlt 
ganz - 9, 10, 12, 17. 18, 19, 21). 

Der Theil der Handschrift, in welchem das er- 
wähnte Stadtrecht verzeichnet ist, ist wohl erhalten. 
In weniger gutem Zustande befinden sich die Blätter^ 
auf welchen die Chronik niedergeschrieben wurde. 

Letztere enthält 15 angetuschte Federzeichnungen 
(nach der neueren Zählung S. 2, 3, 4, 5 a, 8, 10 a, 12, 
13 a, 17, 20, 21, 25, 26, 29 a, 32), von denen 5 
(S. 5a, 21, 25, 29a, 32) eine ganze Seite einnehmen. 
Dieselben haben- keinen hohen künstlerischen Werth, 
sind aber nicht ohne Bedeutung für die Kenntniss des 
damaligen Bauwesens, der Tracht, der BewaiBfnung 
u. s. w. Diese Bilder sind auf Veranlassung des Chro- 
nisten der Handschrift einverleibt, und letzterer ver- 
weist stets auf dieselben mit den Worten: „Hir sal 
stehin . . . ." 

Die Schrift ist die des ausgehenden 15. und des 
beginnenden 16, Jahrhunderts, die Tinte ist schwarz 

Verzeichnisse sind nach chronologischen Gesichtspunkten angelegt, 
hinsichtlich der Beihenfolge, der Zahl der Orden und der Angabe 
ihrer Stiftungszeit finden sich aber einige Differenzen. 



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13 

und stark aufgetragen. Die Anfänge der einzelnen 
Abschnitte sind mit rothen, sorgfältig ausgemalten Ini- 
tialen geschrieben, auch sonst sind einzelne Anfangs- 
buchstaben mit derselben Farbe gezeichnet. Roth 
unterstrichen sind die Quellenangaben, die Denkverse 
und hier und da auch . einzelne Sätze und Wörter, die 
besonders hervorgehoben werden sollen. 

Zahlreich und von verschiedenen Händen sind die 
Notizen zwischen den Kolumnen und am Rande; sie 
enthalten meist kurze Inhaltsangaben. Zuweilen findet 
sich auch ein NB und ähnliches und dabei allerlei Be- 
merkungen, wie z. B. S. 31 a, wo zwischen den Kolumnen 
mit Beziehung auf den Text der Chronik die Worte 
stehen: tempora nostra. 

Schliesslich mag noch bemerkt werden, dass auf 
dem letzten (35.) Blatte des Textes, das übrigens mit 
einem anderen zusammengeklebt ist, sich zwei Ab- 
schnitte zu den Jahren 1507 und 1520 finden, die aber 
spätere Zusätze sind und demgemäss auch in dem un- 
mittelbar darauf folgenden Inhaltsverzeichniss nicht be- 
rücksichtigt wurden. Der ursprüngliche Text reichte 
nur bis zum Jahre 1505. 

Wann die Reinschrift angefertigt wurde, ist nicht 
zu ersehen. Am Schlüsse des Frankenberger Stadt- 
rechtes findet sich zwar die Notiz : finis anno domini 
1493 — und darunter von anderer Hand eine weitere 
Bemerkung über den 1494 erfolgten Tod Emmerichs, 
allein die erstgenannte Jahreszahl bezieht sich wohl 
auf die Zusammenstellung der Rechtsgewohnheiten 
durch Emmerich, nicht auf die Zeit, wo die Abschrift 
angefertigt wurde. Möglich ist auch, dass das Stadt- 
recht bereits 1493 abgeschrieben wurde, dass später 
auf irgend eine Weise der Anfang verloren ging, her- 
nach wieder von Gerstenberg ergänzt und das Ganze 
schliesslich mit der Chronik zusammengebunden wurde. 



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14 

Von Blatt 9 des Stadtrechts an sind nämlich^ wie er- 
wähnt, die Schriftzüge nicht mehr die des Chronisten, 
auch wird nunmehr ein dunkleres Papier mit anderem 
Wasserzeichen verwendet. 

Was oben über den Weiih der der Ständischen 
Landesbibliothek in Kassel angehörenden Handschrift 
von Gerstenbergs Frankenberger Chronik gesagt ist, 
gilt auch von desselben Verfassers thüringisch-hessischer 
Chronik, die gleichfalls Eigenthum der genannten An- 
stalt ist (Mss. Hass. in 4® nr. 115). Die Handschrift 
enthält abgesehen von 4 leeren Blättern, die vor dem 
Texte eingeheftet sind, und dreien, die hinter dem- 
selben sich befinden, im ganzen 340 Blätter und be- 
ginnt mitten in der Geschichte Alexanders d. Gr., so- 
dass also, wie ein Vergleich mit dem Abdruck der 
Chronik bei Ayrmann in dessen Sylloge anecdotorum 
omnis aevi etc. 1. 3 ff. zeigt, etwa 3 Blätter fehlen müssen. 

Die Blätter sind mit arabischen Ziffern numerirt, 
aber erst als das Titelblatt und der Anfang nicht mehr 
vorhanden war; damals fehlte ausserdem ein Blatt 
zwischen 283 und 284, was jedoch nicht bemerkt wurde. 
Eine alte Hand schrieb dazu die Bemerkung : „difs plat 
hat schwerlich ein from man ausgeschnittenn.^^ Die 
Zählung ist auch sonst eine ungenaue, indem dieselbe 
erst mit dem zweiten Blatte beginnt; ferner folgt nach 
Blatt 76 und 99 sogleich Blatt 78 bezw. 101, ohne 
dass dazwischen ein Blatt fehlte, dagegen sind 2 Blätter 
mit 223 bezeichnet. 

Die Schrift ist dieselbe wie in der Frankenberger 
Chronik, auch die dort gebräuchlichen Formen der 
Initialen und Abkürzungen kehren hier wieder. 

Verbesserungen und Zusätze von der Hand des 
Schreibers, wobei meist dieselbe Tinte benutzt wurde, 
sind selten; sie finden sich S, 127, 130a, 137a, 150, 
158, 192a, 193, 206a, 235, 238, 275a, 282a, 296, 306a, 



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15 

335, 337. Hier und da sind Theile des Blattes her- 
ausgenommen und durch neue, von derselben Hand be- 
schriebene ergänzt: so S. 43, 62, 71, 94, 131, 148, 263. 
Zwischen Blatt 108 und 109, ebenso zwischen 112 und 
113, 126 und 127, 138 und 139 sind schmale be- 
schriebene Papierstreifen eingeklebt. 

Sehr zahlreich sind die von verschiedenen Händen 
in deutscher und lateinischer Sprache gemachten Rand- 
bemerkungen. Der Text geht S. 340 a bis zum Tode 
Wilhelms I. (1515). Es finden sich dann noch zu den 
Jahren 1524 und 1549 zwei Zusätze von späterer Hand. 

Die Handschrift ist mit zahlreichen Federzeich- 
nungen geschmückt, die aber theilweise später dadurch 
verunstaltet wurden, dass man einigen Personen Barte 
malte oder einzelne Gegenstände (Fahnen, Wappen- 
schilder u. s. w.) in ungeschickter Weise kolorirte. Voll- 
bilder finden sich S. 14, 35a, 36, 38a, 40, 41, 42 a, 
45, 46, 60, 64a, 267a, 270, 272, 275, 276, 286a; 
kleinere Bilder S. 4a, 5a, 6, 7, 8, 9, 9a, 12 a, 13, 15a, 
27 a, 34 a, 36 a, 44, 45 a, 47, 48, 51, 57 a, 62, 63,65a, 
267, 268a, 273, 274, 285, 287 a. An vielen Stellen 
wird auf ein zugehöriges Bild verwiesen, wo aber nur 
der für letzteres nöthige leere Baum zu finden ist. 

lieber das Schicksal der beiden Handschriften 
lässt sich uur soviel sagen, dass als Fr, Chr. Schmincke 
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die thüringisch- 
hessische Chronik herausgab, die Codices bereits auf 
der Kasseler Bibliothek zu finden waren. Denn die 
Mittheilung, die sich auf dem Titel einer neueren 
Abschrift der Frankenberger Chronik ^^) findet, dass 
die Kopie auf Veranlassung des Johann v. Bodenhausen, 
Landvogtes an der Eder, im Jahre 1706 von Abraham 
Streithoflf angefertigt sei, da die Frankenberger Chronik 

'*) Ständische Landesbibliothek in Kassel, Mss. Hass. in fol, 
nr. 49. 



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16 

„fast alt und nicht wohl zu lei.>en" war, ist doch zu 
unbestimmt, um einen einigermassen sicheren Schluss 
auf den damaligen Aufbewahrungsort der hier wohl 
gemeinten Originalhandschrift zuzulassen. 

Die Frankenberger Chronik ist verhältnismässig 
früh, im Jahre 1619, von Johann Friedrich 
Faust, demselben, der auch von der Limburger Chro- 
nik eine Ausgabe veranstaltet, hat, in fol. veröffent- 
licht worden unter dem Titel: Franckenbergisch 
Chronick vnd Zeit-Buch. Zusammen getragen durch 
Weygand Gerstenbergern, sonsten Bßddenbender ge- 
nandt. Ausgefuhret biss vfs Jahr Christi Ein tausend 
funff hundert vnd f unff vnd zwantzig. Itzo zu son- 
derer lieb vnd wolgefallen allen Historischen Antiquariis 
an tag gegeben e Mss. J. F. F. V. A. Mit sonder- 
barer von des Heiligen Reichs Vicariats Macht er- 
theilter Befreyhung, verlegt durch Gotthard Vogelin. Im 
Jahr, 1619. — Diese Ausgabe ist weder ganz voll- 
ständig noch in Beziehung auf die sprachlichen Formen 
zuverlässig: es fehlt z. B. Sp. 34 die Mittheilung über 
die Schädigung der Stadt in der Fehde des Landgrafen 
Heinrich L mit Gerhard von Mainz (vgl. Joh* PhiL 
Kuchenbecker^ Analecta Hassiaca V, 186) ; Sp. 69 hält 
es der Herausgeber für überflüssig, die Leiden und 
Drangsale der Bürger nach dem Tode Heinrichs IH. 
sämmtlich aufzuzählen, und begnügt sich mit dem Hin- 
weis auf „die alte Chronica", womit die handschrift- 
liche Ueberlieferung gemeint ist. Auch sonst kommt 
es ihm w^enig auf Genauigkeit an: Sp. 76 lässt er im 
Bauernkrieg 5000 Bauern vor Frankenberg erschlagen, 
Pfeifer und Münzer aber bei Frankenhausen hinge- 
richtet werden. Ein Beispiel mag zeigen, mit welcher 
Willkür der Text behandelt wurde, bezw. wie gering- 
werthig die von Faust seiner Ausgabe zu Grunde ge- 
legte Handschrift ist. 



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1? 



Faust Sp. 1. 

He hat gebuwet die ... Das ist, Er hat ge- 
hohinportendePhernhuPes. bauwet die hohe porten 

des Herrenhauses. 

DufPe Worte sint be- 
schrebin in dem buch der 
tageredde des altin testa- 
ments in dem tzweytin 
buche in dem XXVU ca- 
pitel. Vnde sint geschre- 
bin von dem fromen kon- 
nige der judden Joathan 
genant, wilcher dan lip 
buwen die hohin porten 
der heiligin stad Hierusa- 
lem, auch vile stedde in 
dem gebyrge juddischlants, 
darzu an den enden der 
weide lip er buwen castella, 
bolwercke vnde torne, want 
er streyd geyn den konnig 
der soene Ammon vnde 
vwerwan en auch vnde 
thet vil gutes vnde alle das 
godde behagelichin was, 
upge.scheyden das er ge- 
statte das sin folck geyn 
god sondigete. 

Da Fausts Abdruck mit der Zeit sehr selten ge- 
worden war, gab dann 1731 Joh, Pk. Kuchenbecker 
die Chronik nach einer gleichfalls schlechten Handschrift 
und ausserdem nicht einmal vollständig heraus (Analecta 
Hassiaca Coli. V, 145—240). Nach seiner eigenen Er- 
klärung am Schlüsse der Vorrede hat er „alles das- 
jenige^ was der Autor von alten Zeiten und sonst zu 

JT. F. XVII. Bd. 2 



Vnd seynd diese wort 
geschrieben von dem fro- 
men Konig der Juden, ge- 
nandt Jotham, welcher lise 
bauwen die hohe pforten 
der H. Stadt Jerusalem, 
auch viel Stadt im Gebirg 
des Judischen Lands. Da- 
zu an den enden der Walde 
lise er bauwen Castelln, 
Bollwercke und Turne. 
Dann er stritt gegen die 
Sohne Ammon, vnd vber- 
wand sie, vnd thet viel 
guts vnd was Gott gefiel : 
Ausgescheiden dass er ge- 
stattete, dass sein Völck 
wider Gott sundigete. 



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IS 

der Hessischen Historie nicht gehörigen Dingen er- 
wehnet, mit Fleiss ausgelassen, um mit ungewissen und 
wenig oder gar nichts dienenden Ausschwei£fungen das 
Papier nicht ohnnöthig zu verderben." Dies veran- 
lasste Chr. Fr. Ayrmann die fehlenden Stellen in 
seiner Sylloge anecdotorum I, 623 — 672 zu ediren 
(1746). Zugleich veröffentlichte er (a. a. 0. S. 3-168) 
die bis dahin noch nicht gedruckte thüringisch-hessische 
Chronik Gerstenbergs, die aber nur unvollständig wieder- 
gegeben wird und gleich seinen Ergänzungen zu der 
von Kuchenbecker veranstalteten Ausgabe der Franken- 
berger Chronik auf mangelhafter handschriftHcher Grund- 
lage beruht. Erst Fr, Chr, Schmincke ging auf die 
Originalhandschrift zurück. Er ergänzte zunächst (1747) 
Ayrmanns Ausgabe der thüringisch-hessischen Chronik 
(Monimenta Hassiaca I, 31 — 293) und lieferte im 
folgenden Jahre einen für jene Zeiten sehr genauen 
Abdruck der weiteren Stücke bis zum Schlüsse (a. a. 0. 
U, 295—574). — 

Wie die übrigen hessischen Chronisten des fünf- 
zehnten und sechzehnten Jahrhunderts, so hat auch 
Gerstenberg eine eingehende und ausführliche Bearbei- 
tung noch nicht erfahren. Kaum nennenswerth sind 
die dürftigen Angaben, die Kiichenbecker seiner Aus- 
gabe der Frankenberger Chronik (a. a. 0. Vorrede S. 
2 f.) vorausschickte; von der thüringisch-hessischen 
Chronik hatte derselbe nur ungewisse Kunde, da er 
sie nie selbst sah. Das Gleiche gilt von Ayrmann und 
seinen Bemerkungen über den nämlichen Gegenstand 
in der 1732 erschienenen Einleitung zur hessischen 
Historie der älteren und mittleren Zeiten S. 13 f. Erst 
JET. Chr. Senckenberg gab drei Jahre später feinige 
Mittheilungen über die thüringisch-hessische Chronik 
(Selecta juris et historiarum tom, HI. praeloqu. p. 56 
und 57), erkannte den Werth derselben aber so wenig, 



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r 



dass er die Ansicht vertrat, die Kenntnis der hes* 
sischen Geschichte würde durch eine Herausgabe der 
Chronik kaum gefördert werden (vgl. auch tom. V. 
praef. p. 36 und 37). Besser unterrichtet zeigte sich 
später Ayrmann in der Vorrede der oben erwähnten 
Sylloge § 1 — 14, doch stützte sich seine Kenntnis der 
Chronik auf eine, wie gesagt, ungenaue und dazu noch 
nicht einmal vollständige Abschrift, die in der Haupt- 
sache nur bis zu den Zeiten Karls d. Gr. reichte. Den 
geringen historischen Werth dieser Partieen erkannte 
Ayrmann, und es veranlassten ihn daher fast ausschliess- 
lieh andere Gründe zur Veröffentlichung derselben : es 
war ihm in erster Linie um die Sprache des Chronisten 
zu thun. Weitere Beiträge brachte bald darauf Fr. Chr. 
Schmincke in den Vorreden zu der oben erwähnten Aus- 
gabe der thüringisch-hessischen Chronik. 

Recht wesentlich wurde die Kenntnis von Gersten- 
bergs Arbeiten erweitert und vertieft durch Helfr, Bemh. 
Wencky den Verfasser der Hessischen Landesgeschichte. 
Die Schrift, die wir hier im Auge haben, erschien zu- 
erst 1777 und zwar unter dem Titel: Geschichte der 
hessischen Historiographie ; sie wurde dann in erweiterter 
Fassung dem ersten Bande des soeben erwähnten 
Werkes einverleibt^®). Auch heute noch haben seine 
Gerstenberg und die übrigen hessischen Geschicht- 
schreiber behandelnden Ausführungen hohen Werth. 

Die territorialgeschichtliche Forschung unseres 
Jahrhunderts hat sich in sehr bescheidenem Maasse mit 
der Untersuchung der heimischen Geschichtsquellen be- 
fasst, und nur gelegentlich fällt daher hier und da ein 
Streiflicht auf letztere. So finden sich im zweiten und 
dritten Bande von Christoph BomtnePa Geschichte von 
Hessen einzelne dankenswerthe Bemerkungen, die in- 

*•) Unter der üebei-schrift : Von den Quellen der hessischen 
Geschichte. Dort wird § 11 und 12 über Gerstenberg gehandelt. 

2* 



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sofern von besonderer Bedeutung sind, als sie über die 
Zuverlässigkeit des Chronisten oder seiner Gewährs- 
männer einigen Aufschluss geben. Wenig Neues und 
manches Unrichtige enthält dagegen B. Röse^s Artikel 
Gerstenberg in Ersch und Gruber's Allgemeiner Encyklo- 
pädie 1. Section, 62. Theil S. 90-93, der besonders auf 
Wenck zurückgeht. Werthvoller sind wieder Wpss^ kurze 
Ausführungen in der Allgemeinen deutschen Biographie 
IX, 66 f. und die Ergebnisse, welche die Untersuchungen 
von Ilgen und Vogel über den thüringisch-hessischen 
Erbfolgestreit (Zeitschr. f. hess. Gesch. N. F. X, 151 flf.) 
hinsichtlich der Zuverlässigkeit von Gerstenbergs Vor- 
lagen gehabt haben ^'). 

III. 
Das Leben Gerstenbergs. Inhalt und Cha- 
rakteristik der thüringisch-hessischen 
Chronik. 
Die äusseren Lebensumstände des Chronisten sind, 
soweit sich dies bei der Dürftigkeit unserer Nachrichten 
beurtheilen lässt, wenig bewegter Art gewesen. Wigand 
Gerstenberg, genannt Boddenbender oder Doleatoris ^^), 

") Die Gersteoberg betreffenden Stellen finden sich a. a. 0. 
S. 157 und 178. 

*®) In dem unten im Anhang mitgetheilten Brief nennt er sich 
Guigandus Gerstenberg (nicht Gerstenberger), genannt Bodinbender. 
In der Frankenberger Chronik findet sich (S. la, 32a und 34 der 
ursprünglichen Numerirang) dieselbe Namensform mit dem Zu- 
sätze „Boddenbendirs". Die Erfurter Matrikel (s. Anm. 20) ver- 
zeichnet ihn als Wigandus Doleatoris, und so schreibt er seinen 
Namen auch in einem von seiner Hand ausgestellten Keverse (s. 
Anm. 25). Ueber diese genetivische Nameusform vgl. Albert 
Heinxe^ Die deutschen Familiennamen S. 34. Der doppelte Zu- 
name, den der Chronist führt, erklärt sich wohl, wie schon Ayr- 
mann (Sylloge I, Prolegom. § 1) vermuthet, so, dass die Familie 
zunächst nach dem Orte ihrer Herkunft benannt wurde und dass 
erst später in Eücksicht auf das Böttcherhandwerk irgend eines 



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21 

wurde am 1. Mai 1457 in Franken berg geboren*^), 
üeber seine Eltern, seine Familienverhältnisse und seine 
Jugend wissen wir nichts, und nur soviel ist bekannt, 
dass er im Frühling 1473 die Erfurter Hochschule be- 
zog, die damals viel von Hessen besucht wurde, um 
sich dem Studium der Theologie zu widmen ^^). Im 
Jahre 1486 finden wir ihn als Altaristen in Franken- 
berg wieder, wo er auf seine Kosten den Kirchhof ein- 
friedigen lässt^^); 1497 stattet er zwei Altäre auf das 
prächtigste aus ^^) ; zwei Jahre früher ist er als Ka- 
pellan des Landgrafen Wilhelm des Jüngeren mit diesem 
auf dem Reichstage zu Worms, über den er ausführ- 
liche Mittheilungen macht ^^). Hier setzte er es durch, 
dass die Stadt Frankenberg ihr Banner wiedererhielt, 
welches die Bewohner von Medebach bei einem 
üeberfalle einst erbeutet hatten ^*). Bald darauf wurde 
er von letztgenanntem Fürsten mit dem Altare Felicis 
et Adaucti auf dem Schlosse in Marburg belehnt, wo- 
rüber er am 10. Januar 1497 einen Revers ausstelltet^). 

Gliedes derselben der Beiname Bodenbender (Boddenbender) in 
Gebrauch kam. Nicht nachzuweisen ist, dass Gerstenberg selbst 
letztere Benennung in Victor oder Vietoris (wie auf dem alten, aber 
nicht von dem Chronisten herrührenden Titel der Frankenb. Chron. 
zu lesen ist) latinisirt habe. Vgl. hierüber auch Schmk a. a. 0. 

'*) Vergl. Ahr. Saur's Diarium zum 1. Mai (S. 257). Säur 
stammte gleichfalls aus Frankenberg. 

*^) Geschichtsquellen der Provinz Sachsen VlIL Bd. Akten 
der Erfurter Universität. 1, Theil. S. 352. Vgl. auch Ad. Stölxel, 
Stadirende der Jahre 1368—1600 aus dem Gebiete des späteren 
Kiu-fürstenthums Hessen in der Zeitschrift f. hess. Gesch. N. F. 
V. Supplem. S. 25 und S. 5, wo von der Bedeutung der Univer- 
sität Erfurt für Hessen die Rede ist. 

»0 Frankenb. Chron. ed. Faust Sp. 70. 

««) Das. Sp. 72. 

«3) Monim. Hass. II, 557 ff. 

") Frankenb. Chron. Sp. 72. 

**) Abgedruckt in den Quai-talblättern des bist. Vereins für 
das Grossherzogthum Hessen 1884 S. 35, 



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1 



22 

er, im Jabre 1517, wandte er sich in einem 
Schreiben an den Amtmann Balthasar Schrantenbach 
in Giessen mit der Bitte um Fürsprache bei der Land- 
gräfin Anna, der Witwe Wilhehns des Mittleren, zu 
Gunsten eines Altars der Pfarrkirche zu Frankenberg *^. 
Am 27. August 1522 ist er gestorben ^^). Dies ist 
alles, was sich mit Bestimmtheit über sein Leben er- 
mitteln lässt^®). 

Von den beiden Arbeiten Gerstenbergs nimmt 
hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Kenntnis der 
älteren hessischen Historiographie die thüringisch-hes- 
sische Chronik die erste Stelle ein. Sie ist nach 
seiner eigenen Angabe im Jahre 1493 „zusammen ge- 
schrieben'^). Da aber Nachrichten sich finden, die bis 
zum Jahre 1515 reichen ^% so geht wohl nur die erste 
Anlage des Werkes auf jenen Zeitpunkt zurück. 

Dass es bei Gerstenbergs nahen Beziehungen zum 
hessischen Fürstenhause nicht zufällig ist, wenn er die 
Abfassung einer Landesgeschichte unternahm, zeigt die 
Einleitung. Anknüpfend an das Bibelwort: Mementote 
operum patrum, quae fecerunt in generationibus suis, et 
accipietis gloriam magnam^^) — heisst es dort: „und 
wiewol die vorgeschrieben worte uns vorgelegt werden 
zu einer geistlichen lehre, jedoch zu ehren dem edlen 
fürstenthum zu Hessen mögen sie wol vorgelegt werden 



'®) Abgedruckt unten im Anhang I. 

") Säur a. a. 0. zum 27. August (8. 476). 

^') Die anschauliche Schilderung von dem Brande der Stadt 
Frankenberg i. J. 1476 (Frankenb. Chron. Sp. 61 ff.) legt die Ver- 
muthung nahe, dass Gerstenberg Augenzeuge war. Dass G. nicht 
überall, wo er als solcher schreibt, dies ausdrücklich bemerkt, 
ergiebt der erwähnte eingehende Bericht über den Reichstag zu 
Worms. 

"*) Äyrmann^ Sylloge I, 6. 

») S. 0. S. 15. 

8») 1. Makkab. 2, 51. 



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[ 



23 

den erleuchteten hochgebornen fürsten und herrn den 
landgrafen zu Hessen, auf das sie gedencken der wercke 
der alten fürsten, darzu ihrer eitern und ahnherm, was 
sie gethan haben in iren geberden und iglieher in 
seiner zeit seines regements, auch was die alten fürsten 
und herrn gegen gott und die weit und gegen ire lande 
guts gethan haben, dass des die jungen und nach- 
kommende fürsten und fürstinnen ein exempel haben, 
denselben nachzufolgen, was auch unbequem und ver- 
seumlich von den alten fürsten und herrn gehandelt 
were, dass da die jungen fürsten sich vor hüten und 
in ein bessern wandeln möchten*' u. s. w. ^^). Die 
Chronik ist also — ob infolge besonderen Auftrages 
oder nicht, lässt sich nicht ermitteln — zunächst für 
die hessischen Fürsten und deren Gemahlinnen und 
weiter für die künftigen Herren des Landes bestimmt. 
Dass dieselbe in deutscher Sprache abgefasst wurde, 
dafür giebt Gerstenberg den Umstand als Grund an, 
dass „beyde geistliche und weltliche capitel und stiffte 
in deutschen landen ire brieffe schreiben, ausgeben und 
innemen in deutscher sprach, da doch in vergangen 



»*) Ayrmann a. a. 0. S. 4. Aehnlich äussert sich Gei-sten- 
berg Monini. Hass. II, 406 und, auf die Verhältnisse seiner Vater- 
stadt sich beziehend, Frankenb. Chron. Sp. 2 f. — Die in dieser 
Arbeit raitgetheilten Stellen aus der thüringisch-hessischen Chronik 
habe ich nach der Ausgabe von Schmincke wiedergegeben, und nur 
da, wo ein Citat in der Originalhandschrift nicht mehr zu finden 
ist und demgemäss auch bei Schmincke fehlt, wurde Äyrmaun^s 
Abdruck zu Hülfe genommen ; doch niusste dessen regellose Oi*tho- 
gi'aphie etwas gleich massiger gestaltet werden. 

Bei Citaten aus der Frankenberger Chronik ist die Ausgabe 
von Faust^ bezw. Kuchenbecker berücksichtigt worden, doch war, 
soweit die betr. Stellen in der Originalhandschrift noch stehen, 
mit einigen geringen Veränderungen die von Gerstenbei'g ange- 
wandte Orthographie massgebend. Die weiter unten aus Ijauzes 
Chronik entnommenen Stücke sind gleichfalls fast ganz uijvQr-' 
ändert geblieben. 



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24 

jähren auch die leyen lateinische briefife gaben und 
namen." ®^). 

Der Inhalt der Chronik ist ein ausserordentlich 
mannigfaltiger* Gerstenberg theilt denselben in zwei 
Bücher, deren erstes die Geschichte von Thüringen 
(wozu seiner Ansicht nach auch Hessen gehörte) bis zur 
Trennung beider Länder unifasste, im zweiten kommt 
lediglich Hessen in Betracht. Als ältesten Beherrscher 
nennt er Alexander d. Gr., den er ausführlich be- 
handelt. Nachdem Gerstenberg dann die Diadochenzeit 
flüchtig gestreift, wendet er sich dt^r römischen Ge- 
schichte zu, in deren Mittelpunkt Cäsar und dessen 
angebliche Eroberungen in Deutschland gestellt werden. 
Weitläufiger noch sind einzelne Episoden aus der Ge- 
schichte der Merowinger und des alten Thtiringerreiches 
dargestellt. Dann kommen die Karolinger, von denen 
wieder Karl Martell und Karl d. Gr. mit ihren Be- 
ziehungen zu Thüringen eine besondere Rolle spielen ; 
auch der Thätigkeit des Bonifatius wird eingehend ge- 
dacht. Wo überhaupt die allgemeine Reichsgeschichte 
mit den Geschicken Thüringens sich irgend berührt, 
wird dieselbe in weiterer Ausdehnung behandelt, was 
besonders bei Heinrich IV. der Fall ist. Dagegen tritt 
diese von da an, wo die Geschichte der Landgrafen 
beginnt, mehr in den Hintergrund. In der ausführ- 
lichen Darstellung dieser Zeit nimmt wieder das Leben 
der heiligen Elisabeth und ihres Gemahles den meisten 
Raum ein, und nur hin und wieder fällt ein spär- 
liches Licht auf die Geschicke des hessischen Landes. 
Das zweite Buch beginnt mit der Darstellung des 
thüringisch-hessischen Erbfolgestreites und behandelt 
im weiteren Verlaufe die einzelnen hessischen Land- 
grafen von Heinrich L bis zum Tode Wilhelms L (1515), 



'^) Ayrmann a. a. 0. S, 5, 



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25 

ihre Fehden mit benachbarten weltlichen und geist- 
lichen Fürsten, unter denen die Grafen von Nassau 
und die Erzbischöfe von Mainz die erste Stelle ein- 
nehmen, mit dem einheimischen und fremden Adel, 
ihre Erwerbungen, die Gründung von Städten, Stiftern 
und Klöstern in Hessen und den umliegenden Landen 
u. s. w. Seine besondere Aufmerksamkeit richtet er 
auf die genealogischen Verhältnisse nicht nur des hes- 
sischen Fürstenhauses, sondern auch der Grafen von 
Ziegenhain und Katzenelnbogen, deren Gebiete später 
durch Vertrag an Hessen fielen ^*). Dies ist in grossen 
Zügen der Inhalt der Chronik. Ausserordentlich zahl- 
reich sind Einschiebsel aller Art, die Wunder, Himmels- 
erscheinungen, Hungersnoth, Seuchen, Missgeburten u.s.w. 
behandeln; daneben finden sich Nachrichten über Hei- 
lige, über die Entstehung der geistlichen Orden, sowie 
einzelne Episoden aus der Kaiser- und Papstgeschichte. 
Besonderes Gewicht legt der Chronist auf solche Ereig- 
nisse, die geeignet sind, die Fürsten über ihre Pflichten 
zu belehren und sie von allerlei Untugenden und Miss- 
griffen abzuhalten. So warnt er vor ünmässigkeit im 
Essen und Trinken ^^), Unkeuschheit^®), vorschnellem 
ürtheil ^'), Simonie ^^) und thörichten Rathgebern ^®), 
zeigt an Beispielen, wie unvortheilhaft es ist, wenn 
Fürsten und Herren- ihre Frauen mit in den Krieg 
nehmen ^% wie gefährlich, wenn erstere ihr Leben und 



^*) Monini. Hass. II, 407: Nach demmaJe nu das die grave- 
scheffte von Zigeohayn, von Nidde, von Katzinelnbogeo unde von 
Dietz hirnacli an das lant zu Heften kummen unde angevallen 
sint, 60 geburt sich derselbin graven auch midde zu gedencken. 

•*) Äyrmann^ Sylloge I, 14. 

») Das. S. 87. 

»0 Monim. Hass. I, 80. 

»«) Das. S. 107 f. 

*•) Ayrmann^ Sylloge I, 20 und 40, 

*<>) Das, S. 143 f. 



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26 

ihre Gesundheit unvorsichtig ganz ihren Dienern an- 
vertrauen**), und ermahnt zur Wohlthätigkeit *^) und 
Gerechtigkeit*^), zur unausgesetzten Sorge für Kirche, 
Land und Leute und zur Demuth vor Gott**). 

Sonst tritt der Verfasser fast nie mit subjektiven 
Aeusserungen hervor**), er vermeidet es absichtlich, 
seine Person in den Vordergrund zustellen. Dem aus- 
führlich S. 557 — 564 von ihm beschriebenen Reichs- 
tage zu Worms (1495) hat er selbst beigewohnt; er 
spricht jedoch, wie oben gesagt, nicht hiervon, sondern 
erwähnt es nur an einer Stelle seiner Frankenberger 
Chronik, wo er es nicht gut verschweigen konnte*^). 

Die Anordnung des Stoffes ist im ganzen ge- 
nommen streng chronologisch. In den meisten Fällen 
giebt er da, wo er hierzu im Stande ist, die Jahreszahl 
bei den einzelnen Ereignissen an; sonst begnügt er 
sich mit Wendungen wie: „bie duPen getzyten'', „in 
denselbin jaren" u. s. w. Die grössere oder geringere 
Ausführlichkeit, mit der er die Begebenheiten erzählt. 



*') Das. S. 16 f. und Monim. Hass. J, 84 f. 

") Ayrmann, Sylloge I, 89 und 100. 

") Monim. Hass. II, 425. 

**) Ayrrnann, Sylloge I, 103 f., 130 und Monim. Hass. I, 44. 
Auch die Stelle bei Ayrmann S. 50 über die Herrschaft der Römer 
ist in lehrhaftem Tone gehalten. Vgl. ferner das. S. 36 f., 43 und 
Monim. Hass. I, 48 und II, 397 f. Ob B- Rose Recht hat, wenn 
er a. a. 0. S. 91 annimmt, dass Gerstenbergs moralisirende Tendenz 
hervorgerufen sei durch das von ihm benutzte Speculum historiae, 
dessen Verfasser die nämliche Neigung ?eige, ist nicht zu er- 
weisen. 

**) Nur einmal klagt er {Ayrmann^ Sylloge I, 121) gelegent- 
lich darüber, dass die Laien im Besitze von Zehnten, die Geist- 
lichen von weltlichem Gut seien. Vergl. auch Frankenb. Chron. 
Sp. 66, wo er seine Mitbürger zur Dankbarkeit gegen die Be- 
wohner von Treysa auffordert. 

*•) S. 0. S. 21. 



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27 

hängt bei ihm in der Regel nicht von ihrer Wichtig- 
keit ab, sondern ist lediglich durch den umfang der 
jedesmaligen Quelle bedingt : so kommt es, dass oft Vor- 
gänge von untergeordneter Bedeutung viel eingehender 
besprochen werden als wichtige. 

Auf mancherlei Einwendungen ist der Chronist ge- 
faßst. Solche, die ihm einen Vorwurf daraus machen wollen, 
dass er Ereignisse darstelle, die er gar nicht miterlebt 
habe^ verweist er auf Sallust und Livius, auf Hiero- 
nymus und Ambrosius, denn auch diese beriefen sich 
auf glaubwürdige mündliche oder schriftliche Quellen*'). 
Dpch zeigt er in seiner Darstellung selbst eine starke 
Abneigung gegen mündliche üebeilieferung. Ausdrück- 
lich erklärt er in dem Berichte über die Regierung 
Ludwigs des Friedsamen (1413—1458), dass ihm der 
Stoff nahezu ausgehe, da ihn die Aufzeichnungen für 
die nun kommende Zeit fast gänzlich im Stiche Hessen ; 
wie bisher, so verschmähe er es auch jetzt, das Ge- 
schehene nach Hörensagen darzustellen und überlasse 
die Aufgabe, die Geschichte dieser Zeit zu schreiben, 
solchen, welche die Ereignisse erlebt und sich z. Th. 
in der Umgebung des genannten Fürsten befunden 
hätten. Es genügt ihm, etliche Daten und Punkte, 



*^) Ayrmxmny SylJoge I, 6 f. Die Stelle ist übrigens aus 
Lupus' Leben des heil. Wigbert (Acta Sanctorum Boll. 13. Aug. 
III. p. 134 linke Kolumne) entlehnt, wo es heisst: Nee vero cui- 
quam haec ideo judicentur infirma, quod octiDgentesimo trigesimo 
sexto anno Dominicae Inoarnationis . . . praesens opusculuni cu- 
dons ante nonaginta annos acta repetere videar; cum profecto, si 
vel leviter eruditus, non ignoret Salustium Crispum Titumque 
Livium non pauca, quae illorum aetatem longo praecessorant, 
partim auditu partim lectione comperta naiTasse et, ut ad nostros 
veniam, Hieronymum Pauli sui vitara, quae certe remotissima 
fueraty litteris illustrasse et antistitem Ambrosium Virginis Agnes 
passionem, cui profecto contemporalis non fuerat, editam reU- 
quisse. 



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n 



28 

die er „zusammengelesen", aufzuzeichnen „zu vortfasel 
deme, der vortmers schriben wil"^®). 

IV. 

Inhalt und Charakteristik der Franken- 
berger Chronik. 

Gerstenberg ist, wie erwähnt, auch Verfasser einer 
Chronik der Stadt Frankenberg. Wann er dieselbe 
begonnen, ist unbestimmt, doch fällt die Beendigung 
des Werkes nicht vor 1505 *^). Durch die Feuersbrunst 
vom 9. Mai 1476 war fast der ganze Ort eingeäschert 
worden und auch der grösste Theil der im öffentlichen 
und auch wohl im privaten Besitze befindlichen Ur- 
kunden, Rechnungsbücher, chronikalischen Aufzeich- 
nungen u. 8. w. vernichtet oder sonst abhanden ge- 
kommen. „Dar verbrante der stad", so klagt der Chro- 
nist, „alle ire altin briefe, Privilegien unde fryheid, die 
sie hattin von keyper Karolo, von kunnig Curde, von 
kunnig Hinriche unde von andern fursten unde hern. 
Darzu verbrantin en vile Chroniken, aide register unde 
vile guter rechtbucher" ^^). Gerstenberg übernahm es 
nun, mit Hülfe von Urkunden, Auszügen aus solchen, 
Abschriften und mit Benutzung chronikalischer Notizen, 
die sich auf irgend eine Weise erhalten hatten, den 
Verlust, soweit dies noch möglich war, zu ersetzen*^). 

Wie er sein grösseres Werk über die thüringisch- 
hessische Geschichte gewissermassen dem landgräflichen 
Hause widmet ^^), so hat er nach seiner eigenen Aus- 
sage die Stadtchronik der Bürgerschaft „zu eren ge- 



*8) Monim. Hass. II, 522 f. 
*») S. 0. S. 13. 
^) Sp. 62. 

**) Sp. 3, wo auch von der verbrannten „herrlichen" Stadt- 
Chronik die Rede ist, und Sp. 70. Vgl. ferner Sp. 63. 
M) S. 0. S. 22 f. 



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29 

macht, geschrebin unde vor eyn gedechtenisse geschenkt 
unde gelapin, syner darbie zu gedenken" ^^). Auch 
hier wird der Zweck der Arbeit deutlich ausgesprochen. 
Die jungen Bürger sollen sich die Thaten der Vorfahren 
zum Muster nehmen, sich aber vor deren Fehlern 
hüten ; er will ihnen zeigen, dass die Stadt durch den 
echten Bürgersinn ihrer Bewohner vor Zeiten gross 
und mächtig gewesen ist^*). Bevor er die Geschichte 
seines Heimathortes erzählt, weist er in einer Art von 
Einleitung auf die bedeutende Stellung hin, die Franken- 
berg einst eingenommen, und nennt mit Bezug auf ein 
Bibel wort, das er auch hier an den Anfang der Chro- 
nik setzt, die Stadt eine Pforte des Landes, weil sie 
den fränkischen Herrschern als starker Stützpunkt 
gegen die Sachsen gedient habe. Eine „Pforte der 
Christen" und „hohe Pforte Gottes, des ewigen Herrn", 
wurde Frankenberg dadurch, dass Karl Martell, Karl- 
mann, Pippin und Karl d. Gr. von hier aus die heid- 
nischen Sachsen bekriegten, die schliesslich überwunden 
und zum Christenthum bekehrt wurden. Endlich war 
die Stadt auch „eine gute Pforte, am Ende des Landes 
gelegen", als die von Mainz, Köln, Paderborn, Nassau, 
Ziegenhain, Waldeck, Wittgenstein und andere Wider- 
sacher die Landgrafen befehdeten. — 

Nach der Meinung des Chronisten hat Franken- 
berg eine fast tausendjährige Geschichte. Der Franken- 
könig Dietrich erbaute nämlich gegen die Sachsen, die 
in Sachsenberg ein starkes Bollwerk hatten und von 
hier aus Hessen häufig beunruhigten, im Jahre 520 
zum Schutze des Landes auf einer Anhöhe eine Kem- 
nate und nannte dieselbe Frankenberg. Diese Burg 

^«) Sp. 70. 

^*) Sp. 2 f. Aehnlich spricht er sich in der thüringisch- 
hessischen Chronik (Äyrmann, Sylloge I, 49 f.) über den Gemein- 
sinn der Römer aus. 



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30 

war auch in den folgenden Jahrhunderten der Aus* 
gangspunkt für die gegen die Sachsen gerichteten 
Unternehmungen der fränkischen Herrscher bis auf 
Karl den Grossen, der dieselbe zu einem Hauptwaflfen- 
platz machte. Mit einem gewissen Behagen beschreibt 
sodann der Chronist die Lage der inzwischen zu einer 
ansehnlichen Stadt gewordenen Feste, die Strassen u. 
s. w\ und ihr Wachsthum, das nach seiner Ansicht 
hauptsächlich der Auffindung von Goldminen, der An- 
legung einer Münze in der Stadt durch Karl und zahl- 
reichen Privilegien zu verdanken war. Weitere Ver- 
günstigungen wurden derselben durch König Konrad I. 
und später durch den Landgrafen Heinrich L zu Theil. 
Auch hier lässt es sich Gerstenberg nicht nehmen, ein 
ausführliches Bild von dem Wohlstand der Stadt zu ent- 
werfen. Aber allmählich kam Frankenberg infolge ver- 
schiedener Umstände und besonders durch die zahlreichen 
Fehden der Landgrafen mit ihren Nachbarn herunter, und 
als nun gar im Jahre 1476 ein furchtbares Brandunglück 
die Stadt heimsuchte, war es für immer mit der Blüthe 
derselben vorbei. Denn nach dem Tode Heinrichs des 
Reichen (1483), der dem Orte auf alle Weise aufzu- 
helfen suchte, wurde Frankenberg durch die Diener des 
noch unmündigen Wilhelm des Jüngeren und deren 
Helfershelfer unterdrückt und geschädigt. In kräftigen 
Worten macht sich der Chronist Luft über diese 
„Schälke" und „Spitzhüte" und unterzieht sich der 
Mühe, ein langes Verzeichnis ihrer an der Stadt ver- 
übten Missethaten aufzustellen^^). In den folgenden 
Abschnitten werden hauptsächlich die Bemühungen 
wohlhabender Bewohner um eine einigermassen wür- 
dige Ausstattung ihres Gotteshauses erwähnt, Vorgänge 
von grösserer Wichtigkeit dagegen nur in beschränkter 

^) Dasselbe ist, weil es in den Ausgaben fehlt, unten im 
Anhang II abgedruckt. 



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31 

Zahl: z. B. die Wallfahrten Wilhelms des Jangeren 
nach Frankenberg, der Besuch der Stadt durch den 
Kardinal Raimund im Jahre 1503, der zweimalige Aus- 
bruch der Pest in demselben und dem folgenden Jahre 
u. a. m. — • 

Mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln musste 
Gerstenberg von vornherein darauf verzichten, seinen 
Mitbürgern ein lebensvolles Bild von der Geschichte 
der Stadt zn entwerfen ; es konnte ihm nur darauf an- 
kommen, alles zusammenzustellen, was geeignet war, 
irgend welchen Aufschluss zu geben. Man darf daher 
bei der Beurtheilung dieses Flickwerkes keinen strengen 
Masstab anlegen, man darf inhaltlich und formal 
letzteres nicht mit den gleichzeitigen historiographischen 
Erzeugnissen der grossen Städte im Süden, Westen 
und Norden des Reiches vergleichen, wo die Chronisten 
einen wesentlich umfassenderen und inhaltsreicheren 
Stofif zu verarbeiten in der Lage waren. Nur für einen 
verhältnismässig kleinen und an hervorragenden Ereig- 
nissen recht armen Zeitraum kann sodann der Chronist 
als Augenzeuge gelten. Dass er aber anschaulich zu 
erzählen versteht, zeigt unter anderem die Schilderung, 
die er von dem grossen Brande der Stadt entwirft. 
Wenn es ihm ferner nicht stets gelungen ist, die Ge- 
lächichte der letzteren mit der des Landes in innigere 
Beziehung zu setzen, so trägt auch hier die dürftige 
Ueberlieferung die meiste Schuld ; freilich findet sich auf 
der anderen Seite wieder eine Anzahl von Stellen, welche 
mit Frankenberg nicht das Geringste zu thun haben. 

V. 
Die Quellen und ihre Benutzung. 

In der Einleitung zu seiner thüringisch-hessischen 
Chronik stellt Gerstenberg ein ziemlich vollständiges 
Verzeichnis der von ihm hauptsächlich benutzten 



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ä2 

Quellen auf; was er ausser diesen noch verwandt hat, 
führt er meist im Texte an^^). Ein recht umfang- 
reiches Material ist hier zur Verarbeitung gekommen, 
und zwar gehört dasselbe nicht nur der mittelalter- 
lichen scholastischen und historischen Litteratur an, 
auch das Alterthum ist vertreten. Schmilzt bei näherem 
Zusehen die stattliche Anzahl der angeblich benutzten 
Autoren auch beträchtlich zusammen, indem der Chro- 
nist viele nur mittelbar aus Citaten bei anderen Ge- 
schichtschreibern kennt, so ist seine Belesenheit doch 
eine immerhin achtungswerthe. 

Von antiken Schriftstellern macht er namhaft 
Aristoteles, Galenus, Lucanus, Seneca, Valerius Maxi- 
mus, Josephus (Hegesippus), Plinius den A eiteren, Sue- 
tonius, Justinus, Rufus Festus, Macrobius; ferner Au- 
gustinus, Hieronymus, Orosius, Gregorius Magnus. 

Häufiger als aus diesen nimmt er seine Mitthei- 
lungen für das Alterthum und weiterhin für das Mittel- 
alter aus den damals gangbaren Handbüchern der Ge- 
schichte : Bedas und Helinandus' Chroniken werden wie 
das Pantheon des Gotfried von Viterbo und das als 
Cursus mundi bezeichnete Cosmodromium des Gobe- 
linus Persona^') nur sehr vereinzelt genannt; wenig 
Gebrauch hat er auch von der Historia scholastica des 
Petrus Comestor gemacht; hier und da bezieht er sich 



*•) Einen Theil der Autoren citirt er gelegentlich auch in 
der Frankenberger Chronik; andererseits ist die Anzahl der Schrift- 
steller sehr gering, die nur hier und nicht auch in der thüringisch- 
hessischen Chronik genannt werden. 

*^) Frankenb. Chron. 8p. 8, Ayrmann S. 18 und Moni na. 
Hass. II, 530. Da die letzte Stelle Bezug auf das Jahr 1440 
nimmt, während die Chronik des Gobelinus Persona nur bis 1418 
reicht, so ist entweder das Citat falsch oder Gerstenberg hat 
irgend eine Fortsetzung benutzt. — Die oben angefühi*te Uober- 
setzung des Wortes Cosmodromium findet sich schon bei Engel- 
hus (SS. rer. Brunsv. II, 979). 



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33 

anf den Traktat des Jordan von Osnabrück De praero- 
gativa Romani imperii. Nur einmal wird Honorius 
genannt^®). Oefter beruft sieh Gerstenberg auf Her- 
mannus Januensis und auf Martinus Fuldensis ; am 
meisten schöpft er aus dem Speculum historiae des 
Vincenz von Beauvais, dem Fasciculus temporum des 
Werner Rolewinck und der Chronik des Dietrich 
Engelhas. 

Für gewisse Perioden des Mittelalters dienen ihm 
als Quelle Gregor von Tours, Paulus Diaconus in seiner 
Historia Romana und Historia Langobardorum und der 
gefälschte Turpinus; seltener citirt er Dietrich von 
Niem und Aeneas Silvius. Reichlicheren Gebrauch 
macht Gerstenberg von einem Geschichtswerk, dessen 
Verfasser er Lambertus Leodicensis nennt ^®). — Nicht 
näher bekannt scheinen die Arbeiten zweier Kano- 
niker, des Eburhartus und Waltbertus ^^), und die 
Schriften zweier Mönche, des Salumarus und Theo- 
thones ^') zu sein, auf die er einmal hinweist. 

Von einzelnen Länder- und Städtegeschichten be- 
nutzt er mehr oder minder häufig folgende: Heinrich 



^^) Monim. Hass. I, 54. 

^) Wenck (Hess. Landesgesch. 1. p. XVf) vermuthet, dass 
hier eine Verwechslung mit Lambert von Hersfeld vorliegen müsse. 
Dies ist unrichtig, denn Oerstenberg citirt den Lambertus Leodi- 
censis nicht nur bei Nachrichten, die thatsächlich auf den Hers- 
feldei* Chronisten zurückgehen, sondern auch sonst, wo an eine 
Benutzung des letzteren nicht zu denken ist und wo die Mitthei- 
lungen aus Bruno (de hello Saxonico), Beraold und anderen Ge- 
schichtschreibern geschöpft sind. Ich finde Lambertus Leodi- 
censis zuerst Monim. Hass. I, 46 (z. J. 908), zuletzt das. 246 (um 
1170) citii-t. 

«0) Ayrmann S. 123. 

***) Das. S. 109, wo jedoch der Herausgeber irrthümlich 
Theodorus statt Theotones schreibt. 

N. F. XVn. Bd. 3 



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34 

Rosla's Sachsenchronik ^% eine schwäbische ®*) und eine 
der sehr zahlreichen thüringischen Chroniken**); ferner 
die Strassburger Chronik des Jakob Twinger von 
Königshofen, eine Mainzer Chronik®^) und die Nürn- 
berger Chronik des Hartmann Schede!, die er in der 
von Georg Alt herrührenden üebersetzung gekannt zu 
haben scheint ^®). Was er diesen Werken entnahm, be- 
zieht sich zum grössten Theile auf die allgemeine deutsche 
Geschichte, dagegen ist ihm die Limburger Chronik 
ausserdem noch eine verhältnismässig reiche Fund- 



ö*) Auf dieses Werk des Verfassers der sog. Herliugsberga 
hat meines Wissens zuerst K. Qrube (Jahrb. d. Gönes-Gesellsch. 
III, 62 f.) aufmerksam gemacht. Die Stellen, wo Rosla's Sachsen- 
chronik von Gerstenberg citirt wird (Ayrmami S. 139 und Fran- 
kenb. Chron. Sp. 16), verbreiten kein neues Licht über Rosla's Ar- 
beit: Gerstenberg nennt beide Male neben Rosla auch Engolhus 
als Gewährsmann, und letzterer führt an der entsprechenden Stelle 
in der That einige Verse Rosla's wörtlich an {LeibnilXy SS. rer. 
Brunsv. II, 1062). 

«*) Ich vermuthe, dass hiermit die bei Potthast^ Bibliotheca 
S. 424 verzeichnete Chronik des Thomas Lirer gemeint ist, die 
ich nicht einsehen konnte. 

**) Nicht das Werk des Johannes Rothe, sondern die sog. 
Chronica und Zeitregister von Noah, die auch von anderen hes- 
sischen Chronisten benutzt wurde. Vgl. über dieselbe Wenck a. a. 
0. p. IX und X. 

**) Der Verfasser derselben ist vielleicht Johann Hebelia 
von Heymbach, der in seiner (freilich erst im Jahre 1500 ver- 
fassten) Chronik die Inschriften der Kirche zu St. Alban bei Mainz 
aufgezeichnet hat (daraus mitgetheilt von Ph, Jaffe in den Monu- 
menta Moguntina S. 714 fF.}. Gerstenberg erwähnt nämlich (bei 
Ayrmann S. 58) eine Grabschrift des Mainzer Bischofs Aureus, 
aus der er das Todesjahr desselben (454) entnimmt, und führt 
(das. S. 140) wörtlich die Inschrift auf dem Sarge der Fastrada 
an, die sich vollständiger in einer Würzburger Handschrift von 
Hebelins Chronik findet (Monum. Mogunt. S. 71 f. Note 2). Ueber 
Hebelin vgl. besonders D. König in den Forsch, z. deutsch. Gesch. 
XX, 53 fif. 

•*) Nur diesen nennt er. 



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35 

grübe für die hessische Geschichte im vierzehnten Jahr- 
handert gewesen. 

Daneben hat die Legendenlitteratur Bedeutung für 
ihn. £r kennt die Lebensbeschreibungen des Einsiedlers 
Paulas von Hieronymus, der Agnes von Ambrosius ®''), 
des Goar von Wandalbert, des Kilian^®), des Boni- 
fatius^^), des Godehard von Wolfhere ''°). Das von Die- 
trich von Apolda verfasste Leben der heil. Elisabeth 
hat er grossentheils in seine Chronik herüberge- 
nommen ''^), auch die Biographie Ludwig's IV., ihres 
Gemahls, die von dessen Kaplan Bernhard herrührt, 
wird öfter benutzt. In sehr wenigen Fällen ist ihm 
die Historia Longobardica des Jacobus de Voragine 
Quelle gewesen, und nur einmal kommt eine nicht 
näher bekannte Vita der Wilhildis vor^^). 



«') Diese beiden wenigstens dem Namen nach: vgl. Anm. 47. 

«8) Frankenb. Chron. Sp. 8. Es scheint die bei Oanisitis^ 
Lect. antiqu. (ed. nov.) 111, 1 abgednickte, angeblich von Egilward 
herrührende Vita gemeint zu sein. Die dort (S. 175) in Betracht 
kommende Stelle Liutet: Qua (sc. Gailia) permetata in provinciam 
Oermaniae devenit, quae ab incolis terrae ipsius Orientalis Francia 
vocitatur. 

*•) Fi'ankenb. Chronik Sp. 6 und Ayrmann S. 108. Nach 
dem Citat an letzterer Stelle kannte Gerstenberg mehrere Legenden 
des Bonifatius; doch lässt sich die dort mitgetheilte Sage von 
einem Siege des Heiligen über die Sachsen am Gehülfenberge in 
den gedruckten älteren Legenden nicht nachweisen und ist wohl 
späteren Ursprungs. Vgl. auch Acta Sanct. Boll. 5. Juni I, 498 f. 

^^) Die Monim. Hass. I, 96 angeführte Stelle ist theils aus 
Wolfhere's Vita Godehardi prior (Monum. Germ. SS. XI, 194, 4—6 
und 10—12), theils aus der Vita posterior (das. S. 209, 30-37) ge- 
nommen. 

'*) Dass er nicht die unter dem Titel Chronica sant Elisa- 
bct erschienene üebersetzung der genannten Biographie benutzt 
hat, erwähnt bereits Wenck a. a. 0. p. Vll. Die deutsche üeber- 
tragung wurde erst i. J. 1520 gedruckt (bei Mathes Maler in Erfurt). 

^*) Frankenb. Chron. Sp. 8, wo aber die falsche Lesart Wich- 
tiidis steht. 

3* 



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ä6 

Schliesslich mag noch erwähnt werden, dass er 
einmal den Glossographen Papias '^) und den Papst 
Innocenz HL '*) citirt. Hin und wieder entnimmt er 
seinen Quellen, namentlich Engelhus, Denkverse (Monim. 
Hass. H, 373, 420, 449, 518, 526, 531, 546, 550) 's) und 
bezieht sich auch einige Male auf Urkunden, indem er 
dieselben bald wörtlich, bald auszugsweise mittheilt, 
bald nur kurz auf sie verweist (S. 468 ff., 496 f., 506, 
523, 534). Zuweilen hat es den Anschein, als ob er 
urkundliches Material benutzt habe (S. 450, z. J. 1310 ; 
S. 494, z. J. 1323; S. 506, z. J. 1389 u. s. w.). 



'«) Ayrmann S. 18. 

»*) Monim. Hass. I, 83. 

^^) Damnter behandeln zwei (S. 420 und 518) Ereignisse 
aus der hessischen Geschichte: der erstere betrifft den Brand von 
Marburg (im J. 1261), während der andere sich auf die Einäsche- 
rung von Kirchhain durch den Grafen Heinrich (VII.) von Waldeck 
(im J. 1412) bezieht. Letzterer Vers kehrt bei Lauxe S. 262, 
aber in etwas veränderter Form, wieder. Ein anderer Denkvers 
auf dasselbe Ereigniss, den Johann Boppenheuser aus Kirchhain 
verfasste, findet sich in der „Hessischen Zeitrechnung'^ (S. 150a 
des der Stand. Landesbibl. in Kassel angehörenden Exemplares des 
Alten und neuen hess. Schreib-, Märkte- und Chroniken-Kalenders) . 
— Von den beiden Gedichten, die Gerstenberg mittheilt (S. 515 
und 536), hat das eine die Ermordung Friedrich's von Braun- 
schweig (im J. 1400) zum Gegenstand und ist aus Dietrich Engel- 
hus' Chronik (SS rer. Brunsv. U, ll37i genommen, das andere 
feiert Landgraf Ludwig 1. als trefflichen Landesfürsten Auch 
dieser Vors findet sich, gleichfalls etwas umgestaltet, bei Lauxe S. 
267a. Letzterer theilt ausserdem S. 266 folgendes Distichon auf 
Ludwig mit, das, wie der Anfang lehrt, aus einem grösseren 
Ganzen stammt: 

Quique ob iustitiae cultum legumque sacrai'um 
Oblati titulos abnuit imporii. 

Die Quelle mag ein Lobgedicht auf den Landgrafen sein, 
wie solche z. B. ein italienischer Humanist auf Wilhelm den Ael- 
teren verfasste (mitgetheilt in Dilich's hess. Chronik, Ausgabe v. 
1605, U, 263a ff.). 



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37 

Von grösserer Wichtigkeit ist es, dass Gersten- 
berg eine Anzahl hessischer Geschichtsquellen benutzt 
and in den meisten Fällen auch namhaft gemacht hat, 
die in ihrer ursprünglichen Gestalt verloren gegangen 
sind. Für einen erheblichen Theil des dreizehnten und 
das erste Drittel des vierzehnten Jahrhunderts ist Ried- 
esel Hauptquelle, für das letztere kommt dann be- 
sonders die sog. Hessenchronik in Betracht. Von 
untergeordneter Bedeutung sind sodann Aufzeichnungen, 
die in den Klöstern Hersfeld, Georgenberg bei Franken- 
berg, Spiesskappel, Aulisberg und Haina gemacht 
wurden; in Haina ist wohl auch die einige Male von 
Gerstenberg benutzte Legende des Bruders Kurd von 
Hirlesheim entstanden. Ganz vereinzelt schöpft der 
Chronist auch aus nicht näher bekannten Aufzeich- 
i^ungen des Kanzlers Tilemann Hollauch und giebt hin 
und wieder die Ziegenhainer und Katzenelnbogener 
Grafen betreffende Nachrichten genealogischer Art, über 
deren Ursprung gleichfalls Unklarheit herrscht. 

Hinsichtlich der Quellenbenutzung erklärt er aus- 
drücklich, dass er nichts willkürlich hinzugesetzt, aus- 
gelassen und, abgesehen von einer hier und da ge- 
drängteren Darstellung des Stoffes, keinerlei Verände- 
rungen mit letzterem vorgenommen habe. Bei der 
grossen Verschiedenheit der einzelnen Quellen rück- 
sichtlich der Chronologie, der Ausführlichkeit und der 
ganzen Art der Darstellung sieht Gerstenberg voraus, 
dass man Uebereinstimmung mit anderen Werken in 
diesen Punkten häufig vermissen wird; er warnt aber 
davor, bei einem solchen Falle in der „ersten Bewe- 
gung" seine Arbeit gering zu achten oder zu verbessern. 
Der Betreffende soll vielmehr die vom Verfasser be- 
nutzten Schriften erst gründlich lesen ; dann wird er 
sich davon überzeugen, „dass einer lenger oder korzer 
die daten schreibet dann der ander". Doch will der 



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38 

Chronist dies nicht so verstanden wissen, als ob sein 
Werk gar keiner Richtigstellung bedürfe : er legt viel- 
mehr jedem wirklich Kundigen die Bitte ans Herz, zu 
„corrigiren, emendiren und bessern in der warheit"' '*). 

Da unsere Kenntnis der oben erwähnten hes- 
sischen Geschichtsquellen fast nur auf Grerstenbergs 
Vermittelung beruht, so ist es von Wichtigkeit festzu- 
stellen, ob er bei Benutzung seiner Vorlagen gewissen- 
haft verfahren ist oder nicht, ob also das Bild, das er 
uns von der früheren hes?sischen Geschichtschreibung 
giebt, auf Zuverlässigkeit und einige Vollständigkeit 
Anspruch erheben darf. Wir wählen zu diesem Zwecke 
einen Vergleich mit der Limbarger Chronik ''). Die- 
selbe, die Gerstenberg etwa 40mal citirt, eignet sich 
hierzu nicht nur wegen der verhältnismässig sicheren 
üeberlieferung, sondern auch deshalb, weil sie sehr 
viel Hessisches enthält. 

Ein Vergleich der aus dieser Quellenschrift her- 
rührenden Nachrichten in seiner thüringisch-hessischen 
Chronik mit den Parallelstellen der Limburger Chronik 
zeigt, dass er im ganzen sich eng an seine Vorlage 
anschliesst und diese genau wiedergiebt. Doch finden 
sich einige Fälle, wo er gewisse Bemerkungen der 
letzteren auslässt. So fehlt S. 467 (z. J. 1335) der 
Zusatz der Vorlage (S. 25, 9): „unde lagen nun dage 
in dem lande zu Sassen". S. 481 f. (z. J. 1350) hat 
sich Gerstenberg kürzer gefasst und ein Stück (S. 38, 
10—13 u. 18 „bit an Cassel") nicht wiedergegeben. Eben- 
so fehlt S. 507 (z. J. 1391) die Bemerkung der Vor- 
lage (S. 83, 22 u. 23), dass auch der Bischof von Pade r- 
born und Herzog Otto von Braunschweig an dem Zuge 



^•) Ayrmann, Sylloge I, 8 f. Aehnlich äussert sich Mar- 
tinas Minorita bei Eccard^ Corp. bist. med. aev. I, 1551. 

'^) Herausgegeben von Arthur Wyss in den Monum. Germ* 
Deutsche Chroniken IV, 1. 



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39 

gegen die Herren von Padberg theilnahmen. Die Nach- 
richten der Limburger Chronik S. 63, 1—10 über 
die Starke des Landgrafen und der Sterner, über die 
Verwüstung des Landes bis in die Gegend von Fritzlar 
and die Fortsetzung des Krieges hat Gerstenberg S. 
491 ff. gleichfalls übersehen. Das Datum lässt der 
Chronist S. 510 f. (z. J. 1396) aus (vgl. Limb. Chron. 
S. 91, 24 u. 26); S. 513 äusserst er sich nur allgemein 
über die Zeit des Fuldaer Brandes, während die Limb. 
Chron. S. 95, 17 das genaue Datum aufweist. 

Andere Auslassungen sind von geringerem Belang. 
So fehlt bei Gerstenberg S. 483 die Angabe der Lage 
der Burg Falkenstein und des Sitzes der Hunde, die sich 
in der Limb. Chronik S. 37, 18-20 findet; S. 506 (z. 
J. 1390) schweigt er über die Lage von Liebenau, 
während die Limb. Chron. S. 82, 24 einen dieselbe 
bezeichnenden Zusatz hat. Beide Male konnte der 
Chronist jedoch die Oertlichkeiten als bekannt voraus- 
setzen. Auch die Bemerkung seiner Vorlage „unde ge- 
schah daz mit vurrederie" beachtet Gerstenberg nicht. 

Ganz unberücksichtigt geblieben sind die Nach- 
richten der Limb. Chronik S. 26, 6—12, S. 42, 5—7 u. 
S. 46, 12—14 (über die Theuerung in Hessen). 

Weniger Anerkennung würde seine Genauigkeit 
hinsichtlich der Chronologie und der Wiedergabe des 
Inhaltes verdienen, wenn wir bestimmt entscheiden 
könnten, ob nicht die Art der Ueberlieferung die Schuld 
trüge. Dies ist in der That das wahrscheinlichere, 
üebrigens sind auch die hierher gehörigen Fälle selten. 
Ein chronologischer Irrthum ist es z. B., wenn er S. 510 
die Zerstörung der Burg Elkershausen 1395 erfolgt 
sein lässt, während der Verfasser der Limburger Chro- 
nik S. 90, 11 u. 12 dies Ereignis in das folgende Jahr 
versetzt. Eben damit hängt es wohl auch zusammen, 
dass Gerstenberg S. 485 die Grafen von Katzeneln- 



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40 

bogen Wilhelm und Eberhard nennt, wogegen die Lim- 
burger Chronik S. 86, 25 und 87, i Eberhard und Diet- 
hard hat ; ferner baute nach Gerstenberg Wilhelm, nach 
der Limburger Chronik Eberhard das Schloss Schwal- 
bach. Ausserdem hat Gerstenberg — und dies spricht 
sehr für die obige Annahme — hier Nachrichten, die 
wir vergebens in der Limburger Chronik suchen. 

Wenig zuverlässig zeigt er sich in seiner Citir- 
methode ; doch ist dies ein Mangel, von dem über- 
haupt kaum einer ^der gleichzeitigen Chronisten ganz 
frei sein dürfte. Ausserordentlich häufig nennt er 
nämlich seine Vorlage gar nicht. Man vergleiche bei 
Gerfetenberg S. 482 die Bemerkung über Gerlach von 
Mainz und Landgraf Heinrich IL mit der Limb. Chron. 
S. 39, 16—20; indessen muss der Chronist hier noch 
eine zweite Quelle ausgeschrieben haben, da er die 
Notiz über Kirchhain allein hat. Ebenso wenig spricht 
er sich S. 506, wo er von einer Missgeburt in Boppard 
erzählt, über seine Vorlage aus : die Nachricht steht in 
der Limb. Chronik S. 79, 14—16. Diese Beispiele, die 
sich übrigens sehr vermehren Hessen, mögen genügen. 

Noch häufiger sind die Fälle, wo in Bezug auf 
die Quellenangabe Ungenauigkeiten mit unterlaufen. 
Der Chronist citirt nämlich nicht selten die Lim- 
burger Chronik am Schlüsse einer Reihe von Mitthei- 
lungen, die nur zum Theil aus derselben herrühren. 
Es geht z. B. das Citat S. 475 oben nur auf den 
zweiten Abschnitt (vgl. die Limb. Chron. S. 29), nicht 
auf den ersten, wo S. 474 von dem Tode des Grafen 
Engelbert von Ziegenhain die Rede ist. Zu demselben 
Ergebnis gelangt man bei dem Citat S. 509 (z. J. 1392), 
wo die Mittheilung über die Gründung der Hochschule 
zu Erfurt anderswoher genommen ist, das übrige aber, 
wie auch Gerstenberg angiebt, der Limburger Chronik 
(S. 84, 43, 82, 86) entstammt. Selten zeigt er sich so 



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41 

genau, dass er, wie dies z. B. S. 510 f. der Fall ist, 
am Schlüsse einiger Nachrichten eine Wendung ge- 
braucht wie: „Duß vorgeschrebin leßit man alle in 
der ehronicken von Lympurg/* Dies trifft in der That 
auch zu (vgl. dazu die Limb. Chron. S. 91). Ganz so 
verhält es sich mit den Mittheilungen S. 513 f., womit 
die Limburger Chronik S. 93, 91, 94 und 95 zu ver- 
gleichen ist. 

Zuweilen werden auch Nachrichten aus anderen 
Quellen mit solchen aus der Limb. Chronik verbunden 
und letztere wird allein namhaft gemacht. Vgl. z. B. 
8. 474 f. (Bie den getzyten was — lebete) mit Limb. 
Chronik S. 29, 22-24 a. 29-3a S. 482 stammt die Be- 
merkung, dass Landgraf Heinrich IL seine Bundesge- 
nossen entlassen habe, nicht aus der Limb. Chronik 
S. 38 (Kap. 26), ebensowenig ist, wie erwähnt, von der 
Belehnung des genannten Landgrafen mit Kirchhain 
(das.) etwas in der Limb. Chronik S. 39 (Kap. 29) zu 
finden, umgekehrt wird S. 487 (z. J. 1366) über den 
Tod Ottos des Schützen neben der Thüringer Chronik 
auch die Limburger citirt, in der sich nichts hierüber 
findet. 

Manchmal deutet Gerstenberg mit gewissen Wen- 
dungen die Benutzung anderweitiger Quellen an, die 
aber, da die Hauptsache der von ihm genannten Vorlage 
entnomnaen ist, nicht weiter erwähnt werden. So 
heisst es S. 474: „AI (3 man das auch lei^it in der 
ehronicken von Lympurg". In der That hat die Limb. 
Chronik S. 25 f. weder den Namen der Tochter Hein- 
richs II. (Adelheid), noch den des Klosters (Ahnaberg), 
was also einer anderen Vorlage entlehnt sein muss. Man 
vergleiche ferner S. 488 („Alß man das auch leßit in 
der ehronicken von Lympurg") mit der Limb. Chronik 
S. 55, wo wir den grössten Theil der von Gerstenberg 
a. a. 0. gebrachten Mittheilungen vergebens suchen. 



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42 

Fast regelmässig bedient er sich dieser Wendung 
in seiner Frankenberger Chronik, wenn er andeuten 
will, dass er neben der von ihm angeführten Haupt- 
quelle speziell für die Frankenberg angehenden Ereig- 
nisse noch anderweitige Aufzeichnungen benutzt hat. 

Schliesslich findet sich noch eine Anzahl von 
Stellen, wo der Inhalt verschiedener von ihm namhaft 
gemachter Vorlagen so miteinander verquickt ist, dass 
sich die einzelnen Bestandtheile der letzteren zuweilen 
nur deshalb mehr oder weniger genau bestimmen lassen, 
weil die Quellen Gerstenbergs entweder sämmtlich oder 
bis auf eine noch erhalten sind. Vgl. S. 481 (Chronik 
von Limburg, Strassburg und „andere" Chroniken), 485 
(Thüringer-, Hessen- und Limburger Chronik), 493 (die- 
selben Chroniken und „andere geleße"), 495 f. (Lim- 
burger und Thüringer Chronik), 503 (Hessen- und Lim- 
burger Chronik), 505 (Thüringer-, Hessen- und Lim- 
burger Chronik). 

VL 

Gerstenberg als Historiker. Seine wissen- 
schaftliche Bildung. 
Ganz gegen die damals herrschende Gewohnheit 
nennt Gerstenberg vielfach seine Quellen und giebt 
dieselben in einer Fassung wieder, die zuweilen — was 
besonders gegenüber den in deutscher Sprache ge- 
schriebenen der Sache gemäss hervortritt — mit den Vor- 
lagen wörtlich, meist aber wenigstens sachlich überein- 
stimmt. Umschreibungen und Erweiterungen, wie sie 
in derartigen Werken jener Zeit häufig vorkommen, 
scheint er absichtlich vermieden zu haben. Indessen 
kommen aber auch, wie oben gezeigt worden ist, Fälle 
vor, wo er das Lob einer gewissenhaften Quellenbe- 
nutzung und genauen Citirmethode keineswegs in dem 
Masse verdient, wie man es ihm gespendet hat 



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43 

Aber noch andere, schwerer wiegende Mängel müssen 
hier erwähnt werden. Dazu gehört vor allen Dingen 
sein kritisches Unvermögen. Von dem verschiedenen 
Werthe seiner Vorlagen hat er keine Ahnung, er citirt 
in einem Athem neben Josephus den Fasciculus tem- 
porum, neben Justinus oder Orosius das Speculum 
hiistoriale. Bei üebereinstimmung zweier oder mehrerer 
Quellen gelten ihm die Berichte derselben als dem 
wahren Sachverhalt entsprechend ; er denkt nicht daran, 
dass der eine seiner Gewährsmänner von dem andern 
unmittelbar oder mittelbar abhängig sein kann, dass 
sein Zeugnis mithin keinerlei selbständigen Werth hat. 
Wenn ihm für ein Ereignis nur eine Quelle zu Gebote 
steht, benutzt er dieselbe ohne Bedenken; wenigstens 
deutet er nirgends an, dass er auf Wiedergabe einer 
Vorlage wegen mangelnder Zuverlässigkeit derselben 
verzichte. Wie könnte er sonst seinen Quellen Nach- 
richten über das hohe Alter von Frankenberg und von 
anderen Städten, über die Beziehungen der Merowinger 
und Karolinger zu seinem Heimathsorte u. a. m. nach- 
schreiben? Nicht gerade häufig kommt er in die Ver- 
legenheit, es mit zwei einander widersprechenden An- 
gaben zu thun zu haben; selbstverständlich denkt er 
dann nicht daran, den Werth der Vorlagen gegen 
einander abzuwägen oder an den IMittheilungen selbst 
Kritik zu üben. Er entscheidet sich in einem solchen 
Falle entweder gar nicht'®) oder er stimmt dem Ge- 
währsmanne zu, dessen Angaben von anderen Geschicht- 
schreibern bestätigt werden '^). Höchst selten ist er im 

^•) Vgl. Ayrmann, Sylloge I, 50 (Entstehung und Bedeutung 
des Namens der Franken), Monim. Mass. I, 108 (Regierungszeit 
Kaiser. Heinrichs III.), II, 543 f. (Tod des Landgrafen Lud- 
wig I.) u. a. 

^) Aus diesem Grunde verwirft er Monim. Hass. I, 275 f. 
eine Angabe des Fasciculus. Einen ähnlichen Fall bietet das. S. 
71 und 74. 



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44 

Stande, wenigstens ein Moment von einiger Bedeutung 
beizubringen : dies ist denn aber auch für ihn ausschlag- 
gebend. Ein Beispiel mag genügen. Gerstenberg ver- 
wirft die Ansicht des Vincentius, dass Rudolf, der Gegen- 
könig Heinrich's IV., Herzog von Burgund gewesen sei, 
indem er sich auf den Fasciculus und andere Chroniken 
beruft, als Hauptgrund aber den Umstand geltend macht, 
dass genannte Herrscher öfter „in den landen bie Saßen 
gelegen" mit einander gekämpft hätten ^), In ver- 
einzelten Fällen geht er ziemlich leicht über derartige 
Fragen hinweg. So lässt er es in seiner thüringisch- 
hessischen Chronik (Monim. Hass. H, 399 f.) dahin- 
gestellt sein, von wem Landgraf Hermann, der Sohn 
der heiligen Elisabeth, vergiftet worden sei; in der 
Franken berger Chronik dagegen, wo er sich auf die- 
selben hierin einander widersprechenden Quellen — die 
Thüringer Chronik und Riedesel — beruft, folgt er, 
ohne Riedesel's abweichende Angabe überhaupt zu er- 
wähnen, ohne weiteres der Thüringer Chronik®^). 

Hinsichtlich seines Urtheils über der allgemeinen 
Geschichte angehörende Personen und Ereignisse ist 
ein Fortschritt bei Gerstenberg nicht zu konstatiren, 
er steht keineswegs über seinen Quellen, dem Fasci- 
culus, Speculum, dem Cursus mundi u. s. w. ; gläubig 
schreibt er ihnen vielmehr alle Märchen und Fabe- 
leien nach. 

Von seiner geringen Befähigung, die Begeben- 
heiten selbständig und ohne fremde Stütze zu beur- 
theilen, scheint übrigens der Chronist selbst über- 
zeugt gewesen zu sein, und dies mag im Verein mit 
seiner Gewissenhaftigkeit ihn veranlasst haben, die 
Zeitgeschichte nur skizzenhaft zu behandeln. Dass er 
sich auf die Darstellung der letzteren überhaupt ein- 



«<^ Das. S. 182 f. — ") Sp. 25. 



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45 

lässt, hat nach seinem eigenen Geständnis darin seinen 
Grund, dass er einem etwaigen Fortsetzer sichere An- 
haltspunkte an die Hand geben will ®*). Denn wo er 
sich auf Quellen berufen kann, schiebt er gewisser- 
massen die Verantwortung für seine Mittheilungen von 
seinen Schultern auf die seiner Gewährsmänner, und 
wohl nur aus diesem Grunde machte er letztere nam- 
haft; wo es sich aber darum, handelt, Nachi^ichten 
über Vorgänge und Personen, welche der Gegenwart 
oder der nahen Vergangenheit angehören, einzuziehen 
und für deren Zuverlässigkeit Gewähr zu leisten, legt 
ihm seine Vorsicht und Befangenheit starke Hinder- 
nisse in den Weg, Er erklärt selbst nur dürftige Auf- 
zeichnungen über die Thaten Ludwigs des Friedsamen 
und seiner Nachfolger vorgefunden zu haben und will 
wie bisher, so auch fortan von mündlicher üeberliefe- 
rung nichts wisssen ®^). Trotzdem bleibt er diesem 
Grundsatze nicht in allen Stücken treu, denn unmöglich 
haben ihm über sämmtliche Ereignisse, die sich im letzten 
Viertel des fünfzehnten und im Anfange des sech- 
zehnten Jahrhunderts zutrugen, schriftliche Berichte 
vorgelegen; von manchen Begebenheiten, wie z. B. 
dem mehrfach erwähnten Reichstage zu Worms (1495), 
schreibt er vielmehr als Augenzeuge®*); andere Nach- 
richten beruhen nach seiner eigenen Angabe auf Hören- 
sagen ®^). 

8«) S. oben S. 27. 

«») Monim. Hass. II, 522 f. 

«0 Vgl. oben S. 21. 

^) Monim. Hass. II, 523 heisst es, nachdem Gerstenberg 
unmittelbar vorher jenen Grundsatz aufgestellt hat: „Man sprichet 
wie dußem fursten** u. s. w. Das. 8. 524 ist er nicht ganz 
sicher, ob Hermann, ein Sohn Ludwig's des Friedsamen, Domherr 
zu Mainz und zu Köln gewesen sei. Er setzt deshalb seiner dies- 
bezüglichen Mittheilung die Bemerkung hinzu: „al)^ ich ver- 
standen habe*^. 



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46 

Freilich mag er über vieles nicht gut unterrichtet 
gewesen sein. Er selbst spricht dies einmal deutlich 
aus und verweist auf andere, die als Zeitgenossen und 
Augenzeugen eher berufen seien, über die Vorgänge auf 
dem Tage zu Aachen (1456) Bericht zu erstatten, als 
er^®). Auffallender ist diese Unkenntnis bei Fragen 
genealogischer Art, über die er sich doch sonst gut 
unterrichtet zeigt. Er erklärt z. B., nicht zu wissen, 
ob Ludwig der Friedsame mit seiner Gemahlin Anna 
mehr Kinder gehabt habe als die sechs, die er nament- 
lich aufzählt ®^) ; in derselben Lage ist er bei den Nach- 
kommen Ludwig's des Freimüthigen, seines älteren Zeit- 
genossen ®®). 

Im Zusammenhange mit der geringen Sorge des 
Chronisten um Gewinnnng reichhaltigen Stoffes, die da 
bemerkbar wird, wo es sich um Darstellung des aus- 
gehenden Mittelalters bandelt, steht ohne Zweifel auch 
die seltene Heranziehung urkundlichen Materials in der 
thüringisch-hessischen Chronik, während er gerade in 
dem der Geschichte von Frankenberg gewidmeten 
Werke reichlichen Gebrauch davon macht. Indessen 
hat letzterer Umstand nicht sowohl darin seinen Grund, 
dass mit der Herbeischaffung und Benatzung der Ur- 
kunden keinerlei Schwierigkeiten verbunden waren, da 
doch meist nur das in Frankenberg selbst befindliche 
Material zur Verwendung kam, als vielmehr in dem 
Bedürfnis, die gerade hier überaus magere chronis- 
tische Ueberlieferung nach Möglichkeit zu vervollstän- 
digen. Wären ihm nicht nur für einzelne Partieen 
seiner Stadtgeschichte, sondern für das ganze Werk 
die chronistischen Quellen reichlicher zugeflossen, er 
hätte gewiss vollen Gebrauch von denselben gemacht, 



««) Monim. Hass. 11, 543. 

") Das. S. 524. — 88) Das. S. 544. 



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47 

tind es ist sehr fraglich, ob er dann ein so grosses 
Gewicht auf Ausnutzung der inhaltlich zumeist doch 
recht dürftigen Urkunden gelegt hätte. 

Hinsichtlich der Chronologie und der Zuverlässig- 
keit seiner Nachrichten für die gesammte ältere hessische 
Geschichte bis etwa zur Mitte des fünfzehnten Jahr- 
hunderts bietet Gerstenberg im ganzen nicht mehr 
Sicherheit als seine Quellen, da er mit wenigen Aus- 
nahmen ganz auf ihnen fusst. Er selbst deutet an, 
dass ihm die chronologischen Bestimmungen und die 
kürzere oder ausführlichere Darstellungsweise seiner 
Vorlagen Schwierigkeiten verursachten *^), und dies muss 
besonders lästig in solchen Fällen gewesen sein, wo er 
sich im Interesse der Vollständigkeit genöthigt sah, die 
Berichte verschiedener Chronisten, deren Angaben sich 
häufig nicht mit einander deckten oder an Unklarheit 
litten, zu einem Ganzen zu verschmelzen. Dass diese 
Versuche missglückten, beweisen z. B. seine Ausfüh- 
rungen über die Sternerfehde (Monim. Hass. II, 491 — 493), 
wo ohne Heranziehung urkundlichen Materials ein auch 
nur annähernd genaues Bild nicht gewonnen werden 
konnte. Dies hat Gerstenberg hier und anderwärts 
versäumt, wenn er auch gelegentlich Urkunden, die ihm 
gerade zur Hand sein mochten, so verwerthet, dass er 
ihren Inhalt mittheilt ^^). An eine Berichtigung der 
Quellenangaben durch letztere, wie sie z. B. fünfzig 
Jahre später Wigand Lauxe vereinzelt vornahm, ist bei 
unserem Chronisten nicht zu denken. Dass Gersten- 
berg übrigens neben zahlreichen Irrthümern auch viel 
Brauchbares in seine Darstellung mitherübergenommen 
hat, zeigen, um nur eines anzuführen, seine das hes- 
sische Fürstenhaus betreffenden genealogischen Angaben, 
die in der Hauptsache als zuverlässig gelten können; 



8») Ayrmann, Sylloge I, 8. — »») s. o. S. 3ö. 



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48 

auch an der ßegierungszeit, die er den einzelnen Land- 
grafen zuweist, ist wenig auszusetzen. Von Ludwig I. 
(1413 — 1458) an sind in dieser Beziehung seine alle 
Glieder des Fürstenhauses umfassenden Bemerkungen, 
die sich häufig sogar auf den Ort, das Monatsdatum 
und die Tageszeit erstrecken, mit sehr geringen Aus- 
nahmen zutreffend. Irrthümlich ist es z. B., wenn er 
die Vermählung des genannten Landgrafen iu das Jahr 
1433 setzt, statt, wie Rommel annimmt ^^), 1436; auch 
weiss er nichts von dessen Tochter Anna, die früh 
starh^^); von den Kindern Ludwig's II. erwähnt er die 
früh verstorbene Elisabeth nicht, setzt aber, wie be- 
reits erwähnt, vorsichtig hinzu, er könne nicht sagen, 
ob es mehr Kinder gewesen seien ^^). Auch sonst irrt 
er zuweilen in Beziehung auf Ereignisse, die seiner 
Zeit nicht allzu fern lagen: wenn er z. B. die Unter- 
werfung der Herren von der Lippe, von Büren u. a. 
unter Hessen bedingt sein lässt durch einen Feldzug 
des Landgrafen Friedrich von Thüringen im Jahre 
1448 ®*), der ausserdem 1440 bereits nicht mehr am 
Leben war (vgl. Bommel^ Gesch. v. Hessen IL Anm. 
S. 214 u. 188). Doch ist zu bemerken, dass er auch hier 
nicht gewillt ist, die Verantwortung für den grösseren 
Theil seiner Nachrichten auf sich zu nehmen ^^). 

Gerstenberg's Abneigung gegen eine selbständige 
Behandlung und Verarbeitung des Stoffes, die er 
übrigens mit vielen berühmteren Vertretern der histo- 
rischen Litteratur im ausgehenden Mittelalter theilt und 
die besonders in der engen Anlehnung an seine Ge- 



»») Gesch. von Hessen iL Anm. S.' 247. 
»«) Das. Anm. S. 248. 
«») Monim. Hass. 11, 544. Vgl. o. S. 46. 
»*) Das. S. 532. 

^^) Er setzt a. a. 0. hinzu: „Hir sagen etzliche'' und weiter 
tmten: „Desgüchki sprechin etzliche*^. 



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49 

währsmänner zu Tage tritt, zeigt sich auch sonst. iJie 
versteigt er sich zu dem Versuche, den Charakter eines 
Landgrafen auf Grund eigener Erfahrung oder doch der 
Kenntnis der Thaten desselben zu schildern; wo sich 
solche Charakterzeichnungen finden, wie z. B. die Hein- 
rich's I. (Monim. Hass. II, 424) und seines Sohnes Otto 
(S. 452), Hermann's IL (S. 490 f.), Ludwig's I. (S. 519 f.), 
sind sie ohne Zweifel den betreffenden Vorlagen ent- 
nommen. 

In dieser kompilatorischen Thätigkeit des Ver- 
fassers liegt auch der Grund für den Mangel an Eigen- 
art, den die Sprache fast durchweg zeigt: auch hier 
sklavische Abhängigkeit von seinen deutschen Vorlagen 
und, wo er auf eigenen Füssen steht, abgesehen von 
wenigen Ausnahmen dürftiges Aneinanderreihen der 
Tbatsachen, das im stärksten Gegensatze zu der reichen 
Gestaltungskraft eines Johannes Nohen oder der frischen 
Darstellungsweise eines Dietrich von Schachten®®), seiner 
Zeitgenossen, steht. Lässt sich doch überhaupt in 
beiden Chroniken kein einziges Mal die Anwendung 
von Bildern oder irgendwelches Bemühen des Verfassers 
um rhetorischen Schmuck nachweisen, kaum dass er 
sich einmal herbeilässt, ein Sprichwort zu gebrauchen®'^). 

lieber die wissenschaftliche Bildung und den geis- 
tigen Gesichtskreis des Chronisten sind wir zwar nicht 
in Wünschenswerther Weise unterrichtet, doch geben 
seine Arbeiten immerhin einigen Aufschluss. Dass er 
in Erfurt theologischen Studien obgelegen, ist bereits 
gesagt worden; Spuren hiervon finden sich in seinen 
Chroniken: er führt dort nicht nur öfter Bibelstellen 
an, die er dann zuweilen zum Ausgangspunkt für kür- 
zere oder längere geistliche Betrachtungen und Ermah- 

••) Vgl. über letzteren 0. Lorenx^ Deutschlands Geschichts- 
quellen IP, 95 und die Allgem. deutsche Biographie XXX, 486. 
•^) Ein solches findet sich z. B. bei Ayrmann S. 14. 

N. F. XVII. Bd. 4 



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50 

tiüTigen macht ^^), sondern zeigt auch Bekanntschaft mit 
exegetischen Schriften des Augustinus, Gregorius und 
Beda®^); einmal nimmt er auf das kanonische Recht 
Bezug ^*'**). Was seine humanistische Bildung betrifft, 
so kann man daraus, dass er einige römische Autoren 
citirt, nicht auf eingehende Studien schliessen, denn die 
oben genannten klassischen Schriftsteller sind durch- 
weg solche, die das ganze Mittelalter kennt, auf die 
der Blick nicht erst durch die Humanisten gelenkt 
worden ist. Tiefere Kenntnisse auf diesem Gebiete 
darf man selbstverständlich bei ihm nicht erwarten: 
die Begriffe, die er vom Alterthum hat, sind höchst 
seltsamer Art und gründen sich mehr auf die von ihm 
benutzten Lehrbücher der Weltgeschichte als auf ein- 
gehendes Studium der römischen Historiker selbst. Dass 
er die griechischen Schriftsteller, die er namhaft macht, 
im Original gelesen habe, daran ist vollends nicht zu 
denken *®^). üeberhaupt steht er in dieser Hinsicht 
genau auf dem Standpunkte, den der mehrfach erwähnte 
Nohen einnimmt. Bei beiden findet sich nicht die 
leiseste Spur einer den\ Geiste der hereinbrechenden 
neueren Zeit entsprechenden Auffassungsweise. Von 
diesem Standpunkte aus betrachtet, könnten Gersten- 
berg's Arbeiten recht gut zwei Jahrhunderte früher ent- 
standen sein. Nicht anders steht es mit seinem Aber- 



•8) Vgl. Aymiann 8. 40, 47, 100, 103, 120, 131 ; Monim, 
Hass. I, 44, 81, 110, 192 f., 194; II, 397 f.; Frankenb. Chron. 
Sp. 3, 70 u. s. w. In den meisten Fällen fügt er dem Texte der 
Vulgata eine gereimte Uebersetzung bei, deren Verfasser er selbst 
zu sein scheint; wenigstens giebt er Monim. Hass. I. 49, 122 und 
Ayrmann S. 16 f., 27 lateinische Verse und Ayrmann S. 36 so- 
gar ein Citat aus Aristoteles in deutschen Reimen wieder. 

»») Ayrmann S. 4, 5, 30, 61. 

»o«) Das. S. 46. 

***) Vergl. das lateinische Citat aus Aristoteles bei Ayr^ 
mann S. 36. 



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61 

und Wunderglauben. Auffallende Himmelserscheinungen 
sind ihm Vorzeichen von allerlei verderblichen Ereig- 
nissen, von Hungersnoth, Seuchen, Krieg u. s. w., und 
die Wunder der heil. Elisabeth erzählt er Dietrich von 
Apolda ebenso treuherzig nach wie der Legende die des 
Bruders Kurt von Hirlesheim, des heil. Wigbert und 
anderer. Mit dieser Auffassungsweise verträgt sich in- 
des recht gut die hohe Meinung, die er von der Buch- 
druckerkunst hat *®^), und ebenso der Umstand, dass er 
es für nöthig erachtet, in seiner thüringisch-hessischen 
Chronik auch der Entstehung deutscher Universitäten 
kurz zu gedenken ^^^). 

Eine weitere Schwäche liegt in seinen etymolo- 
gischen Spielereien, mag er nun selbst der Urheber 
oder nur der gläubige Nachbeter sein. Doch trifft 
dieser Vorwurf nicht Gerstenberg allein und seine Zeit- 
genossen : mit nicht viel besseren Mitteln machten sich 
später die humanistischen Geschichtschreiber — in 
Hessen Lauze — an die Aufgabe, alte Volks-, Per- 
sonen- und Ortsnamen u. s. w. zu deuten und auf diese 
Erklärungen historische Schlüsse aufzubauen. Es ist 
daher nicht gerade schlimm, wenn er die Stadt 
Wannfried mit Winfried in Verbindung bringt und den 
unweit davon liegenden Gehülfenberg seinen Namen 
daher haben lässt, dass einst Bonifatius an dieser Stelle 
gegen die heidnischen Sachsen göttliche Hilfe erfleht 
und erhalten habe ^®*), wenn er ferner in die Nähe von 
Hammenhausen ein altes Heiligthum des Juppiter Am- 
monius verlegt u. a. m. ^^^). 

Recht erfreulich ist dagegen sein Streben nach 
Wahrheit und Gerechtigkeit, das ihn vor absichtlicher 

>«) Monim. Hass. U, 545. 

>«») Vgl. das. S. 498 (Heidelberg), 504 (Köln), 509 (Erfurt). 

»w) Ayrmafm S. 108. 

»ö«) Frankenb. Chron. Sp. 7. 

4* 



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6ä 

Verdrehung der Thatsachen und vor jeder unbilligen 
Parteinahme bewahrt hat. Es ist ihm wirklich Ernst 
mit den Worten, die er im Eingange seiner grösseren 
Chronik sich zum Grundsatze gemacht hat: „Darin 
ist nichts unrecht eingesetzt noch unrecht abgebrochen 
noch die meinunge verwandelt, sondern als die materien 
und dinge verhandelt sein, rechtlich und in der war- 
heit ufgeschrieben" ^^*). Es fehlt ihm auch nicht an 
Muth, seine Meinung selbst über fürstliche Persönlich- 
keiten offen auszusprechen, w^o andere es für zweck- 
mässiger gehalten haben würden, zu schweigen: wie 
nachdrücklich tadelt er z. B. die Jagdliebhaberei Wil- 
helms III. und die Misswirthschaft während dessen 
Minderjährigkeit, wie zieht er über die Augendiener 
und Schurken her, welche die Stadt Frankenberg um 
ihr Eigenthum betrogen und es noch obendrein fertig 
brachten, dass dieselbe bei dem jungen Fürsten in Un- 
gnade fiel ^^'). Neben diesem schlichten und geraden 
Sinn zieht uns sodann noch die reine Liebe und Ver- 
ehrung an, die ihn mit dem angestammten Fürsten- 
hause verbindet; nirgends in seinen Werken leiht er 
zwar dieser Gesinnung lauten Ausdruck, aber sie ist 
doch aus seiner ganzen Darstellung deutlich herauszu- 
fühlen 108). 



»<>ö) Ayrmann S. 8. 

»OO Frankenb. Chron. Sp. 68 ff. 

"•) Nicht zum mindesten beruht dieselbe auf der hohen 
Verehrung, die er der heil. Elisabeth entgegenbringt. Vgl. Monim. 
Hass. II, 407, wo es heisst: «. . . . nachdem es (sc. das Hessen- 
iand) den rechtin erben gefulget hat al|v den herrn, die von dem 
heyiigen liebe sent Elyzabeth unde von enne kunniglichin eddelin 
binde geborin sint. Das sint bynamen die irluchten hochgepornen 
furstin unde herrn die eddelen hertzogen von Brabant, die sich dan 
hirnehist schriben lantgraven zu Hefien.'^ 



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53 



vif. 

Gerstenberg's Einfluss auf die spätere 
hessische Geschichtschreibung. 

Der Einfluss, welchen Gerstenberg auf die spä- 
teren Darstellungen der hessischen Geschichte ausgeübt 
hat, ist sehr bedeutend ; hierin kann dem Chronisten 
höchstens noch der sogen. Senckenbergische Anonymus 
an die Seite gestellt werden ^^^). Zunächst schloss sich 
ihm Wigand La uze in vielen Stücken, wenn auch nicht 
unbedingt und nicht ohne Zuhilfenahme anderweitigen, 
urkundlichen Materials an. Gerstenberg's Nachrichten 
bilden gewissermassen den Grundstock seiner Arbeit. 
Noch stärker tritt er bei dem Verfasser der sog. Con- 
geries'^®) und weiterhin bei dem hessischen Reim- 
chronisten in den Vordergrund ^^^), dessen Erzählung 
der Hauptsache nach nichts weiter ist als eine Wiedergabe 
Gerstenberg's in seinen beiden Chroniken und des er- 
wähnten Anonymus. Dies sind auch im wesentlichen 
die Quellen des geistlosen Abschreibers Joseph Im- 
hof^^2). Reicheres Material hat dagegen wieder Wil- 
helm Dilich ^^^j vorgelegen : neben Gerstenberg, dem er 
besonders für das dreizehnte und vierzehnte Jahrhundert 
folgt, benutzte er den Anonymus und ferner Lauze, 

^^) Herausgegeben von Senckenbergy Selecta juris et histo- 
riarum 111, 303 ff.. Diese Chronik ist, wie ich an einem anderen 
Oite nachzuweisen gedenke, nichts weiter als eine Kompilation 
aus verschiedenen Arbeiten des Johannes Nohen von Hersfeld. 

"<^) Zuletzt herausgegeben von Nebeltkau in der Zeitschrift 
für hess. Gesch. VH, 309 ff. 

^*') Zuletzt herausgegeben von Adrian^ Mittheilungen aus 
Handschriften und seltenen Druckwerken S. 136 ff. 

"') Herausgegeben von Hermarm MüUer in der Zeitschi*. 
f. preuss. Gesch. u. Landesk. XVIll, 389 ff. 

118) Vgl. über denselben J, Cäsar in der Zeitschr. f. hess. 
Gesch. N. F. YI, 313 ff. und in der AUgem. deutschen Biographie 
V, 225 f. 



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54 

der hier überhaupt zum ersten Male zur Geltung 
kommt, daneben hat er aber auch einzelne Nach- 
richten, die unbekannten Quellenschriften entnommen 
sein müssen. Auch bei dem letzten der hessischen 
Chronisten, jJoh. Just Win keim ann, ist der Ein- 
fluss Gerstenberg's noch deutlich wahrzunehmen, wenn- 
gleich er in vieler Beziehung noch reichere Hilfs- 
mittel zur Verfügung hatte als Dilich. Dieses Material 
bestand indessen nicht etwa in neuentdeckten heimischen 
Quellen, sondern mehr in Arbeiten, die inzwischen über 
einzelne Punkte der Geschichte Hessens und besonders 
der der Nachbarlande erschienen waren. Noch heute 
ist Gerstenberg nicht selten die einzige Quelle, die für' 
wichtige Abschnitte der hessischen Vorzeit, wenn auch 
nicht ausreichenden und untrüglichen, so doch immer- 
hin dankenswerthen Aufschluss giebt. 



Anhang. 
I. 

Wigand Oersienberg an Balthasar Schrautenbach, Ämt- 
mann in Giessen, Frankenberg 1517, Juni 30. 

Gerstenberg bittet Schrautenbach, durch Fürsprache bÄ der Land- 
gräfin die Belehnung des Magisters Heinrich Solde mit dem 
Altar der heil. Anna in der Pfarrkirche zu Frankenberg zu 
erwirken. 

Dem ernvesten unde achtbarn hern Baltasarn 
Schrutenbach, amptman zun Gifßen, mynem fruntlichen 
lieben hern*). 

Ernvester unde achtbar her amptman, myn ge- 

1517 ^^^^ unde willigen 'dinst alletzyt zuvor. Lieber herre, 

Jxinil6alß ich itzt kortzlich tercia post Viti mit uwer vesti- 



*) Aeussere Adresse. 



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t^yd gereth habe eynß altarß halber sancte Anne ge- 
legen zum Franckenberge in armario ecclesie parochi- 
alis, der praesente omnibus et ^ingulis computatis by 
2 gülden fallen hat unde nicht meer etc., nu biddet 
dif Per geynwirtiger her Hinrich Solde arciura magister *) 
umbe genanten altar unde sprichet he wulle en vast 
befßern by namen mit 20 gülden houptgelts. üff das 
nu der altar so gebessert mocht werden, so wil ich 
myner redde vergeftJen und fallen la(3en unde bitte 
uwer ernvestikeid dem genanten hern Hinriche frunt- 
lich unde furderlich zu syn, das myne gnedige frauw 
zu Hessen en wulle gnediglichen mit genantem altar 
versehen und presentirn. • Wil ich umbe uwer vestikeid 
gerne verthinen. Herkennet god der uch lange tzyt 
frolich sparen wulle. Datum Franckenberg tercia post 
Petri et Pauli anno domini MDXVH. Juni30 

Guigandus Gerstenberg genant Bodinbender priester. 
[Original. Staatsarchiv in Marburg.] 

II. 
Ein unediries Stück der Frankenberger Chf^otiik**). 

In sunderheid so panthin sie die lüde umbe born- S.31a 
holtz. Ob das selbe holtz wole bircken unde aspen 
worin unde in dem vorhultze an dem felde gehauwen was, 
so sprochin die schelke sie ensultin nicht da adder da 
holtz hauwen uff das sie nicht das wiltpret veriageden. 
Item panthin sie die lüde das sie in den weiden ire 
phee hutten unde sprochin wie das wiltpret sulde das 
graß essen. Alsus musten sich die lüde mit en umbe 
die pande vertragen. Aber die seibin schelke hegeden 



*) Studierte 1505 in Erfurt. Vgl. Stölxel a. a. 0. S. 34. 
♦*) Enthält die ausführliche Darstellung der Bedrängnis dei* 
Stadt, über die Faust in seiner Ausgabe Sp. 69 (vgl. Ayrmunn 
S. 671) mit den Worten hinweg geht: „Allhie wil ich übergehen, 
was der alte chronicus meldet . . .^ 



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56 

die wustenunge unde die gronde enselbers, wante dy 
gebur musten en das graiß mehin machin unde das 
hauw heym füren ad der verkoufftin das hauw. .Item 
darnach blebin die lüde mit deme mit dem (sie) phee 
in dem felde, da quatoen die dorffschultheyßin unde die 
lantknechte von Wulckerpdorfif von Geipmar von Rod- 
dena unde von andern gebiden unde panthin unde 
slugin die hirten darnidder unde sprochin das feit ge- 
horte in ire ampte. Itera dai-nach trebin die lüde das 
phee in ire eigin erpweßin alp uff der Nune in der 
Nuttze zu Beringepdorff zu HoltzhuPin in dem Bech- 
toldePheyne unde der glichin, do panten die schelke 
unde sprochin wy das die kuwe epen die eichein die in 
dy wepin gevallen weren von den eichinboymen, wy 
wole dicke und vile keyne eichele darselbis gewafßen 
war. Item panthin sie die lüde darumbe das sie das 
wafPer in ire wepin karten unde sprochin die schelke 
wy das die fische musten sterben darumbe das en das 
wafPer uP der Edern unde uP der Nune genummen 
wurde unde deP zuwenick hettin. Item der schult- 
heiPe von Rodenauw nam sich an alleß verthedings 
unde bufpe bip in den bach tzusschin dem Gorgenberge 
unde der Nuwenstad. Item der von Firmyn nam eß 
sich an bip vor die Tzidderbrucken^ Item der schult- 
heipe von GeiPmar nam eP sich ane bip widder die 
garten vor der Geipmarporten. Item die knechte zu 
WulckerPdorff namen ep sich ane biP vor die Flutarcken 
I. wilchs dan alle gelogin was, nachdeme male Francken- 
berg das eldeste sloP unde ampt ist in all dufPer 
plege so mag man wole mircken das | eß auch dinst 
gerechtikeyd unde zugehorunge hat. Auch mag man 
sulche login mircken^ alp man dan beschrebin findet, 
wie das bischoff Gerlach zu Menttz habe den lantgraven 
angesprochin umbe das nuwe halpgerichte (das itzunt 
an der Margburger strafpe stehit), wy das selbe sulte 



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57 

uff deß bischoffs eygenthura stehin, unde so er das 
nicht mochte bybrengin, da behilt der lantgrave sulch 
gerichte mit rechte*). Item was die stad adder der 
raith zu schicken hatte da tzogin sich die hernknechte 
yn unde machten eß nach erem gevallen widder der 
stad gemeynen nottz. Item namen der stad Ire gemeyne 
unde tzunten sie yn. Item die schelke fingen die lüde 
in dem felde unde furtin sie bo sie eynen boym funden, 
da hingen sy die lüde unde worgetin sie unde schattz- 
stin en ire narunge abe. Item die seibin schelke ver- 
lettzstin die bürgere in der stad unde tzogin sie in die 
keller unde slugen sy darynne. Item die schelke fingen 
die bürgere in der stad unde furtin sy geyn Margburg 
in den torn. Item die schelke drungen die lüde das 
sie suitin ire tochtere unde ander frauwepnamen en 
zu der ee geben unde dardurch brochtin sie das fulck 
auch umbe vil narunge. Item slugin sie die lüde uff 
der straPe in der stad darnidder unde stochin sie uff 
die kyrmefßentage in der fryheyd. Item die schelke 
namen sich ane geistlicher dinge alp eesache unde 
ander das alleyn vor die geistlicheid höret unde ver- 
drungen unde veriagedin die lüde. Item namen sie 
sich ane die priesterschafft zu straffin unde namen den 
priestern ir phee unde daden en vil ungemachs ane, 
dartzu den terminarien unde den ordensluden alß den 
von Heyne von Weßintfelt vom Gorgenberge unde hir- 
nehist den sustern unde legedin vil gewalt unde Un- 
rechts an die geistlichin lüde unde namen en ire na- 
runge. Item die schelke unde jegere namen den von 
Franckenberg zu tzween maln ir phee unde musten eß 
die lüde gar dur widder loßin. Item namen sie den 
bürgern ire acker garten unde erbe mit gewalt. Item 
namen sie den luden ire hemel uß den perchin. Item 



♦) Vgl. Frankenb. Chron. Sp. 43 (z. J. 1365;. 



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58 

begingen sie vil schalkheyd mit den scheffern unde mit 
iren hunden. Item dadin die schelke den luden ver- 
derplichin großen schaden an iren fruchten uff dem 
felde, da sie dan steideP mit iren hunden durch tzogen 
zu fu|5e unde zu pherde liffin unde ranthen unde ver- 
terbetin die fruchte. Item gingen die schelke den 
luden zu hul3e unde boden schoffe körn keße unde 
allep das die lüde in iren hußen hatten unde wer en 
nicht gab, den belogin sie unde brochtin en tzehin- 
falt darumbe. 



-o-^^^ 



Zweiter Abschnitt. 



Einleitung. 

Gerstenberg hat keineswegs in dem Masse wie 
etwa Johannes Rothe auf dem Gebiete der thüringischen 
Historiographie alles, was bis dahin über die heimische 
Geschichte niedergeschrieben worden war, in seine 
Chroniken herübergenommen, denn zwischen letzteren 
und den Arbeiten des etwa gleichalterigen Johannes 
Nohen, der im ganzen dieselben Zeiten und dieselben 
Personen behandelte, finden sich kaum einige dürftige 
Berührungspunkte. Diese an sich befremdende Er- 
scheinung hat ohne Zweifel darin ihren Grund, dass 
der Hersfelder Chronist mehr aus niederhessischen 
Quellen schöpfte, während Gerstenberg's Nachrichten zum 
guten Theile aus Oberhessen stammen. Trotzdem ist 
letzterer von grösserer Wichtigkeit für die Kenntnis der 
hessischen, als Rothe für die der thüringischen Historio- 
graphie, da Rothe's Quellen fast sämmtlich noch erhalten 



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59 

sind, während dies bei dem hesssischen Chronisten 
nicht zutrifft. Gerstenberg's Bedeutung steigt aber 
noch beträujhtlich, wenn man ihn mit seinem eben ge- 
nannten Landsmanne vergleicht: er macht nämlich, 
wenn auch nicht immer, so doch in den meisten Fällen 
seine. Quellen namhaft und leistet somit gewissermassen 
dafür Gewähr, dass, wie er auch ausdrücklich ver- 
sichert, die geschichtliche üeberlieferung durch ihn 
keine Trübung oder Entstellung erfahren hat***). Mag 
er auch seine Vorlagen, wo sie ihm wegen ihrer weit- 
läufigen Fassung in die meist knappe Form seiner 
Darstellung nicht zu passen schienen, gekürzt und die 
chronologischen Fragen bisweilen im Widerspruch mit 
seinen Quellen selbständig zu lösen versucht haben, 
so ist er trotzdem von ungleich höherer Bedeutung als 
Nohen, der nicht das geringste Gewicht auf Nam- 
haftmachung seiner Quellen legt und uns dadurch ausser 
Stand setzt seine Mittheilungen nach dieser Seite hin 
zu kontroliren. Gerstenberg giebt somit, um es kurz 
zu sagen, unter den hessischen Chronisten, von denen 
hier überhaupt nur Wigand Lauze und höchstens noch 
Wilhelm Dilich in Betracht kommen können, das ver- 
hältnismässig treueste und vollständigste Bild der älteren 
Historiographie, und eine jede Untersuchung über letz- 
tere wird von ihm auszugehen haben. 

II. 
Johannes Riedesel und seine Chronik. 
Riedesel's Aufzeichnungen, die von 1233 bis etwa 
1330 reichen ^^% beschäftigen sich, soweit dies aus den 



*") S. 0. S. 52. 

"*) Auf diesen Eodtermin weist eine Reihe von Nachrichten 
der Frankenb. Chron. 8p. 88, wo am Schlosse Riedesel und für einen 
Iheil der Mittheilusgen die Limborger Chronik als Quelle angegeben 
ist. Die Bemerkung über die Wiedereiolösung von Frankenberg im 



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bei Gerstenberg erhaltenen Bruchstäcken zu erkennen 
ist, fast ausschliesslich mit der Geschichte des hes- 
sischen Fürstenhauses : die Ankunft der Herzogin Sophie 
von Brabant in Hessen, ihr und ihres Sohnes Empfang, 
ihr Zug nach Thüringen, ihr vergebliches Bemühen um 
die Erwerbung dieses Landes und schliesslich ihr Re- 
giment in Hessen, — alles dies wird, z. Th. eingehend, 
dargestellt. Dann wendet sich der Chronist den Thaten 
Heinrich's I. zu und schildert mit besonderer Ausführ- 
lichkeit die Streitigkeiten mit Mainz und die Säube- 
rung des Landes von Raubschlössern ; weitläufig werden 
auch die Zwistigkeiten zwischen dem Landgrafen und 
seinem ältesten Sohne Otto und deren Beilegung er- 
zählt. Otto, den Riedesel als einen weisen und milden 
Herrscher preist, tritt dann ausschliesslich in den 
Vordergrund, indem seine Fehden mit Mainz, Nassau 
und Braunschweig eingehende Berücksichtigung finden. 
Ausser kriegerischen Ereignissen erwähnt Riedesel hin 
und wieder auch die Vergrösserung des Gebietes ^^% Ver- 
träge *^'), von den Landgrafen unternommene Bauten ^^®), 
Theuerungen, Seuchen ^^^) u. s. w. 

Ueber die Person des Chronisten wie über seine 
Lebenszeit giebt Gerstenberg, der nichts weiter als den 
Namen nennt, keinerlei Auskunft, und es wird schwer- 
lich gelingen, hierüber völlige Klarheit zu schaffen, 
wenngleich die von Gerstenberg mitgetheilten Bruch- 
stücke aus der Chronik desselben einzelne, wenn auch 



Jahre 1330 stammt ohne Zweifel aus Riedesel, während die Nach- 
richt von dem Treffen bei Gudonsberg (1350) der Limburger Chro- 
nik entnommen ist, wie die Darstellung des letzteren Ereignisses 
in Gerstenberga thüringisch-hessischer Chronik S. 481 f. beweist. 

"•) Monim. Hass. H, 432, 458. 

"^ Das. & 416, 429, 435, 439, 451, 456. 

"8) Das. S. 412 f., 432, 448, 451, 457, 

"») Das. S. 413, 448 f. 



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dürftige und nur mit Vorsicht zu verwerthende An- 
haltspunkte bieten. Es finden sich nämlich gewisse 
Andeutungen, die auf eine geraume Zeit nach den Er- 
eignissen erfolgte Abfassung der Chronik hinweisen ; 
indessen ist von vornherein die Möglichkeit nicht ganz 
ausgeschlossen, dass dieselben in der Vorlage sich nicht 
fanden, sondern Zusätze Gerstenberg's sind. 

Zunächst ist es selbstverständlich, dass Riedesel 
nicht die ganze von ihm behandelte Zeit (von einem 
Jahrhundert) erlebt haben kann ; sodann findet sich 
überhaupt in sämmtlichen Bruchstücken keine einzige 
Andeutung, dass der Verfasser einmal als Augenzeuge 
berichtet, wenn schon einzelne Vorgänge ziemlich ein- 
gehend geschildert werden : man vergleiche Monim. 
Hass. II, 416 — 418 die Erzählung von dem Schwüre des 
Markgrafen Heinrich und seiner Mannen und S. 427 — 429, 
besonders 429, die Darstellung des Sieges Heinrich 's I. 
über Erzbischof Werner von Mainz (1277). — Die für 
unsern Zweck hauptsächlich in Betracht kommenden 
Stellen sind folgende: 

S. 378 heisst es zum Jahre 1232 von Fritzlar: 
„want alß Johan Rytefsel schribet in syner cronicken, 
so was die stad vorhinne großer dan sie itzund ist." 
Ohne Zweifel bezieht sich dies nicht auf eine Be- 
schreibung Fritzlar's durch Riedesel, sondern nur 
auf eine gelegentliche Bemerkung desselben über den 
Umfang der Stadt vor seiner Zeit. 

S. 383 berichtet Riedesel von der Verbrennung 
der Ketzer hinter dem Marburger Schlosse und fährt 

fort: „ darumbe heißet es noch in der 

Ketzerbach". 

S. 399: „Unde darumbe so wart dem frummen 
jnngen herrn (sc. Landgraf Hermann von Thüringen) von 
den eddelluten vergeben unde man sprichet, eP 
sie zu Wetter gescheen. Alsus schribet Johannes Ryd- 



ä i 



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62 

eßel in siner cronicken." Dies können nur Worte 
Riedesels sein, der, sich auf Hörensagen stützend, eine 
falsche Angabe macht, denn thatsächlich starb Her- 
mann in Kreuzburg. 

S. 412: „ unde (sc. Sophie) understunt eyn 

nuwe slos uff eynen bergk geyn Blancksteyn zu buwen 
unde heißit nach hude bitage uff der Nuwen- 
burg." 

S. 416: „.. .... unde (sc. Sophie) versatzste eme 

die stad Wildungen vor 700 marg sweren phennige, 
wilche stad zu vil getzyten ist geheißchin wurden widder 
zum lande zu Heßen zu stellen, das dannoch nicht 
gescheen ist. Alsus schribet Johann Ryteßel in seiner 
cronicken." Zunächst irrt der Chronist hinsichtlich der 
Verpfändung von Wildungen durch Sophie: vgl. Bommel^ 
hess. Gesch. I, 316 f. und Varnhagen^ Grundlagen der 
waldeckischen Gesch. I, 301 — 303. Ferner wurden, 
soviel bekannt, die hessischen Ansprüche auf die ge- 
nannte Stadt nach 1294 erst wiede» 1347 und 1368 
geltend gemacht ^^^). 

S. 462 f. ist (z. J. 1327) von einer Niederlage 
der Marburger Bürger die Rede. Der Chronist fährt 
dann fort: „Duß geschach als man schreib nach gots 
geburt 1327 jare uff sontag vor pinxsten genant Exaudi, 
unde er bleib so vil toit, das man nach alle jare 
derselbin begenckeniße heldet mit vigilien 
unde selemeßen zu den predigerherrn zu 
Margburg." Dieses und das gleich darauf folgende 
Datum (uff unsers hern lichenams tag) sind die einzigen 
genauen Zeitbestimmungen, welche in den von Gersten- 
berg angeblich aus Riedesel entlehnten Stücken vor- 
kommen. 

Die mitgetheilten Stellen zeigen, falls sie von 
Riedesel selbst herrühren, was bei den meisten wahr- 

»«0) R(ymmel, a. a. 0. 11. Anm. S. 67. 



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63 

scheinlich ist, aber durchaus nicht sicher nachgewiesen 
werden kann ^^^), und nicht Zusätze und Bemerkungen 
Gerstenbergs sind, dass die Nachrichten geraume Zeit 
nach den Ereignissen und nicht gleichzeitig mit diesen 
niedergeschrieben wurden. 

Für eine spätere Abfassung der Riedesel'schen 
Chronik sprechen bestimmter die Ungenauigkeiten, die 
sich zuweilen finden: schon oben wurde auf den Irr- 
thum hinsichtlich der Verpfändung von Wildungen 
hingewiesen; auch leidet die Darstellung des hessisch- 
thüringischen Erbfolgestreites an erheblichen Mängeln ^-^). 
Ebenso äussert sich Riedesel in einzelnen Fällen über 
den Inhalt von Verträgen nicht in allen Stücken zu- 
treffend >23). 

Ziehen wir aus dem Gesagten den Schluss, so ist 
es wahrscheinlich, dass die Abfassung der Chronik ge- 
raume Zeit, vielleicht einige Jahrzehnte nach 1330 fällt. 
Die Quellen mögen grossentheils mündliche, in einzelnen 
Fällen auch schriftliche gewesen sein ; manches hat 
Riedesel wohl auch selbst miterlebt. 

üeber die Person des Verfassers wissen wir nichts 
Sicheres. In den hessischen Urkunden aus dem letzten 
Jahrzehnt des dreizehnten und der ersten Hälfte des 
vierzehnten Jahrhunderts wird unter den Zeugen häufig 
ein Johannes Riedesel, meist mit der Bezeichnung 
miles oder Ritter, genannt ^^^). Ob wir es hier mit 

*") Zieht man in Betracht, dass Gerstenberg eine Zeit lang 
als Priester in Marburg lebte, so gewinnt die Annahme sehr an 
Wahrscheinlichkeit, dass wenigstens die oben mitgetheilte Notiz 
von den Vigilien und Seelenmessen, die dort alljährlich für die 
Gefallenen gehalten werden, von ihm herrührt. Vergl. S. 506 die 
Bemerkung über eine päpstliche Absolution, „die man zu Margburg 
nach hat." 

•") Vgl. Ilgm und Vogd a. a. 0. S. 167 und 178. 

*'") Siehe die Ausführungen am Schlüsse dieses Kapitels. 

"*) Ein Joh. ßiedesei kommt meines Wissens zuerst im 
Jahre 1246 vor, wo er als miles bezeichnet wird {Wenck lU. XJr- 



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64 

einer oder mehreren Personen zu thun haben, komint 
für unsere Zwecke ebensowenig in Betracht, wie die 
Frage, welcher Ritter Johannes Riedesel der Vater eines 
gleichnamigen Geistlichen war, der zwischen 1334 und 
1341 als Hofmeister eines Grafen von Ziegenhain mit 
einem Empfehlungsschreiben und wichtigen Aufträgen 
des Landgrafen Heinrich H. zum Papste Benedikt XII. 
reiste ^^^). An und für sich kann sowohl der Geistliche 



kundb. nr. CXCII); ferner 1296 (das. II. Urkdb. nr. CCXXXIX), 
1297 (das. III. nr. CXCVI; IL ur. CCXL u. CCXLIl), 1304 (das. 
nr. CCLIV), 1312 (das. nr. CCLXXIl als miles), 1321 (Hess, ür- 
kundenbuch, herausgeg. von Artkur Wyss II. nr. 392: Johannes 
niiles cognominatus Ritesel mit zwei Söhnen. Johann und Heinrich; 
erwähnt werden ausserdem minderjähiige Söhne und Töchter des 
ersteren), 1328 (Hess. Urkunden, herausgeg. von Ludung Baur^ 
I. nr. 521 : strenuus miles Johannes dictus ßithesil; hier werden 
auch die treuen Dienste erwälmt, die dieser dem Landgrafen Otto 
leistete), 1330 (das. nr. 739: Johannes Rythesel miles), 1333 Hess. 
Urkundb. II. nr. 586: her Johan Rj^etesel lyttere und her Johan 
Ryetesel pherner zu Grünenberg), 1333 (das. nr. 588: strenuus et 
famosus vir dominus Johannes Rythesil miles; dessen Gattinnen 
Hedwig und Mechtilde), 1336 (das. nr. 630: strenuus miles domi- 
nus Johannes dictus Rithesil), 1336 {Wenck II. nr. CCCXXXllI: 
Herr Joh. Ryetesel, ritter), 1337 {Brückner^ Henneberg. Urkunden- 
buch II, nr. XLVI: Johan Riethesil, ritter). Ausserdem erwähnt 
Landau^ Ritterburgen IV, 2 aus 1309 einen Ritter Johannes Ried- 
esel als Schultheissen von Frankenberg, sowie dessen Gemahlin 
Hedwig. Ebenso war ein Johannes Riedesel als Schiedsrichter bei 
den Streitigkeiten zwischen Landgraf Otto und Erzbischof Matthias 
von Mainz betheiügt: vgl. die Urkunde vom Jahre .1324 bei 
Qudenus^ Cod. diplom. tom. III. p. 219. Eine andere Person ist wohl 
der 1353 vorkommende Johann Riedesel, Sohn des Johann, ge- 
nannt von der Huntzpach (Hess. Urknndb. II. nr. 888) und der in 
einer Urkunde v. J. 1359 erwähnte Ritter Johann Riedesel, Amt- 
mann in Homberg a. d. Ohm (das. nr. 987). Mit letzterem scheint 
der Ritter Joh. Riedesel identisch zu sein, der urkundlich (bei 
Baur^ Hess. Urkunden I. nr. 920, Note zu nr. 841 u. zu nr. 1039) 
in den Jahren 1357, 1361 und 1370 .vorkommt. 

»") Das Schreiben ist gedruckt bei Schannat^ Vindem. lit- 



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r 



65 



wie der Bitter Verfasser einer Chronik sein ^^% denn eä 
ist, wie die Geschichte der deutschen Historiographie 
im Mittelalter zeigt, nichts Ungewöhnliches, dass vor- 
nehme Laien in vorgerückten Jahren geschichtliche Auf- 
zeichnungen machen. Es hat sogar die Annahme viel 
ffir sich, derjenige Johannes Riedesel möchte der Chronist 
sein, der das besondere Vertrauen des Landgrafen Otto 
besass und von ihm zum Schiedsrichter in den Streitig- 
keiten mit Mainz bestellt wurde, der ferner nach dem 
Bekenntnis Heinrich's IL dessen Vater Otto zahlreiche 
wichtige Dienste leistete; diese Vermuthung gewinnt 
sehr an Wahrscheinlichkeit, wenn man in Betracht 
zieht, dass der Chronist das Bild Otto's besonders 
scharf zeichnet und ihn trotz der Streitigkeiten mit 
seinem Vater als gottesfürchtigeh Mann und trefflichen 
Fürsten preist. 

Ebenso schwierig zu beantworten ist die Frage 
nach der ursprünglichen Gestalt und dem Umfange der 
Chronik. Gerstenberg citirt dieselbe in seiner thürin- 
gisch-hessischen Chronik 30 mal und mit einer Aus- 
nahme nur in solchen Fällen, wo es sich um hessische, 
bezw. thüringisch -hessische Verhältnisse handelt ^*'). 



terar. Coli. II, 126 f. Der Hofmeister wird das. S. 127 als Jo- 
hannes natus Johannis Ryetesel-militis bezeichnet. 

***) Auf diese Möglichkeit weist Wenek^ Hess.Landesgesch. 
L p. Vm und Note 1 hin. Vergl. auch Ö. Landau^ Die hess. 
Ritterburgen und ihre Besitzer IV, 2. 

>") Monim. Hass. II, 378, 384, 399, 411, 412, 413 (2 mal), 
416 {2 mal), 418, 424, 429, 431, 432.(2 mal), 434, 435, 436, 437, 
439, 445, 448, 449, 451, 453, 457 (2 mal), 458, 462, 463. Auch 
in der Frankenb. Chronik wird Sp. 25 (wo Riedesel's , Historie'' 
oder „Historien'* citirt werden), 27, 30 (wo der Herausgeber die 
Quellenangabe ausgelassen hat), 32, 37 und 38 auf lüedesel Bezug 
genommen. Säramtliche Stellen kommen abgesehen von der letzten 
auch und zwar in ausführlicherer Fassung in der thür.-hess. Chro- 
nik vor. Doch hat Gei-stenberg, wie dies schon aus dem Umstand 

N. F. Bd. XVII. 5 



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66 

Da Gerstenberg in seiner Chronik nicht selten auch 
Dinge berührt, die zu seiner eigentlichen Aufgabe nicht 
in Beziehung stehen ^^*), so kann man wohl annehmen^ 
dass er Biedesel auch bezüglich anderer als hessischer 
Angelegenheiten hier und da zu Bathe gezogen haben 
würde, wenn dieser sich nicht fast ganz auf Hessen 
beschränkt hätte. Es ist also Riedesel's Chronik wohl 
eine hessische, und nur der Anknüpfung wegen werden 
in ihr, wie auch W^enck vermuthet ^^^), die letzten Zeiten 
der thüringischen Herrschaft über Hessen behandelt '^). 
Nicht leicht ist es dagegen wieder, über den Umfang 
der Chronik etwas Gewisses zu sagen, denn Gersten- 
berg citirt Biedesel nicht Jahr für Jahr, sondern mit 
Unterbrechungen, so z. B. 1242, 1246, 1247, 1250, 
1277, 1286, 1288, 1293. Bei einer Chronik, die wie 
die Limburger naturgemäss Vieles bringen muss, was 
Gerstenberg für seine Arbeit nicht verwerthen konnte, 
wäre ein solches Verfahren des letzteren keineswegs auf- 
fallend, aber Biedesel gegenüber liegt die Sache anders. 
Entweder hat die Chronik des letzteren nicht viel mehr 
enthalten als das, was Gerstenberg wiedergiebt, oder 
dieser hat da^ wo sich zugleich bei Biedesel und bei 
anderen Chronisten Berichte über dieselben Ereignisse 
fanden, mitunter nur letztere benutzt. Es wäre aber 
jedenfalls auffallend, wenn Gerstenberg über hessische 



hervorgeht, dass eine aus Riedesel entlehnte Stelle der Franken- 
berger Chronik in seiner grösseren Arbeit nicht nachgewiesen 
werden kann, nicht die betreffenden Stellen seines erstgenannten 
"Werkes aus der thür.-hess. Chronik verkürzt herübergenommen. 

»") S. 0. S. 25 und 31. 

"») A. a. 0. p. VlII. 

"*) Abgesehen von der Monim. Hass. II, 378 sich findenden 
Stelle über Fritzlar, die möglicherweise im Zusammenhang mit der 
Eroberung der Stadt durch Landgraf Konrad (1232) steht, ist S.383 
von Konrad von Marburg und S. 399 von Landgraf Hermann von 
Thüringen und dessen Tod die Rede. 



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67 

Verhältnisse in erster Linie nicht Riedesel zu Rathe 
gezogen hätte, vorausgesetzt, dass dieser Auskunft geben 
konnte. Auf der anderen Seite wieder darf man nicht 
ausser Acht lassen, dass Gerstenberg häufig ganz über 
seine Quellen schweigt oder es versäumt, bei überein- 
stimmenden Angaben verschiedener Gewährsmänner die 
Berichte derselben auseinanderzuhalten ^^'): bisweilen 
nennt er, wo er zwei Vorlagen hatte, nur eine '^^), und 
nur einmal, bei starker Abweichung Riedesel's von der 
Thüringer Chronik, merkt er dies ausdrücklich an ^^). Es 
ist also recht gut möglich, dass er hier und da Riedesel's 
Nachrichten allein oder vermischt mit Bestandtheilen 
anderer Quellen benutzt hat, ohne hiervon Mittheilung 
zu machen. Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, 
dass wir gar nicht in der Lage sind, bestimmt nachzu- 
weisen, wieweit Gerstenberg seine Vorlagen gekürzt 
wiedergegeben hat ^^). Wenn auch die knappe Fassung 
der Limburger Chronik von letzterem im Ganzen unver- 
ändert gelassen wurde, bedingt dies keineswegs ein 
ähnliches Verfahren des Chronisten in Bezug auf die 
eingehendere Darstellung in der Arbeit Riedesel's. — 

Neben Gerstenberg muss auch Lauze aus Riedesel 
geschöpft haben. Lauze pflegt im Gegensatz zu den 
früheren Partieen seiner Chronik bei der Darstellung 
der hessischen Geschichte seit Heinrich L seine Vorlagen 
sehr selten zu nennen ^^^) ; nur wo er bekannte und 

>«•) Vgl Monim. Hass. II, 412, 415, 431, 449 u. o. S. 40 f. 

>««) Vgl. z. B. thür.-hess. Chron. a. a. 0. S. 409 f. („Nu 
worin etzliohe — tzweydracht'') mit Frankenb. Chron. Sp. 27. In 
letzterer wird Riedesel, in crsterer die Thüringer Chronik als 
Quelle angegeben. 

»«) Monim. Hass. II, 399. Vgl. o. S. 44. 

'") Dass er überhaupt gekürzt hat, ist S. 37 bereits erwähnt 

iRsj Ygi jjgQ ei-steu, noch ungedruckten Band seiner Chro- 
nik. Die Originalhandschrift ist in der Stand. Landesbibliothek in 
Kassel (Mss. Hass. in fol. nr. 1). 

5* 



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66 

berühmte Namen wie Nauelerus, Irenicus, Bruschius 
u. s. w. aufzählen kann, verschmäht er es auch hier 
nicht. Aeussert er sich aber einmal über eine Quelle, 
80 thut er dies in der Regel ziemlich allgemein. S. 247 
spricht er von hessischen Jahrbüchern, S. 239 von einer 
fuldischen Chronik, S. 250 von einem fuldischen Chrono- 
graphen ; anderwärts wieder nennt er zwar Namen, ver- 
säumt es aber, den Titel des betreffenden Werkes be- 
stimmter anzugeben. Einige Male erwähnt er Johannes 
Nohen von Hersfeld, aber nur an einer Stelle bezeichnet 
er die Vorlage genauer ^^^); Gerstenberg, den er neben 
Nohen sehr häufig benutzt hat, nennt er im ganzen 
nur 4 maP^'), wo er, nach dem Inhalt der Citate zu 
urtheilen, dessen thüringisch-hessische Chronik im Äuge 
gehabt haben muss. Da nun Riedesel nirgends von ihm 
erwähnt wird, so liegt zunächst freilich die Annahme 
nahe, dass da, wo Lauze mit dem genannten Chronisten 
übereinstimmt, Gerstenberg der Vermittler ist. That- 
sächlich lassen sich die meisten Stücke bei Lauze, die 
nur aus Riedesel stammen können, nahezu in der 
gleichen Fassung bei Gerstenberg nachweisen. Einmal 
nennt Lauze letzteren sogar als Quelle, wo sich dieser 
auf Riedesel beruft. Indessen ist zu bemerken, dass 
Lauze hier, wie sich aus nachstehender Zusammen- 
stellung ergiebt, vielfach doch von seiner Vorlage ab- 
weicht und noch anderweitige Quellen gehabt haben 
muss. 

Gerstenberg (Monim. Lauze I, 240a. 
Hass. II, 433 f.). 

Bie dißen getzyten wo- ümb diese zeit waren 

ren in dem lande zu Heßen irer noch viel vom adel im 

vile roupsloße unde mort- land zu Hessen, welche alle 

kuten, die dan ire lehene freiherrn sein und ire lehen 

»«») S. 290a. 

'•^ S. 29 a, 95a, 236, 240a. 



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69 



nicht umbe den fursten erit- 

phaen wulden, sundern sie 

woren des larits fygent, etz- 

liche uffenberliche, etzliche 

heymelichin, die bestreid 

der lantgrave unde gewan 

sie, etzliche brach er zu 

gründe nidder, etzliche be- 

satzste er mit den synen 

unde in sunderheit duße 

nachgeschrebin 18 sloße 

Blancksteyn , die tzwey 

Hoenfelßche, die tzwey Gu- 

denberge , den Keßeberg 

uff der Eddern, Aldenburg, 

Ruikirchen , Rudelßen, 

Swartzenberg, Helffinberg, 

Wulffeshußen , Ruckers- 

hußen, Landeßburg, Czi- 

genberg, Pederßheyn, ül- 

richsteyn unde Eyßenbach. 

Alsus schribet Johan Ryt- 
eßel in syner chronicken. 



vom landgraven nicht em- 
phoen wqlten, denn sie 
hatten zuvor, da die land- 
schafft one ein gewiß hjiubt 
gewesen, viel dorffer zu 
sich gezogen, welche ims 
(sie) furstenthumb und 
nicht inen zugehorten, der- 
halben hat sie der land- 
grave überzogen und aus 
dem lande vertrieben, und 
werden furnemlich diese 
von herr Wigand Boden- 
bendern vom Franckenberg 
benent : Wolffe von Guden- 
berg, die Gieren von Guden- 
berg, die Resen von Guden- 
berg, die von Blancken- 
stein, Keiserberger, Ruel- 
kircher, Helffenberger, Ul- 
richsteiner, Eisenbecher und 
andere mehr, die Guden- 
berger für sich selbs haben 
gethan was sie schuldig 
waren und seind im lande 
blieben, dergleichen auch 
die Wolffe von Gudenberg, 
aber die Resen und Gieren 
seind an Rheinstraum ko- 
men, die anderen haben 
sich in andere lender bge- 
ben (sie) müssen. 



Wichtiger sind zwei andere Stellen bei Lauze 
(S. 240 f. und 243 f.), wo dieser ausführlicher als Ried- 
esel bei Gerstenberg (S. 427 ff., 456 f. und 462 f.) ist 
und in Einzelheiten von letzterem abweicht. Es liegt 
also die Frage nahe: hat Lauze hier Riedesel in an- 
derer Gestalt vor sich gehabt als in der Fassung bei 
Gerstenberg, oder hat er noch anderweitiges Quellen- 



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70 



material benutzt und auf Grund desselben die Erzählung 
Riedesel-Gerstenberg's vervollständigt, bezw. berichtigt? 
Betrachten wir zunächst die zweite Stelle, welche 
Nachrichten über den Zwist Landgraf Otto's mit Erz- 
bischof Mathias hinsichthch der mainzischen Lehen in 
Hessen enthält. Lauze hat hier, wie es auf den ersten 
Blick scheint, Riedesel-Gerstenberg vor sich gehabt, seine 
ausführliche Erzählung ist indes, wie die nachstehende 
Zusammenstellung zeigt, daneben z. Th. wenigstens 
aus anderen Quellen geflossen, mögen dies nun Urkunden 
oder eine auf letzteren beruhende Darstellung gewesen 



sein. 



Gerstenberg. 



S. 456 f. 
Darnach sprach der 
bischofif [Peterjwidder dißen 
fursten ane umbe die leen- 
schafft die lantgrave Johan 
vom stifft zu Mentz gehabt 
hatte unde sprach: nach- 
dem male syn bruder sun- 
der libes erben verstorben 
were unde das lant ver- 
teilt were, so weren die 
lehene dem stiffte ledig- 
lichin verfallen. 



so antwerte der lant- 
grave, wy das das lant 
unde die lehenschafift nach 
nye verdeylt gewest were, 
sundern syn vater seliger 
hette tzußchen en eyne 
mutschar gemacht, auch 
pb es sqbone verdeilt ge- 



Lauze I, 243 f. 
Anno etc. 1323. 
Das 7. Capitel. 
Mathias grave von Buch- 
eck ein Burgundier «und 
monch S. Benedicti ordens 
zu Maurbach im Elsaß, 
volgents ertzbischoff zu 
Meintze, kam auf den whan, 
nochdem weiland landgrave 
Johan one manliche leibes- 
erben verstorben, weren 
seine leben so er und seine 
voreitern von dembisthumb 
Meintze zu lehen getragen, 
ime und gemeltem ertzstifft 
als verledigte lehen heim- 
gefallen, dagegen hielt es 
der landgrave dofur: weil 
angezeigte lehen durch 
rechtmessige und besten- 
dige erbschafft an seine 
voreitern kommen, davon 
er auch allerlei alter und 
glaubwirdiger urkhunde für 
konte legen^ das dor^a in 



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71 



West were (des doch nicht 
was), so hoefte he das in 
rechtin nicht herkant sulde 
werden, das eyner an libes 
erben storbe der eynen 
natarlichen lebenigtn bru- 
der nach eme liße, ydoch 
so wulte he synß rechtin 
by dem Romschin riche 

bliben 

Alsus schribet Johan Rit- 
eßel in syner cronicken. 
S. 462. 
Bischoff Mathias von 
Mentz (alß Johan Riteßel 
schribet in siner chroni- 
cken) herweckede widder 
uff die Sache mit den lehin- 
gutern die lantgrave Johan 
gehabt hatte, alß vor ge- 
schrebin stehit, unde ge- 
dochte alletzyt darnach, wie 
he die lantgraven gantz 
verdiigen mochte unde das 
lant zu Hessen in sine ge- 
walt brengin mochte. 

ünde*) hat der vorgen. 
unser herre erzebischof zu 
Menze unde vrir mit truwen 
gelobt u. zu den heiligen 
gesworn stede u. veste zu 
haltende an alle geverde 
dissen iegen wortigen brief 
unde wie uns die vorge- 
nanten sunlute richten 
nach minne oder nach 
reichte also da vorgeschri- 
ben stat. 



der Separation oder mut- 
scherung so er etwan mit 
seinem bruder Johan ge- 
halten ausdruglich vorbe- 
halten were, das alle lehen 
ein samptlehen sein und 
bleiben solten und sie also 
keine erbliche division oder 
todttheylung gethan und 
er nu one manliche lehens- 
erben verscheiden were, er 
als ein rechter erbe dorzu 
und solchs lehen an inen 
devolvirt und noch nicht 
für verledigte lehen zu 
halten. 

Zuletst kam es dohin, 
das beide partheien auf 
nachbenente gutliche under- 
handler bewilligten: Emi- 
chen graven zu Nassaw, 
heren Wenceßlaum von 
Cleen burggraven zu Fried- 
berg in der Wederaw und 
andere mehr. 



verhiessen auch zu beiden 
theilen, was die in solchen 
irrungen ansprechen, dor- 
bei solte es jede parthei one 
Weiterung bleiben lossen, 



♦) Gttdenus^ Cod. Diplom. III. p. 220 (Urkunde vom 12. Juli 
1324. Der £rzbisohof uud der Landgraf vereinigen sich über die 
zu erwählenden Schiedsrichter). 



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72 



. . .Wir*) grefe Emiche 
von Nassau . . . und wir 
Wenzel von Oleen burg- 
grafe zu Friedeberg und 
Bernhart von Guns rittere 
. . . ratlute und scheidelute 
gekorn umb die leben und 
gut die de vorgenante ertz- 
bischoff zu Mentze fordert 
und spricht, das sie ihme 
und seinem stifte von lant- 
grefen Johannes tode wegen 
ledig Worten sint und ^n 
in und seinem stifte ledeg- 
lich erstorben, die der vor- 
nan te lantgrefe Otte be- 
sizet und inne het sit sines 
bruders lantgrefen Johan- 
nes tod. sprechent und er- 
teilent uf unsern eit mit 
diesem briefe, das der vor- 
genante lantgrefe Otte in 
den vorgenanten lehen und 
gut sizen sol. und wil in 
der vorgenante ertzbischof 
dorumbe ansprechen und 
beteigedingen, so zal er dem 
vorgenanten lantgrefen Otte 
für sine mantag mahnen 
als recht ist und was die 
erteilent, das zol er Hden 
und stete halten . . . 



dorauf sprochen diesel- 
bigen nu also auß, das 
der landgrave Otto billich 
bei allen lehen seines 
vatters und auch deren 
so weiland landgrave Jo- 
han inne gehabt und ver- 
lossen so lange solte ge- 
lossen werden, biß der 
von Meintze inen mit ei- 
nem bessern rechte davon 
tribbe. da nun dem bi- 
schoflf dieser sentenz nicht 
gefellig, mochte er den 
landgraven für seinen man- 
gericht furnemen und von 
deme weiters bescheids ge- 
wertig sein. 



*) Sckmmcke^ De superarbitriis Beilage 11. und Qtidenm 1. c. 
p. 225 (Aus dem Schiedssprüche Emicho*s von Nassau, Wenzel's 
von Oleen und Bernhard's von Güas: Eylohe bei iLmöneburg, S. 
Mftitinsabend [Nov. lO.J 1324), ' 



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73 



. . . Des*) quam ich 
ryden zu Amenborg uflf S. 
Hertens tag, du sprach myn 
herre greve Emiche er hette 
eyn bryv lassen schryben, 
den solt ich besigiln. du 
sprach ich : herre das intun 
ich nicht, ich inzal is von 
rechte nicht tun . . . des 
lad mich min herre von 
Mentze darumb an sin geist- 
lich gerichte zu Mentze . . . 
nnd drang mich darzu mit 
banne den he an mich legte, 
das ich den bryff ... be- 
sigiln muste mit myme in- 
gesigil widder minen willen. 



und dass alle lüde dy dyssen 
bryfif sehin oder horin lesen 
disse vorgeschr. rede wissen 
and deste bass glouben 
mögen, so hab ich ... 



Hieran wolte der bischoff 
nicht benuget sein, vergaß 
aller zusage und citirte die 
beneuten scheidsrichter al- 
lesampt gen Amelberg und 
begerte an dieselbigen ime 
solches Spruchs ein erkle- 
ning zu thuen. als nu die 
scheidsrichter erscheinen 
und des bischoffs meinung 
hatten angehört, weigerten 
sie sich weiter erklerung 
zu thuen und Hessen es 
bei gethanem außsproch, 
den der landgrave ließ da- 
wider protestiren und be- 
stendige Ursachen anzeigen^ 
worumb sie in solcher 
Sachen weiter nicht betten 
zu erkennen, jedoch ward 
am letsten grave Emicho 
uberredt das er dem bischofF 
zu willen sein wolte, aber 
der burggrave von Fried- 
berg bleib steif bei vor- 
gesehener abrede, derhal- 
ben hiesch inen der bischoff 
ghen Meintze und da der 

burggrave aussenbleib, 
sprach inen der bischofF zu 
banne. solte er davon 
wider erlediget werden, so 
muste er singen wie es der 
bischofF haben wolte. 

Nichts desteweniger be- 
klagte sich hernach in ei- 
nem oflFentlichen außschrei- 
ben angeregter burggrave 
solches hohen gewalts so 



♦) Sekmmfske a. a. 0. Beilage III (Erklärung des Burggrafen 
Wenzel von Cleen [1327 Febr. 2]). 



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74 



Gerstenberg S. 462. 
unde hat eynengro|3en krig 
mit dem lantgraven ange- 
fangin unde thet eme vil 
verdrißes ane. zu eyner 
tzyt ranthin die sinen vor 
Marpurg unde fingen die 
lüde in der porten unde 
fürten sie dor den Loynberg 
unde namen auch midde 
was sie von phee betraden. 
da tzogin die von Marg- 
burg nach biß vor Amene- 
burg, da wantin sie sich 
dy figende unde hattin ey- 
nen hinderhalt unde slugin 
unde hiben sich, so das 
die von Margburg nidder 
lagin unde worden jemer- 
lich hermordet herslagin 
unde gefangin. duß ge- 
schach als man schreib 
nach gots geburt 1327 jare 
uff sontag vor pinxsten ge- 
nant Exaudi . . . 



an inen geleget were für 
allermeniglichem, aber der 
bischoff ließ sich solches 
nicht hoch anfechten, son- 
dern thät landgrave Otten 
auch in bann und erledigte 
alle seine underthanen irer 
aidpfiichte so sie ime als 
irem angebornen und erb- 
herren gethan hetten, ließ 
ime dorzu auß Ämelburg 
und Friedßler auch dem 
schlösse Melnaw bei Wetter 
grossen schaden zufügen, 
denn die seinen ritten für 
Wetter und Marpurg er- 
legten viel vom adel und 
andere burger aus dem 
land zu Hessen, und als die 
burger zu Marpurg solches 
steten zugrifs überdrüssig 
worden und den Mentzi- 
schen biß hart für Ämel- 
burg nachzogen (das ge- 
schähe auf den suntag 
Exaudi den nehesten vor 
pfinsten) worden sie uber- 
eylet und irer viel er- 
schlagen und gefangen. 



Lauze theilt sodann ein Schreiben Ludwig's von 
Bayern an den Landgrafen Otto seinem Wortlaut nach 
mit^^®) und stimmt dann wieder bis auf einige Zusätze 
mit Riedesel-Gerstenberg überein. 

Gerstenberg S. 463. Lauze I, 244 f. 

. . . unde balde darnach uff Aber das alles unge- 

unsers herrn lichenams tag achtet, weil er gesehen das 

im seibin jare [1327] tzoch hohermelter konig eben der 

*'^) Abgedruckt nach einer Kopie in der Zeitschr. für hess. 
Gesch. V, 53. 



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75 



bischoff Mathias mit großer 
gewalt in das lant zu 
Heßen unde verkundigete 
uffenberlich das sie nichts 
schonen suitin, es wer 
stedde dorffere kirchin klu- 
ßen cloistere spitaleglocken 
adder keyner gewyhedin 
stedde nach priesteren mon- 
chen junflfern adder nonnen 
unde gab applaß unde gnade 
dartza, wilcher vil Schadens 
unde vil mordens unde 
ubbel gethun mochte, dem 
suitin vergebin syn alle 
syne sonde. hirumbe en- 
sulten sie nymants schonen, 
er were geistlich adder 
wemtlich. aber lantgrave 
Hinrich satzste sinen ge- 
truwen in god den herrn 
unde in die beschurunge 
sent Elisabeth unde sprach 
syne fr unde an, dartzu sin 
lant unde lüde unde ent- 
hilt sich vor den Mentzschin. 
alsus schribet Johan Bit- 
eßel in siner chronicken. 



zeit mit seinen eigenen an- 
ligen und des reichs ge- 
schehen viel zu thun hat 
und überladen war, hot er 
einen öffentlichen zog gegen 
den landgraven furgenom- 
men und in seiner absage 
meniglichem erlaubet kir- 
chen clausen spital und 
sichenhäuser zu spoliiren 
und keins Stands noch 
menschen zu verschonen . 
hat also mit gewalt die 
einwonfer der stadt Giessen 
gedrungen sich an inen zu 
ergeben, wie Chaspar Bru- 
schius im leben dieses 
bischoifs deutlich anzeiget^ 
aber sich dorin weit irret, 
das er Henricum nennet 
welcher vorlangst abge- 
storben und landgrave Otto 
sein soen am regiment war 
welchen er auch endlich 
dohin genotiget hat ime 
etliche viel tausent gülden 
für seinen aufgewendten 
kriegskosten zu geben . und 
ist dennoch der haupt- 
sachen halben nichts be- 
schlossen noch vertragen 
worden. 



Ganz ähnlich steht es mit den unten nebenein- 
ander gestellten Nachrichten beider Chronisten über 
den Streit, der zwischen Heinrich I. und dem Erz- 
bischof Werner von Mainz über die Ausübung der 
Sendgerichtsbarkeit in Hessen entstanden war. Doch 
fehlt hier das urkundliche Material. 



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76 

Lauze I, 239 ff. 
Anno etc. 1277. Landgrave Heinrich hat weiland 
Gerhardum ertzbischoffen zu Meintze von wegen des 
seends beschrieben, denn die officiales seendprobste und 
ertzpriester zu Friedßler Ameneburg und Meintze be- 
schwerten die unterthanen im land zu Hessen überaus 
hart mit solchen dingen und mißbrauchten also irer 
empter, das wo einer nur etwas an narung vermochte 
der ward durch die seendpfaffen heimlich geruget und 
angegeben, als solte er mit diesem und ihenem laster 
beschreit und verargwonet sein, dorauff ward er den 
sobald citirt und geladen auf die probsteien hart be- 
schuldiget und etwan an sinem guten namen und leu- 
mund dadurch schwerlich verletzet, understunden sie 
sich den schoen zu entschuldigen mit irem aide, halff es 
doch nicht, sondern ward den antragern mehr geglaubet 
den iren purgationibus, auch da einer noch so unschul- 
dig erfunden, muste er doch umb die erledigungsbrieffe 
viel gelts geben, das verdroß den landgraven und weil 
seine schrifften bei dem vorigen bischoff ein geringe 
ansehens g^^habt, beschreib er Wernerum ertzbischoff 
doselbst dieser sachen halber auch und zeigt deme an 
das ime sollichs lenger nicht zu leiden sein wolt, das 
über alles alt herkommen die armen dermasen solten 
beschweret werden, gesann darneben auch an die ertz- 
und seendpfaffen sich des seends zu sitzen biß auff 
weiter erortterung in seinen landen zu enthalten, hierauff 

Gerstenberg S. 427 ff. sprach bischoff Werner 

Du man schreib nach den landgraven in bann 

gots geburt 1277 jar, do und gebott im gantzen 

starp bischoff Gerhard von furstenthumb Hessen alle 

Mentz unde quam eyner gewonliche gottesdien.ste 

an sine stat der hiß Wem- und ceremonien zu under- 

herus. dußer Wernher lossen, samlete dorzu ein 

ertzbischoff zu Mentz hatte groß kriegsvolck, hengte 

den fursten lantgraven Hin- grave Gotfried von Cziegen- 

rich im vorgenanten jare hain auch an sich und den 

zu banne bracht unde eyn graven vonWitgenstein,wel- 

interdict in das gantze eher zu dem mal noch die 

land zu Heßen gelacht stadt Battenberg inhatte, 

unde wa§ viJ dedingenß lagerten sich in den Bus- 



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11 



bnde arbeit umbe, so das 
der forste 7 jar lang ia 
dem banne was. so nun 
der biscboff sach das he 
en mit banne unde inter- 
dict nicht betzwingen 
mochte nach syme willen: 
do versammete he eyngroiß 
here unde tzoch uwer en 
and legerte sich in den 
Buchsecker dail, so wart 
dem lantgraven geraten, 
das he sich in eynen fride 
unde sune gebe mit dem 
bischoffe. deß sante der 
lantgrave syne treffliche 
botschaft dar unde liß eme 
byden dry tusent marck 
colscher phennige, das er 
unde syn lant uP dem 
banne kommen mochten, 
sulchs enwulde derbischoff 
nicht thun, sundern he 
tzoch vorterß in syne stad 
geyn Fritzlar unde thet 
daruß großen schaden dem 
lantgraven, want grave 
Godfrid von Czigenheyn 
unde grave Widdekynd von 
Battinburg, der dan von 
geburt was eyner von Wit- 
gensteyn, die worin des 
bischoffs helffere mit an- 
dern herrn. deß sammete 
der lantgrave auch eyn 
groiß here und geboit in 
syme lande daß alle 
manslude, die eynen stecken 
adder swert getragin moch- 
ten, das die quemen vor 
Fritzlar, du lyß der lant- 
grave eynen ,strid dem 



seckerthal und Hessen (lenl 
landgraven alle freundt- 
schafft absagen, da rie- 
then viel, man solte sich mit 
dem biscboff gutlich ver- 
tragen, etliche aber wider- 
riethen dasselbige in hoffe- 
nung dieses kriegs besser 
zu geniessen. doch ward 
zuletst beschlossen, man 
solte etliche vom adel an 
den biscboff schicken und 
versuchen lossen, ob sie 
diese irrung in der gute 
konten hinlegen und ver- 
tragen, dorauff forderte 
gemelter biscboff dreihun- 
dert marck colnischer phen- 
ning für seine aufgewendte 
kriegsrustung, darneben et- 
liche stedte ime und dem 
ertzstift Meintze zu über- 
geben, nu war der land- 
grave urbutig die ange- 
forderte summa gelts zu 
erlegen, aber stedte hinzu- 
geben war er nicht be- 

docht. 

Nichts deste weniger 
noch Vollendung angezeig- 
ter Sachen nam gedochter 
biscboff wider einen zog 
gegen dem landgraven für 
. . . und als er mit seinem 
hauffen noch grosser muhe 
biß für Friedßler kam und 
solches der landgrave ver- 
nam , ließ er jederman 
im lande gepieten, der nur 
einen stecken tragen konte, 
auff zu sein und das ge- 
meine vatterland erretten 



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^8 



bischofte anbyten, de» nam 
he iiflF unde tzoch uß der 
stad zu felde. unde alß 
der bischoff sach sulch 
groiß folck, do flöhe he 
Widder zu der staid. Unde 
die bürgere forchtin sich, 
queme der bischoff mit 
syme folcke widder in die 
stad, daß es gar dure dar- 
inne wurde unde wurden 
auch ußewennig von dem 
lantgraven belegert unde 
villichte aber verbrant unde 
verstört mochtin werden, 
alß en vormalß von lant- 
graven Curde zu Doringen 
unde Heßen gescheen was. 
unde hirumbe so slugen 
sie die dore zu unde lißen 
den bischoff mit 20 pber- 
den yn unde lißen die an- 
dern daruße, die musten 
sich behelffin in den gra- 
ben, tziSnen unde in den 
hiSßerchin die in den gartin 
stunden, unde alßbalde 
gesan der bischoff eyner 
fruntschafft, anders weren 
die büßen der stad vil 
lichte von den Heßen alle 
toit geslagen wurden, also 
wart dem landgraven eyn 
fridde unde sune, wy he 
selberß wulde nach alle 
syme willen unde der 
bischoff, der vor in dem 
Buchsecker dale nicht ne- 
men wulde dry tusend 
marck, dem enwart nu keyn 
phennig unde muste dem 
lantgraven unde syme lande 



zu helffen. der bischoflf 
war keck und mutig, da- 
rum bott er dem land- 
graven eine öffentliche feld- 
schlacht an. als er aber 
den herzu sach kommen, 
erschrack er so hefftig, das 
er noch der stadt Friedßler 
eylete und begerte sich 
alda einzulossen. aber die 
burger wolten inen nicht 
stercker als mit zwantzig 
pf erden einlossen. Da nu 
der khune heldt nirgends 
auß wußte, ließ er bei 
dem landgraven umb gut- 
liche underhandelung an- 
suchen, dorauff endtlich 
nachvolgender vertrag auf- 
gericht und im felde vor 
Friedsler gemacht ward. 



Erstlich das der bischoff 
den landgraven mit dem 
gantzen lande aus dem bann 
thuen und absolviren solte. 
darnach das er und alle 
nachkomene bischoffe zu 
Meintze den seend nicht 
anders setzen noch halten 
solten wider der vermuge 
der beschriebenen geyst- 



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^9 



eyne absolution bestellen 
uff syne eigin koste unde 
dem lantgraven all synen 
schaden gentzlichin keren, 
auch alle anspreche bie 
unde abestellen. darzu be- 
hilt der lantgrave sulch 
priviley unde fryheid, das 
eyn bischoff von Mentz 
adder die coramißarien 
unde officiale vortmers key- 
nen senth nummermee hal- 
ten sullen in den steddin 
syns lants unde fursten- 
thumps zu Heßen, durch 
wilche seenthe syne arme 
ludevormalßgeschynt unde 
geschrappin wordent. alsus 
schribet Johann Ryteßel 
in syner chronicken. 



liehen und weltlichen rechte 
von alters her zu halten 
zugelossen und bewilliget 
were. zum dritten das 
hinfurter kein seend probst 
auf der ertzpriester an- 
geben oder jemands anders 
clage einigem underthanen 
aus dem furstenthumb 
Hessen umb weltlicher 
Sachen willen oder geld- 
schul den für ire geystliche 
gerichte heischen noch 
laden, das dennoch land- 
grave Heinrich nu ver- 
gebens und umb sonst 
alles erlangte welches er 
zuvor von dem zornigen 
ertzbischoffe mit guten 
Worten und angebottener 
grosser summa gelts nicht 
konte erhalten, denn der 
zuvor umb fried ansuchte 
mochte er nicht werden, 
der ihnen aber nicht haben 
wolte, wird nu froe das er 
dorzu gelossen wirdt. 

Lauze hat, wie oben gezeigt wurde, in seinem 
Berichte über den Zwist zwischen Landgraf Otto und 
Mathias von Mainz urkundliches oder auf Urkunden 
zurückgehendes chronikalisches Material verarbeitet. 
Vielleicht sind auch gewisse andere Bemerjj^ungen in 
diesem Abschnitte, die sich bei ihm, aber nicht bei 
Gerstenberg finden, derselben Quelle entnommen. Letz- 
terer spricht nämlich nur von einer Schädigung der 
Bürger von Marburg durch die mainzische Besatzung von 
Amöneburg, während Lauze auch'Melnau und Wetter 
eine Rolle spielen lässt und allein die Angabe von der 
an Mainz gezahlten Kriegsentschädigung hat, die auch 



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8Ö 

bei Bruschius (Magnum opus S. 15 f.) fehlt. Sehr nahö 
Hegt die Vermuthung, dass Lauze hier wie in dem oben 
S. 68 f. mitgetheilten Stück den vollständigen Ried- 
esel benutzt hat, den er, wie sogleich dargethan werden 
wird, noch in anderer Gestalt, als bei Gerstenberg, viel- 
leicht in der ursprünglichen, gekannt haben muss. 

Dieselben Momente kommen auch bei den beider- 
seitigen Berichten über den Streit Heinrich's I. mit 
Werner von Mainz in Betracht, der über die miss- 
bräuchliche Ausübung der Sendgerichtsbarkeit in Hessen 
entstanden war. Auch hier weicht Lauze von ßied- 
esel-Gerstenberg mannigfach ab, indem er in der Lage 
war, anderweitiges Material heranzuziehen. Er spricht 
nämlich ziemlich ausführlich über das unkanonische 
Verfahren der Sendpröbste, das von Riedesel-Gersten- 
berg nur ganz kurz erwähnt wird; weiterhin gedenkt 
er einiger Schreiben, die der Landgraf in dieser Sache 
an Werner und dessen Vorgänger richtete : auch hiervon 
ist dort nichts zu finden. Von grösster Bedeutung sind 
aber die Abweichungen, welche die Mittheilungen der 
Chronisten über den Vertrag aufweisen. Nach Gersten- 
berg hätte nämlich Heinrich vollkommene Sendfreiheit 
für alle hessischen Städte erlangt, während Lauze aus- 
drücklich und in Uebereinstimmung mit dem wirklichen 
Sachverhalte erklärt, dass nur die den kanonischen 
Satzungen widersprechende Ausdehnung der Sendge- 
richtsbarkeit auf weltliches Gebiet fortan unterbleiben 
sollte ^39^. 

Obwohl wir, wie oben gesagt, nicht in der Lage 
sind, die Urkunden genauer zu bezeichnen, die Lauze 
hier vorgelegen haben, so giebt uns dieser selbst doch 
einige beachtenswerthe Andeutungen über seine Quellen. 

189J Vgl. H. HeppSy Kirchengescli. beider Hessen I, 48 und 
ausser der dort angeführten litteratur noch Soldan, Zur Gesch. d. 
Stadt Alsfeld II, 10. 



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81 

Er erwähnt Schreiben, die Landgraf Heinrich an Werner 
and dessen Vorgänger in der mehrfach erwähnten An- 
gelegenheit gerichtet habe: aus diesen ist wohl sicher 
des Chronisten Erzählung von dem unkanonischen Ver- 
fahren der Sendpriester von Fritzlar, Amöneburg und 
Mainz geflossen. Auf eine Aufzählung der mannig- 
fachen Beschwerden des Landgrafen in den betr. 
Schreiben, die an sich schon natürlich genug ist, 
weisen ausdrücklich die Worte Lauze's hin: „Das 
verdroß den landgraven und weil seine schrifften bei 
dem vorigen bischoff eine geringe ansehens gehabt, be- 
schreib er Wernerum ertzbischoff doselbst dieser sachen 
halber auch und zeigt deme an, das ime sollichs lenger 
nicht zu leiden sein wolt, das über alles alt herkomen 
die armen dermasen (d. h. wohl, wie es der Landgraf 
in seinen früheren Schreiben auseinander gesetzt hatte) 
solten beschweret werden^^ Ausserdem hat Lauze die 
Vertragsurkunde selbst als Quelle gedient **^). Dafür 
spricht nicht nur die Angabe des Ausstellungsortes 
(„im felde vor Friedsler"), sondern auch die eingehende 
und genaue Mittheilung der Bedingungen. 

Auch sonst finden sich Differenzen: Riedesel- 
ßerstenberg weiss z. B. nichts davon^ dass, wie Lauze 
mittheilt, dem Landgrafen der Rath ertheilt wurde, die 
streitige Sache mit dem Schwerte zu entscheiden. 
Ferner forderte nach Lauze der Erzbischof 300 Mark 
kölnische Pfennige und einige hessische Städte, während 
Riedesel-Gerstenberg die Sache so darstellt, als habe 
der Landgraf seinem Gegner 3000 Mark angeboten, und 
von Städten überhaupt nicht spricht. Auch darin 



*") Aehnlich ist das Verhältnis zwischen Lauze S. 249 f. 
und Gerstenberg a. a. 0. S. 482, ebenso scheinen Lauze's Mitthei* 
lungen S. 249a über einen zwischen dem Landgrafen Heinrich II. 
und Ludwig dem Junker abgeschlossenen Vertrag auf urkundlicher 
Grundlage zu beruhen. 

N. F. XVII. Bd. 6 



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82 

liegt eine Verschiedenheit, dass nach Lauze der Land- 
graf in die Abtretung von Städten nicht willigt, wäh- 
rend bei Riedesel-Gerstenberg der Erzbischof die ange- 
botene Summe ausschlägt; ebenso lässt der letztge- 
nannte Chronist den Landgrafen seinem Gegner vor 
Fritzlar einen Streit anbieten, während nach Lauze der 
Bischof der Herausforderer ist. Zu erwähnen ist 
schliesslich noch, dass Lauze die beiden Züge des letz- 
teren (in das Buseckerthal und nach Fritzlar) viel deut- 
licher von einander scheidet, als dies Riedesel-Gersten- 
berg thut. 

Diese Verschiedenheiten können nur darin ihren 
Grund haben, dass Lauze Riedesel's Chronik noch in 
anderer Gestalt kannte, als sie bei Gerstenberg er- 
halten ist, und dass Gerstenberg's Auszug der kürzere 
und weniger genaue ist. Fraglich bleibt es dagegen, 
ob Lauze das von ihm verarbeitete urkundliche Material 
bereits in der Chronik Riedesel's vorfand oder nicht. 
Im ersteren Falle müsste Gerstenberg nicht nur seine 
Vorlage recht erheblich gekürzt, sondern sich der er- 
strebten Knappheit der Darstellung zuliebe geradezu 
schwerer Irrthümer schuldig gemacht haben. Allein 
zu dieser Annahme sind wir, weil wir Gerstenberg sonst 
als einen im Ganzen gewissenhaften Geschichtschreiber 
kennen gelernt haben, durchaus nicht berechtigt. Lauze 
wird vielmehr Riedesel auf Grund von Urkunden still- 
schweigend berichtigt und hier wie auch sonst in seinem 
Werke (vgl. z. B. S. 253a das Schreiben Hermann's 
des Gelehrten an die oberhessische Ritterschaft, S. 264 f. 
die Bemerkung über die Bulle Paul's IL, die Lauze 
selbst eingesehen hat u. s. w.) einen Brief, von dem 
er gelegentlich Kenntnis erhalten hatte, seiner Erzählung 
eingefügt haben. Ausgeschlossen ist natürlich nicht, 
dass er auch bei Riedesel einzelne Urkunden vorfand 
und benutzte. — 



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83 

Es erübrigt noch das Verhältnis der sog. Ried- 
esel'schen Excerpte zu Riedesel-Gerstenberg näher zn 
beleuchten. Die unter diesem Titel von Kuchenbecker^ 
Anal. Hass. III, 1—71 veröffentlichten Notizen, zu 
denen dann später Ayrmann Ergänzungen gab (das. VI, 
457—473), wurden bereits von Schmincke (Vorrede zu 
Mon. Hass. IL) für Auszüge aus Gerstenberg's thürin- 
gisch-hessischer Chronik gehalten. Dies trifft der Haupt- 
sache nach zu. Sehr fraglich ist dagegen, ob Gersten- 
berg selbst seine Arbeit excerpirt hat; denn diese An- 
nahme stützt sich lediglich darauf,* dass in einer die ge- 
nannten Auszüge enthaltenden Handschrift der ehe- 
maligen V. Uffenbach'schen Bibliothek der Chronist als 
der Urheber der Excerpte genannt wurde ^*^). Wer diese 
Bemerkung gemacht hat, kann zudem nicht einmal 
ermittelt werden. 

Der Werth dieses Auszuges wird allgemein mit 
Recht als sehr gering bezeichnete^'), und ebenso be- 
langlos sind auch die wenigen Nachrichten, die die 
Fortsetzung bis zum Jahre 1547 bezw. 1552 enthält. 
Was zuvörderst das Verhältnis der Excerpte zu Ried- 
esel-Gerstenberg betrifft, so zeigt ein Vergleich der 
einander entsprechenden Notizen, dass der Auszug 
recht dürftig ist und dass nicht einmal alle von Gersten- 
berg aus Riedesel entnommenen Stellen berücksichtigt 
wurden. Nur eine kleine Differenz findet sich, die 
aber vielleicht auf eine Ungenauigkeit des Abschreibers 



">) Vgl. Wmck a. a 0. p. XVIII u. Note 3. Anderer An- 
sicht als Wenck ist Wyas (Deutsche litteratarzeitung 1887 Sp. 1338) 
Die in der Stand. Landesbibl. in Kassel aufbewahrten Abschriften 
der Excerpta chronici Riedeseliani (Mss. Hass. in 4* nr. 8, 116 u. 
124) enthalten keine Mittheilungen über den Epitomator. 

"*) Nor llgen und Vogel bezeichnen (Zeitschr. f. hess. Gesch. 
N. F. X, 178) eine nähere Untersuchung der £xc. Ried, und ihres 
Verhältnisses zu Riedesel-Oerstenberg als wünschenswerth. 

6* 



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zurückzuführen ist: bei Kuchenbecker III, 5 f. zerstört 
Landgraf Konrad sechs Dörfer im Nassauischen, wovon 
Riedesel-Gerstenberg S. 383 f. nichts weiss. 

Von grösserem Belang sind die Abweichungen des 
Epitomators von Gerstenberg in den die Sternerfehde 
behandelnden Partieen, wo die Erzählung des letzteren 
ziemlich dürftig ist. Manches hat der Epitomator der 
Limburger Chronik entnommen (so S. 26 die Nachricht, 
dass die Sterner länger als acht Tage auf hessischem 
Boden weilten und das Land bis nach Fritzlar hin 
verwüsteten, und die Mittheilung von dem Versuche 
des Grafen von Katzenelnbpgen Hadamar zu über- 
rumpeln), anderes stammt aus Gerstenberg's Franken- 
berger Chronik oder der Quelle, die demselben als Vor- 
lage gedient ha:t (so S. 26 f. die Erzählung von dem 
Anschlag der Sterner auf die Neustadt von Frankenberg, 
wo deij Epitomator aber am Schluss noch eine Nachricht 
über die Altstadt hat, die sich bei Gerstenberg nicht 
findet). Der Ursprung anderer Mittheilungen ist dagegen 
gar nicht nachweisbar: S. 26 ist von dem Tode des 
Grafen Gottfried von Ziegenhain und der Fortführung 
des Krieges durch seinen gleichnamigen Sohn die Rede ; 
S. 27 wird über die Verbrennung von Wetter sammt 
dem dortigen Stifte und S. 27 f. über die Thätigkeit des 
Landgrafen Hermann in Marburg und Kassel berichtet, 
woran sich die Nachricht von dem durch die Feinde 
angerichteten Schaden und der Bestrafung der untreuen 
Edelleute schliesst. Auch Lauze gedenkt, aber nur 
kurz, S. 254 des Landtages in Marburg (wo aber ausser 
Hermann auch Landgraf Heinrich II. anwesend ist), sowie 
der Verbrennung des Stiftes (nicht der Stadt) Wetter und 
S. 254 a u. 255 der Züchtigung der ungehorsamen Ritter ; 
auch der Tod des Grafen von Ziegenhain wird S. 255 
von ihm erwähnt. Ebensowenig wie der Epitomator 
nennt Lauze seine Quellen; auch Gerstenberg, der sich 



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r 



85 

S. 493 auf die Chroniken von Thüringen, Hessen, Lim- 
burg und auf „andere geleße" beruft, kann hier bei 
der Allgemeinheit seines Ausdruckes keinen Aufschluss 
geben. Da indess, wie weiter unteTi gezeigt werden 
wird, Lauze für diese Partieen hauptsächlich die Hessen- 
chronik oder eine verwandte Quelle benutzt hat, so ist 
es nicht unwahrscheinlich, dass auch die Mittheilungen 
des Epitomators auf denselben oder ähnlichen Grund- 
lagen beruhen. 

Was sich etwa sonst noch an Abweichungen 
findet, ist sehr geringfügig und hat wohl meist in 
Lese- oder Schreibfehlern seinen Grund. So lässt der 
Epitomator S. 46 (z. J. 1433) das sich an das Bei- 
lager Ludwig's des Friedsamen anschliessende Turnier 
in Sachsen abgehalten werden, während Gerstenberg 
S. 527 Kassel nennt; S. 67 giebt der Epitomator das 
Lebensalter Wilhelm's des Jüngern auf I8V2 Jahre an, 
wogegen Gerstenberg S. 569 nur 18 Jahre hat; auch 
hinsichtlich des Todestages der Landgräfin Jolantha 
besteht eine Differenz (vgl. die Excerpte S. 67 und 
Gerstenberg S. 570). Schliesslich bestimmen die Ex- 
cerpte S. 56 (z. J. 1479) das Ende des letzten Grafen 
von Eatzenelnbogen zeitlich noch genauer als dies 
Gerstenberg S. 551 thut. 

IIL 

Die Hessenchronik. 

Gerstenberg citirt die Hessenchronik 14 mal in 

seiner thüringisch-hessischen Chronik, aber auch wie 

Riedesel's Werk in grossen Zwischenräumen ^**). Nur 

einmal beruft er sich in der Frankenberger Chronik 



»") Monim. Hass. II, 430, 461, 462, 485 (z. J. 1360), 486 
(z. J. 1360), 487 (z. J. 1364), 493 (etwa 1372), 496 (etwa 1373), 
501 (z. J. 1381), 602 (z. J. 1383 und 1385), 503 (z. J. 1386), 505 
(z. J. 1388), 514 (z. J. 1398). 



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86 

Sp. 38 auf sie und zwar für ein Ereignis, das er in 
dem erstgenannten Werke S. 464 unter Hinweis auf 
Hainaer Notizen erzählt. Indessen deutet er beidemal 
an, dass er auch noch andere Quellen gekannt hat ^**). 
Der Verfasser muss in seiner Darstellung auf Heinrich I. 
zurückgegangen sein ^**) und hat, vielleicht weil er dem 
Landgrafenhaus näher stand, den genealogischen Ver- 
hältnissen des letzteren besondere Aufmerksamkeit ge- 
schenkt ^*^), doch berichtet er auch über äussere Unter- 
nehmungen, besonders aus der Regierungszeit des Land- 
grafen Hermann **'). Die von Gerstenberg mitgetheilten 
Bruchstücke sind zu dürftig und ausserdem nicht selten 
so mit Bestandtheilen der Limburger und der Thüringer 
Chronik vermengt, dass der Charakter dieser Quellen- 
schrift nicht in der erwünschten Deutlichkeit hervor- 
tritt 1*8). 

Von den späteren Chronisten scheint nur Lauze 
in Verbindung mit der Hessenchronik gebracht werden 
zu können. Wie oben bemerkt wurde i*^), beruft sich 
derselbe einmal auf die hessischen Jahrbücher, und zwar 
ist dies der Fall bei Gelegenheit einer chronologischen 
Frage, doch lässt sich hier etwas Sicheres nicht aus- 
machen, da Gerstenberg von Lauze an dieser Stelle ab- 
weicht und eine Quelle überhaupt nicht angiebt. Dagegen 



***) In der thüringisch-hessischen Chronik heisst es : „Hirvon 
leßit man auch zu Heyno^^, wogegen das Citat in der Franken- 
berger lautet: „wie man das findet weiter beschrieben in der 
hessischen Chronik'^ Freilich ist diese Lesart nicht sicher — das 
betreffende Blatt (16) fehlt in der Handschrift — , und Eucken- 
becker's Abdruck (Anal. Hass. V, 191) hat „aucih" statt „weiter". 

***) Monim. Hass. II, 429 f. spricht er von der zweiten Ver- 
mählung dieses Landgrafen. 

»") Vgl das. ausser S. 429 f. noch 459 ff., 486 f. und 502. 

"^) A. a. 0. 8. 500 f., 502 (z. J. 1385), 502 f., 504 f., 514. 

»") Z. B. S. 462, 485, 490-493, 502 f., 504 f. 

'*^) a S. 68. 



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87 



fällt in's Gewicht, dass Lauze nie genau mit Gerstenberg 
hinsichtlich solcher beiden gemeinsamen Stellen über- 
einstimmt, die Gerstenberg aus der Hessenchronik ent- 
lehnt hat. Es wird sich daher kaum etwas gegen die 
Annahme einwenden lassen, dass Lauze diese .Quellen- 
schrift nicht nur in der Gestalt der Gerstenberg'schen 
üeberlieferung, sondern auch in anderer Fassung gekannt 
habe, mag diese nun die ursprüngliche oder eine über- 
arbeitete und mit anderweitigen Nachrichten verquickte 
gewesen seiik Man vergleiche: 



Gerstenberg S. 482 f. 

Im seibin jare do man 
tzalte 1351 jare, du fingen 
die von Hoitzfeld graven 
Johan von Naßauw herrn 
zu Hademar mit vil sime 
folcke. duß geschach bie 
Loynberg uflF des heiligin 
crutzes tag im herbeste, 
dißes nidderwurffs worden 
die von Hoitzfeld so riche 
unde so mudig, das sie 
hirnehist balde auch des 
fursten lantgraven Hinrichs 
fygent worden. 

Gerstenberg S. 485 f. 

Im seibin vorgenanten 
jare [1360], do woren die 
von Hoitzfeld deß lants 
zu Heßen fygent unde da- 
din mircklichin großen 
schaden, wante der grave 
von Naßauw deß Dilnburg 
ist der halff den von 
Hoitzfeld. also wart lantr- 
grave Hinrich widder reyde 
unde tzoch uwer den von 



Lauze I, 249a (z. J. 
1349;. 
Die von Hotzfeldt hatten 
vor wenig jaren einen gra- 
ven von Nassaw erlegt und 
groß gut bei demselbigen 
bekommen , derwegen sie 
gantz frech und stolz 
worden, Hessen sich auch 
landgrave Ludewigen an- 
reizen, das sie sich wider 
iren angebornen lands- 
fursten understunden auf- 
zulehnen, hierzu thet auch 
gute forderung Gerlacus der 



newlich erwelete erzbi- 
schof zu Meintze grave von 
Nassaw. 



landgrave Heinrich und 
sein son Otto zogen iren 
feinden under äugen komen 



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88 



Naßauw unde quamen zu- 
sammen vor Hoensolms 
unde der lantgrave behilt 
das feit unde gewan 70 ge- 
saddelter pherde dem von 
Naßaw ane. unde der lant- 
grave zoch vorterß unde 
thet vil Schadens biß geyn 
Sigen. Alsus findet man 
in der Heßen chronicken. 



zusammen bei Hohensolms. 



da worden den von 
Hotzfeldt und iren an- 
hengern siebenzig settel 
ledig gemacht und ir ganze 
häufe in die flucht ge- 
schlagen, den folgten die 
Hessen nach biß für die 
Stadt Siegen , plünderten 
allf^s was sie ankamen. 
Ganz abgesehen von chronologischefi Differenzen 
ist Lauze auch sonst vielfach mit Gerstenberg nicht in 
Uebereinstimmung. Grosses Gewicht ist zwar nicht 
darauf zu legen, wenn Lauze den „ganzen Haufen*^ der 
Feinde durch die Landgräflichen in die Flucht ge- 
schlagen werden lässt : das kann zur Noth aus Gersten- 
berg^s Bericht herausgelesen werden; anders aber liegt 
die Sache, wenn man in Betracht zieht, dass nach 
Lauze Landgraf Ludwig seine Hand im Spiele hat, 
dass ferner Otto der Schütz an dem Zuge theilnimmt. 
Hierfür bietet Gerstenberg nicht den geringsten Anhalt^ 
auch aus der Limburger Chronik, die nur von der 
Niederlage • des Grafen Johann von Nassau spricht 
(Kap. 19), konnte Lauze nichts entnehmen. 

Nahe Verwandtschaft besteht trotz mancher Ver- 
schiedenheiten auch zwischen den Berichten Gersten- 
berg's und Lauie's über Landgraf Heinrich H. und den 
Bund der Alten Minne. Gerstenberg beruft sich auch* 
hier auf die Hessenchronik. 



Gerstenberg S. 496. 
In dißen getzyten kreig 
der alte furste lantgrave 
Hinrich unde sin vetter 
lantgrave Herman Dredorff 
zu sich von graven Emiche 
zu Naßauw. das verdroiß 
grave Johan des Dilnburg 



Lauze S. 255. 
Obwol der Sterner bund 
aufgelost und geschwecht 
war ... so war er doch 
darumb noch nicht aller- 
dinge zerbrochen, den die 
hauptursacher desselbigen 
gaben ime einen andern 



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89 



ist nnde machte eynen 
grossen bont zusammen, 
die hissen die gesellen von 
der Alden Mynne igide wart 
fygent unde warff die lant- 
graveschin ritter nidder vor 
Wetaflar unde thet so 
grossen schaden mit sinen 
helifern in dem bonde, das 
des nicht wole zu achten 
stehit. sunderlichin im 
ampte zu Konnigeßberg zu 
Gissen zu Hermansteyn zu 
Blancksteyn zu^ Bidenkap 
unde umbe Margburg in 
den gerichten zu Lare *) 
zu Dutphe zu Caldern im 
Hittenberge unde in andern 
enden, so bestunt der alte 
forste zu buwen geyn den 
von Nassauw unde buwete 
zu Yßemerade under den 
Hessenwalt. Alsus leßit man 
in der Hessen chronicken. 



namen, nanten sich nicht 
mehr Sterner, sondern die 
Alten Manne und hot grave 
Johan von Nassaw den- 
selbigen allermeist erregt. . . 
Da nu diesen vorteil grave 
Johan ersähe und seinem 
bruder auch gerne gedienet 
hette, damit er zum bis- 
"^thumb komen und die 
landgraver> zu Hessen also 
daheimen behielte, überfiel 
er das gerichte Blancken- 
stein, Widenhausen die Vor- 
stadt an Marpurg, Herman- 
stein bei Wetzflar, Bidencap 
die Stadt, Dutphe Baern 
Ealdern Huttenberg und 
Giessen, fürte einen grossen 
raub hinweg, schlug auch 
dem landgraven bei Wetz- 
flar einen guten hauifen 
reysiger pferde abe, den 
die landgraven dorfiften sich 
aus dem underfurstenthumb 
nicht in gegenrustung be- 
geben, dieweil inen herzog 
Otto von Braunschweig auff 
dem halse lag und seiner 
schanze auch wamam. das 
demnach das Hessenland 
durch diesen graven und 
seinen anhang einen merg- 
lichern schaden genommen 
den zuvor durch die 
Sternervede. 
Fast ebenso verhält es sich mit den beiderseitigen 

Mittheilungen über die Gründung der Stifter in Kassel 

und Rotenburg: 

*) Bare? Der Anfangsbuchstabe ist in der Handschrift nicht 
deutlich zu lesen. 



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ÖO 

Gerstenberg S. 462. Lanze I, 256a. 

Der vorgenante furste 
lantgrave Hinrich beßerte 
gar wole sin lant, want 
wo er gute wustenunge 
hatte, da ließ er ußrumen 
und dorffere buwen. 

Er machte auch tzwene Er (sc. Heinrich IL) 

stiffte in dem furstenthum^ hat die zwo herliche stift- 

zu Heßen , nemelich zu kirchen eine zu Cassel auf 

Caßel unde zu Rodinberg. der Freiheit und die andere 

Duß leßit man in der zu Roden berg auf der Fulda 

Heßen chronicken, auch erbauwen lassen und die 

eyn teil in der chronicken beide mit- grosen gutern 

von Limpurg. dotiert und begäbet, auch 

die stat Cassel seer erweitert 
und grosser gemacht. 

Die Worte „Der vorgenante furste — sin lanf"' 
hat Gerstenberg der Limburger Chronik S. 26, 3 ent- 
nommen, das Übrige stammt aus der Hessenchronik, 
aus der auch Lauze mittelbar oder unmittelbar ge- 
schöpft haben muss. Die Mittheilung des letzteren 
über die Begabung der Stiftskirchen muss nicht 
nothwendig sich auch in der Hessenchronik gefunden 
haben, wohl aber die Nachricht von der Vergrösserung 
der Stadt Kassel. 

Vergleicht man ferner Gerstenberg S. 500 „Im 
seibin jare schickte lantgrave Herman — -dadin uß 
Hoitzfelt" und S. 501 „Deß schickte der lantgrave 
Herman eyn here dar - an iren fruchten*' mit Lauze 
in der Zeitschrift f. hess. Gesch. N. F. XI, 305 „Cunrad 
Spiegel — das der landgrave muste abziehen", sodann 
Gerstenberg S. 503 „Da trait die furstynne beruß — 
versprach sie en so gar, das sie uffbrochin" ^^) mit Lanze 



^^°) Diese Stelle findet sich nicht in der Limburger Chronik, 
die Geretenberg neben der fiessenchronik als Quelle nennt, sie 
muss also aus letzterer stammen. 



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91 

a. a. 0. S. 308 f. „Als sie aber ungeverlich zwene tage 
dafür gelegen waren — das er nicht wüste was er ir 
darauf zur antwort geben solte", so unterliegt es keinem 
Zweifel, dass Lanze hier wie anderwärts entweder ans 
der Hessenchronik selbst oder aus einer Darstellung 
geschöpft hat, die auf jene zurückgeht. Am wahr- 
scheinlichsten ist die Annahme, dass beide Geschicht- 
schreiber die Hessenchronik je nach Bedürfnis bald 
weitläufiger, bald kürzer excerpirten, dass Gerstenberg 
aber auch andere Quellen — in erster Linie die Lim- 
burger Chronik — benutzte, während Lauze sich meist 
wohl nur an die Hessenchronik hielt und die Nachrichten 
der letzteren in ausführlicherer Form herübernahm, als 
dies von Seiten Gerstenberg's bei dessen grundsätzlicher 
Kürze geschehen konnte. 

IV. 
Die Aufzeichnungen des Tilemann Hollauch. 
Tilemann Hollauch war Kanzler Ludwig's des 
Friedsamen und machte Aufzeichnungen, die nur Er- 
werbungen dieses Landgrafen durch Kauf, Lehen u. s. w. 
betroffen zu haben scheinen ; wenigstens handeln davon 
die 4 von Gerstenberg angeführten Stellen, von denen 
3 auch das Monatsdatum aufweisen (S. 532, z. J. 1449 ; 
S. 634, z. J. 1451 ; S. 535, z. J. 1453 und 1456). 
Die Schrift, denen die Notizen entnommen sind, nennt 
Gerstenberg (z. J. 1449 und 1456) „Register". Auch 
Wilhelm Buch will in seiner handschriftlichen hessischtin 
Chronik diese Aufzeichnungen benutzt haben; indes 
kennt er dieselben offenbar nur durch Gerstenberg's 
Vermittelung ^*^). 

»") Vgl. Walther, Literär. Handbuch. 2. Suppl. S. 17 (nr. 104). 
Die in der Stand. Landesbibi. in Kassel aufbewahrte Abschrift von 
Buches Chronik (Mss. Hass. in fol. nr. 154) stammt aus diesem 
Jahrhundert und ist wegen der zahlreichen Lesefehler kaum zu 
gebrauchen. 



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92 

V. 
Die Frankenberger Aufzeichnungen. 
Der grosse Brand von Frankenberg im Jahre 1476 
hat neben den Schätzen an Urkunden, Rechtsbüchern, 
Registern u. s. w. auch eine Anzahl von Chroniken 
und darunter die „herrliche" Chronik der Stadt ver- 
nichtet^^*). Welcher Art die genannten Chroniken ge- 
wesen sein mögen, darauf lässt sich ebensowenig eine 
bestimmte Antwort geben, wie auf die Frage nach der 
näheren Beschaffenheit jener Stadtchronik. Dass man- 
cherlei urkundliche Aufzeichnungen theils im Original, 
theils in Abschriften oder Auszügen sich erhalten hatten, 
deutet, wie oben erwähnt, der Chronist selbst an*^^), 
und aus diesem Material baut er vorzüglich seine Arbeit 
auf. Indessen schweigt er ganz von den chronika- 
lischen Quellen, die er gleichfalls in ausgiebigem Masse 
verwendet. 

In der Frankenberger Chronik finden sich näm- 
lich vom Ausgang des zwölften Jahrhunderts an Nach- 
richten in grösseren oder kleineren Zwischenräumen, 
die bald nur wenige Zeilen ausmachen, bald — be- 
sonders für* das vierzehnte und etwa die erste Hälfte des 
fünfzehnten Jahrhunderts — recht ausführlich werden. 
Im Allgemeinen kann man sagen, dass gerade das vier- 
zehnte Jahrhundert mit seinen Seuchen, Geisseifahrten, 
Städte- und Ritterbündnissen, seinen Kämpfen zwischen 
dem emporstrebenden Bürgerthum und dem herunter- 
gekommenen Adel, wozu noch die fort und fort sich 
erneuernden Zwistigkeiten innerhalb der Gemeinden 
)Lamen, die städtische Chronistik in Hessen und ander- 
wärts zu einer gewissen Blüthe brachte. Dies lassen 
auch die Vorlagen Gerstenberg' s erkennen. Seine das 

«•) Frankenb. Chron. Sp. 62 f., 70, 8. 

'W) S. 0. S. 28. 



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genannte und das folgende Jahrhundert betreffenden 
llittheilungen zeichnen sich durch Ausführlichkeit und 
Genauigkeit aus, während die frühere Zeiten behan- 
delnden meist so kurz und allgemein gehalten sind, 
dass die Vermuthung sich aufdrängt, es möchte' die 
Entstehung derselben ihren Grund in der Verlegenheit 
des Chronisten haben, der wohl Einiges über die allge- 
meine Geschichte des Landes in jenem Zeitraum zu 
sagen weiss, nichts aber über die Geschichte der Stadt, 
die er doch darstellen möchte. Von grossen Helden- 
thaten seiner Mitbürger zu sprechen, verbot ihm seine 
Gewissenhaftigkeit ; indessen lag es nahe, dass bei einer 
schweren Niederlage des hessischen Heeres, bei einer 
allgemeinen Verwüstung des Landes auch das Franken- 
berger Aufgebot starke Verluste erlitt, dass die Stadt 
selbst mit ihrem Weichbild geschädigt wurde. Dies ist 
der erste Eindruck, den gewisse Mittheilungen des 
Chronisten hervorrufen. 

Sp. 29 ist von einer Fehde zwischen Landgraf 
Heinrich L und Paderborn die Rede. Derselbe Gegen- 
stand wird in der thüringisch-hessischen Chronik S. 424 
behandelt. Die Grundlage für diese Nachricht bildet, 
wie nachstehende Zusammenstellung zeigt, eine thürin- 
gische Chronik. 

IhüringerChronik Thür.-hess. Chron. Frankenb. Chron. 
S. 91 a 154). (Anal. Hass.V, 177) ^^^), 
In den zeitten zogen In den getzyten du In diesen zeiten Wa- 
te Westphalen, der tzogen die Westphe- ren die Westpfäling 

***) Ich citire nach dem Exemplare der Stand. Landesbiblio- 
thek in Kassel Mss.Hass. in4<^nr. 117, das aus der zweiten Hälfte 
des 16. Jahrhunderts zu stammen scheint. 

*^*) Diese Stelle ist in der Originalhandschrift nicht mehr 
vollständig zu lesen, weil das stark brüchige Papier hier abge- 
sprungen ist. Nur der Schlusssatz (unde slug — croniken) ist 
derselben entnommen. Für das übrige wurde Kuchenbeckers Ab- 
druck benutzt, der sich vielfach zuverlässiger erweist als der Faust' s. 



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94 

bischoff vonn Palborn, Hnge unde der bischoff und Paderborniscln 

ufflantgraveHeinrichen von Padeborn uwer feinde und thatei 

und thatt ime viel lantgraven Hinriche dieser stadt vie 

schaden, da streitt unde dadin eme schaden, es geschal 

er mitt inen und großen schaden in zu einer zeit, dassihnei 

H e ß e n . da rustede sich landtgraff Henrich 

der furste unde tzoch nachjagte und kam ai 

schlugk irer mehr dann en entgeyn unde streyd sie und stritten zu 

anderthalbhundert mit en . unde gewan sammen einen grosse] 

toidt und finck irer den stryd unde slug er mächtigen streit, un( 

hundert und zwanzigk, mee wan löOtoid unde gott gab demlandtgral 

die gaben viel geldes. finck er 120. Alsus leßit Henrich das glück, das 

man in der Doringer er den streit gewan — 

chronicken. unde slug er mee wai 

150 toit und finck e: 

120 guter wopener, al 

man das auch lesit ii 

der Doringer croniken 

Darauf, dass nach der Frankenberger Chronik der 
Landgraf den Feinden nachjagte, was weder in der 
thüringischen noch in Gerstenberg^s thüringisch-hes- 
sischer Chronik erzählt wird, ist kein grosses Gewicht 
zu legen: eine solche Bemerkung konnte Gerstenberg 
zur Noth auf Grund der genannten Hauptquelle machen. 
Wichtiger ist die Erwähnung des von der Stadt erlit- 
tenen Schadens in der Frankenberger Chronik, wohin- 
gegen in der thüringisch-hessischen Chronik nur allge- 
mein von Hessen die Rede ist. Erstere Notiz muss 
der Verfasser aus einer anderen Quelle geschöpft haben : 
hierauf deutet mit Sicherheit der Zusatz „auch" am 
Schlüsse der Stelle in der Frankenberger Chronik, den 
Gerstenberg bei Citaten ausnahmslos nur dann hat, 
wenn ihm -neben der angeführten Vorlage noch eine 
zweite, in der Regel minder ausführliche Quelle zur 
Verfügung stand **^). Letztere ist in diesem Falle be- 
stimmt lokaler Natur gewesen. 

186J Ygi (iie Mittheilung über den -Frankenberger Teich in 



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95 

Nicht ganz so steht es mit folgenden Stellen: 

Thür.-hess.Chron.S.428. Frankenb.Chron.Sp.30. 
.... he (sc. der Erxbischof von 
Mainz) tzoch vorterß in 
syne stad geyn Fritzlar unde 
thet daruß großen 
schaden dem lantgra- 
ven, want grave Godfrid 
von Czigenheyn unde grave 
Widdekynd von Battinburg, 
der dan von geburt was 
eyner von Witgensteyn, die 
worin des bischoffs helffere 
mit andern herrn. 



In dißer phede leyd 
die stad Franckenberg 
a u ch V i 1 s ch a d e n s, want 
grave Godfrid von Czigen- 
hayn unde grave Widdekynd 
von Battenburg (der dan 
von geburt was einer von 
Witgensteyn), die woren 
des bischoffs helffere mit 
vil andern hern. 



S. 429: Alsus schribet Jo- 
hann Ryteßel in syner 
chronicken. 



Alsuß schribet Johan Ryt- 
esel in siner croniken *^^). 



Hier beruft sich Gerstenberg beide Male auf ßied- 
esel, ohne dass er in der Frankenberger Chronik eine 
Andeutung über eine etwaige zweite Vorlage macht. 

Wieder anders gestaltet sich die Sache, wenn man 
nachstehende Stellen miteinander vergleicht: 

Thür.-hess.Chron.S.485. Frankenb.Chron.Sp.43. 



Im seibin vorgenanten 
jare do woren die vonHoitz- 
feld deß lants zu Heßen fy- 
gent undedadinmrr ck- 
Hchin großen schaden, 
wante der grave von Nas- 
sauw, deß Dilnburg ist, der 
halff den von Hoitzfeld . . . 
S. 486: Alsus findet man 
in der Heßen chronicken. 



Im seibin vorgenanten 
jare du woren die Junckern 
von Hoitzfeld deß lants zu 
Heßen fygent undedodin 
denvon Frankenberg 
sunderlichin mirck- 
lichin schaden, want 
der grave von Naßauw, deß 
Dilnburg ist, der halff en. 



der thür.-hess. Chronik 8. 432 und in der Fraokcnbei'gfr Chronik 
Sp. 32, wo beide Male gesagt wird, dass „aach'^ Riedesel hierüber 
berichte. 

'*^ Dies Citat fehlt in der Ausgabe von Faust 



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Gersten berg nennt also nur in der thüringisch- 
hessischen Chronik seine Quelle, erwähnt dort aber 
auch Frankenberg nicht. 

Eine zweite Klasse von Mittheilungen, welche 
Frankenberg betreffen, ist ebenfalls in Berichte über 
den Gang der Ereignisse in Hessen überhaupt einge- 
flickt, enthalt aber ganz spezielle, wenn auch kurze 
Nachrichten, die meist nur lokalen Ursprungs sein 
können. Sp. 38 wird der Verlust der Frankenberger 
schon genauer bestimmt : „Und in diesem streit namen 
die von Franckenberg unmeßlichen grossen schaden 
an toden, an gefangenen, an hämisch und an pferden, 
dann sie mit grosser macht da waren, und dieses ge- 
schach uf S. Laurentiustag. und war dies die erste 
gemeine niderlag deren von Franckenberg seither den 
ersten landgraven zu Hessen: wie man das findet 
auch beschrieben in der hessischen cronica^^ Dieselbe 
Sache wird, jedoch ohne Erwähnung der Franken- 
berger, in der thüringisch-hessischen Chronik S. 464 f. 
erzählt, wo Aufzeichnungen zu Haina als Quelle ange- 
gegeben werden. 

Sp. 23 ist von kriegerischen Ereignissen des 
Jahres 1195 die 'Rede, in welche auch Hessen ver- 
wickelt wurde. Derselbe Gegenstand wird in der thü- 
ringisch-hessischen Chronik (Monim. Hass. I) S. 273 f. 
behandelt. Die Grundlage der Darstellung in der 
Frankenberger Chronik bildet eine Thüringer Chro- 
nik, deren Bericht Gerstenberg nahezu wörtlich in 
sein grösseres Werk hinübergenommen hat. Man 
vergleiche 

T h ü r.-h ess. Chron. Thüringer Chro- Franken b. Chroi 

nik S. 62 f. 

Do man schreib nach Ein jar darnach anno Darnach do ma 

goddesgeburtll95jare, Christi 1194 jar, da schreib nach gots g( 

du wurden die tzwene worden die bischoife burt 1195 jare, do wai 



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97 

ertzbischofife vonMentz von Meintz und Collen bischofif Curt von 
unde von Collen lant- lantgraveHermansfein- Mentze unde der bi- 
graven Hermans vigen- de und zogen vor Grün- schoflf von Collen fy- 
de unde tzogin vor bergk und verbranten gent uwer lantgraven 
Gränenberg unde ver- ime die statt. Her man unde tzogin 

brantin eme das gar. in Hessen mit großer 

dartzu tzogin sie vor macht unde legertin 

Margburg unde ver- sich vor Gronenberg 

brantin auch das. in indeß aber lantgrave unde darnach vor Marg- 
des alß lantgrave Her- Herman das steueren bürg unde verbrantin 
man das werin wulde wolte, die tzwene flecken alle 

unde tzoch mit vil gar. deß buwetin dy 

fulckes in Hessen: da hatte sich der marg- von Franckenbergk 6 
hatte sich der von grave von Meissen be- guter wartte genant 
Mißen besammet unde sammet und vergaß der uffme Heymbache Nu- 
vergaß der sune unde shune und schlichtunge wenwarte Hoenberg 
richtunge unde tzoch und zog uff inen in A Iden warte unde Callo- 
uff en heymelichen in Doringen heimlichen warte, in dußer phede 
Doringen unde thet und thatt grossen scha- leyd die stad vil un- 
großen schaden. da den. da das lantgrave gemachs unde sunder- 
das lantgrave Herman Herman erfur, kherte Jich von den Colschen 
herfure , du karte er er widder umb und mit eren helffern. Von 
widderumbe unde wul- wolte mit dem marg- dußen geschichten fin- 
de mit den Mißenern graven streitten. da det man auch in der 
striden, da wurdin sie floch er von dem felde Doringer croniken. 
flachtig und er wart und der seinen wurden 
vile gefangin, die liß viel gefangen, die er 
der lantgrave furin fürte gein Wartpergk 
geyn Warperg unde 

Ysenach unde sattzste und Isennach und sazte 
sie in gefenckeniße. in sie gefenglich. indes 
des tzogen die tzwene zogen die zwene erz- 
ertzbischoffe vorters bischoff vor Milsungen 
vor Melsungen unde und wolten das ge- 
walden das gewynnen. winnen. da zoch lant- 
da tzoch lantgrave rave Herman zu inen 
Herman zu en unde und wolte sie be- 
wulde sie bestriden. streiten. da kamen 
du quamen die tzwene die zwene epte zu 
epte von Fulda unde Fulda und Hirsfelt 
von Hersfeld unde na- und undernamen den 
men den krig uff unde kriegk und richten sie 

H. F. XVII. Bd. ' 



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Ö8 

richten sie frufttlich uff freundtlich utf dem 

dem felde .... Duße felde. 

geschickte leßit man 

in der Doringer cro- 

niken. 

Auch hier ist in der Frankenberger Chronik neben 
der Hauptquelle eine Vorlage lokalen Ursprungs benutzt 
worden. Ziemlieh bestimmt lautet ferner die Nachricht 
ohne Quellenangabe z. J. 1295 [Kuchenbecker^ Anal. 
Hass. V, 186 — die Stelle fehlt in der Ausgabe von 
Faitst\ wo Graf Wittekind von Battenberg als Helfer 
des Erzbischofs Gerhard von Mainz bezeichnet wird. 
In der thüringisch-hessischen Chronik S. 432 (z. J. 1289) 
und 435 (ohne Angabe des Jahres), wo sich Gerstenberg 
für dieselbe Begebenheit auf Riedesel als Gewährsmann 
beruft, ist aber von den erwähnten Grafen nicht die Rede. 
Sp. 37 (z. J. 1315) wird von der Schädigung der Stadt ge- 
sprochen, indem der Erzbischof Peter von Mainz Batten- 
berg und Rosenthal innegehabt habe. In der thüringisch- 
hessischen Chronik S. 456 fehlt auch hier wieder die 
Jahreszahl und ausserdem die Erwähnung der genannten 
Orte. Beide Male nimmt der Verfasser Bezug auf 
Riedesel, doch hat es, wie später weiter ausgeführt 
werden wird, den Anschein, als ob letzterer in der 
Frankenberger Chronik nicht in Beziehung aufdie Fran- 
ke nb er g betreffenden Vorgänge als Gewährsmann 
genannt würde. Nach Sp. 42 hielt sich Landgraf 
Heinrich II. auf seinem Zage gegen Itter in Franken- 
berg auf. Am Schlüsse heisst es: „Alß man das auch 
, leßit in der croniken von Lympurg." Dieses „auch" weist 
bekanntlich auf eine zweite Quelle hin. In der thürin- 
gisch-hessischen Chronik S. 483 spricht Gerstenberg z. J. 
1354 von demselben Ereignis und beruft sich nur auf 
die Limburger Chronik, hat aber ebensowenig wie 
letztere (S. 43, 12—18) die Frankenberg betreffende 



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99 

Mittheilung. Sp. 41 wird (nach den Chroniken von 
Limburg, Strassburg und dem Fasciculus) wie auch in 
der thüringisch-hessischen Chronik S. 476 ff. (wo neben 
denselben Quellen der Fasciculus nicht genannt wird) 
von der Judenverfolgung und den Geisslern berichtet; 
es finden sich in der Frgftikenberger Chronik aber auch 
Nachrichten über die Verbrennung der Juden in Franken- 
berg und die Geisseibrüder, denen hier die Fahnen und 
Kerzen abgenommen wurden. Sp. 50 f. wird der Zug 
des Landgrafen Hermann gegen Padberg erzählt, wobei 
sich ausser dem genauen Datum Angaben über dessen 
Aufenthalt in Frankenberg und die Stärke des Heeres 
finden. Am Schlüsse heisstes: „. . . . alß man auch 
leßit in der croniken von Lympurg." Aus letzterer 
Quelle entnahm Gerstenberg auch seinen Bericht in 
der thüringisch-hessischen Chronik S. 507 f. über die- 
selben Ereignisse, wo aber, wie in der Limburger Chronik 
(a. a. 0. S. 43), weder ein Datum noch Frankenberg über- 
haupt erwähnt wird. Ein Frankenberg betreffender Zu- 
satz ist ferner Sp. 47 (z. J. 1380) zu finden, wo die Theil- 
nahme der Bürger mit 50 Reitern — die Zahl bietet die 
Handschrift S. 20 a, während Faust dieselbe weglässt 
— an der Verwüstung der Fluren von Mardorf u. s. w. 
durch Hermanti den Gelehrten erwähnt wird. Hiervon 
weiss die thüringisch-hessische Chronik S. 500 nichts. 
Hinsichtlich der Herkunft der oben angeführten 
ganz kurzen Bemerkungen über die Schädigung der 
Stadt u. s. w. fehlt jeder Anhalt dafür, dass Gersten- 
berg diese und die ^twas eingehenderen gleichfalls auf 
Frankenberg bezüglichen Mittheilungen einfach erfunden 
haben soll : dies würde im schärfsten Gegensatze zu der 
Gewissenhaftigkeit stehen, die er anderwärts zeigt. Beide 
Gruppen von Nachrichten können, an und für sich be- 
trachtet, z. Th. wenigstens aus Landesgeschichten, der 
Chronik Riedesel's und der Hessenchtonik» stammen. 

7* 

672565A 

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löö 

benn es ist nicht unmöglich, dass die Verfasser in irgend- 
welchen Beziehungen zu Frankenberg standen und aus 
diesem Grunde die Stadt besonders berücksichtigten. 
Riedesel erwähnt z. B., wie oben bemerkt, die Anlegung 
des grossen Teiches in der Nähe des Ortes durch Hein- 
rich I. i. J. 1288. Indessen ist zweierlei zu bedenken: 
zuvörderst deutet Gerstenberg an mehreren Stellen 
durch den schon mehrfach besprochenen Zusatz „auch^' 
bei den Quellencitaten an, dass er noch anderweitiges 
Material gekannt habe; was sodann seine Quellenan- 
gaben am Schlüsse von kürzeren oder längeren Ab- 
schnitten anlangt, wo die Stadt betreffende Nachrichten 
in Mittheilungen allgemeinerer Art eingeflickt sind, aber 
keine lokale Quelle aufgeführt wird, so zeigt wenig- 
stens die Sp. 41 sich findende Stelle über die Ver- 
brennung der Juden in Frankenberg u. a. m., dass hier 
sein Gitat ungenau ist : er beruft sich auf die Chroniken 
von Limburg und Strassburg und ausserdem auf den 
Fasciculus temporum, wo Frankenberg mit keinem Worte 
erwähnt wird. Er hat also hier Nachrichen unterge- 
bracht, die mit den von ihm citirten Vorlagen nichts 
gemein haben, und es liegt somit die Vermuthung nahe, 
dass er auch sonst, wenn er sich z. B. auf Riedesel 
beruft, daneben noch aus nicht namhaft gemachten 
lokalen Quellen geschöpft habe. 

Auffallend ist auf den ersten Blick, dass Gersten- 
berg sich über letztere nicht näher auslässt, während er 
doch sonst ziemlich fleissig citirt ; indes steht er hierin 
nicht ganz allein: auch Königshofen nennt z. B. ab- 
sichtlich, wie es scheint, keinen einzigen seiner zahl- 
reichen Strassburger Gewährsmänner ^^), Bei Gersten- 
berg hängt dies Schweigen wohl damit zusammen, dass 
die benutzten städtischen Aufzeichnungen bekannt und 
allgemein zugänglich sein mochten. 

>w) Vgl. Deutsehc Städtechroniken VIU. S. 161 und 175. 



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101 

Recht ausführlich sind schliesslich noch einige 
Nachrichten, die z. Th. wenigstens nur in losem Zu- 
sammenhange mit den Geschicken des Landes stehen. 
Hierhin gehört Sp. 45 f. die Erzählung von dem üeber- 
fall der Frankenberger Neustadt durch die Sterner (um 
1372); Sp. 46, 48 f. u. 50 die Mittheilung über Her- 
mann von Trefifurt, Friedrich von Padberg und den sog. 
Kran von Bige und ihre Beziehungen zu Frankenberg; 
Sp. 56 f. der Bericht über die Räubereien des Gottfried 
von Langen und Johann Schobbel und die Verluste der 
Frankenberger bei Hallenberg (1463); Sp. 58 ff. die 
Notiz über die Niederlage derselben am Schartenberge 
(1473), über den Aufenthalt des Landgrafen Heinrich HL 
iu Frankenberg (1474) u. s. w. 

Mag auch der Inhalt einiger von diesen Stellen, 
die sich auf Ereignisse des 15. Jahrhunderts beziehen, 
auf eignen Erlebnissen des Verfassers beruhen oder 
aus mündlicher Tradition geflossen sein, so spricht doch 
die Mehrzahl derselben deutlich dafür, dass der erwähnte 
Brand der Stadt nicht sämmtliche chronistische Auf- 
zeichnungen früherer Zeiten, besonders des vierzehnten 
Jahrhunderts, vernichtet hat^^^). Gerstenberg hat sie 

***) Abgosehen von Frankenberg brachte man damals auch 
in andern hessischen Städten, besonders in Hersfeld, der Zeitge- 
schichte ein lebhaftes Interesse entgegen. In Hersfeld gaben die 
sogen. Stenaerfehde, in welcher die Stadt eine hervorragende ßoUe 
spielte, die Kämpfe der Bürger mit benachbarten Edelleuten, mit 
dem Stifte u. a. m. Stoff zu Aufzeichnungen (vgl. die bei Seficken- 
berg^ Selecta jur. et bist. V abgedruckte Chionik S. 378 f., 380— 
393, 398—402, 410—412 u. s. w.), die, wie hier nicht weiter aus- 
geführt werden kann, durchaus den Charakter gleichzeitiger Ab- 
fassung tragen. Den Nachrichten der sogen. Congeries (Zeitschrift 
f. hess. Gesch. VII.), welche die in daji letzte Viertel des 14. Jahr- 
hunderts fallenden kriegerischen Vorgänge in Niederhessen und 
besonders um Kassel behandeln (S. 330 ff.), liegen ebenso Auf- 
zeichnungen zu Grunde, die gleichzeitig mit den Ereignissen 
niedergeschrieben worden. Der Ve^rlasser derselben; auf welche 



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102 

ohne Zweifel im ganzen so wiedergegeben, wie er sie 
vorfand ^^% und kann für Unrichtigkeiten nicht wohl 

neuerdings wieder W. Friedenshurg aufmerksam machte (abgedr. 
in der Zeitschrift f. hess. Gesch. N. F. XI, 310 f.) ist Dietrich 
Schwarz, der i. J. 1403 als Kanonikus des Martinsstiftes in Kassel 
urkundlich vorkommt (Kuchenbecker ^ Anal. Hass. V, 23; vgl. auch 
S. 85 und 112). Eine auf die genannten Ereignisse beztigliche 
Anekdote wurde erst später schriftlich fixirt. Sie findet sich in 
der Congeries (S. 332) und mit weiteren Angaben in H. W. Kirch- 
hofps Wendunmut (Ausg. v. Oesterley II, 329 f.). üebor den Ur- 
sprung seiner Notizen äussert sich Kirchhoff (8. 330) folgender- 
massen; „Diese geschieht hab ich von Nickel Nußpicker seligen, 
einen fleißigen liebhaber der historien, abgeschrieben, hette er von 
einem alten mönch, weiland im brudercloster allhie zu Cassol, herr 
Anebold geheißen, welchem es sein großvater erzehlet gehabt und 
die obgemelte händel -hett verrichten helffeu, erfahren*'. — Zu der- 
selben Art von Nachrichten sind sodann Aufzeichnungen in dem 
sogen. „Bürgerbuch*' von Gelnhausen aus dem Ende des 14. und 
Anfang des 15. Jahrhunderts (Zeitschrift f. hess. Gesch. N. F. XU, 
405 ff.) und wohl auch die Erzählung von dem missgluckten An- 
griffe des mainzischen Hauptmanns Ingebrant auf Homberg zu 
rechnen, die Lauze (S. 260, z J. 1401) einer lokalen Quelle ent- 
nommen zu haben scheint. 

***') Lauze's Belichte über einige Frankenberg betreffende 
Ereignisse enthalten Angaben, die theils im Widerspruch mit den 
entsprechenden Mittheilungen Gersten berg's stehen, theils sich bei 
diesem gar nicht finden. Hierher ist (S. 246 a) seine Erzählung 
von dem Streit der Brüder Hermann und Friedrich v. Treffurt 
(welch' letzterer von Gerstenberg Mon. Hass. 11, 493 f. und Fran- 
kenb. Chron. Sp. 46 gar nicht erwähnt wird) mit den Bürgern von 
Frankenberg zu rechnen. Am Schlüsse fügt er seiner Bemerkung, 
dass beide Edelleute aus der Stadt vertrieben wurden, noch folgende 
Notiz hinzu: „. . . etliche sagen, sie (d. h. die v. Treffurt) seient 
von den burgern in solchem lerm beide umbkommen und er- 
schlagen worden.'' Also hat Lauze für seine Erzählung mindestens 
zwei in einzelnen Punkten von einander und von Gerstenberg ab- 
weichende Darstellungen gekannt. Eine andere Quelle als dieser 
muss ihm auch für die kurze Nachricht über die Niederlage der 
Frankenberger am Schartenberge (i. J. 1473) und die hierauf 
folgenden Ereignisse (vgl. Mon. Hass. II, 549 und Frankenb. Chron. 
Sp. 58, 59 u. 60) vorgelegen haben, da er (S. 274) die Bürger 



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103 

verantwortlich gemacht werden, da ihm das Material 
zur Kontrole jener üeberlieferungen fehlte. Hierhin 
gehören auch seine topographischen Beschreibungen 
und eingehenden Schilderungen von dem städtischen 
Leben und Verkehr früherer Jahrhunderte: Sp. 11 — 15 
für die Zeit Karl's d. Gr., Sp. 31 f. u. 34—36 für die 
des Landgrafen Heinrich L Letztere für Erdichtung 
Gerstenberg's zu halten, geht nicht an, da dies zu der 
Gewissenhaftigkeit, die er sonst zeigt, im stärksten 
Gegensatze stände. Er hat dieselbefi sicher älteren 
Aufzeichnungen entnommen , die vielleicht als Theil 
einer Stadtchronik eine topographische Beschreibung 
des Ortes enthielten. 

Es erübrigt noch, die Denkverse zu erwähnen, die 
der Chronist gelegentlich anführt, ohne dass er sich 
über den Ursprung derselben äussert. Sp. 5 finden 
sich zwei, die sich auf die Gründung der Stadt durch 
den Frankenkönig Theoderich im Jahre 520 beziehen. 
Sp. 17 erzählt Gerstenberg von der Erbauung der 
Marienkirche in Frankenberg und deren Einweihung 
durch Lullus im Jahre 810, wozu er die gleiche Anzahl 
Verse mittheilt. Dieses Gotteshaus wurde nach der 



durch die Bewohner von Bilstein, Gerstenherg aber durch die von 
Brilon geschlagen werden lässt. Nach Gerstenherg schickten so- 
dann, als Landgraf Heinrich III. sich zu einem Rachezuge gegen 
die Westfalen rüstete, letztere und insbesondere die von Brilon 
angesehene Leute (deren Namen nicht weiter mitgetheilt werden) 
zum Landgrafen und baten um Yerzeihungi während Lauze als 
Gesandte Gottfried Lang und Johann Schoenbichel namhaft macht. 
Diese sind ohne Zweifel identisch mit den beiden Edelleuten Gott- 
fried v. Langen und Johann Schobbel, die nach Gerstenberg (Fran- 
kenb. Chron. Sp. 56 f.) zehn Jahre früher Frankenberg belästigten, 
bei den in Rede stehenden Angelegenheiten aber von ihm gar 
nicht erwähnt werden. — Allem Anschein nach sind die Mit- 
theilungen des Frankenbeiger Chronisten genauer als die Lauze's, 
der Gerstenberg hier weder unmittelbar noch auch ausschliesslich 
benatzt haben kann. 



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104 

Angabe eines ziemlich ausführlichen Metrums Sp. 31 
i. J. 1286 abgebrochen und von Heinrich I. durch ein 
neues ersetzt. Sp. 56 findet sich sodann ein Denkvers 
auf den Frost des Jahres 1430 und Sp. 67 zwei solche 
auf den Brand der Stadt i. J. 1476. Der letzte, Sp. 
71, handelt von der Ankunft der Süster in Franken- 
berg (1487). 

Ganz abgesehen davon, dass die Gewohnheit, auf 
wichtige Ereignisse Denkverse zu machen, erst im spä- 
teren Mittelalter* aufkam, kennzeichnet schon der In- 
halt der beiden ersten den geringen Wertb derselben : 
es handelt: sich, wie erwähnt, um den Ursprung der 
Stadt, den der Verseschmied in das Jahr 520 setzt, und 
weiter um die Einweihung der Marienkirche durch 
LuUus zu einer Zeit, wo letzterer bereits mehr als 
zwanzig Jahre todt war^^^). Alte, zuverlässige Nach- 
richten liegen hier also auch nicht zu Grunde, und es 
sind wohl sämmtliche Denkverse erst im fünfzehnten 
Jahrhundert entstanden. — 

Trotzdem Gerstenberg sich über die ältere Franken- 
berger Historiographie nicht weiter ausspricht, ja nicht 
einmal eine einzige hierher gehörige Quelle namhaft 
macht, ergiebt doch, wie gezeigt wurde, eine nähere 
Betrachtung des von ihm verwandten Materials, dass 
ihm neben einigem Wertlosen auch wichtige Nach- 
richten, insbesondere für das 14. Jahrhundert, vor- 
gelegen haben, die unsere Kenntnis der mittelalter- 
lichen städtischen Chronistik in Hessen nicht unbe- 
trächtlich erweitem. 



"*) In seiner thüringisch-hessischen Chronik {Äyrmann S. 
140) setzt er dagegen den Tod des Srzbischofs ganz riditig in das 
Jahr 786. 



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105 



VI. 

Die Hersfelder Chronik. 

Wie Gerstenberg selbst im Eingange seines grös- 
seren Werkes angiebt, hat er eine Hersfelder Chronik 
benutzt ^®^). Wir wissen darüber nichts iJäheres, doch 
muss sie, da sie von dem Chronisten nur zweimal, soweit 
ersichtlich, herangezogen wird, wenig brauchbaren Stoff 
enthalten haben^ am wenigsten wohl für die Geschichte 
von Hersfeld, die der Chronist gar nicht berührt. Hätte 
er darin ausführliche Nachrichten über dieses Stift ge- 
fanden^ so würde er sie z. Th. wenigstens wiedergegeben 
haben. Die Berücksichtigung von Hersfeld hätte zwar 
seinem Programm nicht entsprochen, da er es zunächst 
mit Hessen zu thun hat, allein seine zahlreichen No- 
tizen über benachbarte und entferntere Klöster u. s. w. 
zeigen, dass er es hiermit nicht genau nimmt That- 
sächlich geht die erste der beiden aus der Hersfelder 
Chronik mitgetheilten Stellen auf Lambert von Hers- 
feld zurück: 

Gerstenberg (Monim. Lambert z. J. 1050 

Hass. I, 103). (Handausgabe S. 31). 

Dußer bobist (Leo IX.) 

hilt eyn concilium zu Mentz Leo papa Mo- 

unde eynen seenth in geyn- gontiae sinodum celebravit 
wirtickeyd des vorgenanten praesidente imperatore cum 
keyßer Hinrichs unde in 42 episcopis. 
byweßen 42 bischoffe. Alß 
man das auch leßit in der 
croniken von Herßfelt. 

Der Zusatz „auch** lässt anf Benutzung einer 
zweiten Quelle schliessen, aus der vermuthlich die der 
Erwähnung der Mainzer Synode vorausgehende Wunder- 
erzählung von Leo IX. und dem aussätzigen Bettler 



"•) Ayrmatm S, 7, 



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106 

geschöpft ist, die in eine Chronik von Hersfeld offen- 
bar gar nicht hineinpasst, wohingegen es nicht auf- 
fällig ist, wenn eine kurze Notiz über die genannte 
Synode sich in einem Werke findet, das sich allem 
Anschein nach an Lambert anlehnt. Dieser ist auch 
mittelbar oder unmittelbar die Quelle für die andere, 
aus dem zweiten Buche jener Chronik entnommene 
Nachricht (a. a. 0. S. 129), welche gleichfalls nicht 
von Hersfeld handelt. Es ist von vier Plagen die Rede, 
die aus der Uneinigkeit Heinrich's IV. mit seiner Ge- 
mahlin und dem Papste erwachsen seien: „Die irste, 
das der keyßer darnach stunt tag unde nacht, wie er 
Doringer land betzwingen mochte, die ander plage, 
das der bischoff zu Mentze Doringer laut uff tzehindin 
gebin tzwingen wulde. die dritte, wie der keyßer ver-» 
fulgete Otten von Saßen hertzog zu Beyern mit sampt 
dem lande zu Saßen, die vierde, das der bobist mit 
dem keyPer tzweydrechtig wart unde mit der paffheyd. 
daruß dan vorters quam so große errunge unde tzwey- 
dracht tzußchin den paffen unde den leygen, alß hyr- 
vor ymehe gewest ist, alß man das wol hirnach ho- 
rin sal." 

Auch G, Bruschius benutzte, ohne den Verfasser 
zu kennen, Lamberts Werk in dem Fulda betreffenden 
Abschnitt seiner Chronologia monasteriorum Germaniae 
praecipuorum. Dagegen scheint sich Cyr. Spangenberg 
im Adelspiegel II, 416, wo er über Hans v. Dörnberg 
handelt und „etliche hessische Annales'' neben einer 
„herschfeldischen Chronica" citirt, auf Arbeiten des 
mehrfach genannten Nohen zu beziehen. — 

Das Wenige, was Gerstenberg aus der Hersfelder 
Historiographie mittheilt, scheint der klösterlichen, nicht 
der städtischen Geschichtschreibung anzugehören, giebt 
aber keinerlei weiteren Aufschluss über die dortige 
historiographische Thätigkeit. Von höherer Bedeutung 



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hierfür sind die Mittheilungen des soeben erwähnten 
Nohen, in dessen theilweise freilich nicht in originaler 
Fassung tiberlieferten Werken sich unverkennbare Spuren 
einer zwar nicht umfangreichen, aber immerhin be- 
merkenswerthen hersfeldischen Chronistik im 14. und 15. 
Jahrhundert finden. 

vn. 

Die Aufzeichnungen von Haina nnd 
Aulisburg. 

Hierher gehört die vermuthlich in dem Cister- 
zienserkloster Haina von einem Unbekannten verfasste 
Legende des Bruders Kurd von Hirlesheim '^^). Glieder 
dieser Familie kommen gegen das Ende des 13. und 
während des 14. Jahrhunderts häufig in Urkunden als 
Wetzlarer Bürger und Scheffen yor^®^); ein anderer 
Zweig des Geschlechtes scheint schon frühe nach dem 
benachbarten Hessen gekommen zu sein, und diesem 
gehörte wohl Kurd, der Vater des Hainaer Mönches, 
an '**). Derselbe unternahm gegen das Jahr 1200 mit 
einem Grafen von Ziegenhain eine Fahrt an den Rhein, 
beide verunglückten beim Uebersetzen über den Strom 



*•*) Der Ort, von dem das Adelsgeschlecht v. H. seinen 
Namen hat, heisst heute Hörnsheim uod hegt in der Nähe von 
Wetzlar. 

••*) In dem hessischen üikundenbuche von Wyss, Bd. 1 u. 2 
werden in dem genannten Zeitraum meist als Scheffen von Wetzlar 
genannt: Hartrad, Haitmann, Johann, Eberhard und Heinrich von 
Herlisheim. Dieselben Personen werden auch (mit Ausnahme von 
Hartmann) bei v. ülmensiein, Gesch. v. Wetzlar erwähnt (vgl. das 
Register im 3. Bunde unter v. Heiüsheim). 

»•») Hess, ürkundenb. I. nr. 229 findet sich (1267) ein Her- 
mann V. Herlishem als Scheffe in Homberg a. d. Ohm. Nach 
Gerstenberg, der (Monim. Hass. II, 306 ff.) vermuthlich nach der 
Legende Kurd's Näheres über letzteren mittheilt, war der Vater 
desselben ein hessischer Bitter (das. S. 307). 



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108 

und worden zu Erbach begraben. Erst nach dem Tode 
des Vaters kam Kurd zur Welt. Diesen benannte die 
Mutter Hedwig nach ihrem Gemahl und erzog ihn 
sorgsam. Im 18. Jahre zum Bitter geschlagen, wurde 
er in demselben Jahre Mönch in Altenhaina, wo er 
drei Jahre lang, bis 1221, verblieb *®^). Zu dieser 
Zeit siedelten die Bräder nach Haina über. Hier 
führte Kurd ein erbauliches Leben *^') bis zum Jahre 
1270, wo er starb. Er wurde in Haina begraben ***) 
und wirkte noch nach seinem Tode in wunderthätiger 
Weise ^^^), 

Die Legende, welche wohl nicht vor Beginn des 
14. Jahrhunderts entstanden ist^'®), unterscheidet sich 
offenbar in nichts von der bekannten Art solcher Auf- 
zeichnungen: sie bringt viel Stoff über den frommen 
Lebenswandel und die Wunder des Heiligen und nur 
hier und da werthvollere Bemerkungen über geschicht- 
liche Ereignisse. Gerstenberg citirt sie zweimal ^^^), 



^^) Demnach müsste er, wie oben aDgenommeni um 1200 
geboren sein. 

167) Ygi ^\q stücke aus seiner Legende bei Gerstenberg 
a. a. 0. S. 394—396, wo übrigens der Herausgeber einige Wundor- 
erzählungen als weithlos nicht mitgetheilt hat. 

i«8) Das. S. 426 und Frankenb. Chron. Sp. 29. In den zahl- 
reichen Hainaer Urkunden (abgedr. Anal. Hass. IV, 305 — 349; 
VIII, 275-321; XI, 122-184) finde ich Kurd nur einmal als 
Zeugen in einer dies Kloster betreffenden Urkunde des Grafen 
Berthold (I.) von Ziegenhain v. J. 1254 (a. a. Ü. IX, 140) und zwar 
an erster Stelle aufgeführt (frater Cunradus de Herlesheim mona- 
chus et sacerdos). 

***) Landgraf Heinrich I. gelobte, als er 1296 gefährlich er- 
krankt war, eine Wallfahrt zum Grabe Kuid's und wurde gesund. 
Gei"stenberg a. a. 0. 8. 437 f. Ueber die Zeit der Krankheit vgL 
Fr, Behm, Handbuch d. Gesch. beider Hessen I, 152. 

"•) Vgl. die vorige Anm. 

"^) S. 394 (396) und 438. 



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109 

doch hat es. den Anschein, als ob er sie häufiger benutzt 
habe, ohne sie zu nennen ^'^). Einen anderen Charakter 
tragen gewisse Aufzeichnungen, die nach Gerstenberg's 
Angaben in den Klöstern Haina und Aulisburg gemacht 
wurden. Diese Mittheilungen zerfallen in zwei Gruppen : 
die einen sind gleichzeitige Aufzeichnungen von kriege- 
rischen Ereignissen, die sich gegen das Ende des 13. 
und im Anfange des 14. Jahrhunderts in Hessen und 
den Nachbargebieten abspielten, die anderen behandeln 
fast ausschliesslich die Geschichte der klösterlichen Nie- 
derlassungen in Aulisburg und Haina. 

Betrachten wir zunächst die erste Gruppe. Gersten- 
berg weist an drei Stellen auf Hainaer Quellen hin: 
S. 425 f. ist von einem Einfalle der »Westfälinger« in 
Hessen lyd ihrer Niederlage durch Landgraf Heinrich I. 
bri der Karlskirche (1270) die Rede ^^s). S. 433 wird 
erzählt, wie Graf Gottfried von Ziegenhain dieselben 



'") So z. B.. 8. 306 f., wo die Geschichte Kui-d's bis zu 
seinem Eintritt iu's Kloster, und S. 426, wo sein Tod erzählt wird. 
Hit der letzten Stelle ist Frankenb. Chron. Sp. 29 zu vergleichen. 

*^*) „Alsus leßit man zu Heyne**. Dieselbe Nachricht findet 
sich auch und zwar mit genauerer Zeitangabe („im herbeste **) und 
mit Hinweis auf dieselbe Quelle in der Frankenb. Chron. Sp. 29 f. 
Vielleicht liegt aber hier eine Ungenauigkeit bezw. eine Yerwechs- 
lung mit dem Siege des Grafen Gottfried von Ziegenhain über die 
"Westfalen bei Geismar vor, der nach der thür.-hess. Chronik a. a. 
0. S. 433 in den Herbst des Jahres 1293 fiel. Die dies Ereignis 
betreffende Nachricht bei Lauze 8. 239 (z. J. 1270) lautet: „Anno 
etc. 1270 kam der genante bischoff von Paderborn wider mit 
grosser macht ins Hessenland, da traf landgrave Heinrich mit ime 
unferue von Gudensperg; da blieben auf des bischoffs Seiten vier- 
hundert man auf der walstatt und dorzu worden ime hundert und 
zwanzig erbar man abgefangen, und hot gemelts bisthumb diesen 
schaden in vielen jai'en nicht können erstatten.*^ Hinsichtlich der 
Zeit und des Ortes der Schlacht steht Lauze im Einklang mit 
Gerstenberg, auch die Zahl der Gefalleneu ist bei beiden die näm- 
liche; dagegen spricht Lauze von 120 gefangenen Rittern: hiervon 



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iiö 

:^einde bei Geismar besiegte (1293) i'*). S. 464 f. findet 
sieh eine Nachricht über einen Zug des Erzbischofs 
Matthias von Mainz und des Grafen Johann von Nas- 
sau-Dillenburg und über das TrefiPen bei Wetzlar 
(1328) ^7«*). 

Wesentlich verschieden hiervon sind die Mitthei- 
lungen, die die Geschichte der genannten Ansiede- 
lungen behandeln. Es kommen hierbei 2 Stellen in 
Betracht : Monim. Hass. I, 225 f. ist von der Stiftung 
von Aulisburg durch Poppo von Reichenbaeh die Rede ; 
das. II, 307 f. stehen Mittheilungen über Bruder Kurd, 
über Altenhaina, Haina, Aulisburg und den Eintritt des 
Grafen Heinrich von Ziegenhain in das Kloster Aulis- 
burg u. s. w. ^'^). 

Ueber diese Dinge haben wir noch einef zweiten 
Bericht, der etwas kürzer gehalten ist und bei mancher 



weiss Gerstenberg nichts. Vielleicht beruht diese Zahl auf einer 
Verwechslung mit einer Angabe Geraten berg's S. 424, derzufolge 
bei einem früheren Einfall der Westfalen 120 Mann gefangen 
wurden. 

"*) „Alsus leßit man zu Heyne*'. Lauze S. 241a hat im 
ganzen dieselbe Nachricht, aber ohne Angabe der Jahreszeit, wie 
sie sich bei Gorstenberg findet. Ebenso sucht man hier die Be- 
merkung des letzteren, dass wenige umkamen, vergeblich. Anderer- 
seits schliesst Lauze seine Mittheilung mit den Weiten: ^und 
fürte sie (d. h. die Gefangenen) mit sich ghen Cziegenhain.* Ob- 
wohl dies an und für sich ein willkürlicher Zusatz Lauze's sein kauo, 
so hat es doch in Anbetracht der soeben besprochenen Abwei- 
chungen den Anschein, als ob er sich einer anderen Quelle als 
Gerstenberg's bedient habe. 

"*) ^Hirvon leßit man auch zu Heyne". Dies deutet 
Gerstenberg's Citirmethode zufolge bestimmt auf das Vorhanden- 
sein noch anderer Quollen. In der That zeigt Gerstenberg Fran- 
kenb. Chron. 8p. 33, dass er auch den Bericht der Hessenchronik 
über das gleiche Ereignis gekannt hat. 

"*) ^Duß findet man zu Heyne unde zu Aulißburg.* 



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Abweichang von Gerstenberg's Erzählung doch wiedeif 
viel Uebereinstimmung zeigt: er ist in der Chronik 
Laoze's enthalten, der einige Zeit Vorsteher des Hospi- 
tals in Haina war^^^). Beide Chronisten verdanken 
entweder ihre Nachrichten einer Schrift, deren Ver- 
fasser Urkunden benutzt hat, oder sie haben den Stoff 
selbst aus solchen entnommen. 

Wir sind in der Lage einen Theil der Urkunden 
nachzuweisen, aus denen die Berichte der beiden Chro- 
nisten mittelbar oder unmittelbar geflossen sind : sie 
finden sich bei Kuchenbecker^ Anal. Hass. IV, 341 ff. 
Die Hauptquelle scheint der unter nr. IV abgedruckte 
urkundliche Bericht vom Jahre 1244 zu sein. 

In nachstehender Zusammenstellung sind der bes- 
seren Uebersicht wegen die einzelnen Sätze der Ur- 
kunde, wo dies nöthig erscheint, so umgestellt, dass 
sie unmittelbar neben die Parallelstellen aus Gersten- 
berg's Chronik zu stehen kommen. Eine solche Um- 
stellung ist aus diesem Grunde auch einmal bei Lauze 
vorgenommen. 

Gerstenberg. Lauze I, 219a f. 

(Monim. Hass. I, 226 f.) Anal. Hass. IV, 356 f. (z. J. 1221). 

In demselbin jare Praesenti autentico 

(1150) du gab grave testamur nos intelle- 

Boppo von Richenbach xisse, quod cum comes 

mit folbort siner ge- Boffo de Richenbach 

maheln frauwen Berten cum uxore sua Bertha 

dem cloister zum AI- nomine montem qui di- 

dencampe ordenß von citur Aulesburg cum 

Cistercien die stedde suis appendiciis eccle- 

Aulißburgk mit alle siae Campensi Cister- 

siner zugehorunge. deß ciensis Ordinis obtu- 



"'') Vgl. die Ausgabe von Bernhardt und Schibart (Zeitschr. 
f. hess. Gesch. 2. Suppl.) Bd. 1, Vorw. p. IV und die Allgem. 
deutsche Biographie XVIII, 80. 



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112 

sänte der apt von AI- lissetannogratiaellöO. Anno 1150 seind 
dencampe dry convente eadem ecciesia tres zwolff personen 
dar, eynen nach dem conventus singillatim von Alten Campe ins 
andern, der irste wonte sibique succedentes ad Hessenland komen und 
etzlichetzyt na bie Aa- dictum locum scilicet haben den Aulißberg 
lisburg an eyner stedde Aulesburg transmisit, beneben dem dorfFe 
genant Louelbach, der quorum primus ali- Louilbach eingenom- 
gingk vorters geyn quamdiu moratus in men der meynung alda 
Riffensteyn. darnach Louelbach transivit Ri- ein kloster zu bauwen, 
wonetin eynß andern fensteine. post eins dis- seind aber bald eins 
ordenß geistlicher lüde, cessum etiam alterius andern zuroth worden 
monche unde nonnen religionis monachi et und da dannen gen 
moniales ibidem sunt Louilbach und wider 
demorati. secuAdus alda dannen ghen Reif- 
zu Louelbach. dar- post habitationetia in fentein gezogen, 
nach santin die vom Aulesburg venit ad La- dornach sandte der con- 
Aldencampe den an- pidem sancti Michaelis, vent zu Alden Campe 
dem convent geyn Au- abermols zwolff per- 

lißburg, der gingk auch s o n e n ins Hesseniand, I 

vortane geyn Michel- die giengen gen Michel- 

steyn an dem Hartze stein, 

gelegen, zum dritten tertius de Hegene re- zum dritten sandte er 
male santin die von diit in Campum. noch zwolff per- 

dem Aldencampe aber sonen, die zogen aus 

eynen convent geyn Hessen wider nach Al- 

Aulißburg, der ginck ten Campe. 

Widder heym. alsus 
wart das cloister Auliß- 
burg himehist ver- 
verlaßin, alß die geist- 
lichen 38 jare allezu- 
sammen dar gewonet 
hatten, unde darnach 
quamen widder monche 
geyn Aulißburg, als 
man hirnach beschre- 
ben findet, dußer vor- 
genante grave Boppo 
von Riehen bach der 
was eyner von Czigen- 
heyn geborn unde fürte 
dasselbe wapen, sun- 



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113 



äern das der name 
yerwandelt was. Duß 
findet man zu Heyne 
pnde zu Aulißburg. 
i Monim. Hass. II, 
[ 307 f. 

► ünde in dem vor- 
Äenanten jare du man 
Ächreib nach gots ge- 
fcurt 1221 jare, du 
|ging der convent von 
Aldonheyne mit bruder 
Corde von Hirleßheim 
in eyne ander stedde 
snde buwetin da eyn 
»lieh monster unde 
lloister genant Heyne. 
ilß nu vormalß das 
rioister zu Aldencampe 
laabescheyde der dryer 
eonvente, wie vorge- 
ichreben stehit, die 
Jtedde Aulißburg ver- 
öß, du gab grave Hin- 
kich von Czigenheyn 
ßulche stedde dem 
iloster zum Aldenberge 
>ie Collen gelegen, des 
iante der apt von AI- 
lenberge genant Coß- 
*yn eynen convent 
geyn Aulißburg, die 
Konten darselbis unde 
ianiach zu Aldenheyne 
«usammen wol 33 jare 
«hir sie geyn Heyne 
^uemen unde das bu- 



Aber in diesem ob- 
gemeltem 1221. jar, 
den zwanzigsten 
tag Maii, ist dersel- 
bige convent wider 
alda aufgebrochen und 
ghen Heyne kommen. 



Ad ultimum vero, cum 
ecclesia Campensis ab 
eodem loco recessasset, 
comes Henricus de 
Zigenhagen . . . prae- 
fatum deo locum et 
gloriosae virgini Mariae 
. . . obtulit. hunc er- 
go locum in suam sus- 
cepit curam quidem 
abbas de Aldenberg, 
Gozwinus nomine . . . 
et fratres illuc de pro- 
prio transmisit coe- 
nobio . . . 



N. P. XVI. Bd. 



dornach anno 1188 
ward vom Altenberge 
bei Collen ein convent 
gen Aulißberg ge- 
schickt, dieser hat 
den Aulißberg ver- 
lossen, ist ghen Alten- 
oder Obern-Heyne kom- 
nuen und alda ange- 
fangen zu bauwen, da 
man es jetzund auf 
dem Espe nennet, und 
seind noch etliche alte 
maurenrumpe und bor- 
ne doselbst vorhanden, 
und an dem ort ist er 
drei und dreissig jar 
blieben. 
8 



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114 

weten. dußergraveHin- . . . comes Henricus . . . Heinrich grave zu 
rieh wart eyn monch de Zigenhagen nepos Cziegenhain, noch- 
zu Aulißburg mit vilen praedictorum nobilium, dem ime sein ehe- 
eddeln syner ritter- qui postea factus est gern ah el vers tor- 
schafft unde er was ein monachus in Aules- b e n, ist mit vielen 
neve des vorgeschreben bürg . . . cum quibus- vom adel in bemelts 
graven Boppo von dam nobilioribus suae kloster gangen , bot 
Richenbach. Alsus fin- provinciae militibus . . . auch dasselbige mit 
det man zu Heyne be- Cistertium . . . adiit . . vielen zehenden, wel- 
schreben. den und gutern zum 

richlichsten dotiert und 
begäbet, auch den platz 
und boden , dorauff 
angezeigts kloster ge- 
bauwet, welche sein 
erbeeigenthumb seind 
gewesen, dorzu ge- 
geben . . . 

Vergleichen wir zunächst Gerstenberg's Bericht 
mit dem Inhalte der Urkunde, so ergiebt sich, dass die 
erste Hälfte des ersten Abschnittes bis zu den Worten : 
»geyn Michelsteyn an dem Hartze gelegen« fast nichts 
als eine üebersetzung des entsprechenden Stückes der 
Urkunde ist. Dagegen lässt sich in der zweiten Hälfte 
die Dauer des Aufenthaltes der Mönche in Aulisburg 
(38 Jahre, also bis 1188) ebensowenig urkundlich 
nachweisen, wie die Notiz, dass Graf Poppo von 
Reichenbach ziegenhainischen Stammes gewesen sei. 

Der andere Abschnitt beginnt mit einer Mitthei- 
lung, die Kurd's Legende entnommen sein kann. Auch 
hinsichthch der Uebersiedelung der von Goswin ge- 
sandten Brüder von Aulisburg nach Altenhaina und der 
Dauer ihres Aufenthaltes in beiden Klöstern (33 Jahre, 
also bis 1221) giebt die Urkunde keine Auskunft. 

Lauze's Darstellung zeigt gleichfalls sehr viel Aehn- 
lichkeit mit Gerstenberg und der angeführten Urkunde, 
doch lässt er die Nachricht von der Anwesenheit von 



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115 

Mönchen und Nonnen „eyns andern ordenß" (alterius 
religionis) in Löhlbach aus. Auf der andern Seite hat 
er aber die Notiz, dass dreimal hintereinander je zwölf 
Mönche von Altenkampe aufbrachen und dass die Ueber- 
siedlang von Altenhaina nach Haina am 20. Mai 1221 
erfolgte ; auch findet sich bei ihm allein die Bemerkung, 
dass Graf Heinrich nach dem Tode seiner Ge- 
mahlin in's Kloster ging. 

Gerstenberg muss also wie auch Lauze noch ander- 
weitiges Material benutzt haben: dass solches einst 
vorhanden war, geht aus dem urkundlichen Berichte 
selbst hervor. Abgesehen von einer Urkunde v. J. 1215, 
auf die sich dieser (S. 357) bezieht (abgedruckt Anal. 
Hass. XI, 124 — 130 unter nr. II ; dieselbe kommt ausser- 
dem noch Anal. Hass. IV, 347—355 als Transsumpt in 
einem Aktenstücke v. J. 1493 vor), wird ein anderes 
Schriftstück namhaft gemacht, das nicht mehr vorhanden 
ist. Die Stelle lautet : Constat etiam ex alio scripto et 
testibus, quorum haec sunt nomina : Joannes abbas, 
Hermannus prior, qui conventum de Campo missum 
vidisse se meminit in Aulesburg, et Conradus conversus 
monasterii memorati. — 

Diese drei Gattungen von Aufzeichnungen werden 
anscheinend auch durch die Art und Weise, wie Ger- 
stenberg bei jeder die Quellen citirt, von einander ge- 
schieden. Bei der Legende Kurd's heisst es S. 394: 
„Man leßit zu Heyne in syner legenden" und S. 438: 
„Älsuß leßit man zu Heyne in bruder Gurts legenden". 

Bei den Nachrichten über die erwähnten kriege- 
rischen Vorgänge wird auf Haina verwiesen (vgl. Anm. 
173, 174, 175). 

Als Quelle für die Geschichte der klösterlichen 
Niederlassungen nennt er Aufzeichnungen zu Haina und 
Aulisburg (vgl. Anm. 176). An einer der hier in Be- 
tracht kommenden Stellen (Monim. Hass. II, 308) heisst 

8* 

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116 

es zwar : „Alsus findet man zu Heyne beschreben" — 
es fällt aber in's Gewicht, dass Gerstenberg den grössten 
Theil seiner Mittheilungen offenbar aus der Legende 
Kurd's genommen hat (vgl. Anm. 172), die eben nur 
in Haina entstanden sein kann. Der Chronist führt 
also hier wie anderwärts am Schlüsse seiner Nachrichten 
nur eine der benutzten Quellen an. Andererseits ist zu 
beachten, dass er in der Parallelstelle der Franken- 
berger Chronik Sp. 23 f. (wo die Nachrichten über 
das Leben des Heiligen fehlen) ausdrücklich Hainaer 
und Aulisburger Aufzeichnungen als Quelle angiebt. 
Freilich ist auch bei der ungenügenden Kenntnis, die 
wir von der Beschaffenheit jener Notizen haben, die 
Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen, dass nicht allein 
die sogen. Hainaer und Aulisburger Aufzeichnungen, 
sondern auch Kurd's Legende einzelne Nachrichten über 
die klösterlichen Stiftungen enthielt, und dass Gersten- 
berg sich somit für dieselbe Mittheilung das eine Mal auf 
diese, das andere Mal auf jene Quelle berufen konnte ^''^). 



^'*^) Noch andei'e Quellen als Gerstenberg hat Johannes Letxner^ 
der Verfasser einer Beschreibung des Klosters Haina (Mühlhausen 
lö88j, die Ktichmbecker Anal. Hass. IV, 805—340 (unvollständig) 
wieder abgedruckt hat, benutzt. Letxnet- zählt (Anal. Hass. IV, 
335) einige Mönche des Klosters aus dem Ende des 13. und der 
ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf und beruft sich dabei auf 
ein altes Memorienbuch, das also wohl aus Haina stammte. Bei 
Erwähnung von Reliquien und Wundern zu Haina, von Wall- 
fahrten u. s. w. nennt er (das. S. 310) ein „Walshäusisches Missal", 
und es ist wohl dieselbe Quelle, von der er weiter unten (S. 318) 
mit den Worten spricht: „wie das alles und sonsten viel dergleichen 
eine alte Agenda, worin fern und hinten von solchem jahrmarckt 
viel geschrieben, etwan aus dem Closter Waelshusen herfür komen, 
anzieget.'' — Dass man in Aulisburg wissenschaftlichen Bestrebungen 
nicht abhold war, zeigt ein Verzeichnis von Büchern meist theolo- 
gischen Inhalts, die ehemals in diesem Kloster sich vorfanden (vgl. 
die Urkunde v.J. 1244 bei Kuchmhecker a. a. 0. S. 359). Dort ist 
auch, vermuthlich im Anfange des 13. Jahrhunderts, ein lateinisches 



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117 



VUI. 



Die Aufzeichnungen von Georgenberg und 
Spiesskappel. 

Dürftig sind die Nachrichten, die Gerstenberg als 
ans dem Cisterzienserinnenkloster Georgenberg bei Fran- 
kenberg stammend bezeichnet. f]r berichtet S. 439 
(z. J. 1297), dass der von Heinrich I. in der Nähe dieser 
Stadt angelegte Teich ausgebrochen sei und grossen 
Schaden angerichtet habe ; der genannte Landgraf habe 
ihn deshalb von neuem eindämmen lassen. Die gleiche 
Mittheilung bringt, aber ohne Quellenangabe, die 
Frankenberger Chronik Sp. 34. Vielleicht ist auch die 
Notiz von der Gründung des Klosters i. J. 1249 in 
der thüringisch- hessischen Chronik S. 413 auf dieselbe 
Quelle zurückzuführen. Dagegen beruhen wohl die 
Mittheilungen in der Frankenberger Chronik Sp. 27 
und 28 über Sophie von Brabant und deren Beziehungen 
zum Kloster auf urkundlicher Grundlage. 

Eine grössere Bedeutung können auch die Nach- 
richten aus dem Prämonstratenserkloster Spiesskappel 
nicht in Anspruch nehmen. Gerstenberg erwähnt die- 
selben z. J. 1301 (S. 441), wo von den Stiftern des 
Klosters und der Einäscherung desselben die Rede ist. 

Verwandt hiermit ist Lauze's gleichfalls kurzer 
Bericht in dessen Chronik S. 242 (z. J. 1301), der jedoch 
insofern von Gerstenberg abweicht, als er einestheils 
das Gründungsjahr von Spiesskappel (1221) mittheilt, 
anderntheils aber die Nachricht von dem Eintritt des 
einen der beiden Stifter in 's Kloster nicht hat. 



Gedicht entstanden, welches Joh. Fr. C<mr. Retter in den Hess. 
Nachrichten III, 9—14 mittheilt. 



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118 



IX. 

Die Aufzeichnungen über die Grafen von 
Ziegenhain. 

Seinem Programme gemäss berücksichtigt Gersten- 
berg in der thüringisch-hessischen Chronik auch die 
Grafen von Ziegenhain : 15 Mal berührt er — abgesehen 
von solchen Stellen, wo letztere im Zusammenhang mit 
Ereignissen der hessischen Geschichte erwähnt werden ^^^) 
— in dem Zeiträume von 1247 — 1431 ziegenhainische 
Verhältnisse. Der Inhalt dieser Nachrichten betrifft 
fast durchgängig Familienereignisse des Grafenhauses, 
und zwar wird 13 Mal ein genaues Datum angegeben: 
darunter sind 10 Todtestage von Angehörigen des Ge- 
schlechts ^^% 1 Mal ein Ritterschlag ^^% 1 Mal eine 
Heirath^s^), 1 Mal ein Sieg ^s^); nur in 2 Fällen ist 
das Jahr allein angegeben, das genaue Datum dagegen 
fehlt ''^). 

Nur einmal giebt Gerstenberg eine Andeutung 
allgemeiner Art über die Quelle dieser Nachrichten, in- 
dem es S. 442 heisst: „Alsus leßit man zu Czigenheyn." 
Dieselben entstammen wohl Memorien- oder Messbüchern, 



"9) Wie dies z. ß. Monim. Hass. II, 436 f., 491 f., 504 f. 
u. s. w. der Fall ist. Hierzu sind wohl auch Ö. 531 und 533 (iu 
der Frankenb. Chron. Sp. 56) die Bemerkungen über die Besitzer- 
greifung der Grafschaft durch Ludwig den Friedsamen und den 
Tod des letzten Grafen zu rechnen. Berücksichtigt ist ferner nicht 
die Stelle S. 433 über einen Sieg des Grafen Gottfried, wo es 
heisst: „Alsus leßit man zu Heyne.'' 

•««) Monim. Hass. 11, 412 (z. J. 1247), 419 (z. J. J257) 
426 (z. J. 1270), 432 (z. J. 1286), 442 (z. J. 1304), das. (z. J. 
1307), 466 (z. J. 1333), 474 (z. J. 1342), 490 (z. J. J371), 525 
(z. J. 1425). 

'81) Das. S. 490 (z. J. 1371). 

'8*) Das. S. 524 (z. J. 1417). 

'83) Das. S. 527 (z. J. 1431). 

'8*) Das. 8. 493 (z. J. 1371) und 524 (z. J. 1419). 



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119 

in die derartige Aufzeichnungen gewöhnlich gemacht 
wurden, wie denn auch z. B. später Lambertus Colhnann 
in solchen Büchern ähnliche Notizen vorgefunden und 
in seiner Baumbachischen Familienchronik benutzt hat. 
Auch Lauze giebt S. 211a und 219 einige die 
Ziegenhainer Grafen betreffende Mittheilungen, die indes 
mit den Nachrichten Gerstenberg's nichts gemein haben. 
Die Bemerkungen, die er sodann S. 266 a und 267 
über Johann (IL), den letzten seines Geschlechtes, macht, 
stammen wohl aus der ehemals ziegenhainischen Stadt 
Treisa: so die Mittheilung von dem gräflichen Leichen- 
zug, der auf dem Wege von Ziegenhain nach dem Erb- 
begräbnis in Haina Treisa berührt habe (S. 266 a), 
vielleicht auch die Erzählung von dem gewissenlosen 
Rentmeister Johannas; jedenfalls erklärt Lauze, der 
einige Jahre in Treisa lebte, eine von ihm mitgetheilte 
Nachricht über Beziehungen des Grafen zu der Stadt 
(S. 267) dortigen Stadtregistern entnommen zu haben. 
Uebrigens hat sich das Andenken an Johann noch lange 
im Volke erhalten. Letzner theilt in seiner oben er- 
wähnten Geschichte von Haina (Anal. Hass. IV, 319) 
eine auf die ungewöhnliche Leibesstärke des Grafen 
bezügliche Anekdote mit, die ihm „viel guter alter Leut" 
bezeugt hätten. 

X. 

Die Aufzeichnungen über die Grafen von 
Katzenelnbogen. 

Gerstenberg's Mittheilungen über die Grafen von 
Katzenelnbogen, die übrigens gleich den das ziegen- 
hainische Grafenhaus betreffenden nach Wenck fast 
sämmtlich zuverlässig sind ^^^), haben einen ganz ähn- 
lichen Charakter wie diese: sie beziehen sich gleich- 



»«*) a. a. 0. p. XVI. 



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120 

falls auf Geburten ^^®), Vermählungen ^^'), Todesfälle ^®®) 
und sonstige Vorkommnisse, die für das Geschlecht 
von Bedeutung waren ^®^). Auch hier findet sich häufig 
neben der Jahreszahl das genaue Datum angegeben, 
üeber die Herkunft seiner Mittheihingen schweigt der 
Chronist mit einer Ausnahme (S. 485), wo er sich auf 
die Limburger Chronik bezieht. Indes zeigt ein Ver- 
gleich mit der in Frage kommenden Stelle (a. a. 0. S. 86 
unten und 87), dass ausserdem noch eine zweite, von 
Gerstenberg nicht genannte Quelle herangezogen sein 
muss. Anderes hat er Urkunden ^^^) oder wohl hes- 
sischen Quellen entnommen ^^^). 



'8«) Monim. Hass. II, 516 (z. J. 1402), 525 (z. J. 1427), 531 
(z. J, 1443). 

^8^) Das. S. 509 (z. J. 1393), 525 (z. J. 1422), das. (z. J. 
1427), 531 (z. J. 1443). 

^8«) Das. S. 465 (z. J. 1329), 466 (z. J. 1331), 535 (z. • 
J. 1453). Zu den beiden letzten Angaben vgl. die Grabschriften bei 
Wmck a. a. 0. U.-B. S. 273 (nr. X) und 277 (nr. XXV). 

189) Das. S. 409 (um d. J. 1246), 419 "(z. J. 1255), 427 (z. 
J. 1276), 485 (um d. J. 1356), 525 (z. J. 1421). 

'9") So die Mittheilung S. 534 über die Eheberedung zwischen 
Landgraf Heinrich III. und Anna von Katzenelnbogen. S. o. S. 36. 

'*') Hierher ist S. 534 die Nachricht über die Vermählung 
Hein rieh's III. und S. 551 die Notiz über den Tod des letzten Grafen 
von Katzenelnbogen zu rechnen. 



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121 



IL 

Die Bitterbnrgren der Tormaligen Abtei 
Fulda. 

Von 

Dr. Justus Schneider 
in Fulda. 

Literatur. 
Brmver, Fuldensium antiquitatum Libri IV. Antwerpen 

1612. 
Schannai, Puldischer Lehn-Hof sive de Clientela Ful- 

densi. Frankfurt a. M. 1726. 
Schamiat, Corpus traditionum & Buchonia vetus. 1724. 
Sckannat, Historia Fuldensis & codex probationum. 1724. 
Biedermanii, Geschlechtsregister der Reichsfreyunmittel- 

baren Ritterschaft Landes zu Franken löblichen Orts 

Rhön und Werra. Bayreuth 1749. 
Denner, Urkunden des Fuldaer x\rchivs über die ehe- 
maligen Fuldischen Aemter. 2 Bände. Manuscript. 
Landau, Die Hessischen Ritterburgen und ihre Besitzer. 

3 Bände. Cassel 1832-1836. 
Schneider, Joseph^ Buchonia, 4 Bände. Fulda 1826 — 1829. 
Sehneider, Joseph, Beschreibung des hohen Rhöngebirges, 

2. Auflage. Fulda 1840. 
von Eberstein, Louis Ferdinand Freiherr, Urkundliche 

Geschichte des reichsritterlichen Geschlechtes von 

Eber stein auf der Rhön, 1. Band, 2. Ausgabe. 

Berhn 1889. 
tm Eberstein, Stammreihe und Fehde. Berlin 1887, 



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122 

l|t?fn Juli 1890 hielt ich bei der 56. Jahresversammlung 
glj^des Vereins für hessische Geschichte und Landes- 
kunde zu Fulda einen Vortrag über die Ritterburgen 
der vormaligen Abtei Fulda, in welchem jedoch das 
Thema kaum zur Hälfte erschöpft werden konnte. In 
ganz fragmentarischer Form wurden die Ritterburgen 
des ehemals fuldaischen Gebietes in den jetzigen Kreisen 
Fulda, Gersfeld und Hünfeld, sowie in den jetzt zu 
Sachsen-Weimar gehörigen Theilen in historischer Be- 
ziehung behandelt. Angeregt durch die Fülle von vor- 
liegendem urkundlichen und geschichtlichen Material 
habe ich nunmehr die Geschichte der Ritterburgen 
Fulda's in kurzer Besprechung weiter zu einem gewissen 
Abschluss geführt, indem ich noch die Beschreibung 
der im westlichen Theil des Kreises Fulda, im Kreise 
Schlüchtern und in denjenigen Theilen der früheren 
Abtei, welche nunmehr zum Grossherzogthum Hessen 
und Königreich Bayern gehören, anfügte. Auf Voll- 
ständigkeit macht deshalb diese Arbeit keinen An- 
spruch, indem eine erschöpfende Behandlung des Gegen- 
standes ein wenigstens ebenso starkes Werk zu Stande 
bringen würde, wie die hessischen Ritterburgen von 
Landau. Wenn auch in diesem vorzüglichen Werke 
unseres berühmten hessischen Geschichtsforschers die 
Beschreibungen einiger fuldaischen Burgen enthalten 
sind und von mir benutzt wurden (Steinau, Haselstein 
Buchenau, Haun, Eisenbach und Steckeisburg), ist doch 
meine Arbeit bezüglich der übrigen Burgen neu und 
sehr viele Angaben nur zerstreut in den oben ange- 
führten W^erken enthalten, vieles überhaupt noch nicht 
gedruckt erschienen. Dazu gehören namentlich viele 
Auszüge aus Urkunden des Fuldaer Archives, welches 
zwar gegenwärtig dem hessischen Archive zu Marburg 
einverleibt ist; doch waren mir eine grosse Menge ein- 
schlägiger Urkunden in Abschriften zugänglich, welche 



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123 

der frühere hiesige Archivar D e n n e r unter dem Titel : 
„Die Fuldischen Aerater" im Manuscript gesammelt 
und mit üebersichten versehen, in einem zweibändigen 
Werke der hiesigen Landesbibliothek hinterlassen hat, 
dessen erster Band 1000 Quartseiten, der zweite 848 zählt. 

Zunächst möchte ich die Grenzen des geistlichen 
Fürstenthums, der Abtei Fulda feststellen, innerhalb 
welcher ich die Ritterburgen, welche im Mittelalter be- 
standen haben, bei meiner Arbeit berücksichtigt habe. 
Obschon diese Grenzen im Laufe der. Jahrhunderte in 
Folge der vielen Verkaufe und Verpfändungen sehr ge- 
wechselt haben, kann man doch die Grenzlinie im 
Allgemeinen so feststellen, dass das Hauptland abge- 
rundet erscheint, wenn auch die von mir nachfolgend 
bezeichnete Linie nicht gerade alles enthält, was jemals 
fuldaisch gewesen ist und andererseits Theile innerhalb 
dieser zur Herrschaft anderer Dynasten stets oder zeit- 
weise gehört haben. 

Wir denken uns also die Abtei Fulda im Mittel- 
alter folgendermassen umgrenzt: Im Norden von der 
Abtei Hersfeld, der Landgrafschaft Hesse n-C a s s e 1, 
die nördlichsten Orte waren Hermann Spiegel gegen 
Hersfeld, Vacha gegen Hessen; im Osten von den 
Hennebergischen Besitzungen und von dem Bis- 
thum Würz bürg. Der östlichste fuldaische Ort war 
Zillbach bei Wernshausen an der Werra. Im Süden 
grenzte das Amt Hammelburg mit dem äussersten 
Orte Hundsfeld ebenfalls an Würzburg. Weiter isolirt 
lag im Süden die Propstei Holzkirchen, 5 Stunden 
südwestlich von Würzburg mitten in dessen Gebiet. 
Im Westen grenzte zunächst Hammelburg an die Be- 
sitzungen der Grafen von Rieneck; dann bildeten die 
Grafschaften Hanau und Ysenburg die Westgrenze 
gegen das Amt Salmünster, ferner die Riedesel- 
schen, früher Eisenbach'schen Besitzungen gegen die 



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124 

Aemter Neu hof und Grossenlüder; Stadt und Amt 
H erbstein war der am meisten nach Westen gelegene 
Theil Fulda' s. Im Nordosten bildete die Schlitz er 
Herrschaft gegen die Landgrafschaft Hessen-Cassel 
die Grenze. Die vielen isolirten Besitzungen, welche 
im Mittelalter meist durch Verpfändung wieder verloren 
gingen, kommen hier nicht in Betracht. 

Die Ritterschaft, die freien Männer, welche zahl- 
reich im Gebiete des Stiftes Fulda und an dessen 
Grenzen wohnten, begaben sich grösstentheils in den 
Schutz der Abtei und wurden dann als Commendirte, 
vassi oder vasalli bezeichnet. Die Ritter bauten 
sich Burgen und befestigten dieselben. Auch das Stift 
selbst stand wieder unter dem Schutz eines mächtigen 
Herrn; der Graf von Ziegenhain war der Schirm- 
vogt des Stiftes Fulda. Aber trotz dieses wechselnden 
Schutz Verhältnisses, trotz der Lehens vertrage mit Rittern 
und Grafen kam es bald zu Streitigkeiten und Zer- 
würfnissen zwischen Schirm vogt, Abt und Rittern, 
welche vom 12. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts 
andauerten und die Kräfte und den Reichthum des 
Stiftes Fulda sehr erschöpften. 

Ich beginne zunächst mit den Ritterburgen, welche 
in nächster Nähe der Abtei Fulda, in den jetzigen 
Kreisen Fulda, Hünfeld und Gersfeld gelegen waren. 

r. 
Haselstein *). 
Die ersten Kämpfe der Abtei mit den Rittern be- 
gannen unter der Regierung des Abtes Wolfhelm 
(1109 — 1114). Die fuldaischen Ministerialen von Hasela 
suchten ihre dem Stifte gehörige Burg Has eiste in 
demselben zu entreissen und betrieben eifrig Raub und 
Wegelager an den vorüberziehenden Leuten. Vergeblich 



*) Landau^ die hessischen Ritterburgen, 1. Band S. 293 if. 



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125 

suchte Abt Wolfhelm den Räubern ihr Handwerk zu 
Ifigpn. Er wurde bei der Belagerung der Wartburg, als 
er Kaiser Heinrich IV. 1114 in einem Feldzug nach 
Sachsen Heeresfolge leistete, von dem Landgrafen Lud- 
wig von Thüringen gefangen genommen und nach 
Brotre)'*) drei Jahre -lang auf der Milseburg in Ge- 
fangenschaft gehalten. Schon Scharmai**), der spätere 
fuldaische Geschichtsschreiber, schenkt dieser Behauptung 
keinen Glauben. Er meint, ass der Ort der Gefangen- 
schaft richtiger Merseburg heissen solle. Comel 
nennt das ' Gefängniss Meysenburg. Der Nachfolger 
Erlolf (1114 — 1122) erstürmte Haselstein und Milseburg, 
vertrieb deren räuberische Insassen und befestigte beide 
Plätze zum Schutze der Abtei. Bald darauf kamen die 
von Hasela oder von Haselstein wieder auf ihre Burg 
und fingen da.s Räubergewerbe von Neuem an, welches 
im Buchenlande bald allgemein unter den Rittern wurde. 
AbtBertho I. von Schlitz soll eines unnatür- 
lichen Todes gestorben sein, als er der Raubsucht seiner 
Lehensmannen steuern wollte. Abt Marquard 1. 
(1150 — 1165) musste Haselstein, welches sein Ministerial 
Gerlach von Haselstein (Gerlacus miles) in 
der alten Weise als Schlupfwinkel für seine Raubzüge 
benutzte, wieder erstürmen. Gerlach wurde vertrieben; 
Nachkommen von ihm sühnten sich indessen mit den 
Aebten wieder aus und verlangten abermals ihre Stamm- 
burg, welche indessen später an andere Familien (von 
TafTta, von Schlitz und von Buchenau) kam. 1512 war 
Dietrich von Ebersberg dort Amtmann. Die alte Burg 
zerfiel, es wurde ein neues Schloss als fuldaisches Amts- 
haus unter dem Felsen erbaut, welches noch steht und 
jetzt zwei preussischen Förstern zur Wohnung dient. 
Die Familie von Haselstein gilt als längst ausgestorben ; 

*) Broivcr, Über IV, pag. 295. 
**) Schannat, Buchonia vetus, pag. 367. 



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126 

jedoch erhielt vor einigen Jahren der Lehrer zu Hasel- 
stein einen Brief von einem österreichischen Offizier 
Namens von Haselstein, welcher sich nach seinen 
angeblichen Ahnen erkundigte. Uebrigens sah ich in 
der Schweiz in der Gegend von Chur auch eine Burg 
Haselstein, wo ein Geschlecht dieses Namens ansässig 
gewesen sein soll. 

Der Haselstein ist eine der prächtigsten unserer 
Bergruinen. .Zwischen Hünfeld uud Geisa erhebt sich 
der steile kleine Kegel von vollendeter Glockengestalt 
in einem Kesselthale, welches von schönen bewaldeten 
Bergen rings umgeben ist. Oben findet man noch 
ziemlich viel Mauerwerk mit einigen Fensteröffnungen. 
Am Abhang des Kegels bis zur Thalsohle der Hasel 
breitet sich das freundliche Dörfchen gleichen Namens 
aus, dessen höchster Punkt das oben erwähnte neue 
Schloss ist, w^ährend von der Bevölkerung die Burg- 
ruine ,,das alte Schloss" genannt wird. 

II. 
Milseburg. 

Die obigen Angaben (S. 125) über die Milseburg 
sind die einzig wenigen, welche beweisen sollen, dass 
auf diesem schönsten unserer Rhönberge eine Burg 
gestanden habe. Da nirgends in den Urkunden Fulda's 
von einem Rittergeschlechte Milseburg etwas erwähnt 
wird, ist es wahrscheinlich, dass wenn überhaupt da- 
selbst eine Burg stand, diese den Herrn von Eber- 
stein gehört hat, in deren Gebiete von Alters her 
dieser Berg gelegen war, welche sie 1 540 an die Herren 
von Rosenbach verkauften, nach deren Aussterben 
die von Guttenberg, Graf Sickingen und von 
Zobel die alte Herrschaft Schackau heute noch be- 
sitzen. Auf der Höhe kann die Burg nicht gestanden 
haben, die jetzige Kapelle ist als Burgplatz zu klein. 
Aber auf dem vor der Milseburg gelegenen Hügel Lieden- 



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127 

küppel findet sich noch etwas Mauerwerk, möglicherweise 
war dieses der Burgplatz. 

Die alte Eberstein'sche Herrschaft umfasst die 
Milseburg und die derselben zunächst gelegenen Berge 
und Wälder, die Dörfer Schackau, Kleinsassen, Ober- 
bernhards, Eckweisbach, Ruppsroth, Brand und Wickers. 

In Schackau steht noch ein altes Schloss, jetzt 
dem freiherrlich von Guttenberg'schen Fideikommis ge- 
hörig, in welchem ein Rent Verwalter und Oberförster 
wohnt. 

111. 
Eberstein. 

Die Stammburg der Herrn von Eberstein war auf 
dem Tannenfels bei Brand gelegen. Ein Nachkomme 
dieses edlen Geschlechtes, Freiherr Louis Fer- 
dinand von Eberstein, preussischer Ingenieur- 
Hauptmann a. D. zu Berlin, hat uns eine urkundliche 
Geschichte des reichsritterlichen Geschlechtes Eberstein 
in 4 grossen Quartbänden in 1. Auflage 1865, in 2. 
Auflage 1889 übermittelt, ein höchst verdienstliches 
Werk, welchem die folgenden geschichtlichen Notizen 
entnommen sind. 

Die Stammburg Eberstein auf dem Tannenfels, 
einem hübschen, von herrlichem Buchenwald gekrönten 
Kegel, ist bis auf die Spur eines Wallgrabens gänzlich 
zerstört. Hier war die spätere Grenze der Herrschaft 
Tann und des Stiftes Fulda, daher der Name Tann- 
und Fuldaisch, Tann-Fölsch, woraus der Name Tannen- 
fels entstand, der also mit Tannen, die hier im Buchen- 
lande nicht gefunden wurden, gar nichts zu thun hat*). 



*) Bei Eberstein, urkundlicho Geschichte I. Band S. 439 
heisst es: „Nach Eroberung des Ebersteiiis theilten sich Fulda und 
Würzburg in die Mark Brand." 1454 wurde „die Wüstung Brande 
halp'* als Zubehör zum Schlosse Auersberg dem Hans von der 
Tann verpfändet ... Es gehörte also die eine Hälfte der Mark 



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128 

Die Familie von Eberstein ist sehr alt. Der 
Stammvater aller jetzt noch lebenden dieses Geschlechtes, 
der 1676 gestorbene Ernst Albrecht von Eber- 
stein äussert sich in einem Briefe folgendermassen : 
„Die frei-fränkisch ritterliche Familie, welche mit den 
beiden gräflichen eines Ursprungs und nur ut dictus 
wegen Heirath einer Patricierin von Augsburg 903 als 
adehg geachtet, hat das berühmte Stammhaus Eber- 
stein, welches Stamraschloss von den Bischöfen ^Ber- 
thold zu Würzburg und Bertoch Abten zu Fulda, weil 
es ihnen zu fürchterlich war, sider 1282 zerstört steht." 
Das wirklich historische der frühesten Schicksale dieses 
Hauses will ich nach dem angeführten urkundlichen 
Werke schildern. Caspar Bruschius*) schreibt 
(1551) vom Abt Marquard: „Arcem Haselstein 
ab antecessoribus per vim occupatam pe- 
cuniis numeratis persolvit ac emit, arcem 
Eber stein vi cepit/' Das geschah 1150. 

Nach Schannai führte Marquard mit Zustimmung 
des Papstes und des Kaisers die Waffe gegen seine 
eigenen adeligen Lehensleute, die des Stiftes Güter nicht 
anders, wie Kriegsbeute zerrissen, eroberte die Burg 
Haselstein und legte zum Schutze der Abtei gegen die 
Ritter die befestigte Burg Bieberstein an. Wenn 
auch Schannat von der Eroberung des Ebersteins durch 
Marquard im Jahre 1150 nichts meldet, so ist doch 
klar, dass die der Milseburg, dem dominirenden Berge 
in der Eberstein'schen Herrschaft gegenüber angelegte 



Brand den Heiren von der Tann, die andere Hälfte dem Stifte 
Fulda und seit jener Zeit führte der die Ruine Eberstein tragende 
Borg im Volksmunde den Namen „Tann-Fuldische Kuppel'' oder 
das „Tann-Földsch'', woraus durch Nichtverständniss der dortigen 
Volksmundart seitens der Kartographen ^Tannenfels" gemacht 
worden ist 

*) De monasteriis Germaniae praecipuis pag. 61. 



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129 

Burg dazu dienen sollte, den Herrn von Eberstein einen 
Kappzaum anzulegen. 

Nach der Eberstein'schen Familientradition sollen 
um diese Zeit drei Söhne des Botho von Eberstein aus 
der Burg vertrieben und nach der Rückkehr von dem 
Kreuzzuge soll sie Abt Hermann (1165 — 1168) wieder 
mit ihrer Burg belehnt haben. 1231 verlieh der Bischof 
Hermann von Würzburg den Eber steinen das Marschall- 
amt. Die schlimmste Katastrophe in der BItithezeit 
des Faustrechtes trat in dem Fuldaer Stiftslande 1271 
ein. In einer Fehde der Ritter von Eberstein, von 
Ebersberg, von Steinau etc. mit dem Stifte Fulda wurde 
der Ritter Hermann von Ebers berg gefangen ge- 
nommen; der x^bt Bertho IL von Leibolz Hess 
ihn auf dem Markte zu Fulda durch Gerlach Küche n- 
me ister öffentlich enthaupten, wodurch die Ritter im 
höchsten Grade erregt wurden. Die Ritter Albert 
und Heinrich von Ebers berg, Gyso von Steinau, 
Albert von Brandow, Eberhard von Spal, 
Conrad und Bertho von Lüppeln und Conrad 
von Rossdorf verschworen sich, den Abt zu er- 
morden; auf der grossen Wasserkuppe, noch heute im 
Volksmunde der Spielberg oder auch Pfaffenberg ge- 
nannt, losten sie, wer die Verschwörung leiten und den 
ersten tödtlichen Streich gegen den Abt führen sollte. 
Das Loos traf Gyso von Steinau. Sie drangen 
unter der Maske der Frömmigkeit in die St. Jakobs- 
kapelle neben der Abtsburg am 15. April 1271 zu der 
Zeit ein, als der Abt die Messe las und stachen auf 
ein Zeichen Gyso's von Steinau den Unglücklichen nieder, 
der mit 26 Dolchstichen das Leben aushauchte. Die 
Ritter sprengten auf ihren bereit gehaltenen Pferden 
davon; der rasch erwählte Nachfolger des ermordeten 
Abtes, Bertho III. von Macken z eil, verfolgte mit 
seinen Mannen die Ritter, welche sich in der Burg 

N.P. XVn. Bd. 9 



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130 

Steinau gesammelt hatten, vertrieb sie aus derselben 
und erreichte sie in dem Dorfe Hasel (heute Kirchhasel), 
wo sie sich in der Kirche verschanzt hatten. Man er- 
brach die verrammelte Pforte und richtete unter ihnen 
ein schreckliches Blutbad an. Alle kamen um, nur die 
beiden von Ebersberg wurden lebendig gefangen ge- 
nommen und auf Befehl des Kaisers Rudolph von 
Habsburg zu Frankfurt a. M. 1274 gerädert. Nach dieser 
Scbandthat wurden die von Steinau, Ebersberg und 
Eberstein als Häupter der Verschwörung ihrer Güter 
entsetzt. Die Burgen Ebersberg und Poppenhausen 
wurden sofort geschleift. Letzteres gehörte damals dem 
Würzburgischen Marschall Conrad von Eberstein 
genannt vonPoppenhausen. Die Burg Elberstein bot 
hartnäckigen Widerstand; der Marschall leistete seinem 
Bruder Botho dort kräftigen Beistand, wodurch die 
Fehde zwischen dem W ürzburger Fürstbischof Ber- 
thold von Stern berg und dem fuldaischen Abte 
BerthoIV. vonBimbach (1274-1286) entbrannt 
sein soll. Beide Fürsten hatten nach heftigem Wort- 
streite zu den Waffen gegriffen und gegenseitig ilire 
Länder verwüstet. Kaiser Rudolph I. vermittelte 
diesen Streit zu Nürnberg und brachte eine Sühne zu 
Stande. Da sich der Streit aber nicht in aller Kürze 
beenden Hess, berief er die Parteien nach Oppenheim 
und übertrug das Schiedsricbteramt den Edlen Eber- 
hard von Schi üssel bürg, Gottfried von Brun- 
eck und Berthold von Liebesberg, welche zu 
Fuchsstadt einen Vergleich zu Stande brachten, worin 
sie bestimmten, dass die streitenden Parteien Würzburg 
und Fulda das Haus zu Eberstein, als den Stein des 
Anstosses, gemeinschaftlich niederreissen, gleicher W^eise 
auch das Castrum und den Ort Brand zu befestigen 
übernehmen sollten, im übrigen hätten sie .und ihre 
Untert hauen sich nach dem zu richten, was ,schon vor- 



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131 

her zu Nürnberg vor dem Könige zu beiderseitigem 
Frieden angeordnet worden. In der Urkunde von 1282 
heisst es : „Wir schullen mit einander daz Hus zu Eber- 
stein brechen und unser nachkameling sul daz weder 
buwen, noch sollen vurhengen, daz es jeman wieder- 
buwe. Wir schullen och einander buwen zu Brandowe 
bürg und statt und alli daz gut, daz in die Marken 
zu Brandowe höret, daz sulle wir miteinander haben 
gemein.'^ Die Burg Eberstein wurde gründlich zerstört, 
so dass heute von ihr nur die Spur eines Wallgrabens 
auf dem Tannenfels übrig ist. Wie lang das gemeinsame 
Schloss in dem am Fusse desselben gelegenen Dorfe 
Brand bestanden hat, ist uns nicht bekannt. Nur sehen 
wir, dass von demselben eben so wenig übrig geblieben 
ist wie von jener, nämlich die Spur eines Wallgrabens 
im Garten vor dem Schulhause in Brand. 

Nach dem Eberstein'schen W^erke waren die Familien 
von Ebersberg und Eberstein nahe verwandt, Zweige 
eines Hauptstammes, die früher ein Gesippe ausmachte. 
Sie hatten zusammen die Ganerbschaft in Poppenhausen 
und führten beide in ihren Wappen die Streitangel, ge- 
nannt fränkische Lilie, die Ebersteiner drei weisse Lilien 
im blauen Felde, die Ebersberger nur eine. 

IV. 
Bieberstein. 

Das Schloss Bieberstein, von Marquard I. zur 
Vertheidigung gegen die Raubritter 1150 erbaut*) und 



*) Vcrgl. Brmcei^ üb. III. pag. 267: Ego Mavquardus coepi 
aedificare castrum Bibei-stein, iion quod conveniat Monachis nisi in 
Monasterio habitare, et spiritualia proelia exercere, aed quia muudus 
in raaiigno positus. Dcscit a maio codere, nisi per violentiam ei 
resistatur. Cogitabam enim in animo nioo: Ecce locus castri hujus, 
si ab aliquo hostiiim Ecclesiao fuorit dej)rehensus, omne inaluiu 
nobis ingeretur; et non nisi magno dctrimonto rernm, et peviculo 

9* 



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132 

mit getreuen Mannen besetzt, erhielt sicli stets im Be- 
sitze der Äbte von Fulda, welche es übrigens sammt 
der Verwaltung des Amtes öfter an ritterschaftliche 
Familien verliehen oder verpfändeten, so an von Mal- 
koz 1336, von Hüne (Haune) 1362 und 1382, von 
Buchenau 1401, von Lüder 1449*). Dem Abte Bal- 
thasar von Dernbach (1570-1606), welcher 1570 
abgesetzt wurde, wurde 1579 bis zu seiner Restitution 
1602 Bieberstein als Wohnsitz angewiesen. Fürstabt 
A-dalbertl. Schleifras, der Erbauer des Domes und 
Schlosses zu Fulda, liess hier 1711—1713 das jetzige 
noch stehende Schloss errichten, welches von seinen 
Nachfolgern als Sommerresidenz benutzt wurde **). 

V. und Vi. 

Poppenhausen und Ebersberg. 

In dem jetzigen Poppenhausen am Fusse des 
Ebersberges hatten die Ganerben von Eberstein, von 
Ebersberg und von Steinau ein festes Schloss, welches 
zwar nach der Frevelthat von 1271 wie der Ebersberg 
geschleift, aber wieder aufgebaut wurde, nachdem sich 
der jüngere Bruder der hingerichteten beiden Ebersberger, 
Gyso, 1305 mit dem Abte Heinrich II. Grafen von 
Weilnau wieder ausgesöhnt hatte. Doch entstanden 
mit dem Abte neue Fehden, so dass 1393 Fürstabt Fried- 
rich von Romrod gemeinsam mit dem Landgrafen Bal- 
thasar von Thüringen und dem Würzburger Bischöfe Ger- 
hard von Schwarzenburg das Schloss Poppenhausen be- 



honiinum, ejicietur. Ex hoc coepi illud possidere, et in usum Ec- 
clesiae redigere, et cum fidelibus et nionasterii hoDorem queren- 
tibus niilitibus disponero; qui jurameuto hoc confirniarunt, nuu- 
quam se, nisi pro honore Monasteiii et Abbatis, nee in morte dedeie. 
*) Denner, Fuldische Aemter, 1. Band, S. 1 — 33. 
**) Vgl. Schneider, Buchonia 2. Bd., 2. H. S. 107. 



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133 

lagerte, welches aber nicht eingenommen werden konnte. 
Ermuthigt durch diese Erfolge bauten die Ebersberger 
ihre alte Stammburg wieder auf (1395—1396). Der 
Abt Johann von Merlau, dessen Mittel durch den Brand 
der Stiftskirche, beziehungsweise deren nothwendige 
Wiederherstellung geschwächt waren, musste den Ebers- 
berg der Familie wieder zum Lehen geben unter der 
Bedingung, dass jeder männliche Sprosse im 12. Lebens- 
jahre der Abtei den Vasalleneid leistete. Doch schon 
1459 begannen aufs Neue die Fehden der Steinauer 
und Ebersberger gingen die Äbte. ' 

Der Abt Reinhard Graf von Weilnau war 
glucklicher als seine Vorgänger und eroberte 1459 das 
feste Schloss in Poppenhausen ; die Burg am Ebersberge 
wurde 1460 nach Brower *), 1465 nach Bruschius ebenfalls 
erobert und zerstört. Seitdem liegt dieselbe im Schutte ; 
doch ist es die bedeutendste Ruine im fuldischen Lande. 
Auf dem 689 Meter hohen Kegel des Ebersberges er- 
heben sich noch immer zwei ansehnliche Thürme, welche 
durch Mauerwerk verbunden sind. Der eine Thurm ist 
1854 durch den bayerschen Landrichter Geigel von 
Weyhers mit einer Treppe versehen worden ; von ihm 
kann man die herrliche Aussicht nach allen Seiten ge- 
niessen. Im äussern Mauerwerk unter den Thurmen 
hat der Rhönklub eine Schutzhütte erbaut. Das Ge- 
schlecht der Herren von Ebersberg blühte noch bis in 
die neueste Zeit. 

VII. und VIII, 

Schneeberg und Weyhers. 

Von den längst ausgestorbenen Herren von Schnee- 
berg, deren Stammburg auf einem Vorsprunge des Feld- 
berges am Rande der Hohen Rhön gelegen war, von 

*) Brower, lib. IV, pag. 328. 



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134 

der ausser Resten eines Wallgrabens keine Spuren mehr 
vorhanden sind, hatten die von Ebersberg die Herrschaft 
von Gersfeld erworben, das wtirzburgisches Lehen wurde, 
während ein anderer Zweig von Ebersberg gen. zu 
Weyhers sich in Weyhers niedergelassen hatte. Die 
dortige Burg befand sich an dem Platze, den jetzt das 
mittlere Wirthshaus einnimmt*). 

IX. 
Gersfeld. 

. In Gersfeld bestanden noch im vorigen Jahrhundert 
drei Linien, das obere, mittlere und untere Schloss. 
Die beiden ersteren starben aus; der letzte Sprosse, 
Generallieutenant Gustav Alexander Freiherr zu 
Ebersberg, genannt zu Weyhers, starb zu Darm- 
stadt am 27. März 1848. Im Jahre 1740 erbaute Frei- 
herr Hugo Carl Isabella von. Ebersberg- Wey- 
hers das grosse untere Schloss, wie es jetzt noch steht. 
Dessen Tochter heirathete 1785 einen französischen 
Grafen von Montjoye-Woff ray, der sich zu deutsch 
Frohberg nannte. Dessen Enkel Graf Ludwigvon 
M n t j o y e besitzt heute noch die Herrschaft Gersfeld **). 

Von dem Schlosse zu Poppenhausen ist nichts mehr 
übrig; es soll das Gebäude am Marktplatze, wo jetzt 
der Tanzsaal des Gasthauses zum Engel sich befindet, 
gestanden haben. Ein alter Thorbogen an einer Mauer 
hinter dem Gasthause zum Stern mag noch von dieser 
Burg herrühren. 

Bei dem Bau der Kirche zu Poppenhausen vor 
etwa 40 Jahren wurde ein grosses Lager von mensch- 
lichen Knochen gefunden, deren Träger vielleicht in den 
Kämpfen des Mittelalters gefallen waren. 

*j Joseph Schneider^ Beschreibung des hohen Rhöngebii'ges, 
2. Aiifl. S. 171 ff. 

**j Justus Schneider^ Führer durch die ßhöu. 4. Autl. S. 139. 



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135 



Steinau. *) 

Die mehrfach erwähnten Herrn von Steinau, 
welche in Poppenhausen an der Ganerbschaft betheiligt 
waren, hatten ihre Stammburg in dem Dorfe Steinau, 
welches unmittelbar rechts von der Bahnlinie Fulda' 
Hünfeld und ziemlich nahe der 2 Kilomeier vor dem 
Dorfe sich vorr dieser abzweigenden Bahnlinie Fulda- 
Tann in dem Haunthale gelegen ist. Die Burg Steinau 
wurde zwar nach dem Morde des Abtes Bertho in Rück- 
sicht auf den nicht betheiligten jüngeren Bruder Gyso's, 
Hermann genannt der Lange nicht geschleift und 
blieb diesem und seinem Schwager Friedrich von 
Schlitz zum Lehen; aber auch jener befehdete 1286 
den Abt Marquard, welcher die Burg eroberte und 
Hermann's Antheil zerstörte. Die späteren Schicksale 
der von Steinau, welche sich dauernd in Poppenhausen 
niederliessen und wahrscheinlich von dem Hofe Stein- 
rücke nächst dem Ebersberg den Namen Steinau ge- 
nannt Stein rück annahmen, sind sehr mannigfaltig. 

Mit verschiedenen buchischen Rittern: von Bim- 
bach, Buchenau, Romrod, Trubenbach und Weyhers, 
befehdeten sie 1397 den Landgrafen von Hessen; 1400 
den Bischof von Würzburg, 1403 den Grafen Friedrich 
von Henneberg-Aschach. Im Jahre 1403 verpfändete 
Bischof Johann von Würzburg an Hans von Steinau 
genannt Steinrück die Stadt und das Amt Neustadt an 
der Saale. Dessen Sohn Heintz hatte im Bunde mit 
dem Grafen von Schwarzburg, den von Hütten und von 
Sickingen 1447 abermals eine Fehde mit dem Hochstifte 
Würzburg. Jacob von Steinau befand sich 1442 im 
Gefolge Kaiser Friedrich III. auf dem Zuge nach Italien 

*) Landau, hess. Kitteiburgen, 1. Bd., S. 2()9. — Joseph 
Schneider^ Rhönbosch reibung, S. 329. 



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136 

und empfing in Neapel, wo sich der Kaiser irait" der 
Prinzessin Leonore von Portugal vermählte^ den Bitter- 
schlag. Fortwährende Befebdungen ttnd / BelehnuüigeiJ 
kamen im 15. Jahrhunderte vor. Im. 17. JaJirhuiidert 
finden wir General von Steinau in* öächsi^chen: und 
bayerischen Diensten, Nach Landmt »611 ^ä^ Gesxihleeht 
erloschen sein ; doch finde ich im prewssischen» M^izi- 
nalkalender drei Aerzte von Steinau genannt 
Steinrück in Berlin. 

Die Stammburg Steinau ist wahrscheinlich bis 
Ende des 16. Jahrhunderts in dem Besitze der Familie 
gewesen. Von derselben ist aber nichts mehr übrig. 
In dem Burghofe, der von einem nun trockenen Graben 
in Form e-ines Vierecks umgeben wird, sind 5 Bauern- 
häuser eingebaut. Nur einige dicke Grund- und Keller- 
mauern erinnern noch an die alte Burg. 

XL 
Rabenstein. 

Im Haupttheile des Rhöngebirges bestanden ausser 
den früher genannten nur noch einige Ritterburgen. 

Auf dem Rabenstein nächst dem Dammersfeld 
finden sich Ueberreste von Mauerwerk und ein altes 
Kellerloch, an den benachbarten Ottersteinen der Rest 
eines Wallgrabens, lieber diese Ritterburgen schweigt 
die Geschichte gänzlich, es ist nur eine Vermuthung, 
dass Ahnen der Herrn von Thüngen hier gehaust hätten. 

XU. 
Lichtenburg. 

Die nicht im fuldaischen Besitze gelegenen Burg- 
stätten Osterburg, Salzburg bei Neustadt, Sond- 
heim und Hildenburg im Streuthale übergehe ich 
gänzlich, ich möchte nur noch wenige Worte über die 
noch immer stattliche Ruine Lichtenburg (oder 



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137 

LiLhienaberg)' bei Oßtheim vor der Rhön sagen*). Sie 
fitaiDtist liabinächHinlich aus dem 12. Jahrhundert und 
wurde vom ^K aiser Friedrich II. dem Abte Kuno voß 
Fulda ;(121j6rt-1222) geschenkt. Sie wurde von dem 
Giafen von Bodenlauben wiederrechtlich besetzt, 
aber vom Abte Conrad III. von Malkoz (1222—1247) 
wiedei* erobert, welcher die Burgmannen von Lichten- 
barg dort zu ihrer Vertheidigung einsetzte. Im 14. 
Jahrhundert kam die Burg an die Grafen von Henneberg, 
nach deren Aussterben an Sachsen-Weimar, welches das 
Amt Lichtenburg, jetzt Ostheim mit den Orten Sond- 
beim, Stetten und Urspringen als Enclave im bayerischen 
Gebiete noch besitzt. 

XI 11. 
Äuersberg. 

Nicht weit von Burg Eberstein oder Tannenfels 
nahe bei dem Amtsorte Hilders springt vor dem hohen 
und schön bewaldeten Auersberge eine niedrige Berg- 
terrasse vor, die das alte Schloss Äuersberg trägt**). 
Hohes Mauerwerk in Form eines Sechseckes mit .d,en 
Resten eines Thurroes mit Auslugöflfnungen gegen 0. 
und S. bildet eine sehr schöne stattliche Ruine. Das 
Mauerwerk ist 1876 auf Kosten des Staates reparirt 
und vor Verfall geschützt, auch eine Treppe und Altane 
mit Thürmchen zum Genüsse der Aussicht eingebaut 
worden. Das Schloss soll ursprunglich der Familie von 
Nithardshausen gehört haben. Eine Burgfrau von 
Äuersberg, welche trotz der Warnung ihres Kutschers 
durch die angeschwollenen Fluthen der Ulster in des 
Teufels Namen fahren wollte, ist der Sage nach er- 
trunken, während der gottesfürchtige Kutscher gerettet 
wurde. Die Burg war später würzburgischer Amtssitz, 

*) Schannat^ Buchonia vetus. pag. 420. 
**) Schneider^ Joseph. Ehönbeschreibung S. 239. 



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138 

welcher aber im 17. Jahrhundert nach Hilders verlegt 
wurde, worauf dieselbe zerfiel. Diese Burg dominirt das 
ganze obere Ulsterthal von seinem Ursprung bis zu dem 
10 Kilometer von Hilders entfernten Tann. 

XIV. 
Tann. *) 
In Tann finden wir am südlichen Ende des Städt- 
chens am Ufer der Ulster die drei im Viereck erbauten 
Schlösser der Freiherren von der Tann, das gelbe, 
rothe und blaue, an deren Stelle früher die alte Burg 
Tann gestanden hat. Dieses uralte buchische Adels- 
geschlecht wurde schon 968, 1165, 1234 und 1284 bei 
den Turnieren zu Merseburg, Zürich, Regensburg und 
Würzburg genannt und betrieb zur Zeit des Faust- 
rechtes die Räuberei gleich den übrigen , schon ge- 
nannten Adelsgeschlechtern. Der Abt Heinrich VI. von 
Hohenburg (1315 — 1353) zwang die Herren im Jahre 
1323 ihre Burg ihm als Lehen aufzutragen. Als sie 
trotzdem ihre Befehdungen fortsetzten, drohte der Abt 
von Fulda 1405 durch den Hauptmann des Landfriedens 
Friedrich Schenk mit Gefangenschaft. Sie unterwarfen 
sich dem Abt aufs Neue als Vasallen und versprachen, 
von jedem männlichen Sprossen im 15. Jahre den Eid 
der Treue ablegen zu lassen. Da die nach Fulda 
ziehenden Wallfahrer sehr von diesen Edelleuten be- 
lästigt und ausgeplündert wurden, mussten dieselben nebst 
anderen Rittern für die Zeit vor und nach dem Boni- 
fatius- und Allerheiligen-Fest freies Geleit versprechen, 
worüber sich in dem Tann'schen Archive folgende Ur- 
kunde findet: „Wir Dietrich von Ebersberck Ritter, 
Simon und Carlen von Steinau, Steinrück genannt, 
Gebrüder Hermann Giese und Eduard, alle genannt von 

*) Schneider, Khönbeschreibung S. 288. — ISchannatj Bu- 
chonia vetus, pag^. 413. — Schannat^ Antiquit.. Fuld., pag. 303. — 
Biedermann, Geschlechtsregister, tabula 181 bis 193. 



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139 

W-eyhers, Engelhardt, Hertind und Reinhard, Simon und 
Gaumen Gebrüdern, Wilhelm und Adolph Gebrüdern 
und Apel von Kreienberg, alle genannt von der Tann, 
bekennen in diesem offenen Briefe, dass wir um sonder- 
licher Begehrung willen des ehrwürdigen Johannes 
Abten zu Fulda, Herrn Gyso's Dechants und des Con- 
ventes gemeinlich daselbst unsere liebe gnädige Herre 
gesichert und geseligt haben, alle die Menschen mit 
allen ihrer Habe, die kommen und wandeln, rytening, 
fahrning, gening, oder sie kommen gen Fuld dar und 
danne, acht Tage vor dem nächsten Sancte-Bonifacien- 
Abend und acht Tage vor dem Allerheiligen Abend, 
als die Gnade und Ablass eingehen, und als lange Zeit, 
als dieselben Gnaden währen, nach Ußweisung der 
Brief, die unser heiliger Vater der Papst darüber ge- 
geben hat und acht Tage darnacli sie kommen nach 
Ablass, Gnaden, Kaufmannschaft. Nach Christus Geburt 
vierzehnhundert Jahr, danach im sechsten Jahr auf die 
Mittwochen, nächst der Pallwochen" *). Im Jahre 1501 
wurde dieses Versprechen erneuert, wohl ein Zeichen, 
dass es nicht allzu genau gehalten worden war. 

Die drei Linien von der Tann stammen von 
Drillingsbrüdern aus dem 13. Jahrhundert ab. Aus der 
Reformationszeit ist Eberhard von der Tann als 
persönlicher Freund Luthers zu erwähnen. Der als 
bayerscher General bekannte Ludwig von der Tann 
entstammt der Linie der Gelbschlösser, welche sich von 
der Tann-Rathsamhausen nennen. 

XV. 

Rockenstuhl. 

Von Tann aus fällt uns bereits ein hübsclier kegel- 
f()rmiger Berg in die Augen, welcher das mittlere ülster- 

*) Manusciipt der von der Tarin'sehen Kegistiatur. abge- 
druckt in Jos. Schueiders Khönbeschreihung S. 294. 



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140 

thal ebenso dominirt wie der Auersberg das obere, der 
Rocken stuhl bei Geisa. Nach Sckannat*) bedeutet 
Roggen-Stole: Roggonis sedes, die Burg des Gau- 
grafen Roggo, mit welcher später (1303) Graf Berthold 
von Henneberg als seinem alten Stammschlosse vom 
Fürstabt Heinrich V. von Weilnau belehnt wurde. 
Später war der Rockenstuhl fuldaischer Amtssitz. 

Am Ende des 17. Jahrhunderts wurde das Schloss 
abgebrochen und von demselben Materiale das Schloss 
zu Geisa, jetziges sächsisches Amtsgericht, erbaut. 
Gegenwärtig findet sich nur noch spärliches Mauerwerk 
auf dem Rockenstuhl, in welches erst kürzlich der 
Rhönklub einen Aussichtsthurm eingebaut hat. 

XVI-XXllI. 

Fischbach, Neidhartshausen^ Lengsfeld, Weilar, 
Gehaus, Rossdorf^ Buttlar, Mannsbach. 

Die übrigen Burgen des Fuldaer Landes in den 
Ämtern Geisa und Fischbach (später Dermbach), welche 
jetzt zum 4. Verwaltungsbezirk des Grossherzogthumes 
Sachsen-Weimar gehören, wollen wir nur kurz erwähnen, 
da sie nicht viel bemerkenswerthes bieten. Der fuldai- 
sche Gerichtssitz Fischbach lag auf einem Berge, 
dem Hähnchen, nahe bei der schönen Propstei Zella, 
welche jetzt noch als Domäne erhalten ist. Auf dem 
Hähnchen findet man noch Mauerwerk und einige 
Kellerlöcher. Das lange verpfändet gewesene Amt Fisch- 
bach wurde vom Fürstabt Adalbert 1. von Schleifras 
(1700—1714) nach Dermbach verlegt und das Schloss 
zu Dermbach von demselben erbaut, welches jetzt den 
Behörden als Wohnung und Bureau dient. 



*) Schamiat, Buchonia vetus pag. 372. 
**) ibid. pag. 104 f. — Schannat, Traditiones pag. 554. 



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141 

Nahe bei Zella liegt auch das Dorf Neidhartshausen, 
nächst dem die Burg des P] r p h o von N i t h a r d s- 
husen stand, der das Kloster Zella gründete. Die 
Familie war vielfach im Fuldaischen belehnt und auch 
an den Fehden der Ritter betheiligt. 

Die heute noch bestehenden Adelssitze der Frei- 
herrn und Grafen von Boyneburg in Lengsfeld *j, Weilar, 
Gehaus, von Mansbach und von Geyso zu Mannsbach, 
von Geyso zu Wenigentaft und Rossdorf, von Wech- 
mar zu Rossdorf, übergehe ich, obgleich die genannten 
Freiherrn und Grafen sämmtlich zum Fuldaer Lehens- 
v.erbande gehörten, da aus der eigentlichen Ritterzeit 
nichts von denselben zu berichten ist mit Ausnahme von 
Mansbach, welches 1280 wegen Räuberei der Besitzer 
vom Abte Bertho IV. von Bimbach geschleift wurde **). 
Im Dorfe Buttlar hat auch die Wiege des gleichnamigen 
hessischen Adelsgeschlechtes gestanden 



XXlV-XXVI.i 

Morsberg, Mackenzeil und Wehrda. 

Im Norden der Abtei, im Kreise Hünfeld, finden 
wir noch zahlreiche Burgen, von welchen Buchenau, 
Stoppelsberg und Fürsteneck die bedeutendsten sind; 
Haselstein wurde schon behandelt; am Mors berge 
bei Rasdorf, einem der Berge des grossen Kegelspieles 
hatten die Edlen gleichen Namens eine Burg, die aus 
dem 12. Jahrhundert stammte, von der noch wenig 
Spuren übrig sind***). In Mackenzellf) stand eine den 
Herrn von Schenkwald, später von Buchenau gehörige 
Burg, welche später Amtssitz wurde. 



*) Lengsfeld ist durch Erbschaft an die Grafen von Rot on- 
han, jetzt an von Gattenberg gekommen. 

**) Sehannat^ Buchonia vetus, pag. 365. 
♦♦*) ibid. pag. 367. -- f) ibid. pag. 366. 



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14^2 

In Wehr da waren von Alters her die Herren 
von T r ü m b a c h oder T r u b e n b a c h *) begütert ; ihre 
Burg war seit 1369 beständig fuldaisches Burglehen. 
Die Herrn von Trümbach und von Stein zu 
Nordheim, welche durch Heirath (1828) nach Wehrda 
kamen, besitzen heute noch die zwei dortigen Schlösser 
und Rittergüter. 

XXVil und XXVJII. 
Burghaun und Stoppelsberg. 

In Burghaun und auf dem Stoppeis berge, 
hausten die Ritter von Haun oder Huiie, über deren 
Burgen ich noch nähere geschichtliche Mittheilungen 
machen muss**). 

Das fuldaische Amt Burghaun war zur Zeit der 
Gauverfassung ein Centgericht. Der älteste Ort war 
Hünhan (Hunhain), das Geschlecht von Hüne oder 
Haune wurde mit ihrer Burg Haune und dem Cent- 
gericht von den Fuldaer Aebten belehnt. Auch sie 
waren im 13. Jahrhundert bereits Raubritter; ihre Burg 
wurde 1274 vom Abte Berthold IV. von Bimbach 
erobert, aber später der Familie wieder verliehen. Um 
die Burg war bereits 1324 ein Ort angebaut, das heutige 
Burghaun. Die von Haune hatten noch eine andere 
Burg auf dem Stoppelsberge, Hauneck genannt, welche 
auch fuldaisches Lehen war. Frowin von Haune ver- 
kaufte 1422 die Hälfte von Hauneck an den Fürstabt 
Johann von Merlau, der somit zu den Ganerben der 
Burg gehörte. Der Fürst von Waidenstein und die 
Familie von R o m r o d bekamen durch Kauf einen Tbeil 



*) Schanuat, CUentela, pag. 173. 

**) Landau^ hess. Ritterburgen, 1. Band, S. 87 (Burghaun). 
S. 121 (Ilaunock). — Demm\ fuldische Aomtor, 1. Band, S. 496 
bis 7J1. — Sehamiat^ Clieiitola, pag. 113. 



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148 

davon ; der Romrodsche Theil wurde 1490 ebenfalls dem 
Stifte Fulda verkauft. 

Trotzdem trugen die Ganerben von Haune und 
Fürst von Waidenstein dem Landgrafen von Hessen- 
Kassel hinterlistiger Weise die Burg Hauneck zum Lehen 
auf. Erst 1539 trat Hessen mit seinen Ansprüchen auf, 
deren Beseitigung dem Abte von Fulda theuer zu stehen 
kam. Die Familie von Haune erlosch im 17. Jahr- 
hundert; alle ihre Güter theilten der Abt von Fulda 
und Volpert Daniel von Schenk zu Seh verein s- 
berg unter sich. Dieser erhielt dann für seinen An- 
theil ein Schloss zu Buchen au, so dass Burg und 
Amt Burghaun lediglich zu Fulda gehörten. Die Burg 
wurde vom Fürstabt Adalbert I. von Schleifras 
abgebrochen und auf dem Burghofe die jetzige katho- 
lische Kirche erbaut. 

Die von Haune betheiligten sich allezeit an den 
Ritterfehden des Mittelalters. Die erste Zerstörung 
ihrer Burg wurde schon erwähnt; 1283 kämpfte Ul- 
rich von Haune im Würzburgischen gegen die 
Grafen von Henneberg und Kastell. Simon von Haune 
gehörte dem Sternerbunde an, welcher Hessen 1371 bis 
1373 verwüstete. Simon, Apel und Reinhard von 
Haune befehdeten 1378 die Stadt Hersfeld gemeinsam 
mit dem dortigen Abte und verwüsteten deren ganze 
Umgegend entsetzlich. 1385 kämpfte Simon mit dem 
Erzstifte Mainz gegen Hessen. Gyso von Haune war 
Propst auf dem Petersberge und später Grossdechant 
der fuldaischen Kirche. Im Jahre 1402 fielen die von 
Haune mit mehreren buchischen Rittern in das hessische 
Gebiet ein, wrurden aber vom Landgraf Hermann bei 
Homberg geschlagen. Sie zogen sich nach Hauneck 
auf den Stoppelsberg zurück; der Landgraf erstürmte 
ihre Burg. 1409 sühnten sie sich wieder mit dem- 
selben aus. Hans und Reinhard von Haune fielen später 



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144 

in das thüringische und hennebergische Gebiet ein. Der 
Landgraf Friedrich von Thüringen mit Eckard von der 
Tann zogen darauf vor Burghaun und suchten die Burg 
durch Verrath zu nehmen; als die Ritter zur Kirche 
gegangen waren, gaben die ungetreuen Knechte ein 
Zeichen, worauf der Angriff erfolgte. Doch hatte Rein- 
hard Zeit genug, seine Kemnate zu gewinnen, er tötete 
die Knechte und setzte die Vertheidigung schnell ins 
Werk und mit solchem Erfolge, dass der Angriff abge- 
schlagen wurde. Von Neuem fiel er bald darauf wieder 
ins Hexinebergische ein und setzte seine Plünderungen 
fort. Graf Wilhelm von Henneberg zog nun mit 2000 
Mann vor Burghaun und schloss dasselbe ein. Rein- 
hards Bruder Hans, Berthold von Mansbach und Carl 
von Lüder suchten einen Vergleich zu Stande zu bringen, 
der aber an Reinhards Widerspruch scheiterte. 

Am 24. Januar 1442 schritt Wilhelm zum Sturm, 
wobei sich besonders die Schmalkalder auszeichneten. 
Die Mauern wurden erstiegen, das Schloss erobert. 
Graf Wilhelm befreite viele seiner Unterthanen aus 
dem Burghauner Kerker. Reinhard und sein Sohn 
Philipp von Haune wurden gefangen genommen. Graf 
Georg von Henneberg, Wilhelms Nachfolger und der 
Bischof von Würzburg mussten nun einen Antheil der 
Burg Haune erhalten, den sie aber an Philipp von 
Haune, nachdem sie sich ausgesöhnt, wieder heraus- 
gaben. 

Dieser Philipp findet sich 1486 als hessischer 
Amtmann zu Rotenburg. Im Jahre 1483 befehdeten 
die von Haune im Bunde mit den hessischen Rittern von 
Falkenberg, Holzsadel, Langschenkel und Borken die 
beiden Stifte Hersfeld und Fulda. Sie verwüsteten die 
Gegend und raubten eine Menge Vieh, so dass Land- 
graf Ludwig von Hessen als Schutzherr der Abtei 
Hersfeld einschreiten musste. Der Fürstabt von Fulda 



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145 

vermittelte und setzte fest, dass die von Hanne eine 
Entschädigung von 200 Gulden an Hersfeld zu zahlen 
hätten. Da sich die Zahlung verzögerte, gab der Fürst- 
abt aus eigener Kasse das Geld, weil er fürchtete, der Land- 
graf würde die Burg Haune erobern. Eine Streitigkeit 
zwischen Philipp und Gyso von Haune, die dadurch 
entstanden war, dass letzterer den ersten mit der Arm- 
bnist bedrohte, wurde von dem Abte zu Fulda beige- 
legt. Es wurde ein Burgfrieden mit scharfen Be- 
stimmungen zwischen den Ganerben festgesetzt, dem 
auch der fuldaische Amtmann zu Haune Lucas von 
Trümbach beitrat. 

Ueber die Belagerung des Schlosses Hau neck 
auf dem Stoppelsberge von 1402 besteht noch die 
Sage, dass die Hessen es lange belagert und durch 
Herab werfen von Steinen viel Schaden gelitten hätten ; 
nachdem sich der Ritter von Haune nicht mehr länger 
halten konnte, habe er sich in einer Wasserkufe, welche 
oben mit Leinengarn bedeckt und von einem Esel ge- 
tragen worden sei, geflüchtet. 

Der Landgraf von Hessen blieb nun im Besitz 
des Stoppelsberges, den er durch den früher erwähnten 
Kauf zu sichern suchte. Durch die benachbarten Herren 
von Buchenau, welche mit Landgraf Heinrich HI. in 
Fehde lebten, wurde Hauneck 1469 abermals erstürmt 
und niedergebrannt. 1482 liess es der Landgraf wieder 
herstellen. Engelhard von Buchenau wird 1499 als 
Amtmann von Hauneck, Jacob Schröder 1572 als Vogt 
„uff Hauneck" genannt. Darauf schweigt die Geschichte, 
das Schloss ist wohl unbewohnt geblieben und zer- 
fallen. 

Der Stoppelsberg mit der Ruine Hauneck ist nun- 
mehr einer der schönsten Ausflugs- und Aussichtspunkte 
der nördlichen Rhön. Der steil kegelförmige Berg 
bietet eine überaus weite Aussicht, da er ziemlich im 

N. F. XVII. Bd. 10 



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146 

Centrum zwischen vier Gebirgen, dem Thüringer Wald, 
Rhöngebirge, Vogelsgebirge und dem hessischen Berg- 
land liegt. 

Die den Gipfel krönende, interessante Ruine be- 
steht aus zwei Theilen ; das überwölbte Burgthor führt 
in den Burghof mit zwei Hauptgebäuden; das südliche 
ist ein grosses Viereck mit dicken Mauern; das nörd- 
liche ist thurmartig und wird von dem preussischen 
Generalstab als trigonometrischer Punkt benutzt, der 
mit der Milseburg und dem Inselsberg korrespondirt. 

XXIX. 
Buchenau. 

Bei weitem das mächtigste und berühmteste Ge- 
schlecht unter dem buchischen Adel waren die Frei- 
herrn von Buchenau*). Nicht weit vom Stoppels- 
berg an der Eitra liegt das Dörfchen Buchenau auf 
einer Anhöhe, welche die umfänglichen Schlossgebäude 
trägt, die aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammen. 
Dieselben fallen nach der Westseite ungemein steil ab 
und machen heute noch den Eindruck einer ächten 
mittelalterlichen Burg. 

Im 12. und 13. Jahrhundert erhielten die von 
Buchenau viele Lehen von den Abteien Fulda und 
Hersfeld. Die vielen Gerechtsame, welche ihnen letztere 
Abtei eingeräumt hatte (darunter das Holzförsteramt) 
führten auch zu häufigen Streitigkeiten. Im 14. Jahr- 
hundert kämpften sie mit den Grafen von Ziegenhain. 
Der Landgraf von Hessen versetzte ihnen das Schloss 
Friedewald; auf Fürsteneck wurden sie erbliche Burg- 
leute. 1374 vermittelten sie die Fehde zwischen dem 
Bischof Gerhard und der Stadt Würzburg. Mit dem 
Landgrafen von Hessen fochten sie bei Wetzlar 1378, 

*) Landau^ hess. Ritterburgen, 2. Band, S. 95. — ScJiannat^ 
Clientela, pag. 60. 



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147 

1384 und 138Ö, aber dann auch gegen den Landgrafen 
Hermann mit verschiedenen Verbündeten. 

Eberhard von Buchenau, genannt die alte Gans, 
zog 1384 gegen Rotenburg, dessen Amtmann er ge- 
wesen war, wurde aber zurückgeschlagen. Im folgenden 
Jahre zog er mit dem Landgrafen von Thüringen, 
Markgraf Friedrich . von Meissen und dem Herzog von 
Braninschweig gegen Cassel. Das Hessenland ward arg 
verwüstet. Landgraf Hermann sah sich genöthigt, einen 
unvortheilhaften Frieden zu schliessen. Die Buchenau 
erhielten wieder viele Pfandschaften in Hessen und 
halfen ihm auch 1393 gegen die von Baumbach in 
einer Fehde, bei welcher sich ihnen auch die von Kol- 
metsch, Trott, von Romrod und Treusch von Buttlar 
als Mitkämpfer angeschlossen hatten. 1387 befehdeten 
die Buchenauer den Grafen von Schwarzburg. 1395 
befehdete Eberhard die alte Gans gemeinschaftlich mit 
Neidhart und Heinrich von der Tann den Grafen Hein- 
rich von Henneberg. Im 14. Jahrhundert fanden in 
Folge der ausgedehnten Besitzungen und Pfandschaften 
in Thüringen noch mehrere Fehden in dortiger Gegend 
statt, schliesslich auch noch eine Fehde mit Hessen 
wegen Friedewald. Im 15. Jahrhundert nahmen diese 
Fehden, verbunden mit vielen Gräueln und Schreckens- 
thaten, immer noch ihren Fortgang. Selbst Albrecht 
von Buchenau, Abt des Stiftes Hersfeld, zeichnete sich 
durch Grausamkeit und schimpfliche Behandlung seiner 
ünterthanen aus. Auch Hermann von Buchenau, 
welcher Abt des Stiftes Fulda wurde, war ein gewalt- 
thätiger Mann. Durch die Heirath der Anna von 
Buchenau mit Kurt von Wallenstein entbrannte ein 
heftiger Familienstreit über die Erbschaft, die zur Be- 
lagerung Buchenau's seitens der 4000 Mann starken 
verbündeten Truppen des Landgrafen Heinrichs von 
Hessen-Marburg, des Abtes von Fulda, der Grafen von 

10* 



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148 

Henneberg und Büdingen führten, aber mit Hülfe des 
Landgrafen Ludwig von Hessen-Cassel siegreich abge- 
schlagen wurde. Caspar von Buchenau war mit dem 
Stift Würzburg 1479 in einen Streit verwickelt und 
verübte im Amt Rothenfels nächst Aschaffenburg uner- 
hörte Grausamkeiten. Durch Vermittelung des Pfalz- 
grafen Philipp kam am 11. Februar 1480 eine Sühne 
zu stände. Trotz des wilden Kriegerlebens wurde in- 
dessen Caspar von Buchenau Vorsteher der 1491 vom 
Fuldaer Abte Johann ü., Graf von Henneberg, gestifteten 
Gesellschaft des heiligen Ritters Simplicius. 

Engelhard von Buchenau, der ein sehr wüstes 
Leben führte, verkaufte 1494 dem Landgrafen Wil- 
helm in. von Hessen-Marburg einen grossen Theil 
seiner beträchtlichen Hute. Da der vorgenannte Abt 
von Fulda als Lehensherr den Verkauf nicht geneh- 
migte, entbrannte ein Streit. Der Marschall des Land- 
grafen, Hans von Dörnberg, fiel in das Fuldaische ein 
und verbrannte das Dorf Hauswurz. Der Abt zog 
gegen Buchenau; Engelhard's Leute, zehnmal stärker, 
drängten Anfangs die Fuldaer zurück; diese aber er- 
mannten sich und griffen die Buchenauer so wüthend 
an, dass sie vollständig geschlagen wurden und nahmen 
Engelhard gefangen. 

Die folgende Geschichte der Buchenauer bietet 
noch eine Menge von Besitzstreitigkeiten gegen die 
Aebte von Fulda und Hersfeld, ; welche kein besonderes 
Interesse erregen dürften. 

Im dreissigjährigen Kriege zeichneten sich noch 
mehrere von Buchenau aus. Ein Theil der Güter, 
welche Fulda erworben hatte, wurden 1692 an Wolf 
Christoph Schenk zu Schweinsberg verkauft. Diese 
Familie ist noch im Besitze dieses Gutes, das Schloss 
mit schönem Giebel in deutscher Renaissance liegt ab- 
seits von der grösseren Burg im Dorfe. 



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149 

Ein Drittheil der Herrschaft kam 1702 durch 
Heirath an Wolf Daniel zu B oyneburg-Lengs- 
feld und durch Erbschaft später an den Obergerichts- 
Director von Warnsdorf in Fulda und schliesslich 
an dessen Tochter Freifrau von Spiegel-Peckelsheim. 
Der andere Theil der Güter blieb der Familie von 
Buchenau; die zwei letzten Sprossen waren Karoline, 
die in ßasdorf 1816 unverehlicht starb und Ludwig 
von Buchenau, welcher sich in Folge eines Liebes- 
handels am 22. Mai 1815 erschoss. Der Kurfürst von 
Hessen suchte darauf als früherer Lehensherr das Gut 
an sich zu ziehen ; es entstand ein langwieriger Prozess 
desselben mit der Familie von Seckendorf-Gutend, 
welche Ansprüche machte, da eine Tochter von Lud- 
wigs ürgrossvater einen Freiherrn dieses Geschlechts ge- 
heirathet hatte. Der Prozess wurde durch Vergleich zu 
Gunsten der Seckendorf entschieden, welche heute noch 
die Herrschaft ausser dem Schenk'schen Gut allein be- 
sitzen, nachdem sie das Spiegel'sche käuflich dazu er- 
worben hatten. 

XXX. 

Fürsteneck. 

Das noch erhaltene Schloss Fürsteneck, welches 
nahe bei Buchenau an der Strasse von Eiterfeld nach 
Schenklengsfeld liegt, muss der Vollständigkeit halber 
hier erwähnt werden*). Es waren daselbst verschie- 
dene Ritterfamilien, darunter von Buchenau, beliehen. 
Später war es Eigenthum und Amtssitz des Stiftes 
Fulda; die jetzigen Gebäude sind im vorigen Jahr- 
hundert von den Fürstbischöfen von Buseck und von 
Harstall grösstentheils neu erbaut worden und dienen 
jetzt als preussische Staatsdomäne. 



*) Schannaty Buchonia vetus, pag. 352, 



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150 

An der westlichen Grenze der Abtei Fulda, in 
dem jetzt zum Grossherzogthum Hessen gehörenden 
Grenzgebiete, liegen noch einige merkwürdige Burgen^ 
deren Besitzer fuldaische Vasallen waren, nämlich 
Schlitz, Wartenberg und Eisenbach, von wel- 
chen nur Wartenberg in Trümmern liegt, während 
Schlitz noch Residenz der Grafen von Görz ist und 
das herrliche Eisenbach den Freiherrn Riedesel zu 
Eisenbach gehört. Die übrigen Schlösser der Frei- 
herrn von Riedesel zu Lauterbach und Stockhausen 
brauche ich nicht zu erwähnen, da dieselben nicht zu 
den mittelalterlichen Burgsitzen gehören. 

XXXI. 

Schlitz. 

In Schlitz*) ist allerdings das hübsche Residenz- 
schloss Hallenburg und die noch neuere Berleburg auch 
nicht als „Burg" anzusehen ; aber hoch auf dem Gipfel 
des Berges, an welchem das anmuthige Schlitz im 
Kesselthale zwischen Sengersberg und Eisenberg ange- 
baut ist, erheben sich noch zwei echte alte Burgen, 
die Vorderburg und Hinter bürg. In ihren 
Grundrissen und in mancher Einzelheit haben sie das 
mittelalterliche Gepräge vollkommen erhalten. Das Ge- 
schlecht von Slitese, von Slitz, später Freiherrn und 
Grafen von Schlitz, genannt Görz, wird zwar viel- 
fach in den Fehden des Mittelalters erwähnt, doch ist 
die Stammburg in Schlitz nie belagert, erobert oder 
zerstört worden. Bereits 1116 kommt Ermenoldus de 

*) Biedermann^ Geschlechts-Register, tab. 86 — 96. — Seit an- 
nat^ Buchonia vetus pag. 375. — Schannai, Clientela, pag. I.ö9. 
Die Angaben aus der neueren Zeit stamnieii aus einer geschrie- 
benen l'farrchronik, von der Einsicht zu nehmen Herr Oberpfarrer 
Dioffonbach in Schlitz gütigst gestattete, wofür ich dornsolben 
hiermit meinen Dank ausspreche. 



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151 

Slitese als Zeuge in einer Schenkungsurkunde des 
Grafen Poppo von Henneberg vor. Derselbe schenkte 
sein Gut Heimenrod der Kirche zu Fulda. Sein Sohn 
Grerlaeh von Slitese schenkte derselben Kirche ein Gut 
in Swalmenaha- (Schwalmgrund). Bertho I. von 
Schlitz regierte die Abtei Fulda als Fürstabt 1133— 
1134; er zog mit Kaiser Lothar nach Rom, als dieser 
vom Papste Innocenz IL gekrönt wurde. Weil er der 
Raubsucht der fuldaischen Lehensmänner zu steuern 
suchte, soll er eines unnatürlichen Todes gestorben 
sein. Friedrich und Hermann von Schlitz und dessen 
Gemahlin Agnes erhielten Lehen von der Abtei Fulda 
und gaben ihr Gut in Blankenwald zur Gründung des 
Klosters Blankenau her (1169). Simon von Schlitz 
hatte ein Lehen in Müss (Mosa), die Raxburg. 1365 
war derselbe Schiedsmann zwischen dem Abte Hein- 
rich VL von Hohenburg und dem Bischöfe von Würz- 
burg und Grafen Heinrich VHI. von Henneberg. Der 
Abt hatte den Schlitzer in einer Fehde mit dem Land- 
grafen Otto von Hessen zuvor unterstützt (1318). Hein- 
rich von Schlitz war 1333 zwischen demselben Abte 
und dem Erzbischof von Mainz Schiedsrichter. Er 
hatte 3 Söhne: 1) Simon, Burgmann zu Bodenlaube 
bei Kissingen ; 2) Heinrich, fuldaischer Hofmarschall ; 
3) Friedrich zu Kochingenberg, einer Burg, welche auf 
dem Kötzenberge im Schildwalde, unweit von Hemmen 
gestanden hat. Seine drei Töchter verheiratheten sich 
mit von der Tann, von Buchenau und von Schenk zu 
Schweinsberg. Ein anderer Simon von Schlitz erhielt 
1439 im Namen seiner Ganerben die Herrschaft Schlitz 
als männliches Erblehen. Die Herrn von Schlitz waren 
fast ständig Erbmarschälle der Abtei Fulda, bekleideten 
aber auch Hof- und Staatsämter in Cassel und Würz- 
burg. Eustach von Schlitz genannt Görz, geboren 1527, 
gestorben 1598, ist der Stammvater der jetzigen gräf- 



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152 

liehen Hauses. Es bestanden früher 4 Linien: 1) die 
zu Steinau (Eingangs erwähnt), 2) die zu Haselstein, 
3) die von Blanken wald, 4) die von Rechenberg (dem 
heutigen Richthof) oder Kötzenberg. Sie hatten ein 
gemeinsames Wappen und waren durch einen Vertrag 
verpflichtet, als gemeine Burgherrn, auch Görzische 
Burgmannen und Ganerben sich gegenseitig zu schützen. 
Noch einige Daten aus der Geschichte des Ge- 
schlechtes möchte ich erwähnen. 1265 schlug der Abt 
Bertho von Leibolz den Grafen Gottfried von Ziegen- 
hain, mit dem die Schlitzer verbündet waren, zerstörte 
deren Burg zu Blanken wald und verwandelten das 
Mannskloster Blankenau in ein Frauenkloster. 1330 
war die bekannte Empörung der Fuldaer Bürger unter 
Führung des Schirmvogtes Grafen von Ziegenhain, 
welcher vom Abte Heinrich VI. nach Schlitz zurück- 
getrieben wurde. 1493 legte Landgraf Wilhelm der 
mittlere von Hessen-Gassel den Streit der Brüder Si- 
mon, Ludwig und Johann von Schlitz bei. Wilhelm 
Balthasar von Schlitz genannt Görz war Holstein-Got- 
torp'scher Geheimer Rath und dann Minister König 
Karl Xn. von Schweden. Er wurde am 13. März 1719 
enthauptet; sein Leichnam ist in der östlichen Seiten- 
kapelle der Stadtkirche zu Schlitz beigesetzt. Friedrich 
Wilhelm von Schlitz genannt Görz wurde 1677 in den 
Reichsgrafenstand erhoben. 

Wartenberg*). 

Vor dem hessischen Dorfe Angersbach auf dem 
Wege nach Lauterbach ^U Stunde entfernt lag die 
Burg Wartenberg (oder Wartenbach) auf einem kleinen 

*) Landau^ hess. Ritterburgen S. 365. — Schneider^ Jos., 
Buchonia, 4. Bd., 1. Heft, S. 170. 



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153 

Hügel, von der nur noch ganz spärliche Mauerreste 
übrig sind, welche noch durch Graben nach Schätzen 
von den Angersbacher Bewohnern weiter zerstört worden 
sind. Der Burgplatz war gross, wie man aus den 
RHsten der Wiederlagsmauern ersieht. Bereits 1261 
wurde die Burg von dem Fürstabt Bertho IL von Lei- 
bolz zerstört. Im 12. Jahrhundert scheint die Familie 
von Angersbach die Burg besessen zu haben, deren 
Erben die Herrn von Wartenberg gewesen sein müssen. 
Später trennte sich das Geschlecht in zwei Stämme, 
deren jüngerer sich von Eisenbach nannte. Doch gab 
es noch einen älteren Stamm von Eisenbach. Die von 
Wartenberg und von Eisenbach gehörten zu den Raub- 
rittern, deren Burgen von Bertho IL zerstört wurden. 
Die letzte des Stammes, Agnes von Wartenberg, schenkte 
der Gemeinde Angersbach einen grossen Wald; die 
übrigen ihr zustehenden Gefälle erhielt das Kloster 
Fulda. Angersbach, wo bereits Bonifatius ein Kloster 
(A n gar ius -Kloster) erbaut hatte, und Lauterbach 
gehörten der Abtei Fulda. Die Gefälle dortselbst wurden 
von dem Kämmerer in jedem Jahre am Dreikönigstage 
erhoben, dem bestimmten Tage des Gerichts, welches 
den Namen Saugericht erhalten hat, weil dabei ein 
Schwein zu einer Mahlzeit gegeben und nach be- 
stimmter Vorschrift vertheilt wurde. 

xxxin. 
Eisenbach. *) 
Die Burg Wartenberg scheint nach ihrer erwähnten 
Zerstörung nicht wieder aufgebaut zu sein, wohl aber 
Eisenbach an der Strasse von Lauterbach nach Herb- 
stein, welches heute noch als echt mittelalterliche Burg 
im Aeusseren und Inneren als Wohnsitz des Herrn von 

♦) Landau, hess. Ritterburgeo, 3. Bd., S. 359. 



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154 

Riedesel zu Eisenbach besteht. Nach Seha?inat (Clien- 
tela pag. 145) wurde Eisenbach, welches Rorichius von 
Eisenbach*) bereits als fuldaisches Lehen inne gehabt 
hatte, von dessen Nachfolger Hermann von Riedesel 
aufs Neue als solches anerkannt. Dieser Familie ist 
das herrliche Schloss verblieben. Durch den Kunstsinn 
des jetzigen Besitzers und seiner Frau Mutter enthält 
es im Innern ein wahres Museum mittelalterlicher 
Möbel und Kunstgegenstände, welche mit dem ganzen 
Bau harraoniren. Der Besucher wird dort vollkommen 
in die schöne Zeit des Ritterlebens und der Minnesänger 
zurückversetzt. Die Besucher des Vogelsgebirges, dessen 
nördliche Pforte das schöne Eisenbach bildet, werden 
durch dasselbe unwillkürlich an die Wartburg erinnert, 
die in ähnlicher Weise das Thüringer Waldgebirge er- 
schliesst. Aus einem grünen Wiesenthaie erhebt sich 
der basaltige Berg, der die Burg trägt. Die Abhänge 
sind mit herrlichen Waldanlagen geziert. Die alten 
Befestigungsmauern umschliessen einen wohlgepflegten 
Schlossgarten. Die eigentliche Burg liegt gegen Osten ; 
die Vorburg, als Oekonomiegebäude, gegen Westen und 
Süden. Das erste Gebäude rechts vom Thor ist sehr 
hoch und trägt das RiedesePsche und Malsburg'sche 
Wappen und am Rand die Wappen von 6 verwandten 
Geschlechtern. Dieses ist nach der Inschrift 1559 er- 
baut. Es folgen noch zwei ältere Gebäude, dann an 
der Nordseite die Burgkirche aus dem 17. Jahrhundert. 
Nun stehen wir vor der eigentlichen Burg, die ein 
grosses Rechteck bildet und aus zwei Haupttheilen be- 
steht. Nördlich sind sie durch eine Mauer, südlich 
durch das Thorgebäude verbunden. Auf einer Tafel 
über dem Thore befindet sich ein Schild mit einem 
Stück Haut mit der Jahreszahl 1678. Die Haut soll 



*) Schamiat^ Trobationes Ciientelaü COLI, pag. 28ü. 



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155 

von dem letzten Bären stammen, der an dem Wege 
nach Stockhausen erlegt wurde. Das grosse vier- 
eckige Gebäude mit dem Schieferdach stammt aus der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Es ist sicher älter 
und vielfach umgebaut, jetzt nicht mehr bewohnbar; 
selbst der frühere Rittersaal hat nur kahle Wände. 
Ein fünfeckiges Thurmgebäude schliesst sich südlich 
an. Das gegen Westen liegende Hauptgebäude bildet 
die zweite Längsseite der Burg. FAn viereckiger 
Treppenthurm mit schöner Wendeltreppe führt bis an 
das fünfte Stockwerk. Die Inschrift eines Saales im 
4. Stocke trägt die Jahreszahlen 1580 und 1581. Die 
übrigen Gebäude sind jünger. Um die Burg läuft die 
Ringmauer mit Rondelen und Schiessscharten und der 
Zwinger. Am Fusse des Burgberges bewässerte ein 
Bach den Wallgraben. Von mehreren Teichen ist nur 
noch einer übrig, neben welchem Reste einer alten 
gothischen Kapelle sich vorfinden, 

XXXIV und XXXV. 
Lüder und Bimbach*). 

Zahlreich waren die Burgen und Adelssitze aus 
dem Mittelalter in dem Amtsbezirke Grossenlüder. 
Leider ist hier von den wirklich alten fast nichts mehr 
übrig. Grossenlüder selbst war der Stammsitz der 
Familie von Lüder, von der noch einige tüchtige 
Generale in Diensten der Landgrafen von Hessen-Cassel 
rühmlichst bekannt sind. Die Freiherrn von Lüder 
waren ureingesessene Edelleute, welche dem Kloster 
Fulda zuerst fromme Schenkungen zuwendeten und 
später ihre Güter zum Lehen auftrugen. Ausserdem 
waren in diesem Bezirke noch ansässig Edle von Müss, 
von Kaitz in Alüss, von Lütterz (Luthards), von Mal- 



*) Schneider, Joseph, Buchouia, Bd. 4 Helt 1, S. 79 ff. 



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156 

koz in Malkes und Nifiderrode, von Steinbach zu Poppen- 
rod, von Uffhausen, von Birabach (Bienbach), von Blan- 
kenwalt in Blankenau. Sie sind meist frühzeitig, schon 
im 13. Jahrhundert, ausgestorben, nur die von Bim- 
bach und von Lüder hatten mehr geschichtliche 
Bedeutung. Bertho von Bimbach und Conrad 
von Malkoz waren bereits früher genannte, tüchtige 
Aebte Fulda's. Von der Burg in Bimbach sind noch 
spärliche Ueberreste in einigen Mauern des der Kirche 
zunächst gelegenen Bauernhofes in Oberbimbach zu 
finden. Auch ein schöner, steinerner Sockel eines 
übrigens in Fachwerk erbauten Bauernhauses deutet 
auf einen Adelssitz hin. In Unterbimbach findet man 
noch in einem Grasgarten eines Bauern Ueberreste eines 
Wallgrabens. Ausserdem ist noch eine vollständig er- 
haltene Kemnate, das Steinhaus mit hohen gothischen 
Giebeln, mit einem Erker und einer steinernen Wendel- 
treppe von 52 Tritten bemerkenswerth. An dem 
steinernen Thore sah mein Vater (Buchonia Bd. IV 
1. Heft Seite 98) einen Schlussstein mit der Jahreszahl 
1587 und dem Boyneburg'schen Wappen. An der 
Hausthüre steht jetzt noch die Jahreszahl 1579, an der 
Stallthüre 1583 und an dem eisernen Ofen im Wohn- 
zimmer 1587. Das Haus, ein grosses Bauerngut, ge- 
hört Herrn Ferdinand Döppner. Das Geschlecht von 
Bimbach ist wahrscheinlich im 15. Jahrhundert ausge- 
storben, seine Güter an die von Lüder und später an 
von Boyneburg übergegangen. 

In Grossenlüder hatten die Herren von L ü d e r 
zwei Burgen, die Vorder- oder Fröschburg und 
die Hinter- oder Unterburg, auch Döringsburg. 
Beide sind im 18. Jahrhundert modern umgebaut worden. 
Die Fröschburg diente als Rentereigebäude und gehört 
seit 12 Jahren dem Gastwirthe Placidus Weissmüller, 
sie ist jetzt an Beamte vermiethet. 



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157 

Der von meinem Vater erwähnte Pfortenein- 
gang mit kleinen Säulen ist nicht mehr zu sehen. 
Auch ein von demselben erwähntes steinernes Thor an 
dem Wege nach Mass mit der Jahreszahl 1512 ist nicht 
mehr vorhanden. Die Unterburg oder Hinterburg ent- 
hielt bis 1866 die Wohnung des Aktuars und die herr- 
schaftlichen Fruchtböden. Der Garten dabei ist mit 
Mauern umgeben und heisst noch der grosse ünter- 
burgsgarten. Jetzt ist das Gebäude Oberförsterei. 
Das Dachwerk ist anscheinend 1625 gezimmert. Das 
schöne alte Amtsgerichtsgebäude mit dem Schleifras'schen 
Wappen war auch ein Burgsitz. Es ist jedenfalls von 
dem Grossdechant des Fuldaer Stiftskapitels, an den 
das Gericht von den Herrn von Boyneburg, denen es 
als Erben der Herrn von Lüder verpfändet war, durch 
Rückkauf überging, als Amtshaus erbaut worden. Das 
Amt Grossenlüder gehörte von da ab dem Fuldaer Stifts- 
kapitel, wesshalb auch die Kirche daselbst am Portale 
die Wappen der 15 Kapitulare des Hochstiftes trägt. 

XXXVI. 
Müss*). 
Eine Linie derer von Lüder hatte einen Burgsitz 
zu Müss. Nach deren Aussterben kam derselbe sammt 
der Hinterburg zu Grossenlüder an Philipp Döring, 
später an die Familie von Romrod. Die Burg von 
Müss ist jetzt noch als Bauernhof wohl erhalten und 
sehenswerth. Das zweistöckige Hauptgebäude hat in 
der Mitte einen vorspringenden Erkerthurm mit einer 
W^endeltreppe und in der Richtung der Stiege schiefen 
Fenstern. Die Treppe hat 43 Tritte, w^elche im obersten 
Thurmgeschosse ganz klein und zierlich sind, üeber 
der Thurmpforte, einem herrlichen Bau in deutscher 



*) Buchonia 1. c. 



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158 

Renaissance befinden sich die Wappen des Geschlechtes 
der mit Lüder verwandten von Romrod, von Diemar 
und Schad von Leipolz. Ueber der Kellerthür befindet 
sich die Jahreszahl 1503, in Steinen der Nebengebäude 
1562, 1613 und 1687; Besitzer des Gebäudes ist der 
Bauer Franz Keller. 

XXXVII. 
Blankenau. 

In Blankenau*) sind noch die schönen Propstei- 
gebäude als Staatsdomänen erhalten. Das alte Ge- 
schlecht von Blankenwald, eine Linie der von Schlitz, 
hat auf dem nahe gelegenen Haimberge eine Burg be- 
sessen, von der keine Spur mehr übrig ist. Durch 
Stiftung und Verkauf dieser Ritter von Schlitz-Blanken- 
wald wurde das Cisterzienser-Nonnenkloster 1266 zu 
Blankenau gegründet, welches im 16. Jahrhunderte zu 
der adligen Benedictiner-Propstei umgewandelt wurde. 
Am Eingang der Kirche rechts findet sich noch das 
Grabdenkmal des Hermann von Schlitz, genannt Blan- 
kenwalt, gegen 600 Jahre alt. 



Wir kommen nun zum südlichen Theile der Abtei. 
Hier waren von hervorragenden Burgen der Branden- 
stein nächst Elm, die Steckeisburg der Herrn von 
Hütten und die übrigen Huttenschen Burgen und 
Schlösser: Stolzenberg bei Soden, Altengronau, Roms- 
thal, sowie die Thüngen'schen Schlösser zu Zeitlofs, 
Weissenbach, Rossbach, Sodenberg und Reussenberg, 
ferner im Amt Hammelburg Saaleck und Trimberg und 
im Brückenauer Amt die Schlösser in Brückenau 
Römershag, die Burgen Schildeck und Werberg. Die 



*) Buchoüia 1. c. 



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159 

Burg im Amtsorte Schwarzenfels, sehr romantisch auf 
einem isolirteii Berge gelegen, gehörte den Grafen von 
Hanau und war von diesen mit Burgmannen (darunter 
von Eberstein) besetzt. 

XXXVIU. 
Brandenstein. 

Brandenstein*) liegt dominirend auf einer 
Anhöhe gegenüber dem Bahnhofe Elm. Der erste der 
sieben Tunnels der Bahnstrecke Elm — Gemönden führt 
unter dem Brandenstein hindurch. Die Burg gehörte 
ursprünglich dem Kloster Schlüchtern, von welchem 
. sie 1424 Mangold von Eberstein zum Lehen erhielt. 
Später waren die Grafen von Hanau Lehensherrn. Die 
Burg ist noch erhalten, die Gebäude stammen indessen 
aus der neueren Zeit und wurden einem Grafen von 
Stollberg-Wernigerode vom Staat verkauft. Derselbe 
hat sie nunmehr wieder an Herrn Hauptmann von 
Scheffel verkauft. Fuldaisch ist also die Burg nie ge- 
wesen, ich erwähne derselben nur darum, weil die Be- 
sitzer im \ Mittelalter, die Freiherrn von Eberstein, ful- 
daische Lehensleute w^aren. Aus dieser Zeit ist die 
Fehde Mangolds von Eberstein (eines Enkels des 
vorher erwähnten gleichnamigen) mit der Stadt Nürn- 
berg bemerkenswerth. Diese Fehde fällt in den Schluss 
der mittelalterlichen Zeit des Faustrechts (1516 bis 
1522) und bietet ein merkwürdiges Material für die 
damalige Zeit der Rechtsunsicherheit, Willkür und Ge- 
waltherrschaft des Adels, der würdig seiner Vorgänger 
in Raub, Wegelagerung und Gewaltthätigkeit an un- 
schuldigen Reisenden und Kaufleuten sein freches Spiel 

*) von Eberstein^ urkundliche Geschichte, I. Band, S. 259; 
vm Eheistein^ Stammreihe und Fehde, S. 137. 



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160 

trieb, was wohl nicht zum wenigsten zum Ausbruche 
des berüchtigten Bauernkrieges beitrug. 

Die Fehde wurde veranlasst durch eine angeb- 
liche Verwandte Mangolds von Eberstein, Wittwe Agatha 
Oedheimer, welche sich mit ihrer Tochter Helena in 
den Schutz Mangold's begab, weil die Stadt Nürnberg 
deren Ansprüche nicht befriedigte, die sie nach der 
Vertreibung von ihrem Gute Farrnbach bei Nürnberg 
erhoben hatte. Mangold sandte 1516 einen Fehdebrief 
durch seinen Neifen, einen Bruder Ulrichs von Hütten 
(einen „reisigen Knaben") mit der Aufforderung, die 
Ansprüche der Oedheimer im Betrage von über 20,000 
Gulden in 4 Wochen zu befriedigen, an den Rath von 
Nürnberg. Der Rath war hoch erstaunt, meinte, Man- 
gold „lege seine Sichel in einen fremden Schnitt", weil 
Agatha Oedheimer Nürnberg's „verpflichtete und unge- 
ledigte Bürgerin" sei ; dessen ungeachtet sei er erbötig, 
die Sache nach Mangolds Belieben entweder vor dem 
Kaiser, vor der fränkischen Ritterschaft, oder vor an- 
deren geistlichen oder weltlichen Herren zum Austrage 
bringen zu lassen. Darauf ruhte aber die Sache bis 
1519, wo Mangold im Namen der Oedheimer einen 
neuen Fehdebrief nach Nürnberg sandte. Mangold er- 
öffnete die Fehde mit Hülfe vieler verbündeter Ritter 
(seines Vetters Georg Eberstein von Ginolfs, der von 
Rosenberg, von Hütten, von der Tann, von Thüngen 
u. a.) und führte sie bis zum Jahre 1522 fort. Doch 
ist es iri-thümlich, zu glauben, dass Mangold mit seinen 
und seiner verbündeten Mannen gen Nürnberg gezogen 
sei, um seine Forderungen geltend zu machen ; ein 
Strauch- oder Waldraub wurde in Scene gesetzt und 
alle Reisende, welche auf den damaligen alten Ver- 
kehrswegen Frankfurt— Nürnberg, oder Frankfurt — Leip- 
zig im weitesten Umkreise des Brandensteins, vom Main 
bis zur Fulda und Ulster des Weges herzogen und im 



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161 

Verdacht standen, von Nürnberg zu stammen, oder mit 
Nürnbergern zu handeln, wurden aufgegriffen und nach 
dem Brandenstein in das Gefängniss geschleppt, in 
Stock und Ketten gelegt und gefoltert, bis sie ein 
hohes Lösegeld auftrieben. Selbst Schweizer, Polen 
und Sachsen wurden nicht verschont! Die protokol- 
larischen Aussagen der armen Gefangenen, welche diese 
nach endlicher Befreiung in der Kriegsstube in Nürn- 
berg machten, sowie Briefe derselben an die Ange- 
hörigen, worin sie um Einlieferung des Lösegeldes 
bitten, sind uns in den Eberstein'schen Werken auf- 
bewahrt und entrollen uns das ganze Schandbild dieses 
„ritterlichen" Treibens, welches die Thaten eines ver- 
kommenen rohen und gewaltthätigen Adels am Ende 
dieser über 400 Jahre währende Periode des Faust- 
rechts beschliesst. Die Stadt Nürnberg verklagte Man- 
gold von Eberstein vor dem Kaiser, worauf derselbe 
sammt der Agatha Oedheimer in die Reichsacht gethan 
wurde. Graf Georg von Wertheim sollte Mangoldes 
Güter einziehen und bemächtigte sich am 17. April 
1522 des Brandensteins. Mangold hatte sich aber 
schon vorher in die nahe Steckelburg zurückgezogen, 
da ihm durch Einkauf seines Vaters das Recht zustand, 
sich derselben in seinen Fehden als Waffenplatz zu be- 
dienen. Von hier begab er sich zu seinem Freunde 
Franz von Sickingen, dem er im eben ausgebrochenen 
Kampfe mit dem Kurfürsten von Trier half. Hier be- 
schloss der edle Mangold sein ritterliches Leben, indem 
er bei der Belagerung von St. Wendel durch einen 
Schuss tödtlich getroffen wurde^ 

XXXIX. 
Steckelberg *). 

Mangolds von Eberstein Schwester Ottilie hei- 
rathete 1486 Ulrich von Hütten zu Steckelberg. 

*) Landau^ hess. Eitterburgen, 3. Bd. S. 187. 

N. F. XVII. Bd. 11 



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162 

Ihr 1488 geborener Sohn war der bekannte Schrift- 
steller, Dichter und Reformator Ulrich von Hütten. 
Dessen Geburtsstätte, die jetzt in Trümmern liegende 
Burg auf dem Steckelberge, ist nur eine Stunde von 
dem Brandenstein entfernt, und wird am besten von 
der Station Voll merz nächst Elm bestiegen. Der Burg- 
berg senkt sich nach Westen gegen Vollmerz und Ram- 
holz hin ab. Gegen Osten steht er mit einem höheren 
Bergrücken, dem grossen Nikus in Verbindung. An 
seinem Abhang entspringt die Einzig. Etwas weiter 
nordwestlich von der jetzigen Ruine stand eine ältere 
Burg, welche kaum noch Spuren erkennen lässt. Sie 
wurde von einem alten Geschlechte von Steckelberg 
bewohnt, kam dann zu Wtirzburg, von welcher sie 
Graf Reinhard von Hanau zum Lehen hatte. Kaiser 
Rudolph von Habsburg Hess sie 1276 abbrechen, sie 
sollte auch ohne kaiserliche Erlaubniss nicht wieder 
aufgebaut werden. Deshalb wurde von dem älteren 
Ulrich von Hütten 1388 die Burg an einem anderen 
Platze wieder aufgebaut; er besass dieselbe als Würz- 
burgisches Lehen. Die alte Familie von Hütten soll 
aus dem 9. Jahrhundert stammen, ist aber erst aus 
dem 13. Jahrhundert geschichtlich bekannt. Dieselbe 
ist sehr weit verzweigt und unterschied sich in eine 
Gronauer, Stolzenberger, Steckel berger und fränkische 
Linie. Dieselbe blüht heute noch im fränkischen 
Stamme und besitzt die früher fuldaischen Güter im 
Romsthaler Grund bei Salmünster. Die Güter der 
Herrn von Hütten waren theils würzburgische, theils 
fuldaische und hanauische Lehen. Sie waren ange- 
sehene Beamte und Marschälle dieser Höfe, wenn auch 
häufig blutige und erbitterte Fehden das gute Einver- 
nehmen mit ihren Lehensherren störten. Die Geschichte 
des berühmtesten Trägers des Hutten'schen Namens, 
jenes Ulrich, der am 21. April 1488 auf der Steckel- 



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163 

bürg geboren wurde und nach vielen Reisen in aller 
Herren Länder am 31. August 1523 auf der Insel 
Ufnau im Züricher See starb, kann ich als bekannt 
hier übergehen. 

Die Ruine auf dem Steckelberge besteht aus zwei 
gewaltigen Steinmauern und eineod Thurmreste mit 6 
Fuss dicken Mauern, in dem sich das Burgverliess be- 
fand. Im Schlusstein eines Thorbogens befindet sich 
noch die etwas defecte Inschrift : „Anno Domini 
1509 Ulrich von Hütten". Daran stösst noch ein 
viereckiger Hofbau. 

XL. 
Samierz. 

Im 17. Jahrhundert verfiel die Steckelburg all- 
mählig, die Besitzer Philipp Daniel und sein Sohn Jo- 
hann Hartmann von Hütten verzogen nach Sannerz. 
Nach dem Aussterben der Steckelberger Linie kam das 
schöne Schloss in Sannerz an Fulda zur Lehensherr- 
schaft zurück und wurde Propstei. Jetzt dient das 
Gebäude einer Rettungsanstalt für verwahrloste Knaben. 
Die Steckelberger Herrschaft kam an die Gronauer 
Linie mit dem Wohnsitz in Ramholz, nach deren Aus- 
sterben an von Landers, Grafen Degenberg, Fürst Ysen- 
burg-Büdingen und ist jetzt durch Kauf an Herrn Ritt- 
meister Stumm gekommen, der schon viel für Erhal- 
tung der Burgreste auf dem Steckelberge gethan hat. 

XLI. 
Stolzenberg*). 

Eine andere Hutten'sche Burg ist Stolzenberg ge- 
wesen, deren Trümmer, Mauern und ein alter runder 
Thurm sich über dem Städtchen Soden, gegenüber von 

*) Landau, hess. Rittorburgen» 3. Bd., S. 211. 

11* 



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164 

Salmünster erheben. Vom Vogelsberg herab kommend, 
führt der Bach Salza durch den Huttenschen Grund, 
bestehend aus den Dörfern Romsthal, Kerbersdorf, 
Eckardsroth, Wahlerts und Marborn hierher zu dem 
nach seinen Salzquellen genannten Soden, einstmals die 
Saline Fuldas, jetzt ein aufblühendes junges Soolbad. 
Im 9. Jahrhundert gehörte diese Gegend einem Grafen 
Stephan, welcher sie dem fuldaischen Abte Hugo gegen 
den Ort Criechesfelt vei-tauschte. Das nahe Salmünster 
gehörte auch dazu. Zum Schutze des Landstriches er- 
bauten die Fuldaer Aebte die Burg Stolzenberg, welche 
im 13. Jahrhundert bereits einmal zerstört, aber vom 
Abt Heinrich IV. auf Befehl und mit Hülfe König Wil- 
helms wieder aufgebaut wurde. Unter dem Schutze 
der Burgmauern entstand zuerst der Ort Salz (jetzt 
noch ein Hof) und dann Soden (anfänglich Stolzenthal 
genannt), welcher Ort auf Vorstellung des Fuldaer 
Abtes Heinrich V., Graf von Weilnau, Stadtrechte er- 
hielt. Die Stolzenburg erhielt vom Abte Burgmannen 
(von Eppenstein, Graf von Battenberg, von Joss, von 
Altenburg), 1328 wurden die Brüder Friedrich und 
Frowin von Hütten erbliche Burgmannen. 1340 wurde 
Stolzenberg zuerst an Ulrich von Hoelin, dann 1384 
an Frowin und Conrad von Hütten für 5400 Pfund 
Heller sammt Salmünster und dem später sogenannten 
Hutten'schen Grunde verpfändet. Der Abt behielt sich 
verschiedene Gerechtsame und die Oeffnung der Burg 
vor. Als Luther 1521 von dem Reichstage zu Worms 
zurückkehrte, soll er auf Stolzenberg bei Frowin von 
Hütten, kurmainzischem Marschall, zu Gast gewesen 
sein. Der letztere war mit Franz von Sickingen ver- 
bündet, in Folge dessen von den diesen bekämpfenden 
Fürsten Salmünster und Stolzenberg erobert wurden. 
1512 war ein Theil der Burg eingestürzt; 1519 wurde 
sie neu erbaut. Frowin verkaufte 1528 die sämrat- 



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165 

liehen Güter an den fränkischen Stamm von Hütten. 
1624 kündigte der Abt von Fulda seinen Antheil an 
der Pfandschaft. Ein Theil kam an Mainz, welches 
1734 durch Vergleich das nunmehr verfallene Schloss 
Stolzenberg, Soden und Salmünster für 52500 Gulden 
an Fulda zurück gab. Mit Fulda kam dann das Amt 
Salmünster an Kurhessen (1816). 

Ohne die Thalburgen der Herrn von Thüngen zu 
Zeitlofs, Bossbach, Weissenbach, Burgsinn etc., welche 
sämmtlich noch theils als Schlösser, theils als Oeko- 
nomiegebäude bewohnt sind, hier näher zu beschreiben, 
wende ich mich nun zu den südlichsten Bitterburgen 
des fuldaischen Gebietes im Hammelburger Amte: 
Sodenberg, Beussenbergj Saaleck und Trimberg, von 
welchen nur Saaleck noch bewohnt ist. Alle diese 
stattlichen Buinen auf den Höhen zwischen Main und 
fränkischer Saale, besonders auch die schöne und 
grosse würzburgische Buine Homburg, werden heute 
noch, nicht nur wegen ihrer geschichtlichen Bedeutung, 
sondern auch wegen ihrer hervorragenden landschaft- 
lichen Schönheit als herrliche Aussichtspunkte im Laufe 
des Sommers von einer grossen Anzahl Touristen Mittel- 
deutschlands besucht 

XLII. 
Sodenberg. 

Der Sodenberg*) (neuerdings der fränkische 
Rigi genannt) liegt am linken Ufer der Saale, 2 Stunden 
von Hammelburg, 3 Stunden von Gemünden am Main 
und erhebt sich 550 Meter über der Meeresfläche, 346 
Meter über den Spiegel des Mains. Der Berg ist schön 
bewaldet und hat ungeheuere Basaltfelsen. Die Aus- 



*) Trabert^ das Frankenland (Würzburg bei Woerl), S. 13. 
— Sehannat^ Clientela, pag. 176. 



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166 

sieht auf das Saalthal, nach dem Rhöngebirge und 
Spessart ist weit und umfassend. Ueber einen Ring- 
wall kommt man an einem steinernen Crucifix mit dem 
Thüngen'schen Wappen und der Jahreszahl 1515 vor- 
bei zu der am höchsten Gipfel gelegene Ruine mit 
doppelten Ringmauern und einem sehr geräumigen Burg- 
hof. Der alte hohe Thurm ist vor etwa 30 Jahren 
gänalich eingefallen. Von dem Rhönclub ist auf dessen 
Grundmauern ein hölzerner Aussichtsthurm erbaut 
worden. 

Nach Sehmmat (1. c.) ist die Burg Sodenberg 
1431 mit der ausdrücklichen Zustimmung des Abtes 
Johann von Fulda erbaut worden. Theodorich, Karl, 
Conrad, Eberhard, Engelhard, Balthasar und Sigismund 
von Thüngen empfingen dieselbe als männliches Lehen 
und ihre Nachkommen sollten, so oft es nothwendig 
erscheine, die Belehnung neu empfangen und andere 
Personen sollten daselbst keinen Besitz erhalten, ausser 
mit Genehmigung des Abtes von Fulda. Später wurde 
indessen ein Theil an das Juliusspital zu Würzburg 
veräussert. Von den Erstgeborenen der Geschlechter 
von Thüngen empfingen die Belehnung von Fulda : 1536 
Eustach von Thüngen auf Sodenberg, 1540 
Pancratius von Thüngen daselbst, 1558Neidhart 
von Thüngen zu Zeitlofs, 1573 Wigbert von 
Thüngen zu Reussenberg, 1586 Philipp von 
Thüngen zuSodenberg und Greiffenstein, 1601 
Wem her von Thüngen, 1638 Albert von Thüngen 
zu Rossbach, 1651 Neidhart von Thüngen zu 
Sodenberg. Uebrigens hat früher bereits eine Burg auf 
dem Sodenberg, ehemals Kilianstein genannt, gestanden, 
die 1296 urkundlich erwähnt wird und Hermann von 
Sotenberg gehörte. Ein Theodorich von Sotenberg 
wird 1306 erwähnt. Die von Thüngen waren schon 
im 14. Jahrhunderte im Besitze der Burg und brand- 



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167 

schätzten von da und dem nahen Reussenberg die 
Gegend ebenso, wie die anderen Rittergeschlechter. 
1393 mussten sie die Burg an das Hochstift Würzburg 
abtreten, um der Reichsacht zu entgehen, raubten aber, 
da sie als Lehensleute dieselbe behielten, weiter fort. 
Von Bischof Gerhard von Würzburg wurde deshalli 
1395 die Burg belagert und erstürmt, welcher dieselbe 
sodann an die von Hütten zum Lehen gab. Nachdem 
sich später die von Thüngen wieder des Sodenberges 
bemächtigt hatten, trugen sie, wie oben bemerkt, die 
Burg dem Abte von Fulda als Lehen auf. Götz von 
Berlichingen verlebte hier bei seinem Onkel Neid- 
hart von Thüngen zum Theil seine Jugendjahre. Im 
Bauernkriege versuchten die aufständischen Bauern ver- 
geblich den Sodenberg einzunehmen. Die Verpfändung 
des Schlosses an das Juliusspital geschah gegen den 
Willen des Fuldaer Abtes 1660. Das Schloss zerfiel 
allmählig, es wurde aber weiter unten ein Oekonomie- 
hof angelegt, welcher noch in gutem Betriebe ist und 
den Herrn von Thüngen gehört, nachdem sie einen 
langwierigen Prozess erst in der neueren Zeit ge- 
wonnen hatten. 



XLIIL 
Reussenberg. 

Eine Stunde südwärts vom Sodenberge liegt der 
Reussenberg mit schöner Ruine; die Burg war- 1333 
von Herrn von Thüngen erbaut und ist von den Würz- 
burger Bischöfen öfters belagert, worden. Bei den dem 
Bauernkriege vorausgehenden Unruhen wurde 1522 
hier der fuldaische Propst zu Johannesberg, Mel- 
chior von Kuchenmeister ermordet, als er von 
einem Besuche der gleichfalls fuldaischen Propstei 



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168 

Holzkirchen in Unterfranken heimzureisen im Begriff 
stand *). 

XLIV. 

Saaleck. 

Das schöne Schloss Saaleck nächst Hammelhurg 
hatte für die Fuldaer Abtei einen doppelten Werth; 
einmal als Grenzfeste gegen das so oft feindliche Hoch- 
stift Würzburg und die unsicheren Ritter und oft un- 
getreuen Vasallen der dortigen Gegend; dann aber 
auch als ergiebige Wein-Domäne. Der an dem Süd- 
abhange des Schlossberges gewachsene Wein steht an- 
Güte den besten Rhein- und Franken weinen nicht nach 
und war nächst dem gleichfalls der Abtei gehörigen 
rheinischen Johannesberger die Zierde der Fuldaer 
Hoftafel. 

Hammelburg wurde bereits 777 von Karl dem 
Grossen dem Stifte Fulda geschenkt. Ein alter sagfen- 
umwobener viereckiger Thurm auf Saaleck soll aus 
diesen früheren Zeiten herrühren. Urkundlich wird die " 
Burg Saaleck im 14. Jahrhunderte erwähnt. Im Bauern- 
kriege wurde sie zerstört. Die jetzigen hübschen 
Schlossgebäude tragen die Wappen des Fürstabtes Jo- 
achim von Grafeneck (1644 — 1671) und des letzten 
Fürstbischofes Adalbert von Harstall. Saaleck kam 
1816 an die Krone Bayern und wurde 1866 an Herrn 
Banquier Vornberg er in Würzburg verkauft**). 

XLV. 
Trimberg ***). 

Zwei Stunden aufwärts im Saalthale von Saaleck 
entfernt liegt die alte Burg Trimberg. Von derselben 

*) Schneider, Joseph, Buchonia 4. Band, 2. Heft, S. 32. 
**) Schneider, Jiistus, Führer durch die Rhön (4. Aufl. Würz- 
burg bei Stahel), S. 164. 

***) Schneider, Justus, 1. c. S. 165. 



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169 

stehen noch die Hauptmauern und zwei Giebelwände, 
worin eine Restauration mit altdeutscher Einrichtung 
eingebaut ist. Edle von Trimberg werden 1 137 
genannt. Nach dem Aussterben der Familie 1239 kam 
die Burg an das Hochstift Würzburg als Amtssitz. Ein 
Zweig der von Hütten war hier erblich belehnt*). 
Wenn auch Trimberg nie zu Fulda gehörte, wurden 
doch die Amtsleute Hartrad und Friedrich von Hütten 
zu Trimberg 1384 und Friedrichs Sohn Conrad als 
erbliche Burgmannen zu Saaleck vom Fuldaer Abte 
Friedrich von Romrod (1383 — 1395) eingesetzt. 



Zuletzt haben wir nun noch der Burgen zu er- 
wähnen, welche in dem vormals fuldaischen, jetzt bay- 
rischen Amt Brückenau gelegen sind. Zwei Ruinen 
finden sich nur in dieser Gegend, welche wegen ihrer 
romantischen Lage den Besuch der Rhöntouristen veran- 
lassen, S ch i 1 d e c k und W e r b e r g, beide waren eigent- 
lich keine Ritterburgen, sondern Amtssitze, müssen 
aber zu jenen in so fern gerechnet werden, als sie 
vielfach den mächtigen Rittergeschlechtern der Gegend 
verpfändet und verkauft und von diesen mit mehr oder 
weniger Recht wieder an andere verkauft wurden. 
Beide Burgen liegen im südlichen Vorgebirge der Rhön, 
der Schildeck (550 m), auf einem schönen Kegel dicht 
an der Landstrasse von Brückenau nach Kissingen mit 
ziemlich ansehnlichen Mauer- und Thurmresten, der 
Werberg nahe bei dem Dorfe gleichen Namens, 1 Stunde 
von Kothen in einsamer waldiger Gegend, ein kleiner 
steiler Kegel mit mächtigem Basaltfelsen, der nur sehr 
spärliche Mauerreste der einstigen stolzen Burg trägt, 
von Gestalt dem Haselstein ungemein ähnlich. 



*) Schannat, Clientela, pag. 117. 



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170 

XLVI und XLVII. •; ' 

Schildeck und Werberg. 

lieber die Geschichte dieser zwei Burgen geben 
die fuldaischen Geschichtsschreiber Sckannat und Broiver 
äusserst geringe Auskunft; und doch liegt bezüglich 
derselben in dem fuldaischen Archive, welches sich nun- 
mehr in Marburg befindet, ein wahrer Schatz von Ur- 
kunden verborgen, welche uns darüber Auskunft geben 
können. Mit Hülfe eines umfänglichen Manuscriptes 
über die ehemals fuldaischen Aemter des früheren Ar- 
chivars Denner^ worin dieser Mann mit wahrem Bie- 
nenfleiss sämmtliche Archiv-Urkunden copirt,' kritisch 
gesichtet und übersichtlich besprochen hat, bin ich 
in den Stand gesetzt, einen richtigen historischen 
Ueberblick betreffs dieser Burgen und Aemter zu geben, 
wie derselbe noch nirgends in älteren nnd neueren Ar- 
beiten unserer Lokalgeschichte vorliegt. 

Von Schildeck berichtet Broiver \ dass es ein 
berühmtes Schloss und der Aufenthalt vieler Herren 
gewesen sei, auch den Titel eines Gerichtes und Amtes 
getragen habe. Es sei aber unter der Regierung des 
Fürstabtes Heinrich IV. von Erthal das Amt nach 
Brückenau gekommen (1249), welcher Ort den Namen 
von der hier über die Sinne geschlagenen Brücke be- 
kommen habe, früher sei er Sinnau genannt worden. 
Nach den von Deimer**) angezogenen Urkunden ist 
Schildeck ein Burgschloss und Amt gewesen, welches die 
Ortschaften Schondra, Singenrain, Gerod, Mitgenfeld 
und Riedenberg umfasste und in dem den Karolingischen 
Kaisern gehörigen Salzfarst gelegen war, von welchen 
Theile dieses Waldes dem Kloster Fulda geschenkt 



*) Broicer, über IV, pag. 307. 
♦*) Denmr, Fuld. Aemter 1. Bd. S. 72—181. 



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171 

wurden. Die Aebte haben stets diese Schenkung als 
ihr EigHnthum gegen fremde Ansprüche vertheidigt, bis 
1575 der halbe Antheil von den von Thüngen als freies 
Eigenthum beansprucht und durch den Domdechanten 
2U Würzburg, Neidhart von Thüngen .an Fürstbischof 
Julias verkauft wurde. Jedoch wurde auf Beschwerde 
Fuldas durch Kaiser Rudolph II. der Kau^f wieder rück- 
gängig gemacht (1579), weil der Vertrag vom Fürst- 
abt Balthasar von Dernbach erzwungen worden sei. 
Fulda musste indessen für den „Rückkauf", bewirkt 
von den Kaiserlichen Kommissarien Heinrich, Hoch- 
und Deutschmeister und Johann Achilles Jesting zu 
Kirchberg und Linde 15,000 Gulden zahlen (1579). 

Viele kleine und grosse Dynasten haben von 
Fulda durch Verpfändung Schloss und Amt Schildeck 
im Laufe der Zeit erworben, aber nie als Erblehen, 
sondern stets nur auf Wiederkauf oder Einlösung. Das 
Besitzthum war deshalb oft in Gefahr verloren zu 
gehen, da mehrere dieser Herren widerrechtlich darüber 
verfügten, wie der Herzog Schwanteburg zu Stettin, 
welcher den halben Theil als Erbeigenthum an Dietrich 
von Bibra um 3500 Gulden veräusserte. Urkundlich 
liegen solche Kaufbriefe aus der damaligen Verpfän- 
dungs-Epoche vor von dem Kurfürsten von Mainz, den 
Herzögen von Stettin*) und Sachsen, den Fürstbischöfen 
von Würzburg, Landgrafen von Hessen, Grafen von 
Henneberg, Herren von Haberkorn, von Bibra, von 
Merlan, von Riedesel, von Sauwenheim, von Döring- 
berg, von Görz, von Steinau genannt Steinrück, von 
Hütten und von Thüngen. Schliesslich kam Schildeck 
an die in Römershag von Fulda belehnten Herrn von 
der Tann. Im Jahre 1692 wurde aber dieses Tannische 



*) Ich vermuthe, dass „Stettin" ein Schreibfehler oder Irr- 
thum seitens Denner's ist und, dass es „Wettin'' heissen muss. 



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172 

Lehen zu Römershag sammt Schildeck, Gerod und 
Mitgenfeld für 105,000 Gulden wieder von dem Abte 
Placidus von Droste gekauft. Die Biirg Schildeck soll 
im dreissigjährigen Kriege zerstört worden sein. Ihre 
Trümmer dienten noch im Anfange des vorigen Jahr- 
hunderts dazu, um den bekannten wohlthätigen Fuldaer 
Kanzler Johannes Vogelius als Herren von Schildeck 
in den Adelstand zu erheben, von welchem die Schil- 
deck'sche Stiftung zum Nutzen verarmter Fuldaer 
Bürger herrührt. 

Das Schloss Werberg gehörte, wie Schildeck, 
ebenfalls zu dem Theile des Salzforstes, welcher be- 
reits 816 von Pipin und Karlmann dem Kloster Fulda 
geschenkt wurde. Der Name Werberg, auch Warberg, 
Werenberg, Wernberg in den Urkunden genannt, deutet 
darauf hin, dass diese Burg gebaut ist, um den Feind 
wahrzunehmen (gleich wie Warte, Wartthurm), oder 
sich dessen zu wehren. Da ein adeliges Geschlecht 
von Werberg nie bestanden hat; ist wohl anzunehmen, . 
dass die Burg in diesem Sinne von den Fuldaer Aebten 
erbaut worden ist. Eine geschichtliche Nachricht über 
deren Entstehung fehlt gänzlich, die älteste Urkunde 
ist von 1345, in welcher der E'ürstabt Heinrich VI. von 
Hohenberg dem Apel Küchenmeister ein Burggut zu 
Werberg, nämlich eine Hofstatt „in demselben Huße 
bei der Capellen und die halben Stallungen uswendig 
dem Huße oben dem Thorhuß etc.'^ für 100 Pfund 
Heller auf Wiederkauf übergiebt. 

Die zweite Urkunde von 1362 besagt, dass Fürst- 
abt Heinrich YH. von Cralucke das fuldaische Schloss 
und Veste Werberg, wie auch das Gericht Motten mit 
allen Wäldern, Wässern, Dörfern, Vorwerken etc. dem 
fuldaischen Marschalle Konrad von Hütten, Frowin 
seinem Bruder und ihren Erben für 6000 Pfund Heller 
versetzt und die Einlösung des Küchenmeister'schen 



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173 

Burglehens für 100 Pfund Heller gestattet habe. Die 
Grenze des Amtes Werberg gegen den Würzburgischen 
Theil des Salzforstes ist 1512 von Kunz Schad zu 
Kothen und Walther Martin a4s Schultheis« derer zu 
Weyhers bestimmt und versteint worden; sie ging von 
Riedenberg bis zum Sinnborn, scheint also von der 
vorderen Sinn gebildet worden zu sein. 

Nach der Verpfändung von 1362 ist Werberg eine 
echte Raubritterburg geworden und geblieben bis zu 
ihrer Zerstörung im Jahre 1403. Später verlautet vom 
Amte „Werberg" nichts mehr, da der Amtssitz nach 
Motten kam. Das Amt „Motten" war also mit dem 
früheren Amte „Werberg" identisch, gleich wie Amt 
Brückenau mit Amt Schildeck. In Werberg und Um- 
gebung verübten nun die von Hütten die bekannten 
Schandthaten als „Befehdungen". Frowin Vater und 
Sohn und Hartmann von Hütten gaben den pfandweise 
erhaltenen Besitz als Eigenthum aus, verkauften ^Is 
davon an Erzbischof Konrad von Mainz und gaben dem- 
selben auch die Oeffnung der Burg, welche Fulda aus- 
schliesslich vorbehalten war. Sie beraubten mit andern, 
dem Stift feindlichen Rittern die fuldaischen Unter- 
thanen in den Aemtern Salmünster und Neuhof durch 
Brandschatzungen, beraubten die Geistlichen, Kirchen 
und Friedhöfe, hoben die Glocken aus den Thürmen, 
raubten Pferde, Schweine und Kühe und plünderten 
die Reisenden. Sogar bis nach Fulda erstxeckte sich 
ihr freches Räuberhandwerk. Aus der Walkmühle da- 
selbst entwendeten sie das Wolltuch, welches die da- 
mals in Fulda blühende W^ollweberzunft gefertigt hatte. 
Aus dem Kloster Johannesberg bei Fulda raubten sie 
300 Stück Schafe und Pferde. 

Zwei Belagerungen des Schlosses sind geschicht- 
lich bekannt. Die erste 1351 seitens der Grafen von 
Henneberg ereignete sich vor der Verpfändung an die 



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174 

von Hütten, als Werberg noch fuldaischer Amtsitz war. 
Sie wurde durch eine Fehde veranlasst, die Fürstabt 
Heinrich VI. von Hohenburg mit dem Landgrafen von 
Hessen hatte. Der F^irstabt belagerte die hessische 
Stadt Alsfeld; Graf Heinrich von Henneberg war mit 
dem Landgrafen verbündet und suchte Alsfeld zu ent- 
setzen, wurde aber vom Fürstabt gefangen genommen. 
Um seinen Vater zu rächen, zog Graf Hermann von 
Henneberg gegen Werberg und bekam durch List diese 
Burg in seine Gewalt, wurde aber von dem Fürstabt 
wieder daraus vertrieben. Nochmals versuchte der 
Henneberger Graf die Belagerung mit verstärkter Mann- 
schaft, wurde aber durch den folgenden Fürstabt Hein- 
rich Vn. von Craluke abermals zurückgeschlagen. 

Die zweite Belagerung und Vernichtung der Burg 
Werberg aber geschah in Folge der Hutten'schen Gräuel 
und Räubereien durch ein kaiserliches Kriegsheer, ge- 
bildet von würzburgischen, fuldaischen und henne- 
bergischen Mannschaften unter Anführung des Haupt- 
manns Friedrich Schenk zu Limburg auf Befehl des 
Kaisers Ruprecht im Jahre 1403. Es hat dabei sehr 
blutig hergegangen und wird urkundlich erwähnt, dass 
nicht nur die belagerten Mannen der von Hütten sich 
tüchtig gewehrt, sondern dass auch die Belagerer durch 
andere Hutten'sche Mannschaften, die zum Entsätze 
herbeigezogen waren, von den Geschützen bedrängt 
wiirden. Es kamen also hier schon Feuerwaffen in 
Anwendung, obwohl grösstentheils noch damals mit 
Pfeil und Bogen geschossen wurde. Die Burg Werberg 
ist dabei gründlich zerstört worden, so dass sich gegen- 
wärtig nur ganz spärliche Reste davon finden. Aber 
bereits seit 200 Jahren graben und ackern die Be- 
wohner des Dorfes Werberg immer wieder Pfeile und 
Lanzenspitzen von Zeit zu Zeit aus den Aeckern, die 
die alte Burg umgeben. 



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175 

Im Jahre 1404 wurde wieder Frieden geschlossen 
und die Liquidation des Fürstabten zu Schweinfurt für 
die durch von Hütten erlittenen Beschädigungen auf 
16,000 Gulden berechnet. Doch ist nicht urkundlich 
festgestellt, ob der Fürstabt das Geld erhalten hat. Die 
Ansprüche derer von Hiitten waren indessen mit der 
Zerstörung von Werberg nicht erledigt. Durch Wieder- 
verpfändung und Vererbung oder Heirath machten fol- 
gende Familien noch Ansprüche auf das Amt Werberg 
oder Motten: von Küchenmeister, von Hüne, von Lich- 
tenstein, von Stein zu Altenstein, von Seckendorf, von 
Mörle, von Schenk zu Schweinsberg und von Weyhers. 
Das Stift Fulda kündigte zweimal (1540 und 1548) die 
Pfandschaft auf. Es entstand ein Prozess am Kammer- 
gericht, welcher bis 1594 währte. Von da ab kam das 
Amt Motten nach Befriedigung aller Ansprüche der 
Pfandinhaber wieder unmittelbar zu dem Stift Fulda 
und verblieb dabei bis 1816, wo es sammt Brückenau 
und Hammelburg an Bayern überging. 



■^^. 



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176 



III. 

Johann von Pappenheim und seine 

Fehden gegen den Bischof Johann lY. 

von Hildesheim. 

Von 
Gustav von Pappenheim. 

Ungedruckte Quellen. 

Akten des Marburger Staatsarchiv 's : Politische Abthei- 
lung Hildesheim und Paderborn. 

Akten des Stainmer Archiv's : Ehepakten und Verträge. 
Copialbuch der Gebrüder von Pappenheim a. 1570. 

Gedruckte Quellen. 

Die Stiftsfehde von Hennann Adolf Lünixel. Hildes- 
heim 1846. 

Die Hildesheim'sche Fehde von Dr. A. Delius zu Wer- 
nigerode. 

Tleinemmm^ Geschichte von Braunschweig und Han- 
nover 2. Band. Hildesh. Stiftsfehde S. 275. 



^Johann von Pappenheim war der zweite Sohn des 
^^^aus dem hessisch - paderborn'schen Kriege (1464 
—1471) schon bekannten Burchard von Pappenheim. 
Zur Gemahlin hatte letzterer in zweiter Ehe Elisabeth 
von Boineburg-Hohnstein. Die Geschwister Johann's 



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177 

hiessen: Friedrich, Reinhard, Georg, Burchardt, der 
junge und Olicke. Im Jahre 1508 war Johann Senior 
der Familie und nebst seinem Bruder Georg Amt- 
mann zu Gie sei Werder. Seine Gemahlin Kunne von 
Uffeln, welche ihm einen Sohn und eine Tochter ge- 
boren hatte, hinterliess er im Januar des Jahres 1518 
als Witwe. Der Sohn Johanns hiess Ludolf und seine 
Tochter Margaretha. Letztere heirathete im Jahre 1536 
den Ritter und Doctor der Rechte, Georg von Boine- 
burg-Lengsfeld , den Sohn des bekannten hessischen 
Landes-Hofmeisters Ludwig von Boineburg. 

Nachdem über die Gründe, welche Burchhardt — 
den Vater Johanns — veranlassten, im hessisch-pader- 
born'schen Krieg die Partei des Landgrafen zu Hessen 
zu ergreifen, trotzdem ihm die Hälfte der Stadt Liebe- 
nau für 5000 Goldgulden vom Bischof Simon von 
Paderborn verpfändet worden war, noch nichts ge- 
naueres bekannt ist*), so sei es gestattet, hierüber 
folgendes aus den Paderborner Akten d. Marb. St. A. 
mitzutheilen : 1) hatte der Bischof von Paderborn, nach 
dem Tode Rabes vom Calenberg (im J. 1464), den 
Burchard von Pappenheim mit dem Calenberge bei 
Marburg nicht beliehen, obgleich Burchard der leibliche 
Vetter Rabe's v. C. war und jnit demselben in einem 
Ganerbschaftsvertrag gestanden hatte; 

2) war der Bischof vor Liebenau gezogen, hatte 
den Burgfrieden gebrochen und versucht den Burchard 
von Pappenheim gefangen zu nehmen. Letzterer wurde 
jedoch bei diesem unerwarteten Ueberfall von ersterem 
nicht zum Gefangenen gemacht, sondern es gelang dem 
Bischof nur einen Knecht Burchards, namens Muth- 
sell, in seine Gewalt zu bekommen. Ausserdem hatte 

♦) Vergl. Zeitschrift für hessische Geschichte und Landes- 
kunde. Neue Folge Bd. 2 Heft IS 20 u. 19, von Sitöhd. 

N. F. Bd. XVI. 12 

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178 

der Bischof ohne dazu berechtigt zu sein, den im Ge- 
fängniss zu Liebenau befindlichen Feind Burchards, 
nämlich den Speckbortel von Godlingen, aus seinem 
Gefängniss freigelassen. Burchard war hierdurch so- 
wohl, wie auch durch die Entziehung seiner Padei- 
bornschen Erblehen, welche ihm der Bischof nun vor- 
enthielt, gezwungen worden: der Feind des Bischofs 
und des Stifts Paderborn zu werden. 

„Musste eck von Noitwegen ut deme Lande riten 
und einen gneidigen Herren soken, dass eck mehr den 
umb viff dusend Gulden tho Schaden gekommen bin 
u. s. f. !'' beklagte sich Burchard in seinem Fehdebrief 
an den Bischof von Paderborn; verlangte seine Erb- 
lehen im Stift Paderborn zurück, sowie die 5000 Gold- 
gulden, für welche ihm die Hälfte von Liebenau ver- 
pfändet worden war *). Unter dem gnädigen Herrn, 
dem sich Burchard nun in dem hessisch-paderbornischen 
Krieg anschloss, ist offenbar Landgraf Ludwig 11. 
zu Hessen gemeint. Dieser Fehdebrief, dessen Datum 
nicht ersichtlich, ist offenbar erst nach dem im Jahre 
1471 zwischen Hessen und Paderborn abgeschlossenen 
Frieden auf 33 Jahre von Burchard von Pappenheim 
verfasst worden. Denn der Bischof Simon von Paderborn 
konnte sich nicht entschliessen , dem Burchard von 
Pappenheim die ihm entzogenen Lehen im Hochbtift 
Paderborn wieder herauszugeben, wie es die Bestim- 
mungen des Friedensschlusses erheischten. Auch die 
Spiegels vom Desenberge, welche zum Anhang des 
Bischofs gehörten, waren, da sie die ihnen vor dem 
Friedensschluss gehörige Hälfte der Stadt Liebenau 
vorloren hatten, die erbittersten Feinde des vom Land- 
grafen von Hessen zum Amtmann in Liebenau einge- 



*) Paderborn. Akt. dos Marburger Staatsarchivs. 



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179 

setzten Burcliard von Pappenheim geworden*). Wie 
nicht anders zu erwarten, führten diese Misshelligkeiten 
nach der Fehdeerklärung Burchards sehr bald zu Thät- 
lichkeiten. Es waren zunächst die Söhne des Amt- 
mannes Hermann von Spiegel zum Schöneberg und 
seiner Gemahlin Jutta**): Henrich und Schoneberg, 
welche den Burchard von P. und seinen Bruder Fried- 
rich befeindeten. In Folge dessen wurde zunächst am 
20. October 1473 Henrich von Spiegel von Burchard 
und Friedrich v. P. im freien Felde bei Liebenau ge- 
fangen genommen. 

Seine Freilassung erlangte er erst, nachdem er 
ürphede geschworen und gegen genügende Bürgschaft 
gelobt hatte bis zum 20. October 800 gute rheinische 
Goldgulden zu bezahlen***). Die ganze Fehde wurde 
am 16. März 1474 auf Ansuchen des Bischofs zwar 
durch die Vermittlung des Landgrafen beigelegt, doch 
war dieselbe hiermit noch lange nicht beendet f ). Denn 
im October des Jahres 1477 überzog Burchard von 
Pappenheim, verbündet mit Werner von Hanstein und 
Hans von Stockhausen, das Hochstift Paderborn wieder 
mit Krieg ff). Ferner wurde Schoneberg von Spiegel 
am 26. Juli 1478 von Burchard v. P. und seinen 
Freunden — dem Johann, Hermann und Caspar von 
Meisebug - gefangen genommen und zu Zusehen ins 
Gefängniss gesetzt. Nach Erlegung einer beträchtlichen 
Summe Geldes und Angelobung der Urphede kam 



*) Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde 
Neue Folge 2. Bd. von Stölxel S. 21 u. 22. 
**) Wormeler Urk. ann. 1454 u. 1458. 

***) Copialbuch der Gebrüder von Pappenheim, Rezess und 
Verträge. 

t) Stammor Copialbuch Bl. 270. Falekmheiner S. 272. 
ft) Landern, Ue^ificMe Ritterburgen 1. Band S. 69. 

12* 



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Schoneberg von Spiegel dann wieder frei*). Wieder 
wurde am 5. August 1478 durch den Landgrafen zu 
Hessen Friede zwischen den fehdenden Partheien ge- 
stiftet. Doch lange noch nach dera Tode Burchards 
von Pappenheim (f 1493) dauerten die Misshelligkeiten 
und Güterstreitigkeiten zwischen den Nachkommen der 
Familien Pappenheim und Spiegel und führten auch 
vielfach noch zu Thätlichkeiten. In diesen Verhält- 
nissen, unter Kämpfen und mancherlei Gefahren waren 
Johann von Pappenheim und seine Brüder zu tüchtigen 
ritterlichen Männern herangewachsen. 

Bevor nun zu einer eingehenden Darstellung der 
Fehde des Johann von Pappenheim mit dem Bischof 
Johann dem IV. von Hildesheim geschritten werden 
kann, ist es durchaus nöthig im allgemeinen über die 
damaligen Hildesheimer Verhältnisse orientirt zu sein. 

Das Bisthum Hildesheim dehnte sich damals im 
Osten bis zur Ocker und im Westen noch über die 
Leine aus. Ausserdem gehörte noch zum Bisthum das 
Gebiet von Dassel am Solling. An allen seinen Marken 
war das Bisthum von Braunschweigisch-Wolfenbüttel- 
schen Ländergebieten begrenzt. Auch das Gebiet um 
Dassel am Solling war von denselben gänzlich um- 
schlossen. Das Land zwischen Deister und Leine bildet 
die nördliche Hälfte der Herzoglich-Braunschweigischen 
Länder^ welche zum Fürstenthum Kaienberg gehörten. 
An der oberen Leine, von Nordheim über Göttingen 
südwestlich bis über Münden, dehnte sich die südliche 
Hälfte des Kalenbergischen Länderantheils aus**). 

Der Länderantheil Braunschweig - Wolfenbüttels 
zerfiel in die nördliche von ostwärts der Aller bis west- 



*) Copialbuch der Gebrüder von Pappeuheim, Rezess und 
Verträge in Akt. des Stammer Archiv's. 

**) Nach gedruckten Quellen über die Hildesheimer Fehde 
und Mittheilungen des Herrn Archiv-Assistenten Deliiis u. a. 



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lieh der Ocker reichende und die südliche etwa von 
Goslar bis über die Weser sich ausdehnende Hälfte. 
Johann IV. Herzog zu Sachsen-Lauenburg war seit dem 
Jahre 1503 Bischof zu Hildesheim. Sein Bruder Erich 
war sein Vorgänger gewesen, welcher im Jahre 1502 
nach dem Tode des Bischofs Barthold zum Bischof 
daselbst erwählt worden war. Das Stift Hildesheim 
war schon zu Anfang des 15. Jahrhunderts derart ver- 
schuldet gewesen, dass der Bischof desselben oft nicht 
eine unverpfändete Burg besass, wo er seinen Wohnsitz 
nehmen konnte. Diese Verhältnisse veranlassten wahr- 
scheinlich den Herzog Erich zu Sachsen - Lauenburg 
sehr bald nach seinem Einzug in die Stadt Hildesheim 
auf seinen Bischofsstuhl zu verzichten*). Derselbe wurde 
dann im Jahre 1508 zum Fürstbischof von Osnabrück 
und Paderborn erwählt. 

Sein Bruder Bischof Johann IV. versuchte, nach- 
dem er vom Papst noch im Jahre 1503 zum Bischof 
von Hildesheim bestätigt worden war, die finanziellen 
VerhäJtnisse des Stifts wieder zu ordnen, wobei er aber 
bei der Eitterschaft des Stifts auf grossen Widerstand 
stiess, theils weil dieselbe befürchtete, die Macht des 
Bischofs würde hierdurch zu gross werden, theils weil 
sie die ihnen verpfändeten Burgen schon längst als ihr 
unablösbares Erbe betrachtet hatten. 

Mit den Herzögen von Braunschweig-Kalenberg 
und Wolfenbüttel befand sich der Bischof nicht in 
gutem Einvernehmen, weil dieselben die Burgen und 
deren Zubehörungen, welche Herzog Bernhard von 
Lüneburg und seine Söhne Otto und Friedrich von der 
Grafschaft Eberstein und Herrschaft Homburg im Jahre 
1433 dem Bischof Magnus von Hildesheim für eine Summe 

*) Lüntxel, Delkis; Heinemami} Braunschweig, öesch. 2. 
Band u. s. f. 



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182 

Geldes verschrieben hatten, auslösen wollten. Hiermit 
war natürlich der Bischof von Hildesheim nicht wohl 
zufrieden. Die andere an diesen Besitzungen noch An- 
theil habende Linie Braunschweig-Lüneburg, welche das 
Land inne hatte, das im Süden an Wolfenbüttel, Hildes- 
heim und Kaienberg angrenzte und sich nördlich bis 
Harburg erstreckte, hatte kein Interesse daran, die an 
Hildesheim verpfändeten Schlösser einzulösen, weil ein 
Sohn Herzog Heinrich des Mittleren zum Nachfolger 
des Bischofs Johann IV. bestimmt worden war. Schon 
frühzeitig entstanden Reibereien zwischen den unzu- 
friedenen Stiftsrittern und dem Bischof von Hildesheim, 
welche von den Herzogen Erich und Heinrich von Braun- 
schweig-Kalenberg und Wolfenbüttel auf das bereitwil- 
ligste unterstützt wurden und die Vorboten und Anfänge 
der grossen Hildesheim'schen Fehde bildeten. In Lü/n- 
hel's*) Beschreibung der Stiftsfehde wird auch ein auf den 
Bischof abgesehener üeberfall erwähnt, dem der Bischof 
aber nicht zum Opfer fiel, sondern nur einige Herren 
seines Gefolges. Nachdem letztere auch eine Rolle in 
der Pappenheim'schen Fehde spielen und der Hergang 
beim Üeberfall in den Akten des Marb. St. A. ent- 
halten ist, so dürfte es nicht ganz unzweckmässig sein, 
über den Bericht der Akten hierunter Mittheilungen 
zu machen. 

Den Hergang bei diesem Üeberfall schilderten 
die Hofherrn des Bischofs in einem Schriftstück vom 
3. Juli 1514 folgendermassen : ^In dem Jahre vifFten 
hundert und elwen (1511) am Abend der heiligen dreier 
Könige dem hochwürdigen, durchlauchtigen hochge- 
bornen Fürsten und Herrn. Herrn Johann Biscopp 
tlio Hildenßen, Hertoge zu Saßen, Engern und West- 
ualen, unsre genädigen Herren; also E. f. Gn. Houed- 

*) Ebenda S. 10, 



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183 

herrn in dat Kloster Marienrode by Hildenßen belegen, 
daifülwest E. f. G. der högesten Ehre syner Krönunge 
des Dages hofft willig entfangen, gefolget hebten; also 
wy up de Negede by dat Kloster gekommen durch itt- 
liche Ritter, dann bowen dem Kloster eyn Holt gesti- 
chet (Holz versteckt), eweryleth (überfallen), ürder ge- 
worpe.n und gefenkHche angenommen syn worden. Unß 
iß overst des dageß nicht gesecht, in weß Hende wy 
gefangen syn und heffte wy fordert (und würden wir 
gefordert) unß stellen sollten, sundern uns zugesagt, 
vvey wy an den Hupe kommen, solle unß sodanß tho 
wetende werden. So awerst der Hupe de Flucht ge- 
nommen und wy davon nicht hebben kommen mögen, 
sind deßhalben zu Zwillinge (im Zweifel) gestanden, so 
lange dat erbar May Lodewich von Veiten an de Ride- 
schap des Stiffts von Hildenßen geschreven und sich 
beklagt hefft, dat ome des angetzegeden Dages durch 
hochgeb. unsern gn. Herren von Hildenßen marglich, 
Bedrankniße myt der Najacht geschehen, dardurch he 
von Pferde und Knechte gedrungen. Heffte sich in der 
Schrift vor einen Homutmann des Eadeß zu Marienrode 
opentlicke angegeuen und uns och ungefährliche in dry 
Wochen na sodan Gefenkniss mit eyne open Brewe, 
daran syn wontlich Ingesegelle gedruckt und geeschet 
als eyn Howether des Eadeß, wy E. f. g. und gy uts 
hierinn liegenden Kopien u. s. w." 

Dieser Brief war von den Hofherren des Bischof 
dem Kord und Herbord von Mandeslohe und Asche von 
Steinberge an den Bischof und die Stiftsritterschaft ge- 
richtet, um sich gegen ungerechte Beschuldigungen der 
Stiftsfeinde: Jobst von Gleidingen und Ludwig von 
Veitheim zu rechtfertigen. Die ganze Sache verhielt 
sich nun folgendermassen : Die Grossvögte und Hofherren 
des Bischofs Kord und Herbord von Mandeslohe und 
Asche von Steinberge waren von den Stiftsfeinden Jobst 



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von Gleidingen und dem Hofherren von Marienrode 
Ludwig von Veitheim bei dem Ueberfalle gefangen ge- 
nommen v^orden und gegen das Gelübde : sich auf das 
Begehren der Sieger zu jeder Zeit wieder als Gefangene 
in die Hände derselben zu stellen, freigelassen worden. 
Nach 3 Wochen war ihnen dann ein offener Brief von 
Ludwig von Veitheim zugesendet worden, worin ihnen 
derselbe befahl: dass sie samt zweien Knechten mit 
Harnisch und Pferden drei Tag nach Empfang dieses 
Briefes in der Taverne zu Harpeke sich einzustellen 
hätten und daselbst so lange ein Gefängniss leisten 
sollten, bis er ihnen weiteres befehlen würde. Selbst 
wenn der Krug (Wirthshaus) abbrennte, sollten sie so 
lange auf der kalten Stätte halten, bis er ihnen wei- 
tere Befehle ertheilen würde. Acht Tage nach Empfang 
dieses Briefes und nachdem sie dem Bischof von Hildes- 
heim sowohl wie dem Herzog Heinrich dem Aelteren von 
Braunschweig-Lüneburg ihre Landes- und Heereskraft 
aufgekündigt hatten, traten die Hofherren des Bischofs 
ihr Gefängniss zu Harpeke an und blieben daselbst 11 
Wochen. Erzbischof Ernst, Prinz von Sachsen, welcher 
damals bei ausbrechenden Streitigkeiten zwischen be- 
nachbarten Fürstenthümern zumeist als Schiedsrichter 
erwählt wurde, war auch in dieser Sache von dem Stift 
Hildesheim und seinen Feinden zu Rathe gezogen worden. 
Die gefangenen Hofherren des Bischofs wurden in seine 
Hände gestellt, nachdem dieselben ihr Gefängniss zu 
Harpeke abgeleistet hatten. Von demselben hatten die 
Gefangenen dann Befehl erhalten, sich nach Wolmir- 
städt zu verfügen, wo ihnen abermals ein Gefängniss 
von 21 Wochen auferlegt wurde. Nachdem diese Zeit 
abgelaufen war, wurden sie einstweilen freigelassen. 
Ihre Sache war unterdessen zur Verhandlung gekommen. 
Der Erzbischof Ernst von Magdeburg, der Bischof von 
Hildesheim und Ludwig von Veiten hatten in Marienrode 



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185 

eine Zusammenkunft gehabt, wo der Sachverhalt bei dem 
Ueberfall festgestellt wurde. Die Stiftsfeinde Asche von 
Kramme und Jost Gleidingen hatten nämlich behauptet, 
dass sie die Hofherren bei dem Ueberfall allein gefangen 
genommen hätten, und dieselben deshalb nur ihren Be- 
fehlen sich fügen müssten. Ludwig von Veiten gab 
hiergegen indessen freimüthig an: die Hofherren des 
Bischofs wären ihm durch seine Knechte in die Hände 
geliefert worden, und die Fanggulden seien im Beisein 
der beiden Jungherren Jost von Gleidingen und Asche 
'von Kramme von ihm den Gefangenen abgenommen 
worden. Auch Kord von Mandeslohe, des seligen 
Bartolds Sohn, hatte brieflich angegeben : nicht Jobst 
von Gleidingen oder Asche von Kramme hätten sie ge- 
fangen genommen, sondern ein Knecht Vernt genannt. 
Derselbe Knecht habe ihm dann auch zu Harpeke eine 
goldene Kette abgenommen und im Beisein vieler Junk- 
herren, Frauen, Jungfrauen und Knechten zu Aschers- 
leben zu Ludwigs von Veltens Handschuld gemacht. 
Letzterer erbot sich dann, die Gefangenen gegenüber 
den Forderungen des Jost Gleidingen und Asche von 
Kramme zu verantworten, wenn dieselben sich ihm 
wieder zu Wolmirstädt stellen würden. Asche Kramme 
und Jost Gleidingen hatten hingegen verlangt, die Ge- 
fangenen sollten sich ihnen zu Züptzen in Polen stellen. 
Letztere begaben sich jedoch nach Wolmirstädt und 
leisteten dort abermals ein hartes Gefängniss. Darauf 
wurden sie in den Hof Dormessen auf der S. Moritz- 
burg zu Halle befohlen, wo dann der Erzbischof Ernst 
von Magdeburg einen Rechtsspruch in dieser Streit- 
sache zwischen dem Bischof von Hildesheim und dem 
Ludwig von Velton dahin that, dass die Gefangenen 
Urphede zu leisten hätten und dann freigesprochen 
werden sollten. Dieser Rechtsspruch wurde angenommen 
lind die Gefangenen, nachdem sie Urphede geschworen 



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186 

hatten, ihres Gefängnisses entlassen. Nach dem Tode 
des B>zbischofs Ernst von Magdeburg (flölS) wurden 
die Hofherren des Bischofs auf eine unberechtigte Mah- 
nung sich zum Gefängniss zu stellen genöthigt, sich 
vor der versammelten Ritterschaft des Stifts Hildesheim 
nochmals zu verantworten, was, wie oben angeführt, 
im Jahr 1514 geschah, worauf die unbegründeten Klagen 
der Stiftsfeinde abgewiesen wurden und weitere Anklagen 
unterblieben. Im höheren Grad zu ernstlicheren An- 
lässen — zur grossen Hildesheimer Fehde -- wurden 
die Streitigkeiten, welche im Jahre 1514, 1515 und' 
1516 zwischen dem Bischof von Hildesheim und seinen 
Stiftsrittern, den Herren von Saldern, wegen der Ein- 
lösung ihrer Burgen ausgebrochen waren, worauf hier 
nicht weiter eingegangen werden kann. 

Zu dieser Zeit hatte auch die Fehde des Johann 
von Tappenheim mit dem Bischof von Hildesheim ihren 
x^nfang genommen. Am 11. November 1515 berichtete 
der Bischof Erich von Osnabrück und Paderborn an 
dem Statthalter zu Kassel, Krafft von Bodenhausen: 
Johann von Pappenheim sei mit seinem Anhang in 
das Amt Aertzen bei Hameln eingefallen und habe 
den Bischöiiich-Hildesheimischen ünterthanen daselbst 
grossen Schaden zugefügt. Dieser Angriff auf das Stift 
Hildesheim wäre auch von etlichen seiner ünterthanen 
ohne sein Wissen und Willen unterstützt worden, wes- 
halb er befürchte, obgleich er sonst mit seinem Bruder 
gut stände, der Bischof könne ihm entgelten lassen, 
und er bitte ihm mitzuth eilen, was er zu erwarten 
haben würde, wenn er die Verwalter und Räthe des 
Fürstenthums Hessen um Hülfe ersuchen würde. 

Der Bischof von Hildesheim befand sich indessen 
schon zur Zeit in Verhandlungen mit der damaligen 
Regentin von Hessen — der Landgräfin xAnna, um dem 
gewaltsamen Vorgehen des Johann von Pappenheim 



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187 

gegen das Stift Hildesheim ein Ende zu uiacliea. Indem 
er sich bitter über Johann von Pappenheim beschwerte, 
weicher ihm einen schimpflichen Backenschlag versetzt 
habe — wie er angab — verlangte er: Entschädigung 
und Einstellung der Fehde. Die Landgräfin versicherte 
dem Bischof in einem Schreiben vom 23. Dezember 1515: 
dass ihr die Fehde nicht lieb sei, und sie sich alle 
Mühe geben wolle, den Johann von Pappen heim zur 
Einstellung der Fehde zu bewegen, um alle Streitigkeiten 
auf friedlichem Wege zu schlichten. Johann von Pappen- 
heim äusserte sich dann auch folgen dermassen auf ein 
an ihn von der Landgräfin gerichtetes Schreiben : nach- 
dem er mit dem Grossvogt des Bischofs, dem Herbord 
von Mandeslohe, Streitigkeiten gehabt habe, so sei an- 
fangs sein ganzes Bemühen darauf hin gerichtet gewesen, 
dieselben auf friedliche Weise zu schlichten. Mit einer 
Vorschrift (d. h. Begleitschreiben) der Landgräfin habe 
er dem Bischof dann schriftlich seine Beschwerden über 
Mandeslohe zugesendet, aber weder vom Bischof noch 
dem Mandeslohe eine Antwort darauf bekommen. In 
Folge dessen hätte sich dann die Fehde zwischen ihm, 
dem Bischof und Herbord von Mandeslohe entwickelt. 
Jedoch nur die äusserste Noth habe ihn dazu bewogen 
oder gebracht, dem Bischof und seinen Unterthanen 
die Warnung und Erklärung zu übersenden : dass er 
von nun an mit seinen Helfern und Helfershelfern des 
Bischofs und seines Landes Feind sein wolle. Damit 
die Landgräfin nur nicht glaube — wie vom Bischof 
behauptet würde, — dass er die Fehde aus Muthwillen 
begonnen habe, erkläre er sich zu einem Waffenstill- 
stand in der Fehde und zu einer Tagsatzung bereit 
und schlug einen Bestand der Fehde bis zum 31. Mai 
vor. Dieser Termin erschien der Landgräfin zu kurz, 
und dieselbe ersuchte ihn, den Stillstand der Fehde 
noch zu verlängern. Eine Tagsatzung mit dem Bischof 



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188 

wurde dann am 17. Juli zu Höxter verabredet und der 
Stillstand der Fehde bis zum 25. Juli hinausgeschobeiL 
Kurz vor der angesetzten Tagsatzung hatte nun der 
Bischof durch seinen Diener, den damaligen Amtmann 
auf der Tonenburg bei Höxter Starius von Münchhaasen 
der Landgräfin schriftlich mittheilen lassen, dass er zu 
der angesetzten Tagessatzung nicht kommen könne, 
ihr später aber eine Tagsatzung am 5. August vor- 
schlagen lassen, mit dem Ersuchen, dieselbe persönlich 
zu besuchen und mit ihm daselbst zusammenzutreffen. 
Dies letzte Schreiben ist vom 29. Juli datirt und vom 
Bischof wurde eine persönliche Zusammenkunft mit 
der Landgräfin hauptsächlich desshalb begehrt, weil 
er wünschte, einen früher schon zwischen Hessen und 
Hildesheim aufgerichteten Vertrag zu erneuern und zu 
befestigen. — Der Statthalter Krafft von Bodenhausen, 
welchem dies Schreiben von einem Boten des Starius 
von Münchhausen zugestellt worden war, konnte das- 
selbe der Landgräfin nicht gleich zustellen, da dieselbe 
abwesend war. Erst am 3. August Morgens war dies 
Schreiben zur Beantwortung dem Johann von Pappen- 
heim zugesendet worden. Unter anderem schrieb der 
letztere wörtlich folgendes : Dieweile solche Zusammen- 
kunft meiner gnädigen Frau und des Bischofs mir wie 
meinen Gesellen zu langweilig werden möchte und in 
vorliegender Gestalt nur zu Unkosten und Schaden 
gereichen würde, so habt ihr wohl abzunehmen, was 
ich ihrer Gnaden für eine Antwort darauf nur geben 

kann 

Der Hess. Rath Itel Löwenstein zu Löwen&tein.theilte 
dem Johann von Pappenheim darauf am 4. August 
mit: Sobald er zur Regentin und seinen Freunden käme, 
würde er auf Mittel und Wege denken, die ihm gelegen 
wären, um auf seiner Fehde zu beharren — doch bis 
dahin — möge er in Ruhe stehen. — Die Tagsatzung 



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189 

fand nun wahrscheinlich desshalb nicht statt, weil 
Johann von Pappenheim nicht zugeschrieben hatte, der 
angesetzte Termin zu kurz war und die Landgräfin, durch 
Regierungsgeschäfte verhindert wurde, denselben zu be- 
suchen. Die Antwort des Johann von Pappenheim war 
dem St. von Münchhausen auch zugesandt woiiden. 

Nach den Angaben des Starius von Münchhausen, 
war der Bischof durch das Nichtzustandekommen der 
Tagsatzung und Nichterscheinen der Landgräfin so 
ärgerlich geworden, dass ein paar Wochen vergingen, 
ehe er geneigt war, die Verhandlungen wieder aufzu- 
nehmen. Bis zum Ende des Jahres 1516 wurden noch 
mehrere Schreiben zwischen der Hildesheimschen und 
Hessischen Regierung gewechselt, welche jedoch zu 
keinen Verhandlungen führten, weil der Bischof die an- 
gesetzten Tagessatzungen jedesmal kurz vor ihrem Be- 
ginn abschrieb. Vielfach hatte Johann von Pappen- 
heim der Landgräfin schon abgerathen, sich mit dem 
Bischof in weitere Verhandlungen einzulassen, da der- 
selbe eine Beendigung der Fehde auf dem Wege des 
Rechts gar nicht beabsichtige, sondern nur danach 
strebe, ihm dieselbe bis in den Winter hinein unmöglich 
zu machen. Doch die Landgräfin hatte trotzdem die 
Versuche einen Frieden herbeizuführen nicht aufgegeben, 
und Johann von Pappenheim war dadurch gezwungen, 
den Stillstand der Fehde bis zum Jahr 1517 einzuhalten. 

Im Anfang des Jahres 1517 gelang es dann auch 
dem bischöflichen Diener Starius von Münchhausen den 
alten Vertrag, welcher ehemals zwischen dem Bischof 
Bartholt von Hildesheim und dem Landgrafen Wilhelm 
von Hessen im Jahr 1491 den 24. September auf 
20 Jahre abgeschlossen worden war, wieder mit den 
Hessischen Käthen zu Einbeck aufzurichten und zu 
erneuern. Dieser Vertrag erschien dem Johann von 
Pappenheim für "die Fortführung seiner Fehde sehr 



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190 

nachtlieilig, wahrscheinlich weil sie auf öruiid desselben, 
ganz nach Belieben der Bevollmächtigten beider Länder 
beigelegt werden konnte, ohne dabei auf seine eventuell 
berechtigten Forderungen Rücksicht zu nehmen. An 
demselben Tage — wahrscheinHch am 1. April — , an 
welchem der Amtmann Starius von Münchhausen und 
die hessischen Räthe in Einbeck sich zur Abschliessung 
des Vertrages versammelt hatten, ergriff Johann von 
Pappenheim wieder die Offensive in der Fehde, indem 
er im Gericht Aertzen bei Hameln die Stiftsunterthanen 
angriff. Ein Dorf, Leder genannt, wurde hierbei ver- 
brannt. Erfolgreich drang er dann noch weit über die 
Weser, Leine und Innerste im Stift Hildesheim vor. 

Ueber die Art und Weise seines Vorgehens und 
die Ausführung dieser kriegerischen Unternehmungen ist 
wenig bekannt, da die Correspondenzen darüber nur 
einige Thatsachen berichten. Das Haus und Gericht 
Aertzen war damals von dem Bischof von Hildesheim 
an den Starius von Münchhausen und den Heinrich 
von Hardenberg verpfändet worden. Letzterer war 
Unterthan des Bischofs von Paderborn und hatte früher 
zu den Feinden des Stifts Hildesheim gehört*). Auf das 
Ansuchen und die Bitte des Bischofs von Paderborn 
Hess Johann von Pappenheim die Güter und Unterthanen 
des Heinrich von Hardenberg im Gericht Aertzen un- 
behelligt. Es sei noch erwähnt, dass Heinrich von 
Hardenberg im Jahr 1518 mit den Münchhausens in 
einen ernstlichen Streit wegen der Einnahmen des 
Pfandhauses Aertzen gerieth und dadurch veranlasst 
wurde, sich in die Dienste des Bischofs Franz von 
Minden zu begeben. Letzterer zog dann mit aller 
Macht am 8. September 1518 vor das Haus Aertzen, 
um dasselbe oinzunehmen, was ihm aber nicht gelang. 

*) Heinemann, Gösch.' von Braunschweig 2. Bd. Ö. 21 3. 

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Der Bischof Johann IV. hatte zu dieser Zeit das ganze 
Haus Aertzen für 900 Gulden an den Starius und 
Jobst von Münchhausen verpfändet. Correspondenzen 
vom 7., 17. und 28. April sowie vom 1. Mai, welche 
vom Bischof von Hildesheim und zumeist vom Starius 
von Münchhausen an die Landgräfin Anna und die 
hessische Regierung abgesendet wurden, berichten in 
klagender Weise über die Angriffe des Johann von 
Pappenheim und die Beschädigungen, welche derselbe 
ihnen und den Stiftsunterthanen zugefügt habe. 

Starius von Münchhausen hebt in den Klagen 
gegen Johann von Pappenheim haujjtsächlich hervor, 
dass letzterer ihn so schmählich misshandelt und ge- 
schädigt habe, weil er den alten Bündnissvertrag 
zwischen Hessen und Hildesheim zum Wohle beider 
Länder wieder aufgerichtet und erneut — zu Abschluss 
gebracht habe. Ferner: Johann von Pappenheim be- 
fürchte hauptsächlich durch den Vertrag in seiner Fehde 
beeinträchtigt und benachtheiligt zu werden, besonders, 
wenn er gezwungen sei, sich auf friedlichem Wege mit 
dem Bischof zu vergleichen. Im weiteren beanspruchte 
Starius den Schutz Hessens gegen das gewaltsame Vor- 
gehen seines Gegners, weil er als Amtmann von der 
Tonenburg mit Hessen verwandt oder hessischer ünter- 
than wäre. — (Das Stift Corvey, zu welchem die ehe- 
malige Tonenburg gehörte, stand damals unter hessischem 
Schutz.) — Auch über den Bischof von Paderborn er- 
ging sich Starius in Klagen, weil derselbe den Heinrich 
von Hardenberg unter seinen Schutz gestellt habe, 
während er ihn dem gewaltthätigen Vorgehen des Johann 
von Pappenheim gänzlich preisgegeben habe. — 

Der Bischof von Hildesheim berichtete ebenfalls 
in seinem Brief an die Landgräfin Anna nichts anderes 
als Beschuldigungen gegen seinen Feind, den Johann 
von Pappenheim, und theilte ihr unter vielem anderen 



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192 

mit : dass Johann von Pappenheim in dem Hylensischen 
Walde drei Männer — seine Unterthanen — gefangen 
genommen habe, welclie sich noch im Gefängniss zu 
Liebenau befänden. Johann von Pappenheim erklärte 
auf alle diese Anklagen der Landgräfin Anna: vor Ab- 
schluss des Bündnissvertrages — der oben erwähnt — 
habe er dem Bischof und seinen Unterthanen genügende 
Warnungen und Fehdebriefe zugehen lassen und werde 
ihre unberechtigten und übermüthigen Klagen nicht 
weiter berücksichtigen. Ausserdem wären ihm im Ge- 
richt Aertzen Knechte in einer ganz grausamen Weise 
getödtet worden. 

Die Landgräfin bemühte sich indessen, auf die viel- 
fachen Gesuche des Bischofs nnd des Amtmanns von 
Münchhausen, einen Stillstand der Fehde und friedliche 
Verhandlungen zwischen den beiden feindlichen Par- 
theien herbeizuführen. Am 7. Mai hatte sie eine Tag- 
satzung für den 9. Juni anberaumt, womit sich der 
Bischof einverstanden erklärte. — Aber am nämlichen 
Tag sendete Johann von Pappenheim von neuem einen 
Fehdebrief an das Domkapitel, an den Bürgermeister ] 
und Rath der Stadt Hildesheim, die Ritterschaft und i 
alle Stände des Stifts, worin er den Benannten ins | 
Gedächtnis zurückruft : — dass er wegen der Anforde- 
rung, welche er an den Herbold von Mandeslohe zu 
machen habe, wie ihnen wohlbekannt sei, dem ganzen 
Stift die Fehde schon lange erklärt habe. Ferner stellte 
er sie folgendermassen zur Rede : So hab' ich mich 
solcher Fehde etliche meiner Knechte zu Fuss jüngst 
gewesener Zeit auf Euch als meinen Feind anzugreifen j 
ausgefertigt, die dann auf dem Holts (wahrscheinlich | 
(Holz oder Wald) nach Lutger mit etlichen Landstrassen, \ 
Wanderern und Kohlenführern, den von Schwiechels 
zugehörig, gemangelt (gefochten.) In solcher Handlung 
einer meiner reisigen Knecht, Kunz genannt, den ich 



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193 

von Jugend auf reisig erzogen von den Wydderwetien 
(Feinden) erschossen und entleibt. Davon waren sie 
aber nicht gesättigt, sondern darüber durch den hoch- 
müthigen und blutgierigen Kurt und Ludwig von 
Schwiechel ihm nach Entleibunge durch den Diebs- 
henker ohne rechtliche Ordnunge als einen rovetter- 
lichen (raubritterlichen) Obenktotther (Abentheurer) rath- 
stosen und richten laßen: und hewet Ihne mir zum 
Hohn und schraähligen Spott und möglichen Nachteil 
zu Salzkittel bei der Handwaßen (Landstrassen) gesetzt 
und vor ein Spiegel aufgerichtet. Das ich mich mit 
dem erwehren, dermassen zu handeln, dass genannt 
und zu ihme — als Rittermässigen — noch keinen 
andern dess adelichen ritterlichen Gelübdes oder ihren 
Mitthelfern solches zu bestehen nit hat vermuthet. 
Auch soliches obens aus alten Herkommen, sonderlich 
in gute Verwarnungen und Fehde meines Vorsehens nit 
gebräuchlich. Wie erbahrlich ihm dasselbe ist: Das 
stell ich zu Euch und alle by sinnige Menschenherzen 
zu ermessen; — muss solches dem allmächtigen Gott 
und der Zeit befehlen. Ich habe Jetzo einige der Euren 
aus euer Stadt Hildesheim, die da wohnhaftig sein, 
in meiner Haft gefänglich: was ich mit denselbigen 
euch wieder thuens wiederum beginnen werde, syn 
ich noch he bedacht " Den Brief der Land- 
gräfin vom 7. Mai beantwortete Johann, nachdem er 
ihr den Verlauf der Fehde mitgetheilt hatte, wie es 
schon erwähnt ist, folgendermassen : Dass er seinen so 
schändlich geschmähten und ermordeten Knecht noch 
nicht gerächt habe und seine sämmtlichen Knechte sich 
solange darüber nicht beruhigen würden, bis entweder 
diese grausame an seinem armen Knecht verübte schänd- 
liche That durch Wiedervergeltung gesühnt worden wäre, 
oder der Körper seines getödteten Knechtes in geweihter 
Erde nach christlichem Brauch bestattet worden sei. 

N. F. XVII. Bd. 13 



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194 

Erst, wenn das eine oder andere geschehen wäre, könne 
er sich auf einen Stillstand der Fehde einlassen. Die 
Landgräfin, welche besorgt war, der Bischof könne der 
Hessischen Regierung Schwierigkeiten bereiten, da er 
die strengste Einhaltung des Einungsvertrages forderte 
und die Einstellung der ihm so lästigen Fehde des 
Johann von Pappenheim unter allen Umstände verlangte, 
suchte — durch vielfache Ermahnungen und Drohungen 
— den Johann von Pappenheim zu bewegen, seine An- 
forderungen an den Bischof und seine Stiftsritter fallen 
zu lassen und in einen Stillstand der Fehde einzuwilligen. 
Ausdrücklich fügte sie auch noch hinzu: sie müsse 
dieses ihres Herren und Sohnes wegen verlangen, um 
den Frieden mit dem Stift Hildesheim aufrecht zu er- 
halten. Nachdem Johann von Pappenheim hierauf aber 
nicht einging, befahl sie ihren Käthen mit ihm zu 
handeln und folgendes von ihm zu verlangen: 

1. den Bestand der Fehde ohne Weigerung an- 
zunehmen ; 

2. ihm vorzuhalten : dass er vermöge der Liebenauer 
Pfandverschreibung, — keinerlei Fehde oder Krieg gegen 
andere zu führen berechtigt sei; er thue dann das mit 
Erlaubniss eines Fürsten zu Hessen oder desselben Ver- 
walters ; 

3. wenn er sich länger weigere, den Anstand und 
die Tagsatzung anzunehmen, sollten sie ihn mit keinerlei 
Hülfe, Verschub und Unterschleifung unterstützen und 
im äussersten Fall gegen ihn werben. Auch wurden 
diese, gegen Johann von Pappenheim, von der hessischen 
Regierung ergriffenen Massregeln dem Bischof von 
Hildesheim schriftlich mitgetheilt, um ihn zufrieden zu 
stellen. Aber zugleich mussten ihm auch die hessischen 
Käthe am 28. Mai mittheilen : dass Johann von Pappen- 
heim den Stillstand der Fehde noch nicht bewilligt 
habe, weil sein geschmähter Knecht noch kein christ- 



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19B 

liches Begräbniss erhalten hätte. Nachdem der Bischof 
und seine Stiftsritter diesem Verlangen des Johann von 
Pappenheim nicht nachkamen, so verstrichen die von 
der Landgräfin angesetzten Tagsatzungen im Monat 
Juni, ohne dass verhandelt vsrerden konnte. — In Zu- 
schriften vom 1. und 8. Juli vom Bischof an die Land- 
gräfin berichtete derselbe: dass Johann von Pappen- 
heim ihm nun Antw^ort auf die angesetzten Tages- 
satzungen gegeben habe, indem er über die Weser, 
Leine und Innerste im Stift vorgedrungen sei, seinen 
geistlichen Unterthanen, den Marschällen Kordt und 
Ludewig von Schwichelde, aus dem Kloster Reichen- 
berg am Harz (bei Goslar), 44 Ochsen nebst mehreren 
Gefangenen genommen habe und ausserdem noch viele 
Beschädigungen zugefügt habe. — Obgleich nun die 
Schwichelder den Johann von Pappenheim freundlich 
hätten bitten lassen, ihnen die Ochsen und Gefangenen 
wieder zuzustellen, so habe Johann dieselben doch bis 
nach Liebenau mitgenommen. 

Ferner beschwerte sich der Bischof über den an 
seine sänimtlichen Stiftsunterthanen gerichteten Pehde- 
brief des Johann von Pappenheim, in welchem der 
Bischof gänzlich ignorirt worden war, und sagte 
unter vielem anderen folgendes : „ünde können über des 
Pappenheims Schreiben nit to fül utwundern, dat my 
alle handeln schol, wo ome gefällig. Went J. L. und 
gy hebben gut wetten, dat in allen Landen, geistlich 
und weltlich, de Onynge (Ordnung) und Gebork (Ge- 
brauch) : dat nich Kapittel, Ritterschap oder Landschap, 
sondern allein de regerende Landesfürsten vor sich 
und de seine Geleide pflegen thuende. Wir laten uns 
averst uth Pappenheims muthwilligen Handlunge, der 
he sick von Tagen zu Tagen immer und mehr beflitigt, 
nit anders bedunken, wie dat J. L. und gy seiner 
nicht mächtig sei u. s. w." 

13* 



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196 

Es geht hieraus hervor, wie wenig der Bischof die 
beleidigende Handlungsweise seiner Stiftsritter dem Johann 
von Pappenheim gegenüber in Betracht zog. Ferner be- 
richtete der Bischof: Johann von Pappenheim habe seine 
Bürger in Bodenwerder geschätzt (das heisst: gefangen 
genommen und gegen genügende Bürgschaft und Ge- 
lübde wieder freigelassen). — Der Bischof verlangte dess- 
halb: das durch Gelübde von den Bürgern bedungene 
Geld sollte ungefordert bleiben. 

Ferner enthielt der Brief des Bischofs ein Ent- 
schuldigungsschreiben des Kord und Godelbert von 
Schwicheld, welche den schon todten Pappenheim^schen 
Knecht gerichtet hatten. Dieselben berichteten über 
diesen Vorfall folgendes : Von Katenauer dem Schweine- 
meister und noch ein paar Buben seien ihnen schon 
vor längerer Zeit etliche Pferde geraubt und nach 
Hessen geführt worden. In Folge dessen hätten sie 
später, als ihnen abermals 21 Pferde hinweggeführt 
worden wären, dieselben durch Nachjäger den Pferde- 
wegführern wieder abnehmen lassen wollen. Die Nach- 
jäger hätten dann die letzteren auch eingeholt und 
angegriffen. Bei dem Kampfe wären 2 ihrer Knechte 
erschlagen worden und ein Knecht ihrer Gegner sei 
ebenfalls bei dem Kampf ums Leben gekommen. Auch 
die Pferde seien fast alle todt gestochen worden. Nach- 
dem sie nun nicht gewusst hätten, dass Johann von 
Pappenheim ihr Feind sei und sie den getödteten 
Knecht ihrer Gegner nicht als Pappenheim'schen er- 
kannt hätten, so könne die Hinrichtung des Knechts 
ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden, besonders 
da bei dem Kampf zwei ihrer Knechte getödtet worden 
wären, während ihre Gegner nur den einen verloren 
hätten. — 

Der Schweinemeister Katenauer, der Knecht Gott- 
lingk und noch Andere, welche den Pfaffenmarschällen 



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197 

schon etliche Pferde vor diesem letzten Rencontre weg- 
geführt hatten, waren von dem hessischen Amtmann 
ürban von Eschwege ausgefertigt worden, lebten in 
redlicher Fehde mit dem Stift Hildesheim und gehörten 
nicht zu den Knechten des Johann von Pappenheim. 

Indem nun noch mehrere Schreiben zwischen 
Hildesheim und Hessen hin- und hergesendet wurden, 
ohne eine Tagsatzung herbeizuführen, näherte sich der 
Monat seinem Ende. Die Landgräfin Anna wie auch 
der Bischof wünschten dringend, die ihnen so lästige 
Fehde des Johann von Pappenheim zu schlichten. 
Doch der Letztere besorgte, dass ein Rechtsspruch, 
welcher auf Grund des vorerwähnten Vertrags zwischen 
den verbündeten Regierungen gefällt wurde, ihm nach- 
theilig sein könnte, wesshalb er seine Rechtserbietungen 
so stellte, dass ein Stillstand der Fehde noch nicht 
eintreten konnte. 

Der Bischof hatte ausserdem noch hundert Gulden 
Schatzgeld an die Landgräfin gesendet, welche die von 
Johann von Pappenheim freigelassenen Bodenwerder 
Bürger — ihrem Gelübde nach — am 25. Juli dem- 
selben zu bezahlen hatten. Der Bischof schrieb noch 
der Landgräfin : Bis zum Tage des Verhörs wolle er 
seine Forderungen einstellen und bitte die Landgräfin 
nur dringend, den Johann von Pappenheim zu bewegen 
die Fehde bis dahin zu unterlassen. Doch der Land- 
gräfin gelang es nicht den Johann von Pappenheim 
zur Einstellung der Fehde bis zum 16. October zu be- 
wegen, trotzdem ihm zur Einsichtnahme der oberwähnte 
Bündniss vertrag zugesendet worden war und ihm ferner : 
keine Hülfe, Vorschub und Unterschleif im Fürstenthum 
Hessen mehr gestattet werden sollte. Indem er der 
Landgräfin nochmals den Verlauf der Fehde auseinander- 
setzte, den Uebermuth und die unritterliche Handlungs- 
weise seiner Gegner schilderte, den Schaden, den er 



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198 

durch dieselben erlitten, beschrieb, die Entschuldigungs- 
schreiben der PfafFenmarschälle, als mit den Thatsachen 
nicht übereinstimmend erwies, weigerte er sich dem 
Befehle der Landgräfin Folge zu leisten. 

Ferner äusserte er: Der erst neuerdings abge- 
schlossene Bündnissvertrag zwischen Hessen und Hildes- 
heim könne seine Fehde, die viel älter Mräre als der 
Vertrag, weder ungeschehen machen noch beenden, 
bevor der Bischof und seine Stiftsritter nicht seinen 
vielfach erw^ähnten billigen Forderungen nachgekommen 
wären. Die Rechtskräftigkeit des Bündnissvertrags 
würde erst hiernach Geltung für ihn erlangen können. 
Wenn nun aber der Bündni ssvertrag in gänzlich unge- 
rechter und unbilliger Weise gegen ihn gebraucht 
werde, um ihn danach wegen seiner Fehde abzu- 
urtheilen, so würde er sich mit Gottes Hülfe und 
seinem Schwert weiteren Rath zu schaffen wissen. 
Denn er sei nur durch den Uebermuth und die Unbillig- 
keit seiner Gegner zu der Fehde gezwungen worden 
und sei um seiner Ehre willen gezwungen die Fehde 
so lange noch fortzuführen, bis er von seinen Gegnern 
genügende Genugthuung erlangt haben w^ürde. Nicht 
um schnöden Gewinn, Raub oder Muthwillen, — wie 
ihm seine Gegner vorwürfen, — fehde er, sondern um 
seine Ehre, welche er mit Gut und Blut vertheidigen 
müsse. Ebenso wolle er der Landgräfin und seinem 
Landesherren mit seinem Gut und Blut dienen und in 
allem gehorsam sein, ausser in seiner Fehde. — Hier- 
mit endigten nun die Verhandlungen in der Fehde 
wieder, ohne dass ein Stillstand derselben zu Stande 
gekommen wäre. 

Nachdem die Landgräfin die vom Bischof über- 
sandten 100 Gulden von den durch Johann von Pappen- 
heim gegen Gelübde freigelassenen Bürgern von Boden- 
werder wieder zurückgeschickt hatte, besteüfye Johann 



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199 

von Pappenheim die Bürgen dieser Bürger für den 17. 
August in eine Herberge nach Warburg, um ihm ihrem 
Gelübde gemäss die hundert Gulden bis zum 25. August 
zu bezahlen. 

In dieser Zeit kamen die Streitigkeiten zum Aus- 
trag, welche der Bischof mit seinen Unterthanen, dem 
Hillebrant, Borchart und Kord von Saldern, wegen der 
Auslösung der ihnen verpfändeten bischöflichen Burg 
Lauenstein hatte. Das Lösegeld für die Burg hatte der 
Bischof in Hildesheim bei dem Abt zu S. Michaelis in 
Hildesheim deponirt, da die Saldern dasselbe nicht 
hatten annehmen wollen. Die Saldern sollten nun ge- 
waltsam aus der Burg vertrieben werden, wozu der 
Bischof von der Landgräfin für die Zeit eines Monats 
hundert Reisige — laut des Bündnissveiirages — ver- 
langte. Die Landgräfin erklärte sich damit einverstanden 
und schrieb: Den Bedingungen des Vertrags wolle sie 
nachkommen, nur bitte sie den Bischof, ihr es 54 Tage 
vorher wissen zu lassen, wenn er die Hülfe nöthig habe. 
In einer angehängten Beischrift jedoch stellte die Land- 
gräfin noch die Bedingung: dass sie vor Uebersendung 
der Hülfe noch einen Vergleichsversuch zwischen dem 
Bischof und seinen Unterthanen -— den Saldern — 
versuchen wolle. 

Hierauf wollte sich der Bischof aber nicht ein- 
lassen, sondern schrieb ihr auf das Schreiben vom 10. 
August am 26. August wieder: Die Landgräfin solle 
.ihm, ohne vorher einen Ausgleichsversuch zu machen, 
die Hülfe übersenden, wenn er sie verlangen würde. — 
Indessen wurden die von Saldern durch einen Schieds- 
spruch der Hildesheiraer Stände gezwungen, dem Bischof 
den Lauenstein zu übergeben und somit hatte derselbe 
die hessische Hülfe nicht nöthig. — Durch Zuschriften 
vom 11. und 27. August hatte die Landgräfin nochmals 
versucht den Johann von Pappenheim zum Stillstand 



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200 

der Fehde bis zum 16. October zu bewegen. — Starius 
von Münchhausen, welcher das Bündniss zwischen 
Hessen und Hildesheim zu Stande gebracht hatte, durch 
welches der Bischof hoffte, die Fehde des Johann von 
Pappenheira zum Nachtheil desselben zu beendigen, 
hatte letzteren auf der Tonenburg bei Höxter über- 
fallen, wie Münchhausen am 1. September an den 
Statthalter Krafft von Bodenhausen berichtete, wahr- 
scheinlich um ihn für die gegen ihn gerichteten An- 
klagen und Intriguen zu bestrafen. Münchhausen 
schreibt hierüber : „Ick hedde my nicht verhopet, . dat 
Johann von Papenheim hedde vergonth worden, dat 
hy my thor Thonenborch und dat myn alle darßo 
rofflich angetastet, so ik in Hulden dene Fürstinne von 
Heßen da vorgewanth was (verwant oder unterthänig) 
und ick myn hohe Rechtes-Arbedinge hedden angessen 

werden , dat ik viel ündankeß und Unwillen 

kregen hebte um des Fürstendomß Heßen wyllen dare 

my duth alle und to gefoppet warth dat ik 

up myn Alter nun honer werden dorfft wento gy hebben 

wol afftrennende daß vil ouer veerhundert 

Gulden to Schaden u. s. f." 

Die Landgräfin, welche damals gerade mit Regie- 
rungsgeschäften sehr überladen war, schrieb dem Statt- 
halter von Kassel, er solle den Starius von Münchhausen 
gegen Johann von Pappenheim beschützen und was 
ihm genommen wäre, solle ihm wieder zugestellt 
werden, was aber wohl nicht geschah, denn am 4. 
October richtete Münchhausen ein dringendes Gesuch 
an die Landgräfin, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. 
Er führte auch an, dass er als Amtmann des Stifts 
Corvei Steuer an Hessen zu bezahlen habe und dess- 
halb auch den Schutz Hessens beanspruchen könne. 
Es sei nur bemerkt, dass er in Wirklichkeit nur des 
Bischofs Diener war und bei der Fehde nur die In- 



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201 

teressen desselben und die seinigen vertrat. Die Land- 
gräfin hatte schon am 7. September von Johann von 
Pappenheim verlangt, einen Stillstand der Fehde und 
Tagsatzung anzunehmen und dem Starius von Münch- 
hausen das genommene wieder zuzustellen. Indessen 
hatte der Statthalter Krafft von Bodenhausen wegen 
einem Hildesheimer ünterthan, Namens Sterner, welcher 
ohne eine Fehde gegen Hessen zu haben, einem 
Mann aus Witzenhausen zwei Pferde und eine Summe 
Geldes genommen hatte und in dem Gerichte der 
Gebrüder Kordt und Ludewig von Schwichelde Schutz 
gefunden hatte, bei dem Bischof Klage geführt. Die 
von Schwichel verweigerten aber denselben zu strafen 
oder auszuliefern. 

Die Landgräfin übersandte dem Johann von Pappen- 
heim nochmals einen ernstlichen Befehl, den Stillstand 
der Fehde gegen den Bischof und eine Tagsatzung an- 
zunehmen, ohne auf den vorher an den Bischof ge- 
stellten Anforderungen zu bestehen, da derselbe diese 
nicht annehmen wolle. Doch Johann von Pappenheim 
antwortete am 9. Dezember : dass kurz vor dem vom 
Bischof bewilligten Stillstand der Fehde ihm und 
seinen Brüdern das Dorf Sunrike bei Borgentreich 
von bischöflichen ünterthanen geplündert und verbrannt 
worden sei. — Auch wären einige Leute von dort als 
Gefangene mit fortgeführt worden. Der Landgräfin zu 
Gefallen wolle er einen Stillstand der Fehde, aber 
nochmals bis zum 2. Februar 1518 annehmen, wenn 
die Sache wegen seiner 2 Knechte, welche von den 
Herrn von Alfelde (Linie der von Steinberge auf 
dem Wispenstein bei Alfelde) getödtet worden wären, 
zur Hauptverhandlung gemacht würde und alles üebrige 
zu einem gütlichen Verhör kommen solle. — • (Die Al- 
felde hatten zwei Knechte des Johann von Pappenheim 
ermordet und sich damit entschuldigt, dass sie dieselben 



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202 

nicht als Pappenheira'sche Knechte erkannt hätten.) 
Sollte dies der Bischof nicht annehmen, so bäte er die 
Landgräfin, ihn nicht weiter zu bedrängen, sondern 
nach Landeseinung zu beschützen. Dem Bischof theilte 
dann die Landgräfin den Inhalt des Pappenheim'schen 
Briefes mit und bat den Stillstand der Fehde bis zum 
22. Februar anzunehmen. Doch der Bischof schien 
sehr ungehalten über das Schreiben des Johann von 
Pappenheim zu sein und behauptete : dass seine Unter- 
thanen das Dorf Sunrike nicht während des Stillstands 
der Fehde beraubt hätten. Auch würde es ihm schwer 
werden — wie er erklärte — sich mit Pappenheim in 
einen Stillstand der Fehde zu begeben, bevor derselbe 
ihm nicht seine Gefangenen ausgeliefert hätte. Ferner 
theilte er der Landgrätin am 17. Januar mit: Hans 
von Steinberge habe sich bei ihm beklagt, dass Johann 
von Pappenheim ihm kürzlich 2 seiner Kne-chte ge- 
fangen genommen habe, welche noch im Gefängniss 
zur Liebenau sässen. Auch der Hessische Statthalter 
Krafft von Bodenhausen habe ihm geklagt: dass seine 
Unterthanen aus dem Stift Hildesheim den Hansen 
von Stockhausen in Stammen beraubt hätten. Doch 
solle der Hans von Stockhausen sich über die Hildes- 
heim'schen nicht weiter beschweren, da sie durch 
Pappenheims gewaltsame Handlungsweise gezwungen 
worden wären sich zu entschädigen. Johann von 
Pappenheim war nach dem Zeugniss der Lehnsurkunden 
schon vor dem 19. Januar 1618 gestorben und ein 
Volkslied aus der damaligen Zeit, von dem nur der 
erste Vers noch bekannt ist, besingt ihn als den Helden 
der Fehde folgendermassen : 

Der ale Kab' von Papenheim, 

De flog von siner Miste: 

Ile schitt dorn Biskopp up den Kopp; 

Nu hilj), Herr Jesu Christel 



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203 

Am 17. Februar 1518 hatten 19 Pfandherren des 
Stifts Hildesheim ein Bündniss gegen den Bischof von 
Hildesheim abgeschlossen und sich unter den Schutz 
der Herzöge von Braunschweig gestellt für den Fall 
dass sie mit dem Bischof in eine Fehde kommen 
würden. Auf den Lauenstein hatte der Bischof, nach- 
dem er denselben von den von Saldern ausgelöst hatte, 
den Starius von Münchhausen gesetzt. Als derselbe 
am 22. Februar 1518 vom Lauenstein zum Bischof 
reiten wollte, wurde er unterwegs — wahrscheinlich von 
den Stiftsrittern des Bundes — ermordet und am 
andern Morgen erst von Mühlenschütten in der Innerste 
gefunden. 

Im Monat März des Jahres 1518 war der Land- 
graf Philipp zu Hessen von dem Kaiser Maximilian 
als volljährig erklärt worden und hatte die Regierung 
des Fürstenthums Hessen im 14. Jahr angetreten. Der- 
selbe suchte nun auch sogleich die Fehde des ver- 
storbenen Johann von Pappenheim mit dem Stift 
Hildesheim, welche letzterer auf seinen Bruder Georg 
und Vetter Christoph den Aelteren vererbt hatte, bei- 
zulegen. 

Schon am 8. Mai 1518 hatte Landgraf Philipp 
ein Schreiben an den Bischof gerichtet, worin er sich 
über etliche Buben: Corde Sterner und andere be- 
schwerte, welche seinen Unterthanen drei Pferde ge- 
nommen und die Leute auf der Strasse angefallen 
hatten. Ueber dieselben hatte sich auch der Statthalter 
in Kassel schon beschwert, konnte aber von dem 
Bischof nichts erlangen. Landgraf Philipp setzte dem 
Bischof auch noch auseinander, dass er aus einem 
Brief der vom Bischof an Johann von Enzenberg ge- 
richtet gewesen wäre, ersehen habe, dass er diesen 
Buben selber habe entlaufen lassen und machte ihm 
darüber heftige Vorwürfe. Auch über den Dietrich von 



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204 

Bocke zu Nordholz beschwerte sich der Landgraf. Der 
Bischof erklärte darauf am 15. Mai 1518: dass er 
durchaus kein Gefallen an den Thaten des Sterners und 
Genossen fände, sondern die Sache, wie der Landgraf 
aus den beigelegten Briefen des Dietrich von Bocke 
ersehen könne, — habe untersuchen lassen. Dem 
Statthalter von Kassel wären auf seine Zuschrift hin 
auch schon 2 Pferde wieder zugesendet worden. Mit 
Dietrich Boke wolle er die Verhandlungen wegen seiner 
vermeinten Klage ganz nach dem Gefallen des Land- 
grafen einleiten, wenn er es wünsche. Auch wäre es 
sein Wunsch sich mit den Erben des Johann von 
Pappenheim in Verhandlungen einzulassen, um eine 
Abstellung und Beilegung der Pappenheimschen Fehde 
gegen das Stift herbeizuführen. Die grosse Hildesheimer 
Fehde hatte indessen im Anfang des Jahres 1519 be- 
gonnen, auf welche hier nicht weiter eingegangen werden 
kann. Es sei nur bemerkt, dass der Bischof von Hildes- 
lieim schon am 9. April den Landgrafen Philipp bat, 
ihm hundert Reisige, gerüstet mit Harnischen, am 
25. April nach Dassel zu schicken, indem er sich auf 
den Einungsvertrag zwischen Hessen und Hildesheim 
berief. — Der Landgraf lehnte dieses ab: da er auch 
in einem Bündnissvertrag mit den Herzögen von Braun- 
schweig stände, welchen seine Mutter im Jahr 1514 
abgeschlossen habe, wobei die, mit denen Hessen früher 
in Einung gestanden hatte, ausgenommen worden 
wären. 

Wiederholt suchte nun noch der Bischof den 
Landgrafen zu überreden, die dem Herzog Erich von 
Braunschweig zugesendeten Hülfstruppen abzuberufen 
und ihm Beistand zu leisten; worauf ihm aber, der 
Landgraf Philipp zuletzt am 29. Mai 1519 einen ganz 
entschiedenen Absagebrief übersandte. Die Hessischen 
Hülfstruppen, welche der Landgraf den Braunschweigischen 



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205 

Herzögen zugesandt hatte, waren indessen schon am 
19. Mai im Lager von Gandersheim mit den Braun- 
schweigischen Truppen in Streit gerathen, da letztere 
den Hessischen Löwen — in dem Banner derselben — 
für einen Hund gehalten hatten. Das Wort Hunde- 
hessen, welches von den Braunschweigern gebraucht 
worden war, führte dann zu Auseinandersetzungen, 
wobei die Hessen ihre Waffen gegen ihre Bundesge- 
nossen gebrauchten und in Folge dessen auf ihr An- 
suchen von den Herzögen von Braunschweig entlassen 
wurden. An der für die Braunschweiger Herzöge so 
unglückhchen Schlacht bei Soltau am 28. Juni waren 
keine Hessen betheiligt. 

Am 6. Juli bekam der Landgraf durch ein Hand- 
schreiben Herzog Heinrich des Jüngeren von Braun- 
schweig- Wolfenbüttel die ersten Nachrichten über diese 
merkwürdige Schlacht *), worin die Verbündeten (Herzog 
Heinrich von Braunschweig-Lüneburg und der Bischof 
von Hildesheim) durch ihre ritterliche Reiterei einen 
glänzenden Sieg über ihre Gegner erfochten. — Kurz 
vor der Schlacht bei Soltau hatte der Landgraf den 
Herzögen wieder 350 Reiter und 600 Mann zu Fuss 
zugesendet, welche am Harz die Schlösser Herzog 
Heinrich des Jüngern von Braunschweig- Wolfenbüttel 
nach der Schlacht gegen die Lüneburger deckten. 

Am 3. Juli 1519 hatte der damalige Statthalter 
von Kassel Christian von Hanstein abermals 500 Mann 
Hülfstruppen abgesendet und die aus Braunschweig 
früher abgezogenen Hessen sich zurückziehen lassen. 

Nachdem nun im Spätherbst in der grossen Fehde 
ein Stillstand eingetreten war, fingen die Verhandlungen 
zwischen dem Landgrafen Philipp und dem Bischof von 
Hildesheim in der kleinen Fehde wieder an. Der 



Siehe Anlage. 



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206 

Bischof hatte am 26. November 1519 an den Land- 
grafen geschrieben : er habe desselben Schreiben gelesen 
und bedanke sich für die Mühe, welche sich der Land- 
graf gemacht habe, um die Fehde zu Ende zu bringen 
und erbäte sich einen Stillstand der Fehde bis zum 
20. März 1520. Jedoch eine Tagsatzung in der 
Zwischenzeit vom 26. November bis Weihnachten 
könne er nicht annehmen, da er durch vielfache Ge- 
schäfte verhindert wäre dieselbe zu besuchen. 

Durch weitere Verhandlungen wurde am 27. März 
eine Tagsatzung verabredet, welche aber auch nicht 
stattfinden konnte, weil der Bischof damals ausser 
Landes war. Aber auch diese wurde nicht eingehalten, 
jedoch trat eine Verlängerung des Stillstands der Fehde 
bis zum 29. April ein. Am 18. April begannen dann 
wieder die Verhandlungen wegen einer Tagsatzung. 
Hessische ünterthanen, welche der bischöfliche Vogt 
zum Lauenstein im Gefängniss sitzen hatte, wollte der 
Bischof nicht eher aus ihrem Gefängniss entlassen 
wissen, bevor nicht auch die Hildesheim^schen ünter- 
thanen, welche sich im Liebenauer Gefängniss befanden, 
freigelassen worden wären. Der Landgraf Philipp 
bewog dann auch sehr bald die beiden Brüder von 
Pappenheim, ihm ihre Gefangenen in die Hände zu 
stellen, was er dem Bischof am 21. April mittheilte. 
Indess hatte der Landgraf auch dem Burchardt, Cord, 
Hilmar und Vschwig von Steinberg geschrieben und 
um Auslieferung des Corde Sterner gebeten. Derselbe 
hatte nämlich im Amt Immenhausen durch Mord und 
Raub viel Schaden angerichtet und hessische Strassen- 
wanderer vielfach niedergeworfen und beschädigt. Seine 
Frau und Kind wohnten im Amt zu Bokelnheim, von 
denselben wie auch von seinem Bruder und seinen 
Freunden war er bei seinen Raub- und Mordthaten 
immer unterstützt worden. Die von Steinberge stellten 



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207 

darauf ihren Gefangenen, den Cord Sterner nämlich, 
JD die Hände des Bischofs von Hildesheim. Nach- 
dem hierauf vom Cristoffel und Georg von Pappenheim 
ein dreimonatlicher Stillstand der Fehde bewilligt worden 
war, bat der Landgraf Philipp den Bischof Johann ihm 
einen Tag und gelegene Malstätte anzugeben, wo der 
Frieden geschlossen werden solle. 

Einige Worte noch über das fernere Leben der 
beiden an der Fehde betheiligten Vettern von Pappen- 
heim, den Erben des Fehdehelden Johann, mögen diese 
Mittheilungen beschliessen. ~ Georg von Pappenheim, 
welcher nach seiner vorzüglichen Schrift zu urtheilen *) 
einen für die damalige Zeit guten Unterricht genossen 
haben muss, wurde vom Landgraf Philipp zum hessischen 
Rath ernannt. Ferner im Jahr 1534, als Landgraf 
Philipp sich auf seinem Kriegzug zur Einsetzung des 
Herzogs Ulrichs von Würtemberg in sein Land befand, 
gehörte er zu den Statthaltern und Landesverwesern 
zu Hessen. Mit der von der niederhessischen Ritter- 
schaft aufgebrachten 3000 Reiter starken Reiterei ver- 
nichtete bekanntlich Landgraf Philipp bei dem ober- 
wähnten Kriegszug das aus 18,400 Mann bestehende 
kaiserliche Heer, welches bei Lauffen am Nekar eine 
überaus starke und feste Stellung eingenommen hatte. 
In erster Ehe war Georg von Pappenheim mit 
Christine von Berlepsch und in der zweiten Ehe 
mit Margarethe von Hopfgarten vermählt. Seine Nach- 
kommenschaft blühte noch lange in Hessen und auch 
in Dänemark und erlosch im Jahr 1719. 

Cristoffel von Pappenheim, der Sohn des schon 
anfangs erwähnten Friedrich des älteren von Pappen- 
heim, ist der Stammhalter der noch jetzt lebenden 

*) Schriftstück vom Jahre 1516, feste schöne Handschrift, 
was damals selten. Hildesheimer Akten des Marburger Staats- 
archivs. 



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208 

Pappenheim'schen Familie gewesen. Seine erste Frau 
war Orthie von Dutingerode und seine zweite Anna 
von Liebenstein. 



Beilage I. 

Schreiben des Johann von Pappenheim an die Lai^d- 
gräfin Ämm^ worin er derselben erklärt^ was ihn be- 
wogen habe^ dem Bischof von Hildesheim und dem Gross- 
vogt desselben — dem Herbord von Mandesbhe — die 
Fehde zu erklären und dieselben im Gericht Aertxen 
XU überfallen. 1516 April 4, 

Durchlauchtige, hochgeborne Fürstinne, genädige 
Frau, meine underdänige, schuldige und ganz willige 
Dienste, sy E. f. g. worin alle willig lewen! 

Erentveste, liebe Oheime, Schwäger und gude 
Freunde, myne freundlichen Dienst touor; genädige 
Fürstin und erenveste, liebe Oheime, Schwäger und 
guten Freunde! 

Euer fürstlichen Gnaden und Freundschaft Sriven 
und itzund eyne Absrivet eines Brewes E. f. g. und 
Freundschaft tho gesrewen von dem Biscop von Hildes- 
heim, und bedripende die Fede, so sick twischen dem 
obgenannt Bischoppe, auch Herborde von Mandeslo 
seinen Untersätzen und mir intfaldit hette. Inhalts 
desselbigen Bribess und Schrift geleßen und verstanden. 
— Gebbe darauf E. f. g. und Freundschaft dienstlich 
und freundlich tor Antwort: dat my E. f. g. und 
Freundschaft sollen to recht mächtig syn, in der Poiz nai 
Retzi (= Aertzen) und ausirhalben, was mit Feden und 
Verwirrunge geschein ist. Winttin Ich mich sunner Sache 
allezeit von Anfange wintti hier E. g. s. und Freund- 
schaft zu Rechte erboten han und erbede mich so noch ; 



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209 

dass Ich dann keyne Antwordt uf E. f. g. und Freund- 
schaft genädigen und freundlichen Vorschrift vor 
mich haben gedan von dem Bischoppe vorgenannt 
habe erlangen mögen und das dorch hett mich die 
Not das heingebracht: dass ich des Bischofs, synes 
Landes und Lude und Herbordess von Mandeslo 
Feynt geworden bin. Das aver E. f. g. und Freund- 
schaft nicht etwa poniren sollin, dass ich moitwilligen 
Lüsten zu Feden habe, mag ich wohl erliden eynen 
Bestand twischen irst kommende Pingsten ; Und wie 
mir der Bestand vom Bischop und den Sinen der Sachi 
mit Oeme tho schiken — haiben tho gesriwe wird, 
dann soll der Bestand aingein. Und dat dann ein 
dach in der Sachi bynnen Eimbecke gemachet und 
angesakt würde, und Ich mit mynen Freunden tho so 
dannen Tage — tho und äff — mit felichen Geleyde 
und Sekerheit in unsir Gewarsam mögen versorget 
werden: dann sollen E. f. g. und Freundschaft myner 
tho rechte mächtig sein. Des geben Ich E. f. g. und 
Freundschaft so dienstlich und freundlich widderumb 
tor Antwordt. — Geschrieben unter mein Insiegel am 
Dage Ambrosius dv. x^^xvi. 

Johann von Papenheim. 

Beilage IL 

Ein Sehreiben Johaiins von Pappenheim vom 8. Augfist 
1517 an die Landgräfin Anna, zu Hessen, worin er 
ihr mittheilt^ wanim. er einen Stillstand in der Fehde 
gegen den Bischof Johann von Hildesheim nicht ein- 
gehen kann. 

Durchlauchtige, Hochgeborne Fürstinne, gnädige 
Frau und ernvesten, grossgünstigen Freunde, Euer 
fürstliche Gnaden und Euch meinen underdänigen Dienst 
in allen Fleiss gewend! 

N. F. XVIL Bd. 14 



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210 

Euer Liebden, fürstlich Gnaden und euer Schreiben 
mit inliegender des Bischofs von Hildesheim habe ich 
sammt anderen Copieen nnterthänig empfangen und 
Inhalts : als Aufschluss und Verlängerung des angesetzten 
Tages und Bestands vermerkt, mit ernstlicher Ermah- 
nunge, des bis auf nächstkünftigen S. Gallen zu ver- 
folgen. Wie aber ich nit gesinnt — hat ich als den 
Inhalt der aufgerichten Einung noch zwyschen den löb- 
lichen Fürstenthum Hessen und Hildesheim'schen Stift 
zu ermessen — des mir weiter meine Fehde obgedachtes 
Fürstenthum zu enthalten gar nit gegönnt wird ; darauf 
S. f. g. und Euch ich underdänig und freundlichst zu 
erkennen geben : nachdem E. f. g. und Euch zweifellos 
ahn, unvergessen — welches Mass ich meines mannich- 
faltigen Klagens und Erbietens des mir Jahre und 
Tage zuwent alles unfruchtbar erhoffen zu solcher 
Fehde bewegt, diene E. f. g. und Euch zu genädigen 
Gefallen; vylmal ich underdäniglichen willigen Bestand 
und Tage verfolgt, der mir dann zum Theil so ich mit 
meiner Freundschaft in meiner Behausung gewest, in 
Willent des Tages Ansatzunge zu verfolgen — durch 
den Bischopp abgekündigt und folgenden, da ich eines 
Tages zu Hexor mit sammt meines Beistand Handlungen 
gewartet, war aussenblieben, — kein Widerbot schrifft- 
lich noch mündlich dahin verfertigt. Solches ümtreibens 
und Aufhaltens mynen armen Gesellen zu möglichen 
unüberwindlichen Schaden erflossen ist und doch bisher 
nicht bittlich sein mögen — und das der Bischop jetzund 
ein unziemlich Längerunge des Bestandts bis in der 
Wintertage — derzeit dann jene armen Gesellen noth- 
dürftige Wanderung in Fehden nit vormöglich stille 
stehen, uns ansinnen thut, kann ich solches seines ob- 
kundigen Aussenbleibens und mannichfaltigen Auf- 
haltens, auch anderer möglich bewegender ürsach — 
anders nichts ermessen : dann das mich der Hildesheimer 



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211 

Bischof solches seines muthwilligen ümtreibens und 
Auflialtens in ewigen, verderblichen Schaden bringt und 
die Fehde in die Länge muth*) zu machen vermeint. 
Aus solchen Allen abgezeigten und anderen Ursachen, 
kann noch will ich furter keins gütlichen Anstands 
dulden noch leiden. Ich will doch zu E. f. g. und 
Euch mich dessfalls mit Zuvordenken genädiglich und 
guter Hoffnunge tragen, auch hiermit underdänig und 
freundlich bitten, — solchen Uebermuths, so mir von 
dem Hildesheimschen Bischof und etzlichen seiner Ver- 
wandten begegnet, aus fürstlicher Unbilligkeit und 
adelicher Tugend zu beherzigen lassen und des Fürsten- 
thums Hessen und sunderlich der Liebenau, daran ich 
mein Geld hab, auch meine seligen Voreltern — die 
dem und anderen — immer ihr Recht zu vielmalen 
daraus gewährt, mich armen Gesellen nit verzagen 
wollen, sundern mich hinfürter — so bisher Inhalt der 
aufgerichteten Vereinunge noch des Fürstenthums Hessen, 
so ich rechts allweg erbötig und erduldet habe, möge 
genädiglich liden laden und rechts gönnen möge mit 
Bedacht, das ich derselben Vereininge und Fürstenthums 
ine Geleit — und das meine Verfolgunge, Verbot, Ver- 
warnunge und Fehde, ehe der Vereinunge des Fürsten- 
tums zu Hessen und Hildesheimschen Stift aufgerichtet, 
der ich jetzo Inhalt copeilich empfangen und erstanden 
und angefangen ist. — Sol aber ich über soliches Alles 
des Fürstenthums zu Hessen und meiner Behausung — 
des dorch zu E. f. g. und Euch ich gar kein Vertrauen 
— noch Zuversicht habe verurtheilen werden — des 
seit Gott allmächtige erbarmen ! went mich soliches 
auch ahn gemeiner Landschaft mei Herr und Freund, 
der doch allenthalb mit sammt E. f. g. und Euch 
meiner aller Ehre und Billigkeit — ausgesundert (was 



*) d. b. matt 

14 = 



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212 

mit Verwarnunge und Fehde bestehe) mächtig sein solle. 
Und Erstehens solches Gewalts zu beklagen und dem- 
nach wieder Rath haben, meine Anforderunge mit 
Hülfe des Allmächtigkeit zu erfordern. Des also E. f. g. 
und Euch dahin ich mich mit Unterthänigkeit, freund 
willig zu dienen schuldig erkenne ich im Widern nit 
gewiss zu verhalten: bei meines Siegels des Tages S. 
Cyriacus anno °xxvii. 



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213 



IV. 

Burgfriede der Ganerben des Schlosses 
Schildeck. 

(Montag den 22. Februar 1425.) 

Mitgetheilt von 

Lr. von Lroewenstein, 

Major z. D. zu Kassel. 




|ir Johanns von gots gnaden apt zu Fulde bekennen 
offintlichin an disem brieflfe füre uns, unser 
nachkomen und stift, und Ditterich here zu Bickinbach, 
Erkinger von Sauwinsheime ritter, Conrad von Steinauwe, 
Steinrucke genant, und Conrad vom Hütten bekennen 
an disem offin brieffe geyn aller menlich, wir Johann 
apt füre uns unser nachkomen und stift, und wir die 
andirn uns ichlicher besindern füre sich und sine erbin, 
daz wir eines rechten borkfrides als von des sloßes 
Schildeck wegen ober eyne komen sin als ferre der 
borkfride wendet und begriffen hat als hernach ernand 
wirdet. Mit namen daz wir Johanns, unser nachkomen 
und stift zu eynem halben teyle des itzund genanten 
sloßes und siner zugehorunge, und wir dy andirn alle 
und unser erbin zu dem andirn halben teyle nemelichen 



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214 

unser iklicher und sine erbin zu eynem virden teyle 
desselbin halbin teiles gutlich sitzen und unser einer 
den andirn und dy sinen ire lip und gud us und in 
deme borkfride getruwli<jh schüren, schützen und schirmen 
sal. Und sal unser keyner ader dy sinen den andirn 
ader dy sinen darus ader dar yne nicht angriffin ader 
beschedigen mit worten ader werken ader nicht ver- 
unrechten, nemlich daz unser keiner des andern gesinde 
in nemen sal, es were dann daz sie sich es weren 
knechte oder meyde mit gunst, willen adder rechten 
von yme gescheiden hetten angeverde. Were auch daz 
zweitracht worde also, daz unser eines ader mere 
knechte des andirn knechte obergeben mit scheltworten 
ader werken, messer adder ander waffen gewonnen, 
ader wonten in deme borkfriden, da solte nymands der 
darzu queme dem andern helffen, sundern welich unser 
adder die sinen darzu quemen, die solden getrewlich 
scheiden und denselben, der dene frebel ader bruch 
getan hette, begriffin und in unßme gemeinen thorme 
und beheltnis daselbest zu Schildeck behalden bis ere 
deme cleger eine gnuge getan hette umbe solichin 
frebel und bruch. Und were daz sy sich des nicht 
vereinen konden, waz danne dy andirn ganerben dy 
dannoch weren, dy der sache nicht zuschicken hetten, 
derkennten ader ire der merer teile, daz umbe so- 
lichin frebel und bruch buse gnuck were, darby solde 
es bliben und von beiden teilen gehalden werden. Sluge 
aber ir einer den andern tod, da god füre sy, were 
danne darzu querae der ganerbin oder dy sinen, der 
solde denselbin hemmen, uffhalden und gefangen legen 
in unser aller beheltnis dene thorme daselbest zu Schil- 
deck, und dene getruwlich berwaren und bewaren lassen 
alsolange bis er buse umbe solchin frebel und totslak 
getede nach • rechte, ob er anders nicht gnade an dene 
nehesten frunden des der derschlagen ader derstochen 



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215 

were finden mochte, alles an argliste. Were auch daz 
unser eynes knechte ader mere eynen der ganerbin oder 
mere obergeben mit worten, werken, messer ader ander 
waffin gewonnen, frebelich wonten ader todslugen, 
des god nicht wolle, were darzu queme, der solde den- 
selben der also gefrebelt hette uffhalden und kommern 
aislange bis ere deme cleger ader dene clegern darumbe 
Wandel und buse getan hette nach deme als vorgeschriben 
steet an geverde. Sundern were auch daz unser der gan- 
erbin einer ader mere den andirn sinen amptman ader 
voyd hise ligen frebelich in deme borkfride, der solde 
von stunt als ere des vermant werde, us deme sloß 
Schildeck und deme borkfride daselbst riden und da 
yne nicht komen innewendig vire wochen den nehesten 
darnach als ere soliches gemand worden were, und 
solde dann darnach aber dar in nicht komen bis daz 
ere darumbe buse und wandel getede nach deme dy 
gekoren drie unser frunde dy wir ober disen borkfride 
gekoren haben ader zu zyten von uns ader unsern 
nachkomen und erbin gekoren werden, ader ire der 
mereteil erkenten. Were aber daz unser einer ader mere 
der ganerbin den andrin sinen amptman ader voyd 
obergebin, also daz wir messer ader ander waffin ober 
sy gewonnen ader sie wenten in deme borkfride 
frebelichen, so solde derselbe der solichin bruch getan 
hette, von stund als ere des vermand werde, us deme 
sloße und borkfride riden und bynnen eyme gantzen 
vii-teil jares deme nehesten darnach darin nicht komen, 
bis daz ere buse darumbe getan hette nach derkentnis 
der drier gekoren ober den borkfride ader ire deme 
naeren teile, es were danne vor mit dene clegern in 
fruntschaft abgetragen an geverde. Were aber ungeverlich 
daz dy drie in deme virteil jares nicht zusamenkomen 
mochten, ader mit was sachin sich daz vorschickete, 
doch also daz daz sumen an deme, der dene bruch getan 



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216 

hette, nicht were, so mochte derselbe sich wider zu 
sinem teile gehalden, dar yne riden und sich des ge- 
brachen, also doch daz ere darnach buse und Wandel 
tede wann ere darumbe gefordert werde, alles nach 
derkentnis der drier nach deme als vor und nach ge- 
schriben steet. Were es auch, daz got verbiete, daz 
unser der ganerben eyner den andern totsltige, werde 
der begriffen, da danne auch alle ganerbin die geinwerdig 
weren und die iren getrewlich zu helffen und yne halden 
solden ob sy mochten, so lise man mit yme gehin 
waz recht were, ob ere anders nicht .gnade an dene 
clegern finden kende. — Were aber daz ere dar vone 
queme, so sal ere sines teiles an Schildeck beraubt sin 
mit allem deme daz darzu gehöret, und soll in des 
derslagen erbin sinen teile an Schildeck mit sinen zu- 
gehorungen innemen und innehaben alsolange bis der 
morder darumbe zu buse ader richtunge komen were. — 
Nemelich ist geteidinget, daz unser keiner der ganerbin 
dem andern nyraand vor vorteidingen ader verantworten 
sal ere sitze dann buwelich by yme ader thue es mit 
rechte an arglist. — Sundern ist geteidinget, daz unser 
kyner des andern finde ader die yme adder den sinen 
merklichen ader gröblichen schaden getan betten, zu 
Schildeck in deme sloße adder borkfride nicht halden 
ader verteidingen sal mit furesatze, geschee es aber 
an Vorsatz, so mochte der deme, der sinen find ader 
der yme ader den sinen solchin schaden gethan hette, 
schribin und an yme muten, daz ere yne vermochte, ob 
ere anders sin find were, daz ere die fehede und ver- 
warunge ab tede ader yme buse, karunge und wandel 
tede umbe solichin schaden. Tede ere es dann nicht 
von stunt, so salde ere yne da dann heisen konien 
mit siner habe innewendig zweier tage und nachtfrist, 
dar an man yne auch nichtis hindern sal. Tede ere 
des aber alsdann nicht, so möchte der, des find ere 



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217 

were adder deme ere schaden getlian liette, es mit 
yme halden wie yne gelüstet an widdersprechen eines 
icklichen an alles geverde und an argeliste. — Nemlich 
ist geteidinget daz unser keyner der ganerbin niemand 
zu Schildeck in deme sloße oder borckfride halden sal, 
daryne ader darus ymanden anzugriffen, ere wolle sin 
dann zu rechte mechtig sin. — Were auch daz unser 
einer ader mere der ganerbin undereinander zu feheden 
ader krige queme adder daz andere heren adder lüde 
mit eyne krigeten, also daz unser einer ader mere ufF 
eyne, und eyne ader mere uff dy andere syten weren, 
so sal doch unser keiner adder die sinen dene andern 
adder die sinen us adder in dene borkfride nicht an- 
griffen ader beschedigen, sundern dar yne als gude 
ganerbin undereynander sitzen und bliben nach allem 
deme als vorgerort ist angeverde. — Sundern ist bered 
und geteidinget worden, ab wir Johann apt abgingen 
und eine nuwe apt zu Fulde worden, daz der zu deme 
sloße Schildecke nicht gelaßen werden sal von unser 
keyme der ganerbin noch auch deme voite der von 
des Stiftes wegen da were, ere habe danne disin bork- 
fride vore gelobet und gesworen. Desselbin glichen 
were, daz unser einer adder mere der ganerbin sone 
betten dy zu iren jaren, nemelich zwelff jaren, komen 
weren, wolden sich die us und in daz vorgenante sloß 
und borkfride Schildeck ziehen und sich des gebruchen, 
adder ob unser einer adder mere der ganerbin iren 
teile verpffenden ader verkeuffin musten ader wolden, 
ader ob der ganerbin einer ader mere formunder ge- 
wonnen, adder ob unser einer der ganerbin ader mere 
zu zyten einen amptmann ader voit daselbst hine setzin 
wolde, daz man der keine zulaßin sal, ere habe danne 
zuvorntan disin borkfride gelobet und gesworen zu 
halden an argliste. Me ist gered, ob unser der ganerbin 
einer ader mere, sine nachkomen ader erbin iren teil 



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218 

miteinander ader ein teyle und iren zugehorunge an 
deme vorgenanten unserme sloße Schildeck verpffenden 
uflf widerkauff ader ortedeclichin verkauffin wolden, 
worde daz uff uns Johanns apts syten also gelegen, 
waz wir dann an unserme teile verpffenden wolden, daz 
solden wir den andirn unsern ganerbin adder iren 
erbin anbieten ein gantz virteil jares vore sant Peters 
tage ad cathedram genend. Wolden sy dann ir einer 
ader mere uns als vile als andere daruff lihen, so solden 
wir yne des gönnen vor allin andern, wolden wir 
es aber verkeuffin, so solden wir es yne aber solicher 
mase verkondigen als nehest gerort ist; und waz wir 
dann also daran verkeuffen wolden alles oder ein teile, 
daz solden wir yne nicht thurer achten dann daz sich 
ye ein achtenteile an deme vorgenanten gantzen sloße 
und siner zugehorunge gebore füre nunhundert gülden 
nach antzale, usgenomen waz wir ader unsere nach- 
komen an unserme teile sundern gebuwet hetten nach 
dato dis briffes, daz nicht an gemeynen buwe ge- 
scheen were, dene solden sie uns auch nachgliche ab- 
legen und hinnach geben, und ob wir uns darumbe 
under eyne nicht vereynen mechten, waz dann unser 
gekoren dry frinde erkenten in eyme glichen, daz sy uns 
dafure geben solden, darby solde es bliben und gehalden 
werden. Were aber daz sy der vorsatzunge oder kauffes 
mit uns solichermasen nicht angehin wolden, so mechten 
wir des kauffes mit andern unsern genoßen oder armen 
luden angehen und daryne tun nach unserme besten 
nutzen an ire, irer erbin und eines icklichen widder- 
sprechen, also doch daz dieselbin, dy darzu also komen 
solden, disen borkfride nach sinem innhalden gelobet 
und gesworen haben, ere dann sy zu deme vorgenanten 
sloße adder siner zugehorunge gelassen werden nach 
deme als nehest gerort ist an alles geverde. Were aber 
daz es uns Dytteriche here zu Bickenbach, Erkinger 



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219 

von Sauwinsheyme ritter, Conrad von Steinauwe Stein- 
nicke genand, odder Conrade vom Hütten unser eines 
adder mere sache also gelegen worden, daz wir ader 
unser erb in unßern teile, welcher daz were, versetzen 
ader verkeuffen mussten ader wolden, daz solde unser 
einer, welchem daz also gelegen werde, dene andren 
itzund genanten sinen ganerbin anbieten ; wolden sy 
dann daruff nicht lihen ader darumbe keuflfen, so solden 
wir es darnach unserme obgenanten gnedigen herren von 
Fulde ader sinen nachkomen anbieten und deme auch 
folgen und nachgehen mit der pffandunge oder verkauflfe 
welches daz were in alle der mase als nehest von dem- 
selben unsme herren von Fulde und sinen nachkomen 
geschriben steet, und wolden alsdann ir keiner daruff 
lihen ader darumbe keuffen, so mochten wir des kauffes 
ader pffandunge mit eyme oder meren unsern genoßin 
angehin und dar ynne tun nach unßme willen und 
nutzen an widdersprechen eines iklichen, also auch daz 
derselbe ader diselben, dy also zu eynem teile da 
körnen wolden, zu voran disin borkfride globet und 
gsworen haben zu halden, alles nach deme als nehest 
und auch da vore geschriben steet angeverde. Und 
welich unser sinen teile solichermase also verpffente 
ader verkeuffte, so solden die andern ganerbin deme 
der daz keuffte ader daruff lihe nach deme als nehest 
gerort ist zum borkfride nemen und komen lassen an 
inlegunge. — Und were daz der vorkeuffer sine teil 
des dickgenanten sloßes Schildecke mit der zugehorunge 
miteinander verkeuffte und nicht an deme sloße be- 
hilde, so solden dy andirn ganerbin yme ader ere yne 
widerumbe denselbin iren nachkomen, stiffte ader erben 
vorderme von dys borkfrides wegen lenge nicht verbunden 
sin an alles geverde. — Auch ob man sich füre dys 
obgenante sloß legem ader daz verbuwin wolde, wie 
das queme, weliche ganerbin daz dann erfuren, dy 



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220 

solden es von stunt den andern zu wissen tun und solde 
als dann unser icklicher von stunt getruwlich darzu tun 
mit aller siner vermögende und es helfen eintschuden 
mit luden, kosten, geschotze adder was dann em not- 
dorfft were angeverde. — Worde aber daz vorgenante 
sloß verloren, wii daz queme, so solde icklich ganerbe 
getruwlich daran helfen und tun mit liebe und gute 
ob wir daz widder gewynnen mochten, und wii daz 
widder gewonnen worden, so solde doch icklicher 
widder zu sinem teile komen angeverde. — Es ist 
auch nemelich gered und geteidinget, daz unser ik- 
licher der ganerben thormern, thorhutern und wechtern 
Ionen und beköstigen sal nach antzale und geborunge, 
als ere teils an deme vorgenanten sloß hat, an arglist. 
Vorder ist beteidinget, daz wir den ganerben alle jare 
zweene us uns kysin sollen, dy da macht haben zu 
buwen und zu bessern unsern gemeinen buwe daselbest 
zu Schildeck, doch nach rate und derkentnis unser 
aller, es sy an bruken, czunen, siege adder andern 
Sachen, des dann nod ist, darzu dann auch unser ick- 
licher gebin sal nach geborunge als ere an dem sloße 
hat, und were das unser etlicher daran sumigk worden 
und sine teil nicht usrichte, so mochten dieselben 
buwemeister, welche dan zu jare weren, diselben ader 
dy iren darumbe pffenden und solche antzale und ge- 
borunge dar von usrichten und daz auch als dicke tun 
des not wirdet an alles geverde. — Auch sal unser 
keiner buwin an der gemeyne des dickgenanten sloßes 
an der andirn ganerbin aller willen und rad an geverde. 
Nemelich ist bered, daz wir Johann apt des stiftes 
Fulde und unser nachkomen einen der gekoren darzu 
kysin und geben sollen, und wir Ditterich here zu 
Bickenbach, Erkinger von Sauwinsheym ritter, Conrad 
von Steinawe Steinrucke genand, und Conrad vom Hütten 
den andern, und wir obgenanten miteinander einen 



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221 

gemeynen oberman, als wir Johann apt dann itzunder 
Hansen vom Hütten dene jungen gekoren haben, und 
wir obgenanten den andirn ganerbin Caspar von Bybra, 
und danne miteinander Mangolde von Eberstein als 
einen oberman gekoren haben. Und wann man von 
gebrechen wegen des borkfrides vorgerorte der itzunt 
genanten bedarff, so sollin die parthien, die der sache 
dann widder einander zu schicken haben, dieselbin ir 
iklicher besundern darzu bidden und daz auch tun als 
dicke des not wirdet, und yne die sache furlegen ; 
was sie dann alle adder ir der merer teil erkenten by 
irme eyde, also solde es von allen teilen gehalden 
werden. — Und wie dicke derselben gemeynen gekoren 
einer abginge, wer der uff unser Johanns aptes siiten 
gekoren gewest, so solden wir adder unser nachkomen 
einen andern an desselben abgegangen stad kysen 
innewendig vire wochen dene nehesten als wir darumbe 
gemand worden von den andern unsern ganerbin ir 
eyme ader mere. Desselbigen glichen solden wir die 
andern ganerbin auch tun, ob unser gekoren frund 
abginge, wann wir des vermanet worden von deme vor- 
genanten unsern hern von Fulde oder sinen nachkomen. 
und welchem teile daz also gelegen worden, wenne 
der ader die gekoren betten nachdeme als nehest ge- 
schriben steet, die solden daz der andern parthie zu 
wissin tun. — Were aber daz unser gekoren oberman 
abginge, so solden wir innewendig zweien menden den 
nehesten darnach als uns daz zu wissen worden were, uns 
zusamen verboten und eines gemeynen obermans an des 
abgegangen stat oberkomen und kysin an all geverde. Es 
sal unser icklicher und die sinen den andirn und die sinen 
futerunge erlassen in deme borkfride ungeverlich. — Welch 
unser der ganerbin einer ader mere von sine ader der 
sinen von borkfride wegen zu dem andern zu sprechen 
hette, darumbe ere yne meynte antzulangen, tede ere 



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222 

darumbe nicht kontliche vorderunge bynne der jarsfrist 
nehest nachdeme die sache gescheen were, so solde sie 
vorder tod und abe syn und keine vorderunge darumbe 
zutunde haben angeverde. — Diser borkfride sal weren 
und nicht abgehin mit godes helffe dii wile wir dies 
vorgenante sloß und gerichte also inne haben, und sal 
dene unser keyner widdersprechen ader nicht daruß sin 
mit Worten oder werken, heymelich ader offinlich in 
keyne wys anders dann diser briif von worte zu werte 
ludet und saget, es were danne daz wir, unser nach- 
komen und erbin gemeinlich eines andern bessern bork- 
fride oberquemen und eine worden, alles an argk. 
Diser vorgeschribene borkfride sal angehen an deme 
sloße Schildeck und dar yne und darumbe so ferre 
bis gein Schuntra, von Schuntra bis gein Metchinfeld, 
von Metchinfeld biss gein Ritenbergk, von Ritenbergk 
biss gein Gernode, von Gernode geyn Sinchinrayne, von 
Sinchinrayne widder gein Schuntra und darynne umbe 
und umbe biß an daz sloß vorgenante, also doch 
daz unser keynem der gan erben, sinen nachkomen oder 
erbin daz keynen schaden bringe an unser ikliches 
rechte daz wir in dene itzund genanten dorffen und 
borkfride habin ongeverde. — dise obgeschribin artikel 
alle und iklichin besundern, als die von Worten zu 
Worten hier inne geschrieben steen, haben wir , ob- 
genanten Johann apt des stiftes Fulde und wir Ditterich 
here zu Bickenbach, Erkinger von Sauwinsheyme ritter, 
Conrad von Steinawe Steinrucke genand, und Conrad 
vom Hütten, wir Johann apt füre uns, unser nachkomen 
und stift und wir itzund genanten füre uns und unser 
erbin unser einer dem andirn mit hande in hande 
mit einer rechten steten truwen gelobet und darnach 
mit uflfgerachten fingern liplich zu den heiligen gesworen 
stete, feste und unverbrüchlich zu halden an alle geverde 
und argliste. — Und des zu bekentnis und merer sicher- 



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223 

heite haben wir Johann apt unser groser ingesigel füre 
uns, unser nachkomen und stift, und wir Ditterich here 
zu Bickenbach, Erkinger von Sauwinsheime ritter, 
Conrad von Steinawe Steinruck genand, und Conrad vom 
Hütten füre uns und unsere erbin unser iklicher sin 
eygen ingesigel mit rechtin wissin auch an disen briff 
gehangen, datum anno domini millesimo quadringente- 
simo vicesimo quinto, ipsa die beati Petri ad Cathedram. 

Die schadhaften Wappen der Herrn von Bickenbach, 
Steinau und Hütten hängen an, das des Aptes von 
Fulda ist abgefallen. 

Die wohlerhaltene Pergament-Urkunde befindet sich im Be- 
sitze der Bibliothek des Vereins für hess. Geschichte und Landes- 
kunde zu Kassel. 



IC^- 



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224 



V. 

Die Kasseler Bibliothek im ersten Jahr- 
hnndert ihres Bestehens. 

(16. und 17. Jahrhundert.*) 

Von 
Dr. Carl Scherer. 

^■Mapuncker hat in seiner als Festschrift zum 300jäh- 
^^^rigen Bestehen der Landesbibliothek zu Kassel 
erschienenen Abhandlung: Landgraf Wilhelm IV. von 
Hessen, genannt der Weise, und die Begründung der 
Bibliothek zu Kassel im Jahre 1580, Kassel (Theodor 
Fischer) 1881, ein anschauliches und lebendiges Bild 
gezeichnet von der ersten Entstehung dieser schönen 
Schöpfung jenes Fürsten, von dem warmen Eifer des 
Stifters für ihr weiteres Wachsthum und von den Be- 
mühungen und Hilfeleistungen befreundeter Gelehrten 



*) Die nachfolgende Darstellung beruht, namentlich in ihrem 
zweiten Theile, soweit nicht andere Quellen namhaft gemacht 
worden sind, vorwiegend auf den bislang unbeachtet gebhebeiien 
Akten der Landesbibliothek. Ich habe den betreffenden Angaben 
die Bezeichnung: A. L. B. zugefügt. 



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225 

zumal von der Thätigkeit und dem Leben des ersten 
Bibliothekars Johann Buch. Das frühste Zeugnis da- 
für, dass der Genannte Bibliothekar der landgräflichen 
ßüchersammlung war, stammt aus dem Jahre 1584 und 
findet sich in einer Rede, die der Marburger Professor 
Philippus Matthaeus am 16. Februar dieses Jahres auf 
den Tod des Landgrafen Philipps IL des Jüngeren, der 
einst des Magisters Buch Unterricht genossen hatte, 
hielt und zu Marburg dem Druck übergab *). Ist hier- 
nach gewiss Buch der Bibliothek als deren erster Vor- 
steher gesichert, so müssen wir doch andererseits die 
Zeitgrenzen für die bibliothekarische Wirksamkeit jenes 
Mannes, wie sie Duncker gezogen hat, einschränken, 
denn thatsächlich ist Buch nicht bis zu seinem Tode 
im September 1599**) ununterbrochen an der 
Bibliothek thätig gewesen. Es findet sich unter den aus- 
gewählten Gedichten des Rodolphus Goclenius ein Lied, 
welches dem »Joanni Rodingo: illustrissimi Principis 
D. D. Guilielmi, Hassiae Langravii, &c Bibliothecario : 
& opt. Matronae Margaritae Transfeldiae, novis Sponsis« 
gewidmet ist***); wir wissen andererseits aus der poe- 
tischen Zueignung, die drei Freunde Rudolf Goclenius, 
Hieronymus Treutier und Jacob Thisius dem Job. Ro- 
dingus beim oben erwähnten Anlass zusandten, dass 

*) Oratio de vita et obitu illustrissimi Principis ac Domini 
Bomini Philippi Junioris . . . habita Marpurgi a Philippo Matthaeo 
. . . Marpurgi (Per Aug. Colbium.) 1584. 4. "Wiederholt im Pa- 
negyr. Acad. Marp. Marp. 1590. 8. 

**) Der 29. September ist der Begräbnistag Buchs nach den 
Ton Schnmieke angefertigten Auszügen aus den Kasseler Kirchen- 
büchern. Mscr. Hass. fol. 113 [Stand. Landesb.] s. dazu Duneker 
a. a. 0. S. 9. 

***) Li her selectiorum carrainum Rodolphi Goclenii . . . Nunc 
primum in lucem editus. Marburg (Hutwelcker). 1606. 8. Eben- 
so bezeichnet ein Anagramm des Fabronius auf Joh. Roding diesen 
in der Uebersohrift als „Poeta et Magister artium Bibliothec. Oas- 
sellanus" s. Mscr. Poet. fol. 12 S. 762. [Stand. L.-B.-l 

N. F. XVII. Bd. 15 



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Ö26 

die Hochzeit im Jahre 1588 stattgefunden hat*). Wir 
gewinnen somit für diesen Zeitpunkt einen zweiten 
Bibliothekar in der Person des Johannes Rodingus. Als 
Sohn**) des bekannten Marburger Theologen und Pro- 
fessors Nikolaus Roding und Enkel des vermuthlich 
aus der Schweiz eingewanderten, späteren Treysaer 
Bürgermeisters Johann Roding ***) zu Marburg geboren, 
erhielt der Jüngling seine akademische Bildung auf der 
Hochschule seiner Vaterstadt, in deren Album er vom 
zeitigen Rektor Oldendorpius am 22. September 1562 
eingeschrieben istf). Johannes hatte sich wie sein 
berühmterer Bruder Wilhelm ff), der zuerst das Ca- 
meralrecht in ein System brachte, der Rechtswissen- 
schaft gewidmet und erscheint so als Notar und An- 
walt in Rechtsurkunden aus den Jahren 1582, 1592 
und 1597fff). Im Jahre 1602 begegnet er uns wieder 
als Bürgermeister von Kassel und Oberhaupt des dor- 
tigen Stadtgerichts, im folgenden Jahre noch einmal 
unter den Schöffen der Stadt *f). Wann Roding, der 



*) Strieder, Gel. Gesch. Bd. XI S. 326; Rodings erste Frau 
war am 15. Nov. 1585 begraben, s. Mscr. Hass. fol. 113 ßl. 330. 
[Stand. L.-B.] 

**) StÖlzel, Die Entwicklung des gelehrten Kichterthums. 
Bd. I S. 121 u. 145. 

***) Strieder Bd. XI S. 322 und Stöl^ a. a. 0. Bd. I S. 121 
Note 28. 

t) Gatalogiis studiosorum ... ed. Caesar. P. II p. 54. 
tt) Ueber ihn s. Stintxingy Geschichte der DeTutsch. Eechts- 
Wissenschaft. Bd. I S. 520; in der Ausgabe der Pandeetarum 
Cameralium des Wilhelm Roding von 1604 (Cassei bei Wessel 
gedruckt) hat Johannes dem verstorbenen Bruder ein Epitaphium 
gesetzt. 

ttt) Stölxel a. a. 0. S. 445; die Urkunde von 1592 besizt 
die Bibliothek des. Geschieh tsvereius. 

*t) Sfökelj Büigermeistcr und Rath der Stadt Kassel 
(1239—1650). In der Zeitschrift des Vereins für Hess. Gesch. N.F. 
Bd. V S. 150. 



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227 

zum letzten Male unseres Wissens im Jahre 1605 als 
fürstlicher Rath erwähnt wird, gestorben ist, war nicht 
zu ermitteln; sicher war er bereits nicht mehr am 
Leben etwa im Jahre 1621/22, wo wir in einem Ent- 
wurf des Moritzschen Hof- und Kanzley-Staats Johannis 
Rodhigi seeligen Wittib mit einem Gnadengehalt von 
47 fl. und 20 alb. jährlich bedacht sehen*). Roding 
muss, das lässt sicli selbst aus den spärlichen Nach- 
richten schliessen, eine angesehene Stellung einge- 
nommen haben. Wir sehen ihn in Beziehungen zu D. 
Johannes Magnus, dem fürstlichen Rath, dem er als 
litterarischer Beistand den Abdruck eines Werkchens in 
Nürnberg und Beschaffung von Büchern aus Kassel 
nach seinem Wohnorte Treysa vermittelt**). In dem 
umfangreichen Foliobande, der die noch zum grössten 
Theile ungedruckten Diebtungen des Philologen, Theo- 
logen, Rechtsgelehrten und gekrönten Dichters Her- 
mann Fabronius ***) enthält und der nach manchen 
Schicksalen schliesslich in der Kasseler Bibliothek ein 
sicheres Obdach gefunden hat, steht — denn nicht 
leicht ist ein damals , Lebender von des Fabronius 
Muse verschont geblieben, — auch eine dem Rodingus 
gewidmete Elegie f). Von Kassel aus, wo die Pest 
tobt, schreibt der Heimgekehrte an den Magister Joh. 
Rodingus, den Dichter und einzigtheuren Freund, der 
sich nach der ländlichen Stille von Rengershausen 

*) Mscr. Hass. fol. 77 Bl. 21. [Stand. Landesbibl.] und 
unten S. 236. 

**) Mscr. Ha&s. fol. 101 Bl. 296. [Stand. Landesbibl.] Jo- 
annis Kodingii ad. D. Johannem Magnum . . . Epistola data e 
pago Rengei-sbausen. 9. die Oct. 1598. Abschrift von Kalck- 
hoffs Hand. 

***) Howmel Bd. VI S. 479 und Strieder Bd. IV S. 48 ff. 
t) Mscr. Poet. fol. 12 Elegiar. Liber IV. Elegia XV S. ,341. 
Üeber die Schiclisalc der Handschrift s. die Bemerkung Bemiiardis 
vorn in dei'selben. 

15* 



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228 

geflüchtet hat und hier in Trauerliedern der Opfer ge- 
denkt, die die grimme Seuche in der Stadt fordert. 
Ein Originalbrief, gleichfalls im Besitz der Landes- 
bibliothek *), zeigt vertrauten Verkehr mit Jacobus Mo- 
sanus, dem sprachenkundigen Leibarzt und eifrigen 
Mitarbeiter des Landgrafen Moritz in dessen chemischem 
Laboratorium**), demselben Manne, der im Verein mif 
seinem Freunde Hermann Wolff im Jahre 1609 eine 
Beschreibung des damals „neu eröffneten und an seinen 
thugenden wunderbarlich befundenen" mineralischen 
Brunnens bei Nordshausen unweit von Kassel herausge- 
geben hat***). Das Schreiben, unterm 18. August 1599 
in gewandten Distichen abgefasst, wendet sich an den 
Freund, der augenblicklich in Rotenburg weilt, mit 
einer eiligen Nachricht. Der Inhalt ist leider dürftig; 
es handelt sich um eine für den Briefempfänger wichtige 
Angelegenheit, die der Schreiber offenbar nicht dem 
Papier anvertrauen mochte und von der wir nun, weil 
sie allzu wichtig und geheim behandelt ist, nichts er- 
fahren dürfen. Die Nachschrift empfiehlt den Dr. Lu- 
canus — es ist vermuthlich der Dr. jur. und Hers- 
feldische Rath Laurentius Lucanus gemeint f) — der 
gelegentlichen Fürsprache und Unterstützung beim Land- 
grafen. Für die gute Stellung, die Roding zu seinem 
Fürsten einnahm, spricht am besten eine kleine, launige 
Einladungskarte, die Moritz an den rechtskundigen Mann 
am 6. October 1605 aus seinem staubbedeckten Museum 



*) Msor. litt. fol. 4 unter Rodingus. 
**) Rommd Bd. VI S. 493 u. Strieder Bd. XVII S. 285. 
***) Beschreibung des Mineralischen Brunnens, so newliclier 
Zeit bey Cassel in Hessen widerumb in Brauch gebracht woiden 
. . . Cassel (Wessel.) 1609. In demselben Jahr erschien ebenda 
auch der lateinische Text. 

t) Die auf den Tod seiner Gattin (8. Oct. 1590) erschieneneu 
„Elegiae et consolationes'' wurden 1591 bei P. Egenolph in Marburg 
gediiickt. 



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229 

richtet*). Der Gelehrte soll ihn am andern Morgen um 
6 ühr besuchen und einpaucken für die juristischen 
Institutionen, die der Landgraf an demselben Tage mit 
einigen jungen Edelleuten treiben will; aber kurz und 
klar soll die Vorlesung sein, denn so präge er es sich 
am leichtesten ein und übermittele es am besten seinen 
Schülern. 

Von der Thätigkeit Rodings als Dichter, die gewiss 
der Sitte der Zeit entsprechend sowie den ihm verliehenen 
Titel „Poeta" rechtfertigend eine grosse gewesen ist, 
habe ich nur zwei gedruckte Einzelwerke in den 
Händen, eine dem Landgrafen Wilhelm IV. gewidmete 
Trauerklage auf den Tod von Reinhard Scheffer, Johann 
von Meysenbugk und Eckbrecht von der Malsburg aus 
dem Jahre 1587 und ein Glückwunschgedicht für Augustus 
Sagittarius **). Eine Ethik, deren Vorrede, datirt vom 
1. September, sich an Bernhard von Anhalt wendet, 
ist mir nur in der Hanauer Ausgabe von 1593, wo sie 
zusammen mit des Scribonius Ethik erschien, bekannt***). 
Sie gibt nach Ramistischer Methode in schulmässiger, 
knapper Form die Begriffsbestimmungen der Sittenlehre. 
Nach einer Bemerkung Kalckhoffs soll Roding auch den 
Pandektencommentar des Matthaeus Wesenbeck zuerst 



*) Mausol. Maurit. S. 20. s. auch Rommel Bd. VI S. 499. 

**) Querimonia lugubris super obitum ßeinh. Schefferi . . . 
Joannis de Meysenbugk ... et Egbrechti de Malsburgk . . . Autore 
Joanne Rodingo Hasso. Marburg (P. Egenolph.) 1587. Das Titel- 
blatt des Kasseler Exemplars hat 3 handschriftliche Distichen, 
eine Widmung an einen ungenannten Dr. med. — Carmen in ho- 
norem . . . Dn. lugusti Sagittarii Dresdensis, gradum Baccalau- 
leatus in Academia Marpurgensi consequentis, 23 Maij Anno &c. 
77 scriptum a Johanne Rodingo Martispurgensi. o. 0. u. J. 
1 Bl. fbl. 

♦♦*) Ethicae Libri Quatuor Joannis Rodingi Marpurgensis ; 
Ad methodi Ramee leges conformati. Nunc secundö in lucem editi. 
Hanoviae 1593. 



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230 

1602 zu Lieh veröffentlicht haben *). Handschriftlich 
besitzt die Landesbibliothek von Roding eine „Pane- 
gyris" auf Philipp und „Memorabilia'* aus Wilhelms 
Leben, beide dem Landgrafen Moritz gewidmet**). 

Rodings Thätigkeit an der Kasseler Bibliothek ist 
vermuthlich nicht von langer Dauer gewesen, denn bereits 
am 1. Januar 1593 wird der alte Buch wiederum ver- 
pflichtet „die Fürstliche Bibliothec, Mappen und in- 
strumenta mathematica in guter Verwahrung und in- 
ventario zu halten" ***). Möglich, dass Buch nunmehr das 
Amt bis zu seinem Tode inne gehabt hat. 

Der Mann, dem an dritter Stelle, soweit wir wissen, 
die Verwaltung der Bibliothek übertragen wurde, war 
JacobusThysius. Ein Vlamländer von Geburt und 
gebildet auf den Schulen zu Antwerpen und Löwen, hatte 
Thysius als Jüngling die Fremde aufgesucht, in Mar- 
burg, Heidelberg und Ingolstadt studirt, sich in Frank- 
reich, Ungarn und Italien umgesehen und auf den 
dortigen Hochschulen, zuletzt in Padua, gute Sprach- 
kenntnisse und juristisches Wissen erworben. Die 
inneren religiösen und politischen Unruhen verscheuchten 
ihn später, wie so manchen seiner Landsleute, aus der 
Heimath; in Hessen, wohin er mit Empfehlungen kam, 
fand er sein zweites Vaterland f). Bis zum Jahre 1788, 
wo das Gebäude dem neuen Brückenbau weichen musste. 



*) Joh. Christ. Kalekhoffs Hassia literata. Mscr. Elass. fol. 72a. 
[Stand. Landesbibliothek.] 

**) Im Sammelband Mscr. Hass. fol. 48. 
***) Strieder Bd. II S. 50 Anmerkung. 

f) Die Hauptquelle für Thysius ist Wilhelm LHlicK De 
Urbe et Academia Marpurgensi ed. Caesar. P. IV S. 3t). Dai'aus 
abgeschrieben sind die Kalckho ff 'sehen handschriftlichen Nach- 
richten der Kasseler Bibliothek (Ms. Hass. 4<^ 79 und 4*^ 133) sowie 
Frehery Theatrum virorum eruditione clarorum. S. 1028, der auch 
das Bildnis übernommen hat; s. auch Bommel Bd. VI S. 503 u. 
808; Strieder Bd. XVI S. 181 u. Duncker a. o. 0. S. 27. 



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231 

pries eine Inschrift am Thysiusschen, dem späteren 
Dillingsclien Hause am Markt zu Kassel den gastlichen 
Genius des Landgrafen Moritz, der hier einem Ver- 
triebenen eine Zufluchtsstätte bereitet hatte *). Etwa 
1595 mag Thysius nach Kassel gekommen sein; im 
folgenden Jahre finden wir ihn noch einmal in seiner 
Geburtsstadt Antwerpen. Ein Brief, den er von dort 
am 10. Juli nach Kassel an den Dr. jur. und Fürstl. 
Rath Magnus Weif^enbach schickt **), lässt einmal ein 
gewisses Ansehen beim Antwerpener Rath, bei dem er 
sich in Sachen des Weiffenbach verwendet, erkennen 
und andererseits ein bereits günstiges Einvernehmen 
mit seinem neuen Landesherrn vermuthen. 

Am 4. August 1600 gründete sich Thysius seinen 
Hausstand, indem er die nachgelassene Tochter des 
Hessischen Capitäns Caspar Geyse, der beim Bau des 
Jägerhauses zu Kassel umgekommen war, als Gattin 
heimführte ***). Was der befreundete Fabronius in seinem 
unvermeidlichen Hochzeitsgedicht den jungen Eheleuten 
gewünscht hatte: 

„Thysi, fausta, precor, regaent in oonjuge lecto, 

Thysius ut blandus prodeat inde puer^t) 
ging überzeitig in Erfüllung, denn im Kirchenbuche lesen 
wir bereits unterm 21. October desselben Jahres: „hat 
Jacobus Thysius taufen lassen, Gevatter gewesen der 
Cammermeister Johann Heugel und dem Kind der Namen 
Johann Friedrich gegeben" und der Schreiber fügt hinzu: 

*) Caspar smi, Geschichte sämmtl. Hessen -Cassol. franz. 
Coloiüen. S. 6—7 und Strieder Bd. XVI S. 181 Anmerkung. 

**) Abschrift von Kahkhoffs Hand in Mscr. Haas. 4'> 101. 
[Stand. Landesbibliothek.] 

***) 'Schminckes Auszüge aus den Kirchenbüchern in Mscr. 
Hass. fol. 113 Bl. 321b [Stand. Landesbibliothek.] und Strieder 
Bd IV S. 33. 

t) Fabronii Epigr. Lib. 11. Mscr. Poet. fol. 12 S. 435. [Stand. 
Landesbibiioth.] 



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232 

„Es ist aber Thysiana nona post nuptias septimana ins 
Kindsbett kommen non sine grandi ecclesiae hujus scan- 
dalo weil sie in einem Krantz zur Kirche gegangen" *). In 
ebendiesem Jahre wäre nach Rommel**) Thysius Sekre- 
tarius und Bibliothekar geworden, nach Strieder letzterem 
erst 1620***). Ich finde dem gegenüber folgendes. 
Fabronius nennt im Jahre 1600 den Thysius Licentiatus 
juris, ebenso bezeichnet sich der Gelehrte selbst in einem 
Huldigungsgedicht, das der italiänischen Sprachlehre 
seines Freundes Catharinus Dulcis vom Jahre 1605 vorge- 
druckt istf), sowie in einem kleinen, handschriftlich 
vorhandenen Lobgedicht auf Messungen aus dem letzten 
Jahrzehnt des 16. oder ersten des 17. Jahrhunderts ff). 
Ein kurzer, wohl derselben Zeit angehöriger Brief des 
älteren Goclenius trägt die Aufschrift an den Geheim- 
Sekretär Jacobus Thysius fff). Diese Zeugen wissen also 
nichts von einer Stellung an der Bibliothek. Der erste, 
den ich als Gewährsmann dafür anführen kann, dass 
Thysius fürstlicher Bibliothekar war, ist Bartolomaeuß 
Bilovius in den dem Letzteren gewidmeten Versen im 40. 
Buch seiner Epigramme *f ), wo er diesen ausdrücklich mit 
L U. L. Poeta egregius und Biblioth. Cassell. praefectus 
anredet. Das genannte Büchlein des Bilovius ist zwar 
ohne Angabe des Druckjahres erschienen, muss aber 
zweifellos im Jahre 1611 entstanden und veröffentlicht 



*) Mscr. Hass. fol. 113 Bl. 321 b. [Stand. Landesbiblioth.] 
**) Bd. VI S. 503 iiDd Dtmcker a. a. 0. S. 27. 
***) Bd. XVI S. 181. 
t) Catharini Dulcis Schola Italica . . . Francoforti. [1605.] 8. 
s. auch Rommel Bd. VI S. 477 und Strieder Bd. III S. 243 ff. 

tt) Mscr. Hass. fol. 12 Bl. 202. Überschrieben: Dedicatio 
Milsungiae. [Stand. Landes bibl.] 

ttt) Mscr. Hass. 4« lOl S. 257. [Stand. Landesbiblioth.] Abschrift 
von Kalckkoff. 

*f) Barptolomaei Bilovii Epigrammatum Libellus XL. Magde- 
burg (Joachim Boelius.) o. J. 8. 



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233 

sein. Ein unsteter, nicht unbeanlagter, aber etwas lüder- 
licher und verliebter Geselle, dem die Krönung zum 
kaiserlichen Poeta laureatus vermuthlich den Kopf ver- 
drehte, war Bilovius nach manchen Reisen 1611 nach 
Hessen aufgebrochen. Von Marburg, wo er mit den 
Profe^sorenkreisen Fühlung gewann, kam er nach Kassel 
an den Hof, wo Moritz den Gelehrten günstig aufnahm. 
Entweder in dankbarer Gesinnung oder eher noch in 
Hoffnung auf Anstellung hat der Dichter damals das 40. 
Bach seiner Epigramme, das sich fast ausschliesslich an 
Hessische Persönlichkeiten wendet, geschrieben und dem 
Landgrafen gewidmet, noch ehe er um Neujahr 1612 
auf Kasseler Empfehlung hin die Rectorstelle in Schmal- 
kalden erhielt *). Fällt somit jenes Gedicht auf Thysius 
ins Jahr 1611, so erhalten wir hierdurch ein sicheres 
Zeugnis für dessen Thätigkeit als Bibliothekar. Wenn 
es erlaubt wäre, ein Mahnschreiben des Thysius**), in 
dem er am 6. Februar 1605 Bücher zurückfordert, als 
Dienstsache und nicht als Privatangelegenheit aufzu- 
fassen — und beides ist möglich — so kämen wir höher 
hinauf in das Jahr 1605. 

Bereits 1615 erhält dann der Gelehrte seine Be- 
rafung an die Hochschule in Marburg, wo er an Stelle des 
schon 1614 erkrankten Hermann Kirchner sich als Pro- 
fessor der Geschichte und Poetik mit Gregorius Schönfeld, 
der die Redekunst übernahm, in des Erstgenannten Lehr- 
thätigkeit theilt***). Nach 5 Jahren kehrte Thysius 
nach Kassel zurück, um noch 8 Jahre am CoUegium 
Adelphicum als Lehrer der ausländischen Sprachen zu 

*) Über ßüovius s. Strieder Bd. 1 8. 426 ff. Ausführlichere 
Nachrichten bietet der von Strieder nicht benutzte Geisthtrt in der 
Historia Schmalcaldica Heft II S. 128 (Zeitschrift des Vereins für 
Henneb. Gesch. Suppl. Hft. II). 

**) Mscr. litt. fol. 4 unter Thysius. [Stand. Landesbibl.J 
***) Catalogus studiosorum ... ed. Caesar, Part. IV S. 95. 



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234 

wirken *). Am 30. November 1628 trug man den 73jäh- 
rigen zu Grabe; seine Gattin, die ihn um einige Jahre 
überlebte, ist am 17. April 1632 gestorben **). 

Proben seiner Kunstfertigkeit als Dichter, wie ihn 
die beredten Verse seiner Mitjünger in Apoll gern feiern, 
sind gedruckt wie ungedruckt verstreut erhalten Anders 
stel.t es mit einem vermeintlichen grösseren Werke des 
Thysius. Als Nebelthau im Jahre 1858 die sog. 
hessische Congeries herausgab ***), verwendete er für die 
Drucklegung neben zwei anderen Handschriften einen 
Sammelband der Ständischen Landesbibliothek zu 
Kasself), der u. a. von Bl. 173 — 202 eine Beschreibung 
des Landes Hessen nebst den Sitten und Thaten seiner 
Bewohner enthält, die unter dem Titel : Descriptio toiius 
Hassiae tä et de moribus et rebus gestis Hassormn als 
herrenlose Schrift auch in den landeskundhchen Hand- 
büchern von Walther und Ackermann verzeichnet ist. 
Am Ende dieser Beschreibung steht nun unglücklicher 
Weise ausser anderm ein Gedicht, geschrieben von einer 
anderen Hand als die vorhergehenden Blätter, wohl von 
der des Verfassers selbst, der aus der Unterschrift sich 
als unser Jacobus Thysius I. U. L. ergibt. Die Verse, 
die der Stadt Melsungen ruhmvolle Vergangenheit preisen, 
haben mit der vorausgehenden Beschreibung Hessens 
nicht das geringste zu thun. Trotzdem hat Nebelthau ff), 
die von Dunckerfff) offenbar ohne Nachprüfung ge- 
theilte Vermuthung gewagt, dass jene Unterzeichnung des 
Thysius auf die gesammte Descriptio zu beziehen und 

♦) Strieder Bd. XVI S. 181. Irrthümlich lässt ihn Fabrouius 

bei Dilich (s. o. S. 230 Anm.) als Greis nach Belgien zurückkehren. 

**) Mscr. Hass. fol. 113 BI. 337 u. 155. [Stand. Landesbibi.] 

***) Zeitschrift des Vereins für hessische Ges(-hichte. Bd. Vll 

8/30911'. 

t) Mscr. Hass. fol. 12. 
tt) a. 0. 0. S. 311. 
ttt) a. 0- ^' S- '^'^ ^^^' 2- 



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285 

somit diese als Arbeit des Genannten anzusehen sei. 
Nebelthau wäre schwerlich auf diesen Gedanken ge- 
kommen, hätte er die dem eigentlichen Texte voran- 
geschickten Widmungen näher angesehen. 

Die Zueignung des Werkes ist geschrieben und 

unterzeichnet von Johannes Hartmannus Ambergens palat. 

Will man aus ihr allein Schlüsse ziehten, — und das 

konnte man wohl, so lange man wie Nebelthau nur eine 

Niederschrift der Descriptio kannte, — so muss man 

in Hartmann *), dem bekannten Chemiker und Leibarzt 

des Landgrafen Moritz, den Verfasser sehen. Freilich 

liegt die Sache thatsächlich etwas anders. Die auf 

der Landesbibliothek befindliche Handschrift ist nur 

eine Abschrift des Originals, welches ausser dem 

Texte auch die Federzeichnungen der beschriebenen 

Ortschaften enthielt, angefertigt von einem Manne, der 

sich lange in Hessen umgesehen hatte. Auch dies 

Originalwerk ist zum Glück erhalten; aus der fürstlichen 

Bibliothek zu Kassel kam es einst ins Wilhelmshöher 

Schloss, von wo es ins Marburger Staatsarchiv gelangt 

ist. Diese Handschrift gibt uns den vollständigen Titel 

des Werkes und mit ihm dessen Hauptverfasser, Wilhelm 

Di lieh**). Dilichs Beziehungen zu Johannes Hart- 

mann sind bekannt; er war es, der seinen einstigen 

Lehrer veranlasste von Wittenberg nach Kassel zu 

kommen***), wo er sich alsbald mit ihm verband zu 

diesem gemeinsamen Huldigungswerk für Moritz, der 1591 

entstandenen Descriptio Hassiae. Von Dilich sind Text 

*) Eonimel Bd. YI S. 483 ft. u. Strieder Bd. V S. 281 ff. 
**) s. Caesar^ üober Wilh. Dilichs Leben und Schriften. I.d. 
Zeitschrift des Vereins f. hess. Uesch. N. F. Bd. VI S. 318, der irrig 
die Descriptio in Diliclis spätere Zeit setzt, und besonders Kochen- 
dörffer. Wilhehn Dilichs hessische Chionik, Im Contralblatt für 
Bibliothekswesen. Bd. 11 S. 485 f. 
***) Caesar a o. 0. S. 313-314. 



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236 

und Federzeichnungen entworfen, von Hartmann stammen 
die Widmungsverse und die zahlreichen poetischen 
Einlagen zum Lobe der Städte. Mit der Autorschaft 
des Thysius für diese Bcvschreibung ist es also nichts ; 
wahrscheinlicher ist die Vermuthung, dass der Sammel- 
band, der jene enthält, aus dem Besitze Dilichs in den 
des Thysius überging, und sich so der Zusatz des 
Letzteren erklärt*). Die Privatbibliothek des Thysius 
ist deshalb wohl entgegen der Annahme Rommels**), 
nach der sie geschlossen an den Grafen Ernst von 
Schaumburg gekommen wäre, wenigstens zum Theil 
in den Besitz des Landgrafen Moritz übergegangen. 

Thysius hat die Aufsicht über Bibliothek und 
Kunstkammer nach seiner Rückkehr von Marburg und 
nach Antritt der Kasseler Professur im Jahre 1620 
nicht wieder erhalten, wofür wenigstens der negative 
Beweis zu erbringen ist***). Die Ständische Landes- 
bibliothek besitzt handschriftlich eine üebersicht des Hof- 
und Kanzleystaats unter Landgraf Moritz f ), die zwar 
undatirt ist, aber m. E. aus inneren Gründen nur in 
das Jahr 1621/22 fallen kann ff). In diesem Verzeichniss 
werden alle Beamten und Bediensteten nach ihren 
amtlichen Stellungen und Gehältern, meist unter Bei- 
fügung der Namen, aufgeführt. Aus dem Umstände, 
dass die Stelle eines Vorstehers von Bibliothek und 



*) Ich glaube auch sonst in der erwähnten Handschrift (Msor. 
Ilass. fol. 12) die Spuren des Thysius zu entdecken. 

♦♦) Bd. VI S. 503 u. 808. 

***) Strieder Bd. XVI S. 181 durfte sich zur Stütze seiner 
gegentheiligen Ansicht nicht auf das angeführte Epigramm dos 
Bilovius berufen. 

it) Mscr. Hass. fol, 77. 

tt) I^ie zeitliche Festsetzung ergiebt sich daraus, dass Joh. 
Hartmann schon als Leibarzt vorkommt, was er erst seit 1621 war 
[Strieder Bd. V S. 283), und dass Wilhelm Burckhard Sixtinus, 
der am 13. Januar 1623 seine Dienste verliess {Striedefr Bd. XV 
S. 26), noch unter den Käthen aufgeführt wird. 



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237 

Knnstkammer gar nicht vorkommt, dürfte zu schliessen 
sein, dass sie unbesetzt, also nicht in den Händen des 
Thysius war*). 

Greifbare Spuren, die sich bis auf unsere Zeit hin 
auf der Bibliothek verfolgen liessen, hat die Wirksamkeit 
jener drei ersten Bibliothekare nicht hinterlassen, spätere 
Thätigkeit hat ihre bescheidenen Leistungen aufgehoben. 
Es ist ein Irrthum, wenn Bernhardi glaubte **), dass 
der noch jetzt in Gebrauch befindliche alphabetische 
Zettelkatalog der Bibliothek in seinen Anfängen auf 
Buch zurückgehe, ich vermag vielmehr, was hier zu 
weit fähren würde, den sicheren Beweis zu liefern, dass 
er nicht früher als zu Anfang des 18. Jahrhunderts, 
wahrscheinlich in den 20er Jahren desselben, angelegt ist. 

Es scheint, dass die Anstalt in der Zeit des Land- 
grafen Moritz grössere und wichtigere Erwerbungen 
nicht gemacht hat ***), wenn wir absehen von dem, was 
des Fürsten Lieblingsbeschäftigung, die Chemie und 
Alchemie, schliesslich für die Handschriftensammlung 
gebracht hat. Es ist nicht eben wunderbar, wenn 
Kopp, ein berufener Fachkundiger, sich mit diesen 
Beschäftigungen des Hessischen Landgrafen in seiner 
Geschichte der Alchemie f) in nur wenigen Zeilen ab- 

*) Mscr. Hass. fol. 77 Bl. 22 wird eine Elisabeth Hagen 
mit einem Gnadengehalt von 47 11. und 20 alb. als Bucher- 
W[ärterin] geführt. Sie wird zu dem bescheidenen Aemtchen des 
Staubwischens und Fegens verwendet worden sein. 

**) Vier Briefe die Begründung der . . . Landesbibliothek 
betr. I. d. Zeitschrift des Vereins f. hess. Gesch. Bd. VI S. 148. 
***) Im Jahre 1596 erwarb Moritz von Balthasar Marold die 
Bibliothek von dessen verstorbenem Vater, wofür er ihm ein „Gut 
zu Elgershausen, welches 3 Hufen Landes hält und das Grebengut 
genannt wird, gegen eine 12Viertelpartim jährlich und die Haltung 
eines Freipferdes zu Erblehen " gab. s. Landaus Handschr. Nachl. 
unter „Kassel.** [Stand. L.-B ] 

t) Die Alchemie in älterer und neuerer Zeit Th. I S. 126 
u. 220. Th. II S. 343. Heidelberg 1886. 



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238 

findet, harren doch die hierhin einschlägigen, hand- 
schriftlicli auf der Kasseler Bibliothek erhaltenen Studien 
Moritzens und seiner Mitarbeiter zumeist noch der 
Durchsicht und Bearbeitung. Und doch war, wie 
Joseph Quercetanus, der französische Leibarzt, in seiner 
Pharmacopoe *) rühmt, die Officin dieses Fürsten da- 
mals die trefflichste und bestversehene in Italien, 
Frankreich und Deutschland. Würdig zur Seite stand 
dieser Sammlung chemischer Präparate die zugehörige 
Handschriftenbibliothek, die sich auf 600 Werke belief. 
Moritz Hess kurz vor seinem Tode die sämmtlichen 
„Codices Mstos Chymicos in sein Schlafzimmer bringen, 
ordnen und katalogisiren" **). Sie sind indessen nicht 
sofort nach seinem Tode in die Bibliothek übergeführt 
worden, sondern sie blieben noch im Laboratorium, 
bis sie etwa Anfang der 70 er Jahre des 17. Jahrhunderts 
in die Bücherkammern gebracht und dann auf Befehl 
vom 22. Juli 1675 nach dem vorhandenen Inventar 
dem zeitigen Bibliothekar überliefert wurden ***). 

Während der geschilderten Zeit hat die Bibliothek 
mehrmals ihren ünterkunftsort gewechselt. Man nimmt 
seit Dunckers Abhandlung anf), dass bereits unter 
Wilhelm IV. im Jahre 1585 eine Übersiedelung aus dem 
Kanzleigebäude im Renthof nach dem Oberstock des 
damals errichteten Marstalls stattgefunden habe. Ich 
glaube, dass diese Ansicht, für die ich zweifellose Belege 
vergebens gesucht habe, Misverständnissen ihren Ursprung 
verdankt. Einmal konnte die angeblich früher am Mar- 
stall eingehauen gewesene Inschrift „Pro Mulis EtMusis" 
zu dem Glauben verleiten, dass jener Bau von Anfang 



*) Pharmacopoea dogmaticonim restituta. FA. 2. S. 509. 
**) Kalekhoffs Ilassia literata. Mscr. Ilass. fol. 71 [Stand. 
Landesbiblioth.] und Bommel ßd. VI S. 426 ff. 
***) Verfügung an Dr. Angelocj'ator. A. L. B. 
t) a. 0. 0. S. 16 f. 



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239 

an den Maulthieren und zugleich den Kindern der Musen, 
den Büchern, eingeräumt gewesen sei. Nun ist aber 
jene Inschrift, die zuerst im Jahre 1812 auftaucht, 
durchaus apokryph und kaum etwas anders als Über- 
tragung eines Witzes, der von Voltaire mit Bezug auf 
die Berliner Academie erzählt wird, auf die ähnlichen 
Kasseler Verhältnisse *). Zweitens aber konnte aus 
dem Umstände, dass die Bibliothek im 17. Jhd. sich nun 
einmal im Marstall befand, leicht fälschlich geschlossen 
werden, dass sie von jeher dort gewesen sei, wie dies 
Schmincke in seiner Beschreibung von Kassel denn 
wirklich thut **). Sicher bezeugt ist jedoch nun***), 
dass die Bibliothek 1618 aus dem Schloss in das von 
Moritz gestiftete Collegium Adelphicum d. h. in die 
Gebäude des ehemaligen Carmeliter- oder Brüderklosters 
gebracht wurde, um den Zwecken der Schule dienlich 
gemacht zu werden. Diese Bibliothek wird „amplissima*' 
genannt, es kann also unmöglich, wie Duncker willf), 
eine etwa der früheren Hofschule gehörige, kleinere 
Büchersammlung gemeint sein. Ueberhaupt gab es eine 
solche nicht, vielmehr hatte man damals, wie ich dem 
Berichte eines späteren Bibliothekars entnehme, nur 2 
Bibliotheken ff). Die eine war die grosse, die Wilhelm 
begründet und Moritz für das Haus Kassel bestätigt 
hatte, die andere die vom Letztgenannten erst ange- 
legte sog. Kammer-Bibliothek, die in des Landgrafen 
eigenem Gemach getrennt aufgestellt war und nach- 
mals in den Besitz seines Sohnes Hermann überging. 
Besass die Hofschule somit keine besondere Bücher- 



*) Duncker a. o. 0. S. 18. 
♦*) a. a. 0. S. 195. 

***j Joh. Oroeiics^ De vita et obitu Mauvitii . . . im Mon. Sep. IT 
S. 21; Hartuig, Die nofschule zu Cassel. S. 86. 
t) a. 0. 0. S. 18 Anm. 2. 
tt) Memonal des Scholasticus vom 4. Januar 1653. A. L. B. 



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240 

Sammlung, so liegt die Vermutlmng nahe, dass Moritz, 
wie er im Jahre 1618 dem Adelphicum die grosse 
Bibliothek zugänglich machte, so sie früher aus Rück- 
sicht auf die Hofschule aus dem Kanzleigebäude etwa 
1595 nach Begründung jener Anstalt *) ins Schloss 
hat bringen lassen, von wo sie dann, wie oben erwähnt, 
1618 in den Renthof zurückkehrte. Von hier ist sie 
vielleicht im Jahre 1633, als das CoUegium Adelphicum 
in der neugegründeten Kasseler Universität aufging, 
vermuthlich jedoch noch später, in den Oberstock des 
Marstallgebäudes gelangt. „Nach dieser Translation 
der Bücher aus dem Collegio", wie es ausdrücklich 
heisst **j, hat die Bibliothek „etliche Jahre gantz corifuse 
über einem hauffen gelegen", so dass länger als 4 Jahre 
nöthig waren, um die Bücher zu „separiren, zu collocirn 
und in ihre Stellung zu bringen" ***). Auch dieser Um- 
stand spricht, denke ich, dafür, dass die Bibliothek 
nicht schon 1585, sondern erst in den 30er oder 40er. 
Jahren des 17. Jahrhunderts in den Marstall gekommen 
ist, denn man darf doch unmöglich glauben, dass vier 
Bibliothekare an der Reihe weg es verabsäumt haben 
sollten, der Unordnung auf derselben ein Ende zu 
machen. Wozu wären sie sonst dagewesen? 

Indem ich von 4 Bibliothekaren rede, bleibt der 
Name des vierten noch zu nennen. Es ist der bisher 
in dieser Stellung unbekannte, aus den Akten der Landes- 
bibliothek nun ausgegrabene Nicolaus Crugius oder 
Krug, der, als Rektor der Stadtschule thätig, von Moritz 
zugleich an die Hofschule berufen wurde und zu der Zeit, 
wo er die Bibliothek unter sich hatte, was sicher von 1633 
bis 1644 der Fall war, als Professor der Logik an der 



*) Hartwig a. a. 0. S. 7 f. 

**) Memorial des Scholasticus ps. d. 19. Mai 1654. A. L. B. 
***) Schreiben desselben ps. d. 20. Juni 1655. A. L. B. 



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241 

Kasseler Universität wirkte*). Damals war die Kunst- 
kammer von der Bibliothek, mit der sie bislang zu- 
sammen verwaltet war, getrennt und der Aufsicht eines 
flr. Grau, der Mediciner und Physiker war**), unter- 
stellt, bis erst im Jahre 1644 beide Sammlungen wieder 
in einer Hand vereinigt wurden, üebrigens stellte man 
sich der Universität, die 1633 den Antrag auf Be- 
nutzung, nicht auf üeberlassung überhaupt gestellt 
hatte, merkwürdig schroff und ablehnend gegenüber; 
auch wurde die Zugänglichkeit, die früher offenbar all- 
gemeiner gewesen war, damals sehr dadurch erschwert, 
dass Wilhelm V. in einem eigenhändigen Schreiben 
seinem Bibliothekar befahl „Keinem kein Buch ohne 
Ihrer Fürstlichen Gnaden special befehl aussfolgen zu 
lassen" ***). 

Wohl mag die Zeit für die Bibliothek ohnedies 
jetzt eine ruhige und stille geworden sein, waren doch 
die Stürme des dreissigjährigen Krieges mit ihren mäch- 
tigen Wehen auch über das Hessenland inzwischen 
längst hereingebrochen. Unsrer jungen Anstalt war es 
indessen nicht nur beschieden, ihren alten Besitzstand, 
was nicht jede ihrer Mitschwestern vermochte, zu 
wahren, nein, sie ging auch unter dem schützenden 
Schilde ihres siegreichen Landesherrn auf glückliche Er- 
oberungen aus. 

Wir werden hierbei auf die Erwerbung der Fuldaer 
Handschriften mit ihrem grössten Schatz, dem Hilde- 

*) Memorial des Scholasticus v. 4. Jan. 53. A. L. B. s. auch 
Strieder Bd. II S. 463 und Weber, Gesch. der slädt. Gelehrten- 
schule zu Cassel. S. 132 ff. 

**) Memorial des Scholasticus ps. d. 19. Mai 1654. A. L. B. 
und dazu Strieder Bd. V S. 75 und Härtung a. a. 0. S. 79. 

***) Memorial vom 4. Jan. 1653. A. L. B. Die Angabe, dass 
der Landgraf nicht habe nachgeben wollen, dass „einem oder an- 
dern private ein Buch auss der Bibliothek geliehen werden sollte'', 
beweist, dass früher die Ausleihung liberaler gehandhabt worden war. 

N. F. XVIL Bd. 16 



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242 

brandsliede, und auf die Schicksale der hochberühmten, 
dortigen alten Bibliothek geführt. Ein eigenthümliches 
Dunkel lagert noch immer über dem plötzlichen Ver- 
schwinden dieser Sammlung aus Fulda; nur wenige 
dürftige Nachrichten lassen Vermuthungen Spielraum, 
sicheren Aufschluss vermag uns wohl nur noch ein 
etwaiger überraschender archivalischer Fund zu bringen. 
Bestimmte Zeugnisse geben uns die Gewähr, dass im 
Jahre 1618 die Handschriftenssammlung, wenn auch 
mit kleinen Lücken, noch dastand, gleich sichere Angaben 
belehren uns, dass sie nach dem dreissigj ährigen Kriege 
spurlos verschwunden war *). Während dieser Zeit wird 
demnach auch Hessen für die Kasseler Bibliothek seine 
Beute davongetragen haben **). Es fragt sich nur : wann? 
Ehe Gustav Adolf im Februar 1632 nach Franken 
zog, hatte er dem Landgrafen von Hessen die Abtei 
Fulda sowie die Stifter Paderborn und Corvey eigen- 
thümlich und erblich übergeben. Bereits Ende Februar 
waren die landgräflichen Bevollmächtigten in Fulda, 
um die Vereidigung vorzunehmen. Eine der ersten 
Handlungen der zugleich einrückenden hessischen Sol- 
daten war die Austreibung der Jesuiten, in deren Kirche 
bereits am 29, Februar der Kalvinische Hofprediger aus 
Kassel predigte ***). Man begnügte sich jedoch nicht 



*) Ruland^ Die Bibliothek des alten Benedictiner-Stifts zu 
Fulda. Im Serapeum Jhrg. XX S. 292 ff. 

**) Dass die Brandschatzung von Fulda durch Philipp 1526 
auch die Bibliothek betroffen habe, wie KincUinger, Katalog und 
Nachrichten von der ehemaligen . . Bibliothek in Fulda. S. 15, 
Ruland a. a. 0. S. 143, Orossy Über den Hildebrandts-Lied-Codex 
... In d. Zeitschrift des Vereins f. hess. Gesch. N. F. Bd. VllI 
S. 149 und Dunckcr a. o. 0. S. 30 annehmen, glaube ich nicht, 
weil in den Verhandlungen über die Wiedererlangung der damals 
entführten Sachen ausser von Hausgeräthen, Geschützen u. a 
nur von Urkunden die Rede ist. 

***) Rom7nel Bd. VIII S. 183 f. und Rehn Bd. II S. 348. 



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243 

mit der Ausweisung, man machte sich nun auch an die 
Hinterlassenschaften des geflüchteten Ordens. Am 6. 
März wanderten, wie der gleichzeitig lebende Fuldaer 
Chronist Gangolf Härtung*) berichtet, nicht nur die 
„Schöne Neuwe Stuckfass" aus dem Schlosskeller auf 
des Landgrafen eigens geschickten Wagen nach Kassel, 
sondern mit ihnen auch viele Sachen „auss dem Jesu- 
witters Kloster", und unter dem 20. März schreibt 
derselbe Mann weiter : „ist dockter andRech der audydor, 
undt sein Bruder, der Cantzler, auss der Stadt fulda 
gezogen nach Kassell, undt haben im Schloss die senflFten 
mit nach Kassell genohmen, undt die Senfften im Schloss 
auss der Bibelliteck fohl Bucher geiahten undt auch mit 
nach Kassell gefuhrt" **). Wir können m. E. bei dieser 
Bücherentführung nicht an die wenigen Handschriften 
denken — es mögen deren 20 — 25 sein ***), — die die 
Landesbibliothek noch heute aus Fulda besitzt; hätte 
man sich wohl überhaupt als Herr des Landes mit einer 
so geringen Zahl von Bänden begnügt, wenn man es 
in der Hand gehabt hätte, die ganze Handschriften- 
bibliothek, die nach Hunderten zählte, mitzunehmen; 
hätte man aus jeder Repositur nur einen oder wenige 
Codices aUvSgesucht anstatt die gesammten Schränke 
auszuräumen? Ganz gewiss nicht. Die alte Benedictiner- 
Bibliothek muss damals schon aus Fulda fortgewesen 
seinf), sie konnte aus diesem Grunde nicht mehr ent- 



*) Eine Fuldaische Chronik aus der ersten Hälfte des 17. 
Jahrhds von Gsrngolf Härtung. Hg. von Oegenbaur. Prog. des Gymn. 
z. F. 1863. S. 28 f. 

**) a. 0. 0. S. 29. 
***) Gross a. a. 0. S. 163 ff. 
t) Rulmid a. a. 0. S. 312 ff. und Gross a. a. 0. S. 168. 
Sicher würde doch Abt Johann Bernhard Schenck zu Schweinsberg 
im Juli 1631, wo er Archiv und Kirchenschatz flüchtete, auch die 
Bibliothek gesichert haben, wenn sie noch bestanden hätte, s. 
Gross a. o. 0. S. 157. 

16* 



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244 

führt werden; sie kann deshalb unter der von Härtung 
erwähnten nicht verstanden werden, wir müssen uns 
nach einer anderen umsehen. 

Es ist bislang noch unbemerkt geblieben, dass die 
Kasseler Bibliothek eine recht bedeutende Anzahl von 
meist der katholischen Theologie angehörigen Drucken 
besitzt, die sich durch den handschriftlichen Eintrag 
„S. Societatis Jesu Fuldae" als ehemalige Angehörige 
der 1573 mit dem Einzug des Ordens in Fulda be- 
gründeten Jesuiten bibliothek ausweisen. Die Jesuiten 
haben bis auf die Jahre 1632/33, wo hessische Besetzung 
sie fern hielt, bis zur Auflösung des Collegiums 1773 
in der Stadt gesessen. Ich habe dagegen trotz eifrigstem 
Nachsuchen bis jetzt — und das ist kein Zufall — 
kein Werk im Kasseler Bibliotheksbesitz von denen, 
die aus der Jesuitenbibliothek stammen, auffinden 
können, welches jünger wäre als die 20 er Jahre des 
17. Jahrhunderts. Was in Kassel ist, wird also nicht 
erst in späterer Zeit hergebracht sein, es muss, um es 
kurz zu sagen, aus der Zeit stammen, wo man die 
Jesuiten verjagt hatte und ihre Anstalt ausplünderte, 
aus dem Jahre 1632 *). Jene Bibliothek des Härtung 
ist die Jesuitenbibliothek. Sollten aber damals nicht 
auch unsre wenigen Fuldaer Handschriften mit nach 
Kassel gekommen sein? Es ist nicht eben unwahr- 
scheinlich. Wir wissen aus gleichzeitigen Berichten, 
dass den Jesuiten die Stiftsbibliothek offen stand, und 
dass sie deren Handschriften namentlich für ihre Ver- 
öffentlichungen fleissig benutzten. Zweifellos sind so 
Manuscripte vorübergehend in ihre Behausung gekommen, 
die entweder zurückbehalten wurden oder zu einer Zeit, 
wo die Handschriftenbibliothek schon entführt war. 



*) Aus der jüngeren Jesuitenbibliothek kamen 218 Bände 
in die neubegründete Landesbibliothek zu Fulda, s. 2kcenger^ Zur 
Gesch. der Fuld. Landesbibliothek. Im Hessenland Jhrg. IV S. 322. 



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245 

nicht mehr zurückgegeben werden konnten*). So 
können immerhin auch die Fuldaer Handschriften der 
Landesbibhothek in die JesuitenbibHothek gewandert 
und dann s. Z. mit ihr nach Kassel gekommen sein. 
Dass die Fuldaer Jesuiten alte Handschriften aus der 
früheren Bibliothek auch noch später hatten, die sie 
1632 bei ihrer Austreibung mit sich genommen haben 
müssten, war dortigen Orts im 18. Jahrhundert offenes 
Geheimnis. Der letzte Bibliothekar des Ordens Schul- 
theis verschwand bei der Aufhebung 1773 mit ihnen 
nach Breslau auf Nimmerwiedersehen **). Was von den 
Fuldaischen Erwerbungen nach Kassel gelangt war, 
kam vielleicht zum Theil sofort zur dortigen Bibliothek, 
ein Ueberrest hingegen stand noch im April 1661 im 
Schloss „bey der Kirchstuben" und wurde erst damals 
auf Antrag des Bibliotheksinspektors nach dem Marstall 
gebracht ***). 

Wir verlassen hiermit den immerhin nicht ganz 
sicheren Boden der 30er Jahre, um uns desto be- 
stimmteren Schrittes ins folgende Jahrzehnt zu wenden, 
zur Thätigkeit des 5. Bibliothekars, Rudolphus Scho- 
1 a s t i c u s oder S ch ü 1 e r f ). Als Sohn des ehemaligen 
Mathematikers an der Hofschule und später an der 
Ritterschule zu Kassel Johann Scholasticus 1617 zu 
Marburg geboren, hat Rudolph seine Jugendzeit in 
Kassel verbracht, wo er in der Freiheiter Gemeinde im 
Jahre 1630 konfirmirt wurde ff). Seine Studien schlugen 
eine der Lehrthätigkeit des Vaters ähnliche Richtung 



*) Gross a. a. 0. S. 155; Kmdlinger a. a. 0, S. 16 ff.; 
andei-s Ruland a. a. 0. 8. 292. 

**) Kindlinger a. a. 0. S. 17. 

***) Memorial des Angeloorator ps. d. 6. April 1661. A. L. B. 
•)•) Hartwig^ Die Hofschule . . . S. 75. 
tt) Strieder, Bd. IX S. 196 u. Mscr. Hass. fol. 113 Bl. 156. 
[Stand. Landesbibl.] 



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246 

ein, wofür die Berechnung der Mondfinsterniss vom 
Jahre 1645 spricht, die er am 30. Januar dem Land- 
grafen Wilhelm überreichte *). Scholasticus war da- 
mals bereits 9 Monate im Amte, in das ihn Amalie 
Elisabeth am 1. Juli 1644 als Bibliothekar und Mathe- 
maticus gesetzt hatte**). 

Die wenigen Berichte, die wir von Scholasticus 
Hand unter den Akten der Landesbibliothek besitzen, 
sind werthvoll, weil sie manche Streiflichter auf die 
frühere Bibliotheksgeschichte werfen und fernerhin die 
Persönlichkeit des neuen Bibliothekars mit guten 
Strichen kennzeichnen. Dieser Mann ist eifrig bedacht 
auf das Interesse seiner Sammlungen und macht ver- 
ständige Vorschläge zur Hebung derselben. Während 
man die Vorbereitungen für die Zurückverlegung der 
Hochschule nach Marburg traf, tauchte der Gedanke 
auf, die Fürstliche Bibliothek dorthin abzugeben und 
nur die für die Universität nicht nöthigen Werke zu- 
rückzulassen. Ein Memorial Schülers vom 4. Januar 
1653 trat diesem Plane mit aller Entschiedenheit ent- 
gegen ***). Die Bibliothek, so führt es aus, ist von 
Wilhelm IV. für Kassel gestiftet und in diesem Sinne 
von Moritz bestätigt, sie gehört zum Hause Kassel; 
komme die Universität einmal davon ab, so gehe auch 
die Bibliothek, falls man sie damit verbände, zugleich 
verloren. Wolle man einzelne Fächer geschlossen aus 
ihr abgeben, so sei folgendes zu beachten. Die juri- 
stischen und politischen Werke müssten der Räthe wegen 
zurück bleiben, die mathematischen Bücher gehörten zu 
den Instrumenten, die botanische, zoologische und 
chemische Sammlung aber könne in Kassel nützlicher 

*) Mscr. Astron. fol. 8. [Stand. Landes biblioth.] 
♦♦) Schreiben der "Wittwe des Scholasticus ps. d. 15. Jan. 1672. 
A. L. ß. 

***) A. L. B. 



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247 

gebraucht werden als in Marburg. Habe man dagegen 
vor, aus sämmtlichen Äbtheilungen einzelne Stücke 
auszuliefern, so mache man alle Fächer unvollständig. 
Entweder — und dieses ist die energische ' Schluss- 
forderung — man giebt alles ab oder nichts. War 
Scholasticus so auf Erhaltung des Ueberkommenen 
eifrig bedacht, so suchte er auch für die Vermehrung 
des Bestandes zu sorgen. Seit 35 Jahren und noch 
länger, so führt eine Eingabe vom 19. Mai 1654 aus*), 
sei nichts mehr hinzugekauft, und doch werde täglich 
neues gedruckt. Man möge die Dubletten, zumal die 
medicinischen, vertauschen oder verkaufen, man solle 
Beträge für Neuanschaffungen auswerfen und müsse 
schliesslich den Buchdruckern hier im Land zu Marburg, 
Kassel und Rinteln auferlegen, von jedem bei ihnen 
gedruckten Buche einen Abzug frei zu liefern. Wir 
stossen mit dieser Fordemng, die gewiss mit den 
scharfen Bestimmungen, die der Kaiser hinsichtlich der 
Pflichtlieferung für den Frankfurter Bücherverkehr 
damals erliess **), in Verbindung zu bringen ist, zum 
ersten Mal in Hessen auf die Angelegenheit der Frei- 
exemplare, deren Beitreibung dank den höflichen 
Weigerungen mancher Verpflichteten noch heute nicht 
eben zu den annehmlichsten Dienstobliegenheiten des 
Bibliotheksbeamten zählt. Uebrigehs war der Vorschlag 
des Scholasticus, der unberücksichtigt blieb, damals 
von grösserer Bedeutung als jetzt, weil zu jener Zeit 
in Hessen verhältnismässig mehr gedruckt wurde als 
heute. Unter Scholasticus — vielleicht erst durch ihn 
— war die Bibliothek nach Fächern aufgestellt. Ob 
er oder bereits ein früherer Beamter den Katalog an- 
gelegt hatte, der nachweislich***) am 20. Juni 1670 

♦) A. L. B. 

**) Kapp. Geschichte des Deutschen Buchhandels. Bd. I 
S. 651 ff. 

***) Schreiben des Angelocrator. A. L. B. 



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248 

seinem Nachfolger überliefert wurde, aber leider verloren 
ist, war nicht festzustellen. 

Scholasticus sollte die Früchte seines Schaffens 
nicht lange gemessen. Schon im Mai 1654, nachdem 
die Kunstkammer neu hergerichtet war, ging man damit 
um, ihm die Verwaltung derselben zu nehmen *) ; ein 
Jahr darauf sollten ihm Bibliothek und Kunstkammer 
entzogen werden**). Ein Rechtfertigungs- und Bitt- 
gesuch bewirkte noch einen Aufschub der Entlassung, 
bis im März 1657 endgiltig der Dr. Michael Angelo- 
crator (Engelhard), ein Mediciner und fürstlicher Leib- 
arzt, den Befehl erhielt, sich von Scholasticus die beiden 
Sammlungen überliefern zu lassen ***). Die Abnahme 
zog sich mehrere Jahre hin f ), denn es stellte sich 
heraus, dass sowohl 36 instrumenta ff) als auch eine 
grosse Anzahl von Büchern nicht mehr vorhanden 
waren. Scholasticus starb am 4. December 1669, ohne 
dass die verlorenen Werke beschafft waren; man hielt 
sich nun an seine Wittwe Elisabeth Christina, die 
wunderbarer Weise alsbald die mathematischen In- 
strumente und darauf die Bücher bis auf 15 Bände am 
20. Juni 1670 ablieferte f f f ). Die noch fehlenden waren 
bis zum 15. Januar 1672, wo die Wittwe in einem 
Gesuch um Erlassung des Ersatzes flehte, noch nicht 
zurückgekommen*!). Ob der biedere Ehevogt, der 



*) Memorial des Scholasticus ps. d. 19. Mai 1654. A. L. B. 
**) Schreiben des Scholasticus ps. d. 20. Juni 1655. A. L. B. 
***) Eingabe der Wittwe ps. d. 15. Januar 1672. A. L. B. 
f ) Bericht des Angelocrator vom 8. Nov. 1658 und Verfügung 
vom 16. Juni 1659. A. L. B. 

tt) Duncker, Die Erwerbung der Pfalzer Hofbibliothek. Im 
Centralblatt für Bibliothekswesen. Bd. II S. 214. 

tff) Bericht des Angelocrator vom 20. Juni 1670. A. L. B. 
lieber den Todestag des Scholasticus s. des Hans Heinrich Arnold 
Hauschronika. S. 148 Msor. Hass. 4^* 11. [Stand Landesbibliothek:,] 
*t) Schreiben der "Wittwe s. o. 



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249 

seiner Ehehälfte nach deren Geständnis reichliche 
Schulden hinterliess, die Folianten versetzt oder ver- 
äussert hatte, und dies der Grund zur Amtsenthebung 
gewesen ist? Zwei andere Möglichkeiten bleiben freilich 
offen. Die fraglichen Werke konnten einmal bei dem 
Umzug in die neuen Räume, bei welchem nach des 
Scholasticus Berichte *) die Bibliothek thatsächlich 
Diebstähle zu erleiden gehabt hatte, mit verloren ge- 
gangen sein, oder sie waren verliehen, und der Benutzer, 
der nicht gebucht war, hatte die Rücklieferung ver- 



Wie schlimm es in Ausleihesachen gerade damals 
bestellt war, beweist ein Fall, der kurz aus den Akten 
dargestellt werden möge. Der Professor Crocius hatte 
bei seiner Uebersiedelung nach Marburg, an dessen 
neubegrtindeter Hochschule er einen Lehrstuhl erhielt, 
eine grössere Anzahl meist werthvoller Werke am 24. 
Juni 1653 aus der Fürstlichen Bibliothek zu Kassel 
geliehen erhalten, um sich „deren bey der hohen Schul 
ein Jahr über zu gebrauchen"**). Crocius, der nach 
Jahresfrist nach Kassel zurückzukehren gedacht hatte, 
kam hinterher nicht wieder von Marburg fort, und so 
sehen wir ihn auch noch 1659 im Besitz jener Bücher. 
Damals bewog die Besorgnis vor baldigem Tode den 
Gelehrten, sich am 15. Juni freiwillig zu melden mit 
der Anfrage, wohin er die entliehenen Werke abliefern 
könne?***) Entsprechend dem landgräflichen Befehl 
wurden die Bücher durch den Dr. med. Chr. Fr. Crocius, 
der üniversitätsbibliothekar war, aus dem Hause des 
Entleihers abgeholt und „nebenst der Universität 
Bibliothec absonderlich und wohlverwahrt" hinge- 

*) Schreiben des Scholasticus. s. S. 248 Anmerk. * 
♦♦) Weisung an Scholasticus vom 9. Juni 1653 und Schreiben 
liebst Entleihschein des Crocius vom 24. d. M. A. L. B. 
***) Brief des Crocius vom 15. Juni 1659. A. L. ß. 



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250 

setzt*). Nun ruhte die Angelegenheit und mit ihr 
die Bände auf der Marburger üniversitäts-Bibliothek, 
bis Angelocrator unterm 6. April 1661 die Rücklieferung 
wieder in Anregung brachte**). Aber es gingen weitere 
4 Jahre ins Land, ehe nach Marburg die Verfügung 
erging, die dort aufbewahrten Bücher sollten eingepackt 
und so lange hingestellt werden, bis man Gelegenheit 
zur üeberführung nach Kassel hätte ***). Jetzt scheint 
zum Unglück die Gelegenheit ausgeblieben zu sein, 
weshalb Angelocrator nochmals am 27. September 1666 
in recht bestimmtem Tone die Angelegenheit höheren 
Ortes in Erinnerung brachte f). Dies half endlich. 
Bereits am nächsten Tage wurde der Dr. Crocius an- 
gewiesen, die „fasse" mit den Büchern dem Kammerrath 
Walther zu zeigen, während Letzterer den Befehl erhielt, 
dafür zu sorgen, dass sie „von ampt zu ampt durch 
einen expres wohlverwahrt und unbeschädigt abge- 
schickt" und „womöglich in Begleittung jeden ortes 
Landtknechte bis anhero zur Bibliothek gebracht und 
Dr. Angelocrator überlieffert" würden ff). Damit wird 
denn die in dieser Hinsicht recht lehrreiche Entleihungs- 
geschichte endlich ihren Abschluss gefunden haben. 
Angesichts solcher Misstände war es begreiflich, 
wenn der neue Bibliotheksinspektor Angelocrator, um 
ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen, in einer Eingabe 
vom 10. April 1665 u. a. darum bat: „Das Ihro 
Durchlaucht möchte ein befelch erth eilen, das wer 

*) Landgräfliches Schreiben an Joh. Crocius vom 28. Juni 
1659 und desgl. an Dr. med. Crocius. A. L. ß. und Haas in den 
Hess. Beiträgen zur Gelehrsamkeit u. Kunst. Bd. II S. 235. 
**) A. L. B. 

***) Schreiben der Landgräfin an Dr. Crocius vom 10. April 
1665. A. L. B. 

t) Memorial des Angelocrator. A. L. A. 
tt) Verfügungen an Dr. med. Crocius und Walther vom *J8. 
Sept. 1666. A. L. B. 



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251 

Bücher auss der Fürstl. Bibliothec entlehnen würde, 
das er solche innerhalb vier wochen wider gantz undt 
unbefleckt wider einlieflferen undt nicht jähr undt tag 
bey sich behalten müsten"*). Diesem Voschlag wurde 
unterm gleichen Tage entsprochen und hinzugefügt, 
dass jeder Entleiher eine „schriftliche einschickende 
und beylegende uhrkundt'' auszustellen habe **j, und 
sofort nach Ablauf von 4 Wochen bei Nichteinlieferung 
Anmahnung erfolgen solle. 

Nahm sich so Angelocrator der Bücher draussen 
nach Kräften an, so suchte er ihnen auch in ihrem' 
eigenen Heim den Aufenthalt möglichst angenehm zu 
machen. Das „Losament" auf dem Marstall bedurfte 
der Wiederherstellung, es regnete hinein, Kalk und Staub 
verdarben die Werke ***). Auf dem Gange vor der 
Bibliotheksstube, an dem auch die Zugänge zur Rüst- 
und Geschirrkammer sich befanden, lagerte getrockneter 
Flachs, im Räume nebenan waren Frucht vorräthe aufge- 
speichert. Danach zogen sich die Mäuse, die öfters ihren 
Raub bei den Büchern bargen und diese benagten f). 
Auch hiergegen schritt der neue Bibliothekar, zumal 
ihm der Stallmeister, der erste Mann im Marstallsgebäude, 
grosse Schwierigkeiten bereitete und sogar gelegentlich 
zum Schabernack Bibliothek und Kunstkammer ver- 
riegelte, mit allem Nachdruck ein. Auf seine Vorstel- 
lungen hin wurde befohlen den Gang sauber, rein und 
unter stetem Verschluss zu halten, während die bisherige 
Fruchtkammer den Zwecken der dem Angelocrator 
anvertrauten Sammlungen eingeräumt wurde ff j. 

^^ITl. B. 

**) Befehl an Angelocrator v. 10. April 1665. A. L. B. 

***) Memorial vom 10. April 1665 A. L. B. 
t) Eingaben vom 6. April 1665 und 10. Sept. 1666 nebst 
den zugehörigen Resolutionen. A. L. B. 

tt) s. die vor. Anmerk. und das Schreiben des Angel, v. Nov. 66 
nebst Resolution v. 10. Nov. 1666. A. L. B. 



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252 

Zur Vermehrung der Bücherbestände griff man 
zunächst zwei Vorschläge des Scholasticus von neuem 
auf: die Veräusserung der überflüssigen und unvollstän- 
digen Werke und die Heranziehung der Buchdrucker 
und Verleger in den Fürstlichen Landen zur Lieferung 
von Freiexemplaren *). Ersteres blieb auf sich beruhen, 
letzteres wurde einer weiteren Verfügung vorbehalten, 
die jedoch ausblieb. Von grösster Wichtigkeit dagegen 
war es, dass Angelocrator unter Berufung auf die 
Erklärung des verstorbenen Landgrafen Wilhelm VI., 
der zu jeder Frankfurter Messe 50 bis 100 Reichsthaler 
für die Bibliothek hatte bewilligen wollen, im Jahre 1665 
bei der Landgräfin Mutter es durchsetzte, dass „alle 
messen" 50, im Jahre also 100 Thaler, zu Bücher- 
anschaffungen ausgeworfen wurden. Dem Inspektor der 
Bibliothek wurde befohlen, jedesmal eine „Specification" 
der Bücher, die man zur Frankfurter Messe oder sonst 
mitbringen lassen wolle, bei Zeiten zu übergeben, worauf 
dann „Assignation" und Zahlungsbefehl erfolgen sollte**}. 
Hatte man hiermit einen ständigen jährlichen Verlag ge- 
wonnen, so blieb derselbe jetzt merkwürdiger Weise fast 
unangebrochen und war so bereits im Jahre 1672, wo 
man ihn in Angriff nahm, auf 600 Thaler angewachsen ***). 
Man zog aus dieser übel angebrachten Sparsamkeit den 
Schluss der Unbedürftigkeit und setzte deshalb den 
jährlichen Zuschuss auf die Hälfte, also auf 50 Thaler 
herab. Einzelne Ankäufe hatten freilich immerhin 
inzwischen stattgefunden, unter denen ein grösserer die 
Erwerbung der Büchersammlung des Hofmalers Engel- 
hardt Schaff 1er war, die für 12 Thaler gekauft und am 
10. December 1666 der Bibliothek einverleibt wurde f)- 

*) s. die öfters erwähnten Memorialia. A. L. B. 
**) Memorial vom 6. April 1665 nebst Resolution vom 10. 
April d. J. A. L. B. 

***) Verfügung an die Rentkaramer vom 1. Februar 1672. A. L. ß. 
t) Bücherrechnung vom 17. Dec. 1666. A. L. B. 



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253 

Waren wir in der Lage von der Wirksamkeit des 
Angelocrator ein deutliches Bild zu gewinnen, so sind 
wir hinsichtlich seines Nachfolgers auf nur äusserst 
dürftige Nachrichten beschränkt. Johann Philipp Heppe, 
der ehemalige Lehrer der Söhne Wilhelms VL, der nach- 
mals vom Artillerieoffizier zum Obersten und Comman- 
danten von Kassel emporstieg, muss die Geschäfte der 
Bibliothek schon im Februar 1673 geführt haben*), 
wenngleich die endgiltige Ueberlieferung der genannten 
Anstalt sowie der Kunstkammer an ihn erst am 11. 
April 1673 dem Leibarzt Angelocrator befohlen wurde**). 
Nach kaum einem Jahre sehen wir indessen schon wieder 
einen neuen Herrscher in der Bibliothek, den aus Bern 
als Erzieher der hessischen Prinzen im Jahre 1670 nach 
Kassel berufenen Johann Sebastian Haas, den treuen 
Freund Denis Papins. 

Seit Heppe, besonders aber seit der Amtsthätigkeit 
seines Nachfolgers, herrscht auf der Bibliothek regeres 
Leben, jetzt erst nutzte man die Mittel aus, die fürstliche 
Gnade der Anstalt bewilligte. Hatte man früher schon 
ausser zu Kasseler Buchhändlern wie Johann Schütze 
und Johann Ingebrand auch gelegentlich zu auswärtigen 
Druckern und Buchführern wie Matthäus Merian und 
Jakob Gottfried Seyler in Frankfurt in Beziehungen 
gestanden, so finden wir den Letztgenannten seit dem 
Jahre 1673 in regelmässigem Geschäftsverkehr mit der 
Bibliothek ***). Landgraf Moritz hatte einst der Buch- 
binderzunft zu Kassel den alleinigen Papierverkauf 
verbrieft, wozu Wilhelm VL am 29. Mai 1652 das weitere 
Vorrecht hinzugefügt hatte, dass die Zunftangehörigen 
„allein auch die Kalender und andere gebundene oder 

*) Bücherreohnung vom 20. Februar 1673. A. L. B. 
**) s. Duncker im Centralbl. f. Bibliotheksw. Bd. II S. 214 
aus Akten des Kasseler Museums. 

***) BücherrechnuDgen aus dem 17. Jhd. A. L. B. 



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254 

ungebundene Bücher feil haben sollten *). Dies galt 
jedoch nur für die marktlose Zeit im Jahre; an den 
sieben offenen Jahrmärkten, wo die Budenreihen auf 
dem Markt und den nächstgelegenen Gassen und Plätzen 
aufgeschlagen wurden **), war auch den auswärtigen 
Buchführern der Handel mit Büchern freigegeben. So 
sehen wir denn auch den Frankfurter Seyler zunächst 
zur Zeit der Jahrmärkte in Kassel, falls ihn nicht Reisen 
nach anderen Orten am Erscheinen behinderten. Jedoch 
wurde bereits Anfang 1674 entgegen den Zunftbriefen 
dem Genannten von der Landgräfin bewilligt, auch zu 
anderen Zeiten im Jahr als zur Messe seine Bücher 
feil zu halten ***). Seyler bezahlte für diese Erlaubnis 
jährlich zwölf Thaler, gab aber statt dessen auch ge- 
legentlich Druckwerke wie z. B. 1675, wo er der 
Bibliothek 25 Karten von Samson anbot, die bereitwillig 
statt des Geldes angenommen wurden. Uebrigens flössen 
die Mittel für die Anschaffungen ziemlich reichlich, 
auch konnte man vermuthlich zunächst noch von den 
Ersparnissen der Vorjahre zehren. Allein für Bücher- 
ankauf ohne die Kosten des Einbindens wurden im 
Jahre 1673 rund 150 Thaler, 1674 etwa 300 und 1675 
ungefähr wiederum 150 Thaler verausgabt. Eine be- 
sonders kostspielige Erwerbung machte man im Jahre 
1674, wo aus London die unter Leitung des Theologen 
Brian Walton in den 50 er Jahren erschienene grosse 
Polyglottenbibel nebst dem zugehörigen Lexicon hepta- 
glotton des Castelli bezogen wurde, die allein die Summe 

*) Sammlung Fürstlich-Hessischer LaDdesordriungen. Th. III 
S. 401. Dies Privileg bestätigte Carl am 12. April 1682. 

**) Schmincke, Beschreibung der Resideuz- und Hauptstadt 
Cassel. S. 322 ff. Die Buchdrucker hatten ihre Stände in der Nähe 
der Kanzlei s. Brunner ^ Geschichte von Handel und Gewerbe 
in Cassel ... In d. Cassel. AUgem. Zeitung. Jhig. 1891. Dcc. 

***) Eine Verordnung vom 18. Februar 1696 [Landesordnungen 
Th. III S. 400] machte dies überhaupt für künftig giltig. 



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255 

von 115 Th. 24 alb. 6 hlr. verschlang. Diese sog. 
Londoner Polyglotte bildet mit der sehr selten ge- 
wordenen Complutenser Polyglotte von 1513 — 17 und 
der Antwerpener oder Biblia regia von 1569 eine Zierde 
der reichhaltigen Kasseler Bibelsammlung und ist wegen 
ihres hohen wissenschaftlichen Werthes noch heute 
ein gesuchtes und theueres Werk *). Bei den Neu- 
beschaffungen bediente man sich zuweilen des sach- 
kundigen Beiraths des bekannten Johann Dietrich von 
Kunowitz, der selbst eine bedeutende Büchersammlung 
besass, die später, allerdings auf Umwegen, z. Th. in 
Besitz der Landesbibliothek gekommen ist **). 

Für den Einband wurde meist alsbald nach dem 
Einkauf der Bücher gehöriger Massen gesorgt. Ausser 
den Buchbindern Gerhard Henckel und Johann Dieterich 
Abel, von denen der Letztere z. B. 1672 ein Kleinod 
der Anstalt, die Lufftsche auf Pergament gedruckte 
Bibel von 1561 ***), neu band, erscheint als Meistbe- 
schäftigter Johann Georg Striegel, der nachmals am 
27. August 1686 67 Jahre alt zu Kjissel verstarb f). 
üebrigens Hess man dem biederen Meister nicht immer 
die Rechnung unbeanstandet durchgehen, sondern sie 
wurde zuweilen zunächst vom Bibliothekar um etliche 
Thaler und Albus „decourtirt", worauf dann der nach- 
prüfende Kassenbeamte gelegentlich der glatteren 
Rechnung wegen auch noch die übrigen Albus abzog 
und nur die Thaler stehen Hess ff). 

*) Real-Encyklopädie f. protest. Theologie . . hg. v Herxog. 
Bd. XII S. 23 ff. und Qraesse, Tresor I 8. 362 f. 

**) Strieder Bd. V S. 190 Anmerk. ; Schreiben des Heppe. 
vom 7. Aug. 1673. A. L. B. Die Kataloge der Kunowitzsohen 
Bibliothek besitzt die Landesbibliothek unter Mscr. litt. fol. II 
und 4o 10. 

***) Bibl. German. fol. 6. 
t) s. Auszüge aus Hans Heinrich Arnolds Hauschron. Mscr. 
Hass. 40 11 S. 196. [Süiod. Landesbibl.] 

tt) Bücherrechnungen 17. Jhd. A. L. B. 



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256 

Sämmtliche Bücher, die neu ankamen^ wurden 
nach hohem Befehl in den Bibliothekskatalog, von dem 
eine zweite Ausfertigung sich auf der Land-Canzlei 
befand, eingetragen. Es ist dies der oben bereits er- 
wähnte alte Katalog, der m. W. nicht auf uns gelangt ist. 

Es war im September 1677, als der Bibliothekar 
Haas, um den unnützen Ballast auf der Bibliothek los 
zu werden, in einem Schreiben an den Landgrafen 
Carl diesem die Veräusserung der bei der Sammlung 
„sich in duplo befindenden oder deroselben sonst unan- 
ständigen Bücher" vorschlug mit der Bitte um weitere 
Verfügung. Der Fürst genehmigte unterm 6. September 
den Antrag, worauf der Verkauf der Dubletten — es 
waren 603 Stück — begann*). Kaum hatte sich die 
Kunde hiervon verbreitet, als ein Störenfried, der dem 
Kasseischen Hause schon mehr als einmal Schwierig- 
keiten bereitet hatte, Ernst von Hessen-Rotenburg, 
brieflich beim Landgrafen die Ansprüche seiner Linie 
auf einen Theil der Dubletten aussprach und zu begründen 
suchte **). Wir müssen, um dies Auftreten zu verstehen, 
in die 20 er Jahre des 17. Jhds. zurückgehen. Als 
im Jahre 1627 der erste Abschied zwischen den beiden 
genannten Linien aufgerichtet wurde, hatte man rück- 
sichtlich des Zeughauses, der Bibliothek u. a., ohne 
sich darüber völlig auseinanderzusetzen, von Boten- 
burgischer Seite sich den vierten Theil für den Fall 
des Ablebens des Landgrafen Moritz vorbehalten. Als 
man dann im Jahre 1646 in einem weiteren Abschied 
u. a. die noch schwebenden Punkte erledigte, gab 
Rotenburg, damit die Bibliothek, die ohnehin von ge- 
ringem Werthe sei, der Universität nicht entzogen 
würde, zumal es schon nach dem Tode Moritzens dessen 

*) Orig. Schreiben des Haas und landgr. Verfügung (Entw.) 
A. L. B. 

**) Orig. Brief. Eheinfelss d. 8./18. Mai 1678. A. L. B. 



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257 

beßondere Kammerbibliothek erhalten hatte, seine An- 
spräche auf; dagegen geschah damals von der Kasselischen 
Seite aus das Erbieten, „wan etwas von Juristischen 
Büchern in duplo vorhanden, das solches der Fürstlichen 
Rotenbergischen Herschafft, wan sie es begehrte, ausge- 
folgt werden, nichtsdestoweniger aber in dem übrigen 
der Fürstlichen Rotenbergischen Herrschaft, und deren 
Bedienten sich derselben zu gebrauchen und darzu ein 
freyer Access zu dem Ende nicht benommen, sondern 
ausdrücklich vorbehalten sein solle *). Auf dies Zugeständ- 
nis gestützt, das er in Anlage abschriftlich beifügte, 
beanspruchte jetzt Landgraf Ernst für seinen Be- 
vollmächtigten Ries freien Zutritt zur Bibliothek, 
Auslieferung der noch vorhandenen juristischen Dubletten 
und Schadenersatz für die bereits veräusserten. Es 
war wunderbar, dass die Linie jetzt nach dreissig 
Jahren mit diesem Anspruch hervortrat. Landgraf 
Carl liess sich zweifellos durch den sicheren Ton des 
Schreibens einschüchtern und verlangte alsbald eine 
Liste der noch unverkauften sowie der bereits verkauften 
Dubletten, ja er ging in seiner Auslegung der Abmachungen 
von 1646 so weit, dass er nicht den Bestand der 
Bibliothek von damals, sondern den des Jahres 1677 
der Auslieferung zu Grunde legen wollte. Hiermit wäre 
er der gleichen, aber irrigen Auffassung Ernsts völlig 
entgegengekommen. 

Der Bibliothekar Haas liess sich inzwischen ge- 
nügende Zeit zur Abfassung des ihm auferlegten 
Verzeichnisses, er hielt es für nothwendiger, zunächst 
den Rotenburgischen Gesandten und alsdann seinen 



*) Für diese Auseinandersetzung s. Abdruck Derer Zwischen 
dem Hoch-Fürstl. Regier. Hause Hessen-Cassel und der Abgetheilten 
Fürstl. ßotenburgischen Linie Wegen der Quart errichteten Ver- 
träge. Cassel 1762. besonders S. 7 u. 25. Ferner die Eingabe des 
Scholasticus vom 4. Januar 1653. A. L. B. 

N. F. Bd. XVII. 17 



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258 

fürstlichen Herrn über die Grundlosigkeit der seitens 
des Landgrafen Ernst gemachten, vermeintlichen Rechts- 
ansprüche aufzuklären. Diese Eingabe des Haas ist von 
entscheidendem Einfluss auf den weiteren Verlauf ge- 
wesen *). Er erklärte mit vollem Rechte, der Anspruch 
auf Dubletten könne sich nach dem Abschiede von 1646 
sinngemäss nur auf den damaligen Bestand erstrecken, 
seitdem sei vieles zur Sammlung hinzugekommen ; 
die Bibliotheken Wilhelms V. und VI. seien mit ihr 
vereinigt worden, die siegreichen hessischen Waffen 
hätten in Fulda und Paderborn Beute eingeholt, eine 
Unzahl von Büchern sei durch Kauf hinzugewachsen ; 
daher kämen die jetzt vorhandenen Dubletten, nicht 
aber aus der Bibliothek, wie sie von Moritz hinterlassen 
wäre; wären damals Doppelstücke vorhanden gewesen, 
so würde sicher s.Z. Landgraf Hermann nicht verabsäumt 
haben, sie einzufordern. Vollständig im Sinne dieser 
Ausführungen fiel nun das Antwortsschreiben aus, welches 
am 18. Mai von Kassel nach Rheinfels abging. Carl 
wies nicht nur das Rotenburgische Ansinnen rundweg 
ab, nein er führte auch zugleich einen Gegenstoss aus, 
indem er den Landgrafen Ernst ersuchte, zu veratilassen, 
dass die Bücher, die sein Bruder Hermann vor vielen 
Jahren aus der Kasseler Bibliothek entliehen habe, 
endlich an ihren Platz zurückerstattet würden **). Nun- 
mehr trat der Rotenburger in seiner Erwiderung ***) in 
so weit den Rückzug an, als er jetzt entgegen den 
durch seinen Bevollmächtigten Ries ausgesprochenen 
Forderungen erklärte, dass auch er seine Ansprüche 
nur auf diejenigen Werke bezogen sehen wolle, die aus 



*) Entwurf undatii-t ; zu setzen zwischen 8. u. 18. Mai 1678. 
A. L. B. 

**j Entwurf. A. L. B. 

***) Orig.-Schreiben vom f'^"' 1G78. A. L. B. 



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259 

seines Vaters Bibliothek noch doppelt vorhanden wären 
sowie auf die, die „in wehrendem Krieg auss den Clöstern 
und anderweitig acquirirt" worden seien; wie er hierin 
auf Entgegenkommen hoffe, so sei er andererseits zur 
Aufsuchung der von Hermann entliehenen und bisher 
nicht zurückgegebenen Bücher in jeder Weise erbötig. 
Leider lässt sich der jedenfalls nach seiner grundsätz- 
lichen Seite hin wichtige Rechtsstreit nicht weiter ver- 
folgen ; wir werden jedoch kaum annehmen dürfen, dass 
Hessen-Kassel aus seiner einmal eingenommenen Stellung 
wieder herausgegangen ist. Gewiss aber sehen wir Haas 
auch in dieser Angelegenheit als tüchtigen und treuen 
Beamten, wie ersieh stets im Dienste seines gnädigsten 
Herrn und Fürsten bewiesen hat. 

Wir sind am Ende, denn wie wir unsre Dar- 
stellung im Anfang anlehnen mussten an einen Auf- 
satz Dunckers über das Gründungsjahr der Kasseler 
Bibliothek von 1580, so können wir sie auf der anderen 
Seite stützen durch das Jahr 1686, über deren glänzende 
Erwerbungen aus der Pfälzer Erbschaft gleichfalls erst 
Licht verbreitet zu haben ein schönes Verdienst des 
verewigten Gelehrten ist und bleiben wird *). Ein 
zweiter Beitrag mag uns demnächst ins 18. Jahr- 
hundert führen. 



*) s. 0. S. 248 Anm. 5. 




11' 



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260 



... 15 :n 



■- ' VI ,.., 

Zur Geschichte der Schmalkalder Kircheii- 
hibliothek. 

Eine Berichtigung 

von 

Dr. Carl Scherer. 

feimbach schreibt in seinem Aufsatz „Die Bibliothek 
iim Lutherstübchen zu Schmalkalden" in der Zeit- 
schrift des Vereins für Hennebergische Geschichte . . . 
• zi Sohtnalkalden. Heft l (1875) S. 8: „Es ist von noch 
^jfetat^ Lebenden behauptet worden, dass diese unsere 
Bibliotbelfc zu Gunsten der Landesbibliothek zu Cassel 
im'2;:od«r:3i Dezennium unseres Jahrhunderts geplündert 
woi?d^n sei*' und sucht sodann diese Angabe als irrig 
zu erweisen einmal mit der Begründung, dass der Bücher- 
raum zu Schmalkalden, der niemals grösser gewesen sei, 
noch jetzt vollständig und lückenlos besetzt sei, und 
zweitens aus der Erwägung heraus, dass es, die „Plün- 
derung" vorausgesetzt, räthselhaft erscheinen müsse, 
warum man dann gerade die werthvollsten Bücher der 
Lutherbibliothek unberührt zurückgelassen habe. Ich 
bin in der Lage, diese Beweise zu entkräften und in 
diesem Falle den alten Leuten zu ihrem Rechte zu ver- 
helfen, denn thatsächlich besitzt die Ständische Landes- 



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261 

bibliothek zu Kassel einige wenige Werke, die der 
Schmalkalder Sammlung entnommen sind, ohne dass 
freilich hierdurch der Ausdruck „Plünderung*' gerecht- 
fertigt würde. 

In dem Abdruck des 1752 zu Schmalkalden bei 

Heinrich Wilhelm Göbel erschienenen Catalogus I Biblio- 

l^j^cae, Ecclesjae Smalcaldensis *), den die Kasseler 

Bibliothek besitzt, findet sich von der Hand Jaeob Griöi'üas 

der Eintrag: a° 1829 sind aus Schmalkalden folgende 

dieser Bücher nach Kassel zur Kurf. Bibl. gekommen: 

fol. 3. deutsche Bibel. Nb. 1483. 

8. Decretum Gratiani. Basil. 1486. 

107. 108. Vischers Postill. Schmalk. 1570* 1574. 

2 voll. 
114. Urbani Regii teutsche Sehr. Nbg. 1562. 
134. Rhoswitae opera. Norimb. 1501. 
4o 20. Graf Boppen loci communes. Ulsen 1587. 
Nur 6 Nummern sind es mit 7 Bänden, aber kein 
Werk ist ohne einen gewissen Werth, während zwei 
darunter von hervorragender Bedeutung sind, ,:? 

Die loci communes, eine nach sachlichfenröe^icbts- 
punkten geordnete Spruchsammlung, iiitearassiren,:-uns 
ihres Verfassers wegen, des eifrig lutberranisdhän flap^os 
XII., eines der letzten Grafen der Scbleuäiriger^^ibiiü^.?*); 
die Ausgabe des Rhegius ist die erste der detechen 
Schriften des hervorragenden Lüneburger Reformators 
überhaupt ***) ; die Vischerscheii Werke haben ftiir eine 
hessische Bibliothek ihre besondere Bedeutung als 



*) Leimbach scheint ihn ebensoweDig zu kennen wie d«n in 
Qeisthirts Historia Schmalcaldioa enthaltenen Katalog. Hand- 
schriftlich auf der Landesbibliothek, jetzt gedruckt in der Zeit- 
schrift des Vereins f. Henneb. Gesch. . . . Suppl. flft. I S.'46 ff. 
**) s. Schultes, Diplomat. Gesch. des Gräfl. Hauses HöÄne- 
berg. Th. H Abth. 6 8. 185—191. 

♦**) Allgemeine Deutsche Biogi:aphie. Bd. 28 S. 374-37Ä 



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262 

Schraalkalder Drucke, die Basler Ausgabe des Decretums, 
eine der 39*), die allein schon das 15. Jlid. brachte, 
stammt aus der berühmten Druckerei des zweiten be- 
kannten Baseler Druckers Michael Wenssler**). Ein 
prächtiger Druck ist die Nürnberger Bibel von Koberger 
aus dem Jahre 1483, die neunte unter den hoch- 
deutschen und von diesen wiederum die erste, die einen 
gebesserten Text und zu demselben grosse, in unserem 
Exemplar grob kolorirte Holzschnitte brachte ***). Letz- 
tere sind freilich bis auf die acht zur Apokalypse, die in 
Nürnberg gefertigt wurden f), nicht neu; sie sind viel- 
mehr von denselben Holzstöcken abgezogen wie die der 
älteren niederdeutschen, Kölner Bibel, als deren Zeichner 
manche den Israel van Meckenem (Meckenheim?), 
andere mit grösster Unwahrscheinlichkeit den Nürn- 
berger Michael Wohlgemuth ansehen wollen ff). 

Das unter fol. 134 verzeichnete Werk schliesslich 
mit dem vollständigen Titel „Opera Hrosvitae Illustris 
Vir I Ginis Et Monialis Germanae Gen | Te Saxonica 
Ortae Nuper A Conra | Do Gelte Inventa" wurde nach 
dem handschriftlichen Eintrage, wie so manches andere, 
von David Pforrius am 26. October 1687 der Kirchen- 
bibliothek geschenkt. Wir haben in ihm den Erstlings- 
druck der Werke der Gandersheimer Nonne vor uns, 
deren Handschrift Conrad Celtes im Kloster St Emmeram 



*) Hain, Eepertor. bibliograph. Vol. IRIS. 496—504. 
''*) Kapp, Geschichte des deutschen Buchhandels. Bd. I 
S. 113 ff. 

***) Walther, Die Deutsche Bibelübersetzung ... Th. I (1889.) 
Öp. 106-111 u. 116—117. Hase, Die Koberger. S. 116 ff. 
t) Thaming, Dürer. Bd. I S. 65. 
ft) Ha^e a. a. 0. Muther, Die ältesten deutschen Bilder- 
Bibeln. S. 6 — 13; und, Die deutsche Bücherillustration der Gothik 
. . . Bd I S. 51-^2. Graesse, Tresor. Bd. I S. 376; NagW, 
Küüötler-Lexicon. Bd. VIII S. 535 ff. 



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263 

zu Regensburg aufgefunden und 1494 für die Heraus- 
gabe, die 1501 zu Nürnberg erfolgte, geliehen erhalten' 
hatte*). Acht grosse (h. 215 br. 145 mm) Holz- 
schnitte sind dem Druck zur Zierde beigegeben, sie 
wurden einst Dürer**) und werden neuerdings Wohl- 
gemuth und seiner Schule zugewiesen***). 

*) Die Werke der Hrotstoitha. Hg. von Barock S. LV ff. 
**) Oraesse, Tresor. Bd. III S. 381. Dies erhöhte noch be- 
sonders den Werth der Ausgabe. Sie sind Dürer entschieden ab- 
gesprochen von Thmtsing a. a. 0. Bd. I S. 276. 
***J Muther y Bücherillustration Bd. I S. 63. 




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264 



VII. 
Zur hessischen Familiengeschichte. 

Von 

Aug. Heldmann, 
Pfarrer zu Micholbach. 

1. Das Buchsackische Familienstipendium zu 
Marburg. 

|er Pfarrer Conrad Buchsack, welcher seit dem 
^ Anfange des 16. Jahrhunderts zu Rosenthal stand 
und durch eine am Cäcilientage (22. Nov.) 1507 von 
Schiedsfreunden, Henrich von Dersch und Volpert 
Schenk zu Schweinsberg, ausgestellte Urkunde Diffe- 
renzen mit dem Kloster Haina wegen streitiger Pachte 
beilegen Hess*), hinterliess bei seinem um 1540 erfolgten 
Tode neben einigen frühzeitig verstorbenen Kindern einen 
gleichnamigen Sohn Conrad Buchsack, gen. Hess, welcher 
als Schultheiss zu Marburg am 15. Januar 1566 kinder- 
los starb, und zwei Töchter, beide Cätharina genannt, 
von welchen die eine an den Marburger Hofgerichtsrath 
Dr. jur. David Laucke (Lucanus) aus Frankenberg, die 
andere zu Rosenthal verheirathet war. Von der letzteren 
wissen wir nur, dass sie zwei Töchter, Elisabeth und 



*) Kloster Hainaisches Copialbuch, Nr. 119. 



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265 

Margaretha, und mehrere Enkel hatte, deren einer Nico- 
laus Bössler hiess. 

Der Schultheiss Conrad Buchsack bestimmte laut 
Stiftungs- und Donationsurkunde vom S. Thomastage 
21. Dez. 1565 die Zinsen eines Kapitals von 1000 Gulden 
harter, grober, ganghafter Münze, welches die Univer- 
sität Marburg mit Genehmigung des Statthalters Bur- 
kard von Gramm und des Kanzlers Reinh. Scheffer 
zur Einlösung der von den Klöstern zu Wirberg, Grün- 
berg und Nordshausen vordem versetzten Fruchtrenten, 
nämlich 72 Malter Grünberger Masses und 70 Kasseler 
Viertel, von ihm geliehen hatte *), zu einem Benefizium 
für zwei Studierende aus seiner Verwandtschaft derge- 
stalt, dass zunächst der obige Nicolaus Bössler bis zur 
Erlangung einer Anstellung die Zinsen der Stiftung ge- 
messen sollte. Nach ihm sollten dieselben in zwei 
gleichen Theilen an je zwei Knaben aus des Stifters 
Freundschaft, welche zum Studium dienlich befunden 
und ins Pädagogium zu Märburg aufgenommen werden 
könnten, und zwar jedesmal nur, „bis sie zu Conditionen 
gebraucht werden" könnten, sofern aber keine Studie- 
rende aus seiner Verwandtschaft vorhanden, mit Vor- 
wissen des Rectors und Decans der Universität Marburg 
an je einen bedürftigen Studierenden aus Marburg und 
Rosenthal, eventuell an arme Studirende überhaupt, die 
sich fromm und fleissig erweisen, aber nicht länger, als 
bis jeder durch seine eigene Geschicklichkeit sich das 
Brod selbst erwerben könne, von zwei Executoren ver- 
theilt werden. Der Empfang und Genuss des Bene- 
fiziums soll jedoch nicht an ein bestimmtes Fakultäts- 
studium geknüpft, sondern die Fakultät gleichgültig 
sein. Die Executoren sollen im Falle der Rückzahlung 
des Kapitals Seiten der Universität Marburg für ander- 



*) G(iesar, Catalogi studiosorum scholae Marpm'g. Part.V, p. 11. 



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266 

weite sichere Anlage desselben Sorge tragen. Als erste 
Exekutoren ernannte der Stifter seinen Schwager, den 
Hofgerichtsrath Dr. D. Laucke, und seinen Vetter Hein- 
rich Hof mann, gen. Rosenthaler, zu Marburg und liess 
die Stiftungsurkunde durch den üniversitätsrektor Dr. 
jur. Conr. Matthaeus und die Professoren Dr. theol. 
Joh. Lonicer und Wiegand Orth, sowie den Dekan 
Mag. Peter Nigidius und Mag. Theoph. Lonicer be- 
siegeln. 

Die Universität war durch den mit diesem Kapital 
erlangten Vermögenszuwachs an Früchten im Stande, 
das Kapital schon 1572 wieder abzutragen, worauf es 
die Stadt Marburg „zu sich genommen mit der Ver- 
pflichtung, davon jährlich Stipendia mit 50 fl. Pension 
(a fl. = 26 alb., a albus = 12 hlr.) uff Trium Regum 
vermog gemelts Curdt Hessen selig Stiftung verrichten 
zu lassen." Seitdem ist das Stiftungskapital bei der 
Stadt Marburg, welche neben Rosenthal, wie bemerkt, 
eine Eventualexspectanz auf das Benefizium für ihre 
Söhne hat, verblieben und bei der Stadtkasse unter be- 
sonderem Titel neben dem von Elisabeth Schönbach, 
gen. Lasphe, 1539 für zwei Marburger Bürgerssöhne 
zum Studium der heil. Schrift gestifteten Benefizium 
von 400 fl. und dem im Jahre 1720 für einen lutheri- 
schen Studenten gestifteten Brunnerschen Benefiz 
von 100 fl. verrechnet, eine Aufkündigung aber von der 
vorhinnigen Regierung zu Marburg am 25. August 1823 
dem Stadtrathe ohne desfalls vorher dazu erwirkte Ge- 
nehmigung der Regierung untersagt worden, ungeachtet 
die Collatoren bereits 1801 und 1802 beantragt hatten, 
dass die Stadtkämmerei die Zinse nach der hessischen 
Verordnung vom 18. August 1786 berichtigen solle, und 
laut einer von dem Münzrathe Fulda unter dem 18. 
März 1800 aufgestellten Evalvation das Stiftungskapital 
von 1000 fl. im lOVs Guldenfuss, wovon die Stadt nur 



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267 

43 Kthlr. 20 C. alb. Zinsen bezahlte, nunmehr im 20 
Guldenfuss 1960 Gulden 47 xr. = 1307 Rthlr. 6 C. 
alb. 1 hlr. niederhessischer Währung betrug, so wurde 
die Stadtkämmerei doch erst durch Verfügung des 
SteuercoUegs zu Cassel vom 17. Mai 1819 angewiesen, 
die Zinsen nach diesem Fusse mit jährlich 98 fl. 2 xr. 
1 hk. = 65 Rthlr. 10 sgr. 8 hlr. vom Jahre 1819 ab 
auszuzahlen, sodass die Stiftung dadurch in dieser Zeit 
einen Verlust von mehr als 15 Rthlr. jährlich oder 864 
fl. 40 xr. 2 hlr. im Ganzen erlitten hat, welche der 
Stadt zu Gute gekommen sind. Als die Stadt Marburg 
1856 ein grösseres Anlehen durch Ausgabe von vier- 
prozentigen Werthpapieren aufnahm, Hess dieselbe ohne 
Rücksicht auf die Regierungs-Verfügung von 1823 das Stif- 
tungskapital aufkündigen, verglich sich jedoch schliess- 
lich mit den beiden Collatoren (11. und 17. Febr. 1858) 
dahin, dasselbe vom Jahre 1858 ab zu vier Prozent 
verzinslich zu behalten, sodass seitdem der Zinsenertrag 
auf 156 M. 85 Pfg. zurückgegangen ist, welcher jähr- 
lich, am heil. Dreikönigstag fällig, an zwei Studenten 
oder Schüler der Oberklassen des Gymnasiums aus den 
Nachkommen der Schwester des Stifters, Catharine 
Lucanus, verwilligt wird. 

Eine Beschränkung auf das ehemalige Kurfürsten- 
thum oder Studierende zu Marburg ist von den Colla- 
toren niemals anerkannt, sondern das Benefiz auch an 
die Nachkommen im Grossherzogthum und Studierende 
zu Giessen, als Tochteruniversität Marburgs, und weil 
zur Zeit der Stiftung Hessen noch ungetheilt gewesen, 
verliehen worden. Es ist dieser Grundsatz schon im 
vorigen Jahrhundert hinsichtlich der ganz aus Hessen 
verzogenen Familien Dornseif und von Preuschen ge- 
handhabt worden. 

Hinsichtlich der Collatur trafen im Jahre 1587 die 
vom Stifter dazu ernannten Dr. David Laucke und 



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268 

Heinr. Hofmann d. A. die Bestimmung, dass nach ihrem 
Ableben ihnen ihre Söhne, welche dazu tauglich sein 
würden, darin folgen sollten, nämlich der spätere kaiser- 
liche Hofrath und ungarische Festungsdirektor Joh. 
Luc an US und Joh. Hof mann oder Heinr. Hofmanns 
Bruder Ludwig, „damit nicht die Freundschaft um das 
herrliche Kleinod durch fremder oder ungesipter Leute 
Verwaltung und Nachlässigkeit kommen möge." Ludwig 
Hofmann wurde nach seines Bruders Tod vor dem 
Stadtschreiber am 16. Jan. 1589 als Collator verpflichtet, 
und nach Dr. David Lucanus Tod (1590) folgte ihm sein 
Enkel Mag. Ludwig Luc an in der Collatur. Eine 
Verpflichtung der Collatoren ist später ausser Gebrauch 
gekommen. Der überlebende Collator hat in der Regel 
den anderen cooptirt, wobei darauf Rücksicht genommen 
worden ist, dass jede der beiden berechtigten Linien, 
die Lynkerische und Herdenische sowohl in der 
Collatur vertreten, wie bei der Verleihung thunlichst 
bedacht worden ist. Meistens ging die Collatur auf die 
Söhne, wenn diese dazu tauglich waren und in Marburg 
oder dessen Nähe wohnten, über. Doch ist es in älterer 
Zeit auch zuweilen hinsichtlich der Collatur und der 
Bezugsberechtigung zu förmlichen Processstreitigkeiten 
zwischen den Competenten vor der Regierung zu Marburg, 
so 1688 zwischen dem Dr. jur. Dan. Reysser und Lic. 
S i m m e r zu Marburg gekommen. Auch später noch be- 
' vollmächtigten die unter anderen Herrschaften gesessenen 
Familien Preuschen und Chelius den Regierungs-Pro- 
curator Rabe zu Marburg, ihre Ansprüche gegen einige 
Collatoren zu Marburg, welche die Collatur und den Ge- 
nuss des Beneficiivms auf ihre Familien zu beschränken 
suchten, geltend zu machen, indem es durch unge- 
nügende Aufsicht der Universität dahin gekommen, 
dass Simmers Sohn das Beneficium 17 Jahre bezogen 
und im Genüsse gestorben sei. 



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269 

Die Verleihung erfolgte in älterer Zeit in der Regel 
für die ganze Studienzeit; in Folge der grossen Aus- 
breitung der Nachkommen des Stifters geschieht die- 
selbe seit 1863 nur noch von Jahr zu Jahr. Es hat 
daher auch die von der Stadt Rosenthal in ihrem 
Steuerkataster für ihre Kinder gewahrte Eventualexspek- 
tanz keine Aussicht auf Verv^rirklichung. Die beigefügte 
Stammtafel, welche die Nachkommen bis zum Ausgange 
des 18. Jahrhunderts gibt, aber keinen Anspruch auf 
Vollständigkeit macht, gibt nur die Hauptzweige und 
Namen der berechtigten Familien. Es gehören dazu 
noch die Familien: Justi, Schedtler, Kolbe, Kahler, 
Wenderoth, Chelius, Wieber etc. Nobilitirt wurden: 

1) Der kaiserliche Hofrath Dr. jur. Nicolaus Christoph 
von Lynker (geb. zu Marburg 2. April 1643, f zu 
Wien 27. Mai 1726 und begraben im Kloster der 
schwarzen Spanier daselbst), ein Sohn des Universitäts- 
vogt Aegidius Lynker und Urenkel des Joh. Daniel 
Lynker d. J. zu Dagobertshausen, welcher mit Catha- 
rina, der letzten des Hallenberger Zweigs der Schenck 
zu Schweinsberg, vermählt war. Nicolaus Christoph 
von Lynker, welcher 1670 Professor der Jurisprudenz 
zu Giessen, 1680 zu Jena und wiederholt von den 
sächsischen Herzögen mit Gesandtschaften an den Kaiser- 
hof betraut war, wurde durch Diplom Kaiser Leopolds L 
d. d. Wien 7. Oct. 1688 in den Adels- und Ritterstand, 
und 7. Aug. 1700 in den Reichsfreiherrnstand erhoben. 
Die Nachkommen, welche im Wappen ein silbernes 
Lamm in blauem Felde führen, theilen sich in die gräflich- 
lützenwiecksche in Böhmen ansässige und in die frei- 
herrlichen, schlesische (ältere) und thüringische (jüngere), 
Linien, die schlesische Linie in den älteren Dammer- 
schen und jüngeren brandenburgischen Zweig*). 

♦) Oothaisches freihorrl. Taschenbuch 1859, S. 469 fF. 1870, 
8. 533. 



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270 

2) Aus der Familie Preuschen, welche sich von 
dem aus Frankenberg stammenden Pfarrer Mag. Henrich 
Preusch zu Roddenau, f 1657, und dessen zu Schön- 
stadt gestandenen Sohn, dem Pfarrer Joh. Michael 
Preuschen herleitet, durchs 18. Jahrhundert die beiden 
milchlingschen Patronatpfarreien Schönstadt und Sterz- 
hausen inne hatte und am letztgenannten Orte mit dem am 
29. Januar 1832 verstorbenen Bauer Joh. Michael Preu- 
schen im diesseitigen Lande erloschen ist, wurde für 
Georg Ernst Ludwig Preuschen, bad. Geh. Rath, später 
Kaiserl. Reichs-Kammergerichts-Assessor zu Wetzlar, zu- 
letzt Nassauischen Geh. Rath und Regierungspräsident zu 
Dillenburg, und dessen Bruder Ludwig Conrad Preuschen, 
Burg-Friedbergischen Kanzleirath, durch Diplom Kaiser 
Josephs IL d. d. 8. März 1782 der angeblich alte Adel 
ihrer angeblich luxemburger Vorfahren von Preysch 
erneuert, 28. Juli 1791 der erstgenannte unter Vermeh- 
rung des Wappens und mit dem Prädikate „von und 
zu Liebenstein'' in den Reichsfreiherrn stand erhoben, 
nachdem derselbe (11. Juli 1783) von Nassau mit der 
Burg Liebenstein und Herrschaft Osterspey und von 
Baden als Graf von Spanheim mit der Burg Osterspey 
belehnt worden war. Ihre Nachkommen, welche in 
nassauischen Diensten standen, theilen sich in eine 
ältere von Georg Ernst Ludwig und jüngere von Lud- 
wig Conrad von Preuschen abstammende Linie *). Beide 
Nobilitirte waren Urenkel des am 11. Jan. 1683 beim 
Brande des Pfarrhauses zu Schönstadt umgekommenen 
Pfarrers Mag. Joh. Aegidius Rtippersberg und des obigen 
Pfarrers Henrich Preusch zu Roddenau, Enkel des obigen 
Pfarrers Joh. Mich. Preuschen und Söhne des Pfarrers 
Gerhard Helfrich Preuschen zu Nidda. Zwei andere 
Brüder August Gottlieb und Friedrich Wilhelm standen 



*) Gothaisch, froiherrl. Taschenbuch 1857, S. 558. 1859, S. 594. 



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271 

in badischen Diensten als Consistorialrath, bezw. Geh. 
Rath zu Karlsruhe. 

3) Aus der Familie F e n n e r, welche von dem aus 
Heidelbach bei Alsfeld gebürtigen und als Kaplan zu 
Lohra 1656 gestorbenen Heinrich Fenner, bezw. dessen 
als Pfarrer daselbst 1726 gestorbenen Enkel Joh. Ludwig 
Fenner abstammt, wurde den Brüdern Aug. Ferdinand 
(t als Kreisrath zu Kirchhain) und Friedrich Wilhelm 
Fenner, Söhnen des Majors Heinrich Christoph Fenner, 
von welchen der erstere Major im 1., der andere Capitän 
im 2. Hess. Inf.-Regiment war, d. d. Wien 21. Jan. 1817 
und ebenso ihrem Vetter, dem Geh. Rath und Brunnenarzt 
Dr. med. Heinrich Christoph Matthaeus Fenner zu Schwal- 
bach, einem Sohne des Oberpfarrers Ludwig Heinrich 
Fenner zu Marburg, am 17. Febr. 1821 die Erlaubniss 
zur Wiederannahme ihres angeblich Tyroler Adels als 
Fenner von Fenneberg ertheilt. Ein Enkel des obigen 
Friedrich Wilhelm Fenner und Sohn des k. k. öster- 
reichischen Feldmarschall-Lieutenants Franz Philipp 
Fenner von Fenneberg aus dessen Ehe mit einer Gräfin 
Ferraris war Ferdinand Fenner von F., welcher in Folge 
seiner Führerstellung in den 1848er Revolutionsbewe- 
gungen in Oesterreich und in der Pfalz 1849 den Adel 
verwirkte und zu Newyork im Wahnsinn verstarb, dessen 
Töchtern Agnes und Adelgunde jedoch in Folge des all- 
gemeinen Amnestiedekrets vom 20. Juni 1867 durch Ordre 
d. d. Laxenburg 21. Juli 1871 der Adel restituiert wurde. 
Die in den erwähnten Diplomen enthaltenen Redewen- 
dungen von Erneuerung des abgelegten Adels der an- 
geblich luxemburgischen oder tyrolischen Vorfahren sind 
nach der in den Diplomen seit dem 17. Jahrhundert 
üblichen Redeweise zu beurtheilen. Eine Erneuerung 
des Adels liegt höchstens vor bei der Familie Lynker, 
welche, wie bemerkt, mit den Schenken zu Schweins- 
berg schon im 16. Jahrhundert verschwägert war und 



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272 

im Besitze ritterschaftlicher Güter zu Dagobertshausen 
bei Marburg, sowie durch Pfandschaft des Huhnischen, 
seit 1570 Dersischen Rittergutes Treisbach bei Vier- 
münden sich befunden hat. Endlich 

4) aus der in der Stammtafel wiederholt vorkom- 
menden Familie Fabricius, welche aus einer Bürger- 
familie Schmidt zu Schlitz abstammt und im 17. Jahrh. 
zu dem das lutherische Kirchenwesen restaurirenden und 
leitenden Marburger Superintendenten Dr. theol. Georg 
Herdenius in naher verwandtschaftlicher Beziehung 
stand, ist der hessen-darmstädtische Geh. Rath, nachherige 
Kanzler und kaiserliche Hofpfalzgraf Dr. jur. Philipp Lud- 
wig Fabricius aus Bierstein (geb. 1599, f 14. August 
1666) durch Kaiser Ferdinand HI. am 19. Nov. 1644 
in den Reichsadelstand erhoben. Fabricius, anfangs bei 
der Regierung zu Marburg, dann zu Giessen, zuletzt zu 
Darmstadt, hatte zur Verwirklichung der Bestrebungen 
Landgraf Georgs IL die Wirren des dreissigj ährigen 
Kriegs beizulegen und dem Vaterlande den Frieden wieder- 
zugeben, schon in jungen Jahren wiederholt Gesandt- 
schaften bekleidet; er war namenilich zu den Friedensver- 
handlungen zu Prag und Pirna und dem Reichsdeputations- 
tag zu Frankfurt (1643) deputirt und eröffnete am 5. Mai 
1650 aufs Neue die Universität Giessen. Landgraf 
Georg H. ehrte seine Verdienste durch Belehnung mit den 
hessischen Lehen der 27. Okt. 1634 erloschenen Familie 
V. Schleyer, gen. Schlaegerer zu Schiffelbach, nämhch 
deren Gut zu Gemünden an der Wohra und der Wüstung 
Hertingshausen zwischen Rosenthal und Gemünden *) 
sowie mit mehreren isenburgischen Lehen, über welche 
dem Landgrafen Georg IL kraft der ihm vom Kaiser ein- 
geräumten Besitznahme der Grafschaften Isenburg und 
Büdingen die Lehnshoheit damals zustand. Es waren 
dieses die durch das im Dezember 1636 erfolgte Aus- 

*) Lehnbrief d. d. 8. Nov. 1635. 



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273 

sterben der Familie Schlaun von Linden eröffneten Lehen 
zu Grossenlinden *), sowie ein durch den Tod des Joh. 
Wilhelm von Lautern und Ehrhard Wilhelm von Sal- 
feld eröffnetes isenburgisches Hofgut zu Stammheim **). 
Als die deshalbige Kaiserl. Cessionsakte vom 7. Juli 1635 
später durch Vertrag vom 24. Nov. 1642 zwischen Darm- 
stadt und den Grafen von Isenburg rückgängig gemacht 
wurde, erkannten letztere die vollzogenen Belehnungen 
ausdrücklich an. Fabrizius Nachkommen wandten sich 
später nach Norden in Mansfeldische, Lüneburgische 
und Mecklenburgische Dienste und änderten ihren lati- 
nisierten Namen Fabricius in den französierten Fabrice ; 
ihre hessischen Lehen zu Gemünden verkauften sie 1710 
an den Major Wolrad von Hornung. Aus ihnen stammt 
der königlich sächsische Staats- und Kriegsminister Alfred 
von Fabrice, geb. 23. Mai 1818, f 25. März 1891, 
welcher wegen seiner Verdienste um Erhaltung der Königl. 
sächsischen Armee in den Bedrängnissen des Jahres 1866 
und seiner rastlosen Thätigkeit um deren Reorganisation 
in der Folgezeit von des Königs von Sachsen Majestät 
am 1. Juli 1884 in den erblichen Grafenstand er- 
hoben wurde. 

Anlagen za 1. 
Ich Conrad Buchsagk, genandt Heß, Schultheiß 
zu Marpurgk, bekenne und thue kund hiermit männig- 
lich: Nachdem ich ohnlängst dem Ehrwürdigen und 
Hochgelahrten Herrn Rectori, Decano und Professoribus 
der löblichen Universität Marburg Tausend Gulden 
Landeswehrung, den Gulden zu 26 alb. gerechnet, 
um rund auf 50 fl. jährlicher Zinß auf einen jeden 
Neuenjahrstag fällig nächst berührter Wehrung, Kraft 
darüber aufgerichteten und mir zugestellten versiegelten 
Verschreibung ausgethan, und durch beschehene wirk- 

*) Exspectanzbrief d. d. 6. Nov. 1635. 
**) Lehnbriefe d. d. 8. Mai 1636 uad 6. Jan. 1638. 
N. F. xvn.BcL 18 



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274 

liehe tradition in ihre Gewahrsam eingeantwortet, dass 
ich mit zeitiger guter Vorbetrachtung und zur Beför- 
derung Gottes Ehren, in der allerbesten beständigsten 
Form und Gestalt, wie das in Kraft und Macht einer 
rechtmässigen beständigen und in Rechten privilegirter 
disposition oder Legati ad pias causas zum kräftigsten 
aller Gericht und recht, Geistl. und weltlich beschehen 
solle und möge, obberrührte 1000 fl. wie hernach un- 
derschiedlichen folgt, ad pios usus verordnet, ausgemacht 
und gegeben habe, thue das auch jezzo hier mit diesem 
Brief mit Mund, Hand und allen Worten, auch Gewahr- 
samkeiten, wie das am formlichsten Kraft und Macht 
haben solle und möge, also und der Gestalt, dass an- 
fänglich Nicolas Bösslern, meiner Schwester Catharina 
sei. Tochter, nehmlich Elisabethen Sohn von Rosenthal 
obberührte 50 fl. jährliche pension zu Vollführung seiner 
angefangenen Studien durch meine unten benante und 
angegebene executores von dato dieses und fort von 
Jahren zu Jahren und so lange biß er wird eine con- 
dition versehen können und länger nicht sollen gereicht 
und zum Unterhalt wirklich folgig gemacht werden. 
Wie ich denn ferner in und mit Kraft dieses Briefes 
ordne und will, da berührter Nicolaus Bössler bei seinen 
angefangenen Studiis verbleibt, und somit darin pro- 
moviret, dass er wird eine condition versehen können, 
dass alsdann die viel angeregte 50 fl. jährliche pension 
forter in zwei Theile gesezt und zweyn Knaben aus 
meinen nächsten Freunden, sie seyen gleich alihier zu 
Marburg, Rosenthal oder sonst zum studio dienlich sich 
wohl anlegen, auch so fern kommen sind, dass sie ali- 
hier im Paedagogio können aufgenommen werden, und 
also einem jeden jährlich 25 fl. sollen gereicht und zu- 
gestellet werden; doch mit der Maas und Bescheiden- 
heit, da solche meinem nächsten Freunde zuständige 
Knaben so weit ihre Studia bringen und vollführen, 



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276 

dass sie gleichfalls zu conditionen können gebraucht 
und bestellt werden, dass alsdann solche viel berührte 
50 fl. pension zween anderen Knaben aus berührten 
meinen Freunden in allermas, wie nächst gemeldet, 
sollen ausgethan und von Jahren zu Jahren davon 
unterhalten werden und sollen hierinnen die ärmsten 
Freunde allwege den Vorzug haben. 

Im Fall sich aber über kurtz oder lang zutragen 
oder begeben würde, dass aus meiner Freundschaft sich 
keine Knaben zum Studieren verschicken und begeben, 
oder auch dazu tüglich befunden werden möchten, und 
aber allhier zu Marburg, deßgleichen zu Rosenthal 
arme Kinder, so an beyden Orten gezogen und ge- 
bohren, deßgleichen auch fromme und zu Studiis dien- 
lich vorhanden seyn würden ; so sollen mit Vorwißen 
und Rath eines jederzeit regierenden Rectoris und De- 
cani die zwey Executores meiner Freunde und Ver- 
wandten einen armen Knaben aus Rosenthal, welche 
alsdann hierinnen in allerwege den Vorzug haben sollen, 
25 fl. und einen aus Marburg gleichfalls auch 26 fl. so 
lange und länger nicht dann biß ein jeder durch seine 
eigene Geschicklichkeit sein Brod selbst erwerben kann, 
jährlich zum Unterhalt handreichen und geben, wie 
ich denn auch, dass auf den Fall, da keine Knaben 
aus Marburg und Rosenthal hierzu tüglich und dienlich 
befunden, ferner geordnet und in Kraft dieser meiner 
letzten disposition und Verschaff eniß gesetzt haben will, 
daß durch berührte meine Freunde und die Herrn Rec- 
toren, Decanum und Professores, so zu jederzeit sein 
werden, oft angeregte 60 fl. jährlicher Pension zwey 
armen Studiosis, so sich frömlich und fleissig erzeigen 
und zum Studio wohl anlegen werden, jährlich zur 
Unterhaltung gereicht und dargestreckt werden sollen, 
doch länger und weiter nicht, denn biß einer oder sie 
alle beide eine condition nach Nothdurft versehen, und 

18* 



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276 

ihnen selbst Unterhalt schaffen mögen. Es sollen auch 
diese Knaben nicht, wie andere geraeine Stipendiaten 
gehalten, sondern einem jeden freigelaßen werden, sich 
zu einer Facultät, dazu er Lust hat und dienlich be- 
funden wird, zu begeben und wie andere fromme Stu- 
denten, so keine Stipendia haben, zu leben. Und da 
sich hinkünftig über kurtz oder lang zutragen oder 
begeben würde, dass die löbliche Universität allhier zu 
Marburg (welches doch der Almächtige nach seinem 
gütlichen Willen verhüten wolt) in Abfall kommen, 
oder aber von derselben 1000 fl. vorgestreckten Haupt- 
geldes abgeloist und meinen Erben wiederum verlegt 
werden solten, so ordne, will, befehle und heisse ich, 
dass meine Erben und Nachkommen solche 1000 fl. 
wiederum an gewisse Orte alsbald austhun und an- 
legen, und die gewisse Verordnung und Vorsehung 
thun sollen, dass die jährliche Gülten und Renthen, so 
jederzeit darüber fällig sein werden, Kraft dieser meiner 
Stiftung jährlich ausgegeben und in keinen anderen 
Gebrauch, denn wie vorgemeldet und von mir in dieser 
meiner Einsezung, Versehung gethan, angewendet und 
ausgelegt werden sollen ; darauf die itzige und nachkom- 
mende Executores jederzeit zu dencken haben, und da- 
mit diese meine fundation und Stiftung stet und vest 
gehalten, auch zu jederzeit alle dasjenige, so darinnen 
verordnet, wirklich und fleissig vollzogen werde, so er- 
nenne ich hiermit den Ehrenhaften und Hochgelahrten 
Herrn David Laucken, der Rechte Doctoren und Fürstl. 
Hofgerichtsrath allhier zu Marburg, meinen freundl. 
lieben Schwager, deßgleichen Henrich Rosenthal, meinen 
Vetter, zu Executoren, und wen dieselben forters nach 
ihrer Gelegenheit heut oder morgen dazu aus der 
Freundschafft an ihrer statt ernennen werden, will auch 
dabeneben hiermit und in Kraft dieses meines Briefs 
alle und jede Obrigkeiten, sie seyen Geistlich oder 



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277 

Weltlich, unterthänig und fleissig gebeten haben, ob 
dieser meiner disposition und Einsezzung fleissig zu 
halten und nit zu gestatten, daß derselben im geringsten 
widerlich, oder auch einigen Abbruch gehehen möge. 
Doch soll mein Testament disposition und donation, so 
ich vor dieser Zeit anderer meiner Güter und Nahrung 
halber aufgerichtet, stet, fest und kräftig bleiben, und 
dawider auch gegen diese meine fundation und Stiftung 
von den instituirten Erben bei Poen ihres geordneten 
Antheils nichts vorgenommen oder ins Werk gerichtet 
werden. Alles ohne Gefärde und Arglist. Des zu 
wahrer ürkund habe ich mich mit eigenen Händen 
unterschrieben und mein Insiegel hierunter an wißent- 
lich gehenkt, auch zur Bewilligung der vorgedachten 
execution und zu mehrerer Bekräftigung und ewiger 
Handhabung dieser fundation die Ehrwürdigen, Hoch- 
und Wohlgelahrten Herrn Conraduni Matthaeum, der 
Rechte Doctorem und itziger Zeit der löbl. Universität 
Marburg Rectorem, Herrn Joh. Lonicerum und Wigan- 
dum Orthium, beide der H. Schrift Doctores, M. Pe- 
trum Nigidium, Decanum und M. Theoph. Lonicerum, 
alle der Universität allhier zu Marburg Professores, als 
von mir hierzu insonderheit erforderte Zeugen, dienst- 
lich und freundlich gebeten, dieser meiner Stiftung und 
Insazzung sich mit eigenen Händen zu unterschreiben, 
auch vor sich die gantze Universität, und alle ihre 
Nachkommen mit der Universität grosen anhangenden 
Insiegel zu bekräftigen, welcher Subscription und Siege- 
lung wir vorgenannte Rector, Decanus und Professores 
vor uns, die Universität und unsere Nachkommen also 
hiermit bekennen, auch neben dem allen den Ehrbaren 
und Wohlgelahrten Joh. Hartmann als öffentlichen No- 
tair requirii't und ersucht, beneben obberührten Herrn 
und Zeugen, diese meine fundation gleichfalls zu unter- 
schreiben und sein gewöhnlich Notariatszeichen hier- 



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278 

neben aufzudrucken. Welches geschehen Marburg nach 
unseres Herrn und Seligmachers Jesu Christi Geburt 
als man zählt 1565 in die Thomae Apostoli, den 21. xbris. 

Conrad Buchsacfc, gnt. Hess. 

Conrad Matthaeus, Rector. 

Johannes Lonicerus D. 

Wiegand Orthius Th. D. 

Petrus Nigidius, Decan. 

Theoph. Lonicerus. 
Ego Joh. Hartmannus, auctoritate imperiali publ. 
Notarius, ad hunc actum requisitus, me in fidem omnium 
praedictorum subscripsi et Notar, signum apposui, quod 
hac manu mea propria attestor. 



Disposition der beiden ersten Executoren der 
Buchsackischen Stipendienstiftung, wer nach ihrem Ab- 
sterben ihnen succediren solle: 

Zu wissen und kundt sey Jedermann, so dessen 
von Nöthen haben, daß nachdem weilandt der Ehren- 
geachte Curt Buchsack, genannt Heß, gewesen Schul- 
theiß zu Marpurgk, Gott zu Ehren und seiner ganzen 
Freundschaft zu Gute, Ihme selbst zu löblichen Ge- 
dechtnuß ein Beneficium oder Stiftung von Tausendt 
Gulden Capital oder Haupt Summa lauths Brief und 
Sigelln aufgericht, dergestalt, daß jherlich Fünfzig 
Gulden Pension davohn erhoben, welche Inhalt gemelter 
Stiftung an seine Blutsverwanthen vornemblich und in 
Mangel derselben sonsten nach Außweißung der fun- 
dation zum Studiren angewandt werden sollen, und dann 
zu steifer und Vesthaltung derselben Stiftung Wir Nach- 
benandte, nemblich ich Davidt Lauck von wegen meiner 
Hausfrauen, gemeldtes Stifters [Schwestern], und ich 
Henrich Hofmann, genannt Rosenthaler, als auch Bluths- 
verwandter und Vetter des Stifters, zu Executoren in 
solcher Stiftung mit dem Anhang vornemblich benandt 



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279 

und verordnet worden seyndt, Also daß Wir die Tage 
unsers Lebens, wie treuen Executoren zusteht, dieselbe 
Stiftung so viel möglich verwalten und handhaben, 
auch auf den Fall richtig andere Executores an unserer 
statt zu erwehlen Macht haben sollen. 

So haben Wir beyde obbemeldte verordnete itzige 
Executores Unß dahin freundlichen verglichen und Kraft 
dieser Bekahntnuss vereiniget, Wenn der liebe Gott 
nach seinem Gottl. Willen unser einen über kurz oder 
langk, oder auch beide samptt von dieser Welt zu sich 
abfordern würde, daß alsdann an unserer stedte zu 
Verwaltung solches Beneficii und Stiftung unsere Söhne, 
welche dazu dienlich seyn mochten, hiermit geordnet 
seyn sollen, inmassen Wir sie auch hiermit darzu am 
krefiftigsten solches beschehen macht, verordnet haben 
wollen, und benennen anfenglich dazu Ich David Lauck 
meinen ältesten Sohn Johannem Lucanum und Ich Hen- 
rich Hofmann meinen Bruder oder meinen Sohn Jo- 
hannem Hofmann dergestalt, da Unser einer oder Wir 
beyde sampt mit Todt abgehen solten, daß alsdann 
diese bemelte beyde Johannessen, oder uff den Fall 
andere Unser Söhne darzu dienlich seyn wurden, an 
Unser stadt tretten und solch Beneficium oder Stiftung 
in seinen Wurden, so viel ihnen möglich, erhalten sollen, 
im Fall aber dieselben ernandte als Ludwig Hofmann 
oder andere beyderseits Freundschafft darzu zwo tüg- 
liche Personen sich solcher Verwaltung annehmen und 
allesampt dahin bedacht seyn, das solche Verwaltung in 
der zubehörigen Freunde Händen bleibe, und die Freund- 
schaft nit umb das herrliche Kleinoth durch Fremder 
oder ungesipter Leut Verwaltung, wie es gemeiniglich 
in solchen Fällen durch Nachlessigkeit zu beschehen 
pflegt, kommen möge. 

Vermahnen derhalben und bitten Wir itzige Exe- 
cutoren unser Nachkommen zu dieser Stiftung gehörig 



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280 

allesampt daß sie dieselbe in ihren Würden und krefftig 
lassen und erhalten, so lieb ihnen Gott und die Freund- 
schaft ist. 

Desen zur Urkundt etc. Actum Marpurgk im Jahr 
Tausend Fünfhundert achtzig und Sieben. 

David Lauck Dr. 

Henrich Hoffmann, der Elter. 

Zu wißen, Nachdem weilandt der Ehrgeachte Curt 
Buchsack etc. kurtz vor seinem Todt eine Stiftung von 
1000 fl. Capital etc. uffgericht etc. und dann zu Execu- | 
toren und Verwaltern solcher Stiftung den Ernvesten etc. 
Dr. David Lauck etc. und Henrich Hoffmann, gen. Rosen- ; 
thaler, Bürger und Löwer zu Marpurg, von ermeltem j 
Stifter benantet, aber nach Schickung Gottes der eine I 
Executor nemblich Henr. Hoffmann des nechst ver- 
gangenen Jars Achtzig Acht mit Todt abgegangen und 
daher an dessen Stadt der Erb. Ludwig Hoffmann, gen. 
Rosenthaler, gedachtes Henrichs sei. Bruder zum anderen 
Executor und Verwalter vor anderen als dessen Stifters 
Verwandten durch gedachten Dr. David Lauck erwehlt 
ist worden, so hat gedachter Ludwig in Beiseyn Meiner 
unterschriebenen Notarii und Stadtschreibers zu Mar- 
purg zugesagt und gelobt solche obengemeldte Stiftung 
treulich helffen Hand zu haben, bis etwa derhalben 
weiter Verordnung erfolgen mag. Dessen zu ürkunth etc. 
Actum Marpurg, den 16. Januarii anno 89. 

2. Die Faustischen Stiftungen. 

Der seit dem Jahre 1804 zu Treisbach im Amte 
Wetter zuerst als Adjunkt, seit 1807 als Pfarrer ge- 
standene Conrad DanielFaust, geboren zu Löhlbach 
den 26. Okt. 1772 als Sohn des Pfarrers Joh. Friedr. Faust, 
hatte aus seiner Ehe mit Charlotte Dorothea Eigenbrodt, 
geb. 22. Juli 1784 zu Hof Lauterbach bei Vöhl nur 



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281 

einen Sohn WilhelmGeorg, welcher nach vollendetem 
theologischen Studium als Pastor extraordinarius 29. 
Okt. 1838 zu Treisbach starb. Eine gelegentliche Be- 
merkung de« letzteren, dass er, wenn er über Vermögen 
zu testieren hätte, dasselbe zu Familienstipendien be- 
stimmen würde, wurde seinen Eltern Anlass, in diesem 
Sinne über ihr Vermögen letztwillig zu verfügen und durch 
Testament vom 21. Juni 1839 neben mehreren kleineren 
Legaten für ihre Pathen und Dienstboten und einer Stif- 
tung von 50 Thlrn., deren Zinsen unter Verwaltung der 
Kirche zu Treisbach zum Ankauf von Schulbüchern für 
arme Kinder daselbst verwendet werden sollen, zwei 
weitere Stiftungen zu machen, nämlich 1200 Thlr. zu 
einem Stipendium für Studierende und 800 Thlr. zu 
einem Benefizium für Wittwen und unverheirathete arme 
Töchter aus den Nachkommen der Geschwister der Stifter. 
Hinsichtlich beider Stiftungen sollen die Nach- 
kommen des seit dem Jahre 1800 zu Löhlbach, seit 1823 
zu Röddenau gestandenen Pfarrers Joh. Wilhelm Faust 
(f 15. Jan. 1836) und dessen Ehefrau Marie Sophie 
Amalie Antonette, geb. Eigenbrodt (f 11. Dez. 1845) 
vor den Nachkommen aller anderen Geschwister den 
Vorzug des Genusses haben, ein Religions Wechsel und 
Uebertritt zur katholischen Kirche aber von den An- 
sprüchen an diese Stiftungen sowohl den Convertiten, 
wie dessen Nachkommen ausschliessen. Die Zinsen der 
Stipendienstiftung sollen einem Studierenden ohne Rück- 
sicht auf die Fakultät für je 3 Jahre des Universitäts- 
studiums, jedoch nicht über dasselbe hinaus, aber auch 
schon einem Secundaner, der sich durch Fleiss und 
gutes Betragen auszeichnet, nach Ablauf der 3 Jahre 
aber einem andern Berechtigten verliehen, in Ermange- 
lung derselben die Zinsen zum Capital geschlagen, 
und die Zinsen davon wieder, wie bezeichnet, verliehen 
werden. 



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282 

Ebenso sollen die Zinsen der anderen Stiftung für 
arme hinterlassene und unverheirathete Töchter und 
Wittwen, welche einen christlichen und sittlichen Wandel 
führen, an eine oder zwei solcher Töchter und Wittwen 
von drei zu drei Jahren verliehen werden, der 6e- 
nuss des Legates aber durch Verheirathung oder sonstige 
Besserung der Lage, wenn diese der Unterstützung nicht 
mehr bedarf, erlöschen. Auch „sollen die Töchter und 
Wittwen vom Stande, weil diese nicht taglöhnern können, 
denen vorgehen, die aus niedrigem Stande sind, und so 
lange die ersteren da sind, stehen die Letzteren immer 
nach." Die Verleihung beider Benifizien soll {§ 3) durch 
zwei der Aeltesten, je einen aus der Familie Faust 
und Eigenbrodt, unter Aufsicht des Consistoriums zu 
Marburg geschehen und dieser Behörde jährlich Rech- 
nung gelegt werden, die Vermächtnisse aber erst nach 
dem Ableben beider Stifter ins Leben treten, der über- 
lebende Ehegatte als Universalerbe des erstverstorbenen 
im Besitz und Genuss des ganzen Vermögens bleiben (§ 8). 

Der Pfarrer Conr. Dan. Faust starb am 25. März 
1843. Seine Wittwe überlebte ihn um 28 Jahre und 
starb erst am 28. Dez. 1871 zu Wetter ; sie wurde 
neben ihrem Manne und Sohne zu Treisbach be- 
graben. In dieser langen Zeit hatten sich die Preis- 
verhältnisse der Lebensbedürfnisse gegen die frühere 
Zeit wesentlich verändert; und die W^ittwe, welche „ihr 
Herz und Hand gegen Bedürftige nicht verschliessen 
konnte", infolge dessen einen Theil des Vermögens ve^ 
braucht, so dass dasselbe zur Auszahlung der Vermächt- 
nisse und Stiftungen nicht ausreichte. Unter Berück- 
sichtigung dieser Vermögensverminderung und weil das 
Testament vom Jahre 1839 manche juristische Unvoll- 
kommenheiten hatte, namentlich über die Nachlass- 
regulirung und Ausführung der Vermächtnisse nichts 
enthielt und ein löschungsfähiger Erbe nicht vorhanden 



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283 

war, so setzte die Wittwe auf Grund der ihr über- 
tragenen Universalerbschaft durch einen Testaments- 
nachtrag vom 5. August 1870 neben einigen gering- 
fugigen Zusätzen unter Wiederholung des 1839er 
Testaments den Einsender dieses zum Erben ein. 

Nach einer vom damaligen Consistorial- und Kreis- 
gerichtsdirektor Kraushaar zu Marburg entworfenen 
Consistorial- und einer derselben beipflichtenden Gerichts- 
verfügung vom 6. bezw. 18. April 1872 erfolgte dann 
diese Nachlassregulierung in der Weise, dass der Testa- 
mentserbe, der die Erbschaft unter der Rechts wohlthat des 
Inventars angetreten, auf die falcidische Quart gegen eine 
angemessene Vergütung für seine Mühewaltung ver- 
zichtete, und aus dem Erlös des Nachlasses zunächst 
alle Gerichts-, Begräbniss-Kosten etc. berichtigt und die 
Legate an die Dienstboten und für arme Schulkinder 
zu Treisbach im stiftungsmässigen Betrage, dagegen die 
Legate an Familienglieder und an beide Familienstif- 
tungen pro rata ausbezahlt wurden. Aus dem Nachlass 
von insgesammt 2291 Thlr. 18 Sgr. 6 Hlr. konnten 
nach Erfüllung obiger Verbindlichkeiten (324 Thlr. 19 
Sgr. 5 Hlr.) an die Stiftungen etc. 85^/2 Prozent be- 
zahlt werden, d. h. an die Stipendienstiftung 1026 Thlr. 
7 Sgr. 1 Hlr. und an die Töchterstiftung 684 Thlr. 
4 Sgr. 11 Hlr., worin die Erbschaftssteuer (60 Thlr.) 
enthalten ist. Letztere wurde mit 3 Prozent nicht von 
dem obigen wirklich gezahlten, sondern laut einer älteren 
preussischen Cabinetsordre vom 18. Juli 1845 von dem 
gestifteten ganzen Capitale (1200 und 800 Thlr.), also 
auch von den nicht gezahlten 14^2 Prozent des Stif- 
tungskapitals angefordert und bezahlt. Da von den 
Stiftern keine Bestimmungen über die Collatur getroffen 
waren, so bestimmte der Testamentserbe den Pfarrer 
und Metropolitan Reinh. Daniel Faust zu Grossen- 
wieden bei Rinteln von der Faustischen Familie und 



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284 

den Pfarrer Gustav Eigenbrodt zu Steinbach bei 
Giessen von der Eigenbrodtischen Seite zu Collatoren. 
Beide Collatoren vereinbarten alsbald ein vom Con- 
sistorium genehmigtes Verwaltungsstatut über die Be- 
stellung der Collatoren, Rechnungslegung und Verlei- 
hungsmodus der Stipendien, so dass die Stiftungen seit 
1872 in Kraft treten konnten. Der erste Benefiziarius 
war der stud. phil. Fritz Möller aus Dodenhausen, 
welcher im Jahre zuvor nach der Schlacht bei Sedan 
zum Leutnant avanciert und das eiserne Kreuz erhalten 
hatte, und als Oberlehrer am Kaiserlichen Lyceum zu 
Metz 19. August 1889 verstorben ist. 

Das Gesammtconsistorium zu Kassel, auf welches 
nach Aufhebung des Marburger Consistoriums die Auf- 
sicht über diese Stiftungen übergegangen war, wollte 
sich dieser ihm anvertrauten Aufsicht ganz entschlagen, 
weil dieselben ein kirchliches Interesse nicht böten und 
stellte höheren Orts dahin gehenden Antrag, der jedoch 
selbst von dem damaligen Cultusminister Dr. Falk nicht 
genehmigt wurde, so dass dasselbe erst 18. Sept. 1875 
dem Testamentserben die erbetene Decharge ertheilte. 

Berechtigt zu beiden Stiftungen sind die Nach- 
kommen der Geschwister der Stifter. Die Familie Faust, 
aus welcher seit 1715 bis in die Neuzeit 15 Glieder in 
geistlichen, einige auch in juristischen Aemtern in Hessen 
gestanden, verschieden von der von dem Hersfelder Bürger- 
meister Conrad Faust (f 161 5) abstammenden Familie*), 
stammt von einem Bergmann Alban Faust zu EUers- 
hausen bei Frankenberg (f vor 1635), dessen Enkel 
Andreas Faust zu Geismar drei Söhne geistlich 
studieren Hess. Die Nachkommen des Pfarrers Joh. 
F au st zu Haina (f 1745), Halsdorfer Linie, haben keinen 
Antheil an den Stiftungen. 



*) Strieder, Hess. Gel. Gesch., 4, 75. 



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286 

Die Familie Eigenbrodt, welche sich von einem 
aus Marienhagen bei Vöhl stammenden Schmiede Jo- 
hannes Eigenbrodt und dessen nach Sachsenhausen 
in Waldeck verheiratheten Sohn Jost H e i n r i c h (f 1697) 
und dessen Ehefrau Anna Elisabeth Schenn herleitet 
und im Laufe weniger Jahrzehnte die höchsten Staats- 
ämter erreichte, ergibt die Buchsackische Stammtafel. 
Der daselbst genannte älteste Bruder der Stifterin, 
Staatsrath Carl Christian Eigenbrodt zu Darmstadt, 
ist der Begründer des 1834 landesherrlich bestätigten 
historischen Vereins für das Grossherzogthura Hessen 
und dessen Zeitschrift, des sogenannten „Hessischen 
Archivs", welches derselbe mit einer diplomatischen Ge- 
schichte der Dynasten von Falkenstein eröffnet und mit 
mehreren anderen Publikationen über die Hessische Vor- 
zeit versehen hat. 

3. Die Plittischen Stiftungen zu Wetter. 

Im Jahre 1692 verheirathete sich der Bürgerssohn 
Joh. Jacob Plitt aus Biedenkopf (f 1744), wo diese 
Familie noch in zahlreichen Gliedern blüht, mit Anna 
Elisabeth Dexbach zu Wetter und wurde hierdurch der 
Stammvater einer zahlreichen Nachkommenschaft, die 
zwar im Mannesstamme zu Wetter seit 100 Jahren 
wieder erloschen ist, aber ausserhalb noch fortblüht und 
namentlich eine Reihe von namhaften Theologen her- 
vorgebracht hat. Von Joh. Jacob Plitts zwölf Kindern, 
deren sechs jung starben, war der dritte Sohn Georg 
Matthaeus, geb. 1. April 1701, nach kurzer pfarr- 
aratlicher Adjunktur in seiner Heimath 1736 Pfarrer und 
Dekan zu Caldern, wo er nach gesegnetem Wirken 17. 
Juli 1767 starb und in der Kirche begraben wurde, 
während Johann Conrad Plitt, geb. 1697, vermählt 
mit Anna Maria May, den Stamm zu Wetter fortsetzte. 
Auch von seinen 11 Kindern starben 4 frühzeitig. Der 



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286 

älteste Sohn, nach seinem Grossvater benannt, Johann 
Jacob Pütt, geb. 27. Februar 1727, wurde nach voll- 
endeten theologischen und philosophischen Studien zu 
Marburg (1744) und Halle (1745) und nach erlangter 
philosophischer Magisterwürde von seiner akademischen 
Laufbahn abgelenkt und 1748 zum zweiten Pfarrer an 
der lutherischen Gemeinde zu Kassel, wo er sich (1750) 
mit Henriette Sophie, des f Pfarrers Friedrich Philipp 
Schlosser Tochter, vermählte, 1755 aber nach sieben- 
jähriger reich gesegneter Amtsthätigkeit zum ordent- 
lichen Professor der Theologie nach Rinteln berufen. 
Auf seiner Reise nach Rinteln erwarb er am 17. Sept. 
j. J. bei der theologischen Fakultät zu Göttingen die 
theologische Doctorwürde, nachdem er allen deshalbigen 
Anforderungen genügt hatte. Im Jahre 1756 übernahm 
er neben seinem akademischen Lehramte auch zugleich 
wieder ein Pfarramt als Diakonus und bald nachher als 
Pastor Primarius zu Rinteln und wurde nach dem 1761 
erfolgten Ableben des Dr. Joh. Phil. Fresenius 1762 
zum Pfarrer, Consistorialrath und Senior des geistlichen 
lutherischen Ministeriums zu Frankfurt a. M. berufen, 
in welcher Stellung er auch die Uebungen des dasigen 
theologischen Candidatenseminars zu leiten hatte und 
am 6. April 1773 starb. Dr. Joh. Jacob Plitt stand 
gegenüber dem eindringenden Rationalismus noch fest 
im alten Glauben der lutherischen Kirche, wie seine 
zahlreichen theologischen und philosophischen Schriften, 
welche meist apologetischen Inhalts sind, und seine ge- 
druckten Predigten beweisen. Namhaft und bekannt 
sind besonders seine Schriften über die Kindertaufe*). 
Plitt ist aber nicht blos wegen seiner theologischen und 

*) Beweis^ dass die Kindertaufe in der H. Schrift befohlen 
und in der ersten christlichen Kirche üblich gewesen. Hamburg 
1751. lyissertatio historico-theologica sistens testiinonia quonindam 
ecclesiao Patnini pro baptismo infantum a falsis interpretationibus 



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287 

pfarramtlichen Wirksamkeit an der lutherischen Gemeinde 
zu Kassel und zu Rinteln, sondern auch wegen seiner 
„Nachrichten von der oberhessischen Stadt Wetter und 
der daraus stammenden Gelehrten." 1769, in denen er 
seiner Heimath und seinen Landsleuten ein ehrenvolles 
Gedächtnis gesetzt hat, von Bedeutung. Pütt hatte 
hierzu zwei Vorarbeiten von Wetterischen Landsleuten 
und Amtsbrüdern, welche er überarbeitet und zum Druck 
befördert hat. Von dem Pfarrer Joh. Ludwig Mahrt 
zu Neustadt an der Hardt, später zu Hersberg in der 
Grafschaft Falkenberg, geb. 12 November 1687, röhrt 
der erste Theil, die eigentliche Wetterische Stadt- und 
Amtschronik her, ein Werk, in dem man über die vor- 
reformatorische Geschichte Wetters, namentlich über die 
Verhältnisse Hessens zum Erzstifte Mainz, sowie über 
das dasige „frei weltliche Stift unserer lieben Frauen 
vom Himmelreich*' und vieles andere vergeblich Auf- 
schluss sucht, das aber wegen der örtlichen Beschrei- 
bung, der Pfarr- und Schul Verhältnisse, sowie durch 
Abdruck älterer auf die Geschichte der Stadt bezüg- 
lichen Urkunden aus dem 17. Jahrhundert nicht ganz 
unwichtig ist und für die Vorbeschreibung zum Steuer- 
kataster die Hauptquelle abgegeben hat. Von grösserem 
und bleibendem Werth ist der zweite Theil, die Wet- 
terische Gelehrtengeschichte, welche von dem zu Treis- 
bach bei Wetter 1730 bis 1756 gestandenen Pfarrer Joh. 
Georg Junk verfasst ist, welcher sich auch durch eine 
1745 herausgegebene lateinische Lebensbeschreibung des 
berühmten Heidelbergischen Philologen Friedrich Sylburg 
aus Wetter bekannt gemacht hat. 

fei. flovenii vindicata 1700. — Seine I^bensbeschreibung und 
Schriften sind in den Nova acta ccclesiastka 1768. Tom. 60, S. 5H9 
enthalten und deren Titel in dou ^^Nachrichten von der obeihess. 
Stadt Wetter'S Frankfurt 17()9, ß. 252 -263 abgedruckt. 



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288 

Zwei jüngere Brüder des Frankfurter Seniors mit 
Namen Joh. Philipp Plitt, geb. 5. Nov. 1729, und 
Joh. Herbold Plitt, geb. 7. Nov. 1732, zogen nach 
Norden. Joh. Philipp wurde Kaufmann in Hamburg, 
Joh. Herbold Pastor zu Neuenkirchen und Hohenlukovv 
in Meklenburg, wo er sich mit des Superintendenten 
Menkel zu Schwerin Tochter vermählte. Weil ihnen 
Gott Glück und Segen auf ihren Lebenswegen in der 
Fremde beschert hatte, errichteten sie, d. d. Hamburg 
12. März und 6. August 1779, zum Dank gegen ihn und 
die Lehrer ihrer Jugend zwei Stiftungen von je 500 
Gulden für die Lehrer, Schulen und Armen ihrer 
Vaterstadt. 

A. 
Im Namen Gottes. 
Wir unterzeichnete Gebrüder, Söhne des weiland 
Herrn Johann Conrad Plitts, Bürger und Handels Manns 
in Wetter, haben bei vergnügtem Andenken an unsere 
Schuljahre in unserer Vaterstadt uns zugleich der man- 
nigfaltigen Wohlthaten erinnert, womit der Herr uns 
bei oft wunderbarer Führung in fernen Landen über- 
schüttet hat. Innigst gerührt über seinen Segen, haben 
wir, da wir wohl nicht mahl den Wunsch haben können, 
jemals wieder in unsere Vaterstadt zu kommen, doch 
gerne ein Denkmal unserer Liebe zu derselben darinnen 
aufrichten wollen. Demzufolge 

1. 
schenken wir der evangelisch-lutherischen Schule zu 
Wetter zu ewigen Zeiten, Gott zu Ehren und der Schule 
zum Beßten, Fünfhundert Gulden Frankfurter Währung, 
neun Gulden auf einen Louisdor gerechnet : nemlich ich 
Johann Philipp Plitt, Kauf- und Handels-Mann in der 
Kayserlichen freien Reichsstadt Hamburg, schenke dazu 
400 fl. und ich Johann Herbold Plitt, Pastor zu Neuen- 
kirchen im Herzogthum Mecklenburg, schenke dazu 100 fl. 



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289 

2. 

Für diese 500 fl. sollen entweder Grundstücke, als 
Aecker, Gärten oder Wiesen, auf dem Stadtfelde gekauft 
und nachher vermiethet werden, oder wenn solches der 
Stadt Verfaßung etwa nicht gemäß sein sollte, so sollen 
sie an keinen Particulier, sondern an eine ganze Com- 
mune, es mag nun eine Stadt oder ein Dorf sein, zins- 
bar ausgethan werden. Die Anwendung der Einkünfte 
oder Zinsen von diesen 500 fl. soll folgendermaßen .ge- 
schehen. 

3. 
Am Tage Gregorii, den 12. Mertz, sollen alle Jahr 
die Einkünfte oder Zinsen von 300 fl. an die drei Herrn 
Schul-Collegen dergestalt vertheilt werden, dass wenn 
z. E. das Geld 5 pro Centum Einkünfte bringt, so soll 
der Herr Bector 6 fl., der Herr Conrector 5 fl. und der 
Herr Collega tertius 4 fl. davon haben; trägt es aber 
6 p. Cent., so bekommt erster 7, der zweite 6, und der 
dritte 5 fl., und trägt es nur 4 p. Cent., so bekommt 
erster 5, der zweite 4, und der dritte 3 fl. und nach 
diesem Verhältnis soll die Vertheilung allemahl ge- 
schehen. Wir wünschen von Herzen, dass diese geringe 
Ergötzlichkeit den Herrn Schulcollegen ein neuer Be- 
wegungsgrund sein möge, mit unermüdeter Treue an 
den Seelen, welche der Herr Christus so theuer erkauft 
hat, zu arbeiten und auch bei der kärglichen Belohnung, 
welche die Welt oft für die saure Schularbeit gibt, 
immer der göttlichen Verheißung eingedenk zu sein, dass 
Er die Worte der Tochter Pharaonis, Exod. 2, 9: Nimm 
hin das Kindlein und säuge mirs, ich will dirs lohnen, 
an allen redlichen Schulmännern erfüllen wird. 

4. 
Die Einkünfte von den übrigen zweihundert Gulden 
sollen zu Bücher für Stadtkinder angewandt, und solche 
bei den gewöhnlichen Frühjahrs- und Herbst-Examinibus 

N. F. XVII. Bd. 19 



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290 

folgender Gestalt von dem jedesmahligen Herrn Ober- 
pfarrer vertheilet werden. Bei jedem Examine werden 
die Einkünfte von 100 fl. genommen. Sind solche 5 fl., 
so sollen für 2^2 fl. 2 Bücher, ein lateinisches und ein 
deutsches, gekauft werden. Davon soll das erste einem 
fleißigen, gottesfürchtigen und gehorsamen Schüler aus 
der ersten Classe, und das andere, nemlich das deutsche, 
einem fleissigen und frommen Schüler aus der anderen 
Classe gegeben werden. Für die anderen 2^2 fl. oder 
wie viel auch die Hälfte der Einkünfte betragen mag, 
sollen geringere Bücher gekauft werden, und solche an 
nicht bemittelte Kinder, die sich aber durch Gehorsam, 
Frömmigkeit und Lernbegierde auszeichnen, gegeben 
werden. 

Wir wünschen herzlich, dass diese kleine Ermun- 
terung die liebe Jugend zu Wetter erwecken möge, 
frühe Gott fürchten zu lernen, und auf diesem Wege 
allein, wie wir es zum Preiße Gottes aus Erfahrung be- 
zeugen können, die Glückseligkeit dieses und jenes 
Lebens zu finden; wie der heilige Apostel Paulus 1. 
Tim. 4, 8 bezeuget: Die Gottseligkeit ist zu allen Dingen 
nutz und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen 
Lebens. 

5. 

Damit nun aber auch diese unsere Donation ins 
Künftige allemahl gewissenhaft unserm Willen gemäß 
verwandt werde, so wollen wir, dass der Herr Metro- 
politan als Scholarcha der Schule mit Zuziehung des 
Herrn Rectors und Conrectors bestimmen soll, welchen 
Schülern ohne Ansehen der Person diese Bücher sollen 
gegeben werden. Und wenn sie dann von dem Herrn 
Scholarcha am Schluß des Examinis vertheilt werden, 
so soll der vorhergehende § 4 vorher laut von ihm als 
ein Extract aus dieser Donations-Acte verlesen werden. 



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291 

6. 
Die Aufbewahrung dieses von uns beiden eigen- 
händig unterschriebenen und mit unseren gewöhnlichen 
Pittschaften besiegelten Originals soll in dem Kirchen- 
Archiv gescliehen. Es soll aber auch eine beglaubte 
Abschrift davon genommen und in dem Stadt-Archiv 
niedergelegt werden. Und wenn das Capital zuerst ver- 
wandt oder so oft nachher eine Veränderung damit vor- 
genommen wird, soll allemahl die obrigkeitliche Be- 
stätigung da gesucht werden, wo das Jus patronatus 
über die Schule hingehört. 

Wir erbitten uns für diese Donation das gütige 
Andenken und Gebet unserer lieben Landes Leute, und 
wünschen von Herzen, daß die gute Stadt zu ewigen 
Zeiten grünen und blühen und ihre Einwohner wohl 
gedeihen mögen. 

urkundlich geschrieben zu Hamburg und Neuen- 
kirchen den 12. Mertz 1779. 

Johann Philipp Plitt, Johann Herbold Plitt^ 

Bürger und Kauf- Mann in Harn- Pastor zu Neuenkirchen und 

bürg, mppria. Hohenluckow. mppria. 

(L. S.) (L. S.) 

B. 

Im Namen Gottes ! 
Wir unterschriebene Gebrüder, Söhne des weiland 
Herrn Johann Conrad Plitt, Bürger und Handelsmann 
zu Wetter, haben mit Vergnügen vernommen, dass die 
Donation von 500 fl., welche wir zum Besten der 
Schule in unserer guten Vaterstadt Wetter im Frühjahre 
a. c. gemacht haben, zur Freude der Lehrenden und 
Lernenden gereicht hat. Wir haben uns daher bewogen 
fanden, noch eine andere Donation der Lutherischen 
Schule und den Armen zu Wetter zu machen. Dem- 
zufolge 

19* 



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292 

1. 
schenken wir Gott zu Ehren und unserer Vaterstadt 
zum Beßten noch einmahl Fünfhundert Gulden Frank- 
furter Währung, den Louisdor zu 9 fl. gerechnet, zu 
ewigen Zeiten an die evangelisch-lutherische Schule und 
die Armen zu Wetter, nemlich ich Johann Philipp Plitt, 
Kauf- und Handels-Mann zu Hamburg, schenke dazu 
vierhundert Gulden, und ich Johann Herbold Plitt, Pastor 
zu Neuenkirchen im Herzogthum Mecklenburg, schenke 
dazu Einhundert Gulden, und zeiget beiliegende Assig- 
nation, wo diese 500 fl. zu erheben sind. 

2. 

Für diese 500 fl. sollen entweder Grundstücke an 
Aeckern, Gärten oder Wiesen auf dem Stadtfelde zu 
Wetter angekauft oder auch das Geld mit obrigkeit- 
licher Bestätigung an eine Commune, es mag nun eine 
Stadt oder ein Dorf sein, nicht aber an einen Privatum, 
sicher ausgethan und die Einkünfte davon folgender 
Gestalt verwendet werden. 

3. 

Wir nehmen an, dass diese 500 fl. zu 5 pro Cen- 
tum bestätigt werden und folglich 25 fl. jährHch ab- 
werfen dürften. Davon sollen dann gegeben und im 
nächstfolgenden Jahr 1780 der Anfang gemacht werden, 
wie folget: 

a. Beim Herbst-Examine 1780 und zu ewigen 
Zeiten alle Jahr in diesem Termin sollen davon haben: 
der Herr Rector Scholae 4 fl., der Herr Conrector 3 fl. 
und der Herr Collega tertius 2 fl., zusammen 9 fl. 

b. sollen 6 fl. zu Bücher verwendet werden, der- 
gestalt dass für 3 fl. 2 deutsche Bibeln gekauft und 
beim Oster-Examine an 2 Knaben, einen aus der la- 
teinischen und den anderen aus der deutschen Classe, 
gegeben werden, die sich durch Fleiß, Frömmigkeit und 
gute Sitten dieser Wolthat würdig gemacht haben. 



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293 

Sollten diese 2 Bibeln nicht völlig 3 fl. kosten, so 
mögen für das übrige einige kleine Bücher gekauft und 
an arme Kinder gegeben werden. Auf eben die Art 
soll es mit den anderen 3 fl. beim Herbst-Examine ge- 
halten werden. Die Vertheilung dieser Bücher soll vom 
jedesmahligen Herrn Oberpfarrer mit Zuziehung der 
Herrn SchulcoUegen beim Examine geschehen. 

c. sollen 4 fl. zur Disposition des Herrn Rectoris 
überlaßen werden, die er zum Beßten der Schule nach 
seinem Belieben verwenden mag ; entweder Bücher zum 
allgemeinen Gebrauch dafür anzuschaffen, oder auch zu- 
weilen zur Verschönerung des Schulgebäudes zu ver- 
wenden. Doch muß das letzte nicht auf Reparaturen 
gezogen werden, welche eine andere Gasse bisher hat 
besorgen müßen, sondern auf eigentliche Verschöne- 
rungen, z. B. Anmahlen der Glassen mit sinn- und lehr- 
reichen Sentenzen, Anschaffung eines Ventilators in den 
Penstern zur Erhaltung gesunder Luft in den Glassen, 
Anschaffung bequemer Stühle und Tische für Lehrende 
und Lernende u. s. w. Doch soll niemahlen über die 
Hälfte auf dergleichen Dinge verwendet werden, sondern 
wenigstens 2 fl. jährlich zu Büchern, Landkarten, Noten- 
bücher, auch wohl musikalische Instrumente zu gottes- 
dienstlichem Gebrauch, bestimmt bleiben. Wenn dieses 
cum grano salis geschieht und die angeschafften Dinge 
oeconomisch bewahrt werden, so kann die Schule mit 
der Zeit einen Apparatum von nützlichen Dingen er- 
langen. 

d. für die übrigen 6 fl. soll am Sonntag Laetare 
gutes Roggenbrod von einem Bäcker gekauft, in die 
Kirche getragen und von den lutherischen Herrn Pas- 
toribus und Kirchenältesten an alle dürftige Leute ge- 
geben werden, welche sich dazu in der Kirche einfinden, 
sie mögen nun unserer lutherischen oder der reformierten 
Confession sein. 



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294 

Sollten diese 500 fl. nun mehr oder weniger, als 
25 fl. Einkünfte jährlich tragen, so wird der Ueberschuß 
oder Mangel verhältnismäßig von Lit. a. b. c. und d 
entweder abgezogen oder zugelegt. 

4. 
Damit aber nun diese unsere Donation ohne alle 
Parteilichkeit zu ewigen Zeiten nach unserer Absicht 
verwendet werde, so soll 

a) dieses Original in das Kirchen-Archiv gelegt, 
eine vidimierte Abschrift aber im Stadt-Archiv ver- 
wahrt, und die Einhebung der Zinsen und Wahrneh- 
mung des Capitals der lutherischen Geistlichkeit und 
Kirchenältesten überlaßen werden. 

b) Wird der Herr Oberpfarrer den Interessenten, 
welche Lit. a. b. c. d. genannt sind, von Zeit zu Zeit 
einen Auszug aus dieser Donations-Acte vorlesen, der 
sie eigentlich angehet, und damit ein jeder wiße, daß 
ihm kein Unrecht geschehe. 

5. 

So wie wir nun hoffen, daß diese jetzige und auch 
die vorhergehende Donation niemahlen einen Vorwand 
geben werde, andere hergebrachte Emolumenta den 
Herrn Schulcollegen und Schülern zu schmälern, also 
erbitten wir uns zum gesegneten Fortgang aller unserer 
Handlungen und Wege das Gebet und die guten Wünsche 
unserer lieben Vaterstadt, welche wir der treuen Hut 
und Wache unseres guten Gottes übergeben und zu 
ewigen Zeiten empfehlen. 

Diesem Höchsten und allein gewaltigen Gott, dem 
König aller Könige und Herrn aller Herrn, sei Ehre, 
Anbetung und ewiges Lob. Amen. 

Urkundlich haben wir dies eigenhändig unte^ 
schrieben und mit unseren gewöhnlichen Pittschaften 



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295 

bestärkt. So geschehen zu Hamburg, den 6. Aug. 1779 
und zu Neuenkirchen, den 1. Aug. 1779. 
Johann Philipp Plitt, Johann Herbold Plitt, 

Bürger UDd Kaufmann zu Harn- Pastor zu Neuenkirchen und 
bürg, mppria. Hohenluckow im Herzogtum 
(L. S.) Mecklenburg, mppria. 
(L. S.) 

Da sich eine Gelegenheit zur Ausleihung des Stif- 
tungskapitals an eine Commune nicht alsbald darbot, 
die Ausleihung an einen Privaten aber ausdrücklich 
untersagt war, so gab der P. Joh. Herbold Plitt am 
20. Mai 1780 eine von seinem Bruder Joh. Philipp Plitt 
am 30. desselben Monats bestätigte authentische Er- 
klärung über die verzinsliche Ausleihung: „Weil wir 
in dieser Gegend oft gesehen haben, daß Gelder, welche 
Private angeliehen haben, verloren gehen, so haben wir 
durch jene Clausel diesem besorglichen Verluste vor- 
beugen wollen. Wenn aber diese Besorgnis in Hessen 
vergeblich sein, im Gegentheil der Fundation ein Schade 
durch die Clausel entstehen sollte, so heben wir solche 
sehr gerne auf und überlaßen es der Weisheit der Vor- 
gesetzten, welchen Gebrauch sie von den 1000 fl. machen 
wollen, wenn nur die Zinsen davon jährlich richtig ge- 
geben werden. 

Auch beim Ackerkaufen ist es gar meine Meinung 
nicht gewesen, daß die Herrn SchulcoUegen solchen 
selbst verwalten sollten. Das gereicht auf dem Lande 
schon der Geistlichkeit zur Hinderung, noch viel mehr 
in Städten. Daher habe ich hier in meinem Ort schon 
vor 16 Jahren mit Bewilligung des Durchl. Herzogs den 
größten Theil meines Pfarrackers zu ewigen Zeiten 
gegen 75 Dukaten jährlicher Hebung verpachtet und 
mir nur ein Stück Land, das völlig ausser aller Com- 
munion ist, von circa 8000 DRiithen vorbehalten, um 
doch 4 Pferde und 8 Kühe bequem halten zu können. 



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296 

Wenn demnach für die 1000 fl. Güter gekauft werden 
sollten, so müßten solche verpachtet und die Miethe 
davon zum bestimmten Behuf angewendet werden." 

Der in der ersten Stiftungsurkunde erwähnte Gre- 
goriustag (12. März) war von Alters her für die Schulen 
und Schüler zu Wetter ein Festtag. An diesem Tage 
wurden die neu angehenden Schüler in die Schule auf- 
genommen und derselben von den Schülern der Ober- 
classe zugeführt, oder richtiger auf den Schultern zu- 
getragen, wobei dann die Kleinen mit Bretzeln behängt 
waren und ihnen so ein Geschmack am Ernste des 
Schullebens beigebracht wurde, während die übrigen 
Schulkinder paarweise vorangingen und folgende latei- 
nischen Verse sangen: 

Vos ad se, Pueri, primis invitat ab annis, 

Atque sua Christus voce venire jubet. 
Praemiaque ostendit vobis venientibus ampla. 

Sic vos, pueri, curat amatque Deus. 
Vos igitur laeti properate occurrere Christo; 

Prima sit haec Christum noscere cura ducem. 
Sed tarnen ut Dominum possis agnoscere Christum, 

Ingenuas artes discito parve puer. 
Hoc illi gratum officium est, hoc gaudet honore, 

Infantum fieri notior ore cupit. 
Quare nobiscum studium ad commune venite, 

Ad Christum monstrat nam schola nostra viam *). 

Die Knabenschule zu Wetter verfolgte wesentlich 
die Zwecke einer Lateinschule, welche den Schülern im 
Lateinischen ungefähr die Vorbildung bis zur Obertertia 
eines heutigen Gymnasiums gewährte. Nur hierdurch 
war es möglich, dass aus Wetter eine verhältnismässig 
grosse Zahl von studierenden Jünglingen zur benach- 
barten Universität Marburg oder der Gelehrtenschule 

*) Joh. Joe. Plitt, Nachrichten von Wetter, S. 71 ff. 



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297 

zu Soest ziehen, und so viele Gelehrte aus dieser Stadt 
hervorgehen konnten. Seit der Umbildung des Schul- 
wesens in der Neuzeit und dem Vorwiegen der realistischen 
Ausbildung musste auch die humanistische Bildung in 
der Wetterischen Schule dieser Richtung weichen. Da- 
mit erhielten auch die Plittischen Stiftungen theilweise 
eine andere Verwendung. Die Austheilung lateinischer 
Bücher bei der Herbstprüfung hörte auf und statt dessen 
wird in neuerer Zeit jedem Kinde beim Abgang von 
der Schule am Confirmationstermine ein Gesangbuch 
aus der Stiftung bewilligt. Auch die Verlesung der 
Stiftungsurkunden hat später nur noch selten stattge- 
funden. Dagegen ist die den Lehrern aus der Stiftung 
bewilligte „Ergötzlichkeit" in den behufs Ausmessung 
der Staats- etc. -seitigen Besoldungszuschüsse aufge- 
stellten Besoldungsnoten und Competenzen nicht zur 
Anrechnung gebracht, sondern vor die Linie gestellt 
worden, weil es eben eine „Ergötzlichkeit'' für die Lehrer 
für ihre sauere Schularbeit, aber nicht für die Staats- 
kasse und andere Verpflichtete sein sollte. 

Auch hinsichtlich der Verwaltung dieser Stiftungen 
wollte sich der üebergang der Schulangelegenheiten von 
dem Consistorium auf die Regierung und der Zug der 
Neuzeit, die Stiftungen in weltliche Hände zu legen, 
geltend machen. Obwohl das Consistorium zu Marburg 
sehr geneigt war, zu seiner Erleichterung derartige 
Stiftungen für Schul- und Armenzwecke abzugeben, so 
trat dasselbe in diesem Falle doch dem deshalbigen 
Verlangen der Regierung, „w^egen des Missfallens, das 
diese Verwaltungsänderung in den Gemüthern der Ver- 
wandten und Anhänger der Stifter erregen möchte", 
entgegen und für die Beibehaltung der bisherigen Ein- 
richtung, als der Absicht der Stifter entsprechend, nach- 
drücklich ein, und auch das vorhinnige Ministerium zu 
Kassel wies unter dem 29. Februar 1832 die Regierung 



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298 

wegen ihres Verlangens, die Plittischen Stiftungen in 
ihre Verwaltung zu nehmen, ab, weil die nach Inhalt 
der Ministerialverfügungen vom 7. September 1822 und 
4. September 1826 der Regierung zukommende Ober- 
aufsicht eine Abänderung der von den Stiftern ange- 
ordneten unmittelbaren Aufsicht der lutherischen Geist- 
lichen und Kirchenältesten zu Wetter und deren Ver- 
waltung nicht nothwendig zur Folge haben müsse. 

Es mag noch erwähnt werden, dass auch der in 
der Pfarrkirche S. Maria zu Wetter befindliche schöne 
Kronleuchter ebenfalls eine Stiftung aus der Plittischen 
Familie ist, nämlich der jüngsten Schwester obiger drei 
Brüder Anna Maria Plitt (f 15. November 1794), 
Ehefrau des Postmeisters Joh. Jakob Göbel. 



4. Die Schmidtischen Stiftungen zu Ebsdorf. 

In dem früheren kurhessischen Staatshandbuch, 
jetzigen Königl. Preuss. Staatsdienst-Kalender für den 
Reg.-Bez. Kassel werden die Schmidtischen Stiftungen 
zu Ebsdorf als unter der Aufsicht des Consistoriums 
stehend aufgeführt. Es sind dieses zwei ganz verschie- 
dene Stiftungen, verschieden nach ihrem Zweck, wie 
nach der Zeit und Person ihrer Stifter. Die eine Stif- 
tung, deren Zinsen der Schullehrer zu Ebsdorf bezieht, 
ist von einem Henrich Schmidt um 1640 errichtet 
und wird bei der dasigen Kirche verwaltet. Die andere 
ist eine von dem seit 1756 zu Treisbach, seit 1758 za 
Ebsdorf gestandenen Pfarrer Joh. Georg Jacob 
Schmidt, einem Sohn des 1732 verstorbenen Mar- 
burgischen Superintendenten Joh. DietrichSchmidt, 
d. d. 17. März 1789, am Tage vor seinem Tode, er- 
richtete Familien-Stipendienstiftung, welche von den 
Senioren der Familie unter Aufsicht des Consistoriums 
verwaltet wird. Der Pfarrer Joh. Georg Jacob Schmidt 



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299 

setzte seine Nichte Barbara Margaretha Elisa- 
beth Uhrhan, Tochter des zu Rauisch-Holzhausen 
1735 verstorbenen Pfarrers J oh. W i 1 h. ü h r h a n, welche 
ihm den Haushalt geführt und ihn in der Krankheit 
gepflegt hatte, zur üniversalerbin seines Vermögens ein, 
mit der Auflage, jedem der Kinder seiner drei Schwestern 
ein Legat von 200 Thlrn. Frankfurter Währung zu 
zahlen, ausserdem seine Bibliothek und Manuscripte, 
Kleidungsstücke nebst Stock und den zur priesterlichen 
Kleidung gehörenden (silbernen) Schuhschnallen zwischen 
seinen Pathen, dem Rector Joh. Philipp Jacob 
Uhr h an zu Rauschenberg, und dessen Neffen Joh. 
Jacob Georg ührhan zu verloosen, und endlich 
„zum Behufe eines Familienbenefiziums ein Legat von 
1000 Rthlrn., welches diejenigen Studierenden, welche 
sich dem studio theologico, aus seiner Familie und 
seiner Anverwandten Familie, widmeten, auf drei Jahre 
gegeben werden solle, dass solche alsdann die Interessen 
davon gemessen sollten, an den Pfarrer Christian 
Wilhelm Uhrhan zu Witteisberg als Subsenior ab- 
zugeben. Bei des Pfarrers ührhan Sohn zu Witteis- 
berg, der jetzo jura studiere, solle allein eine Ausnahme 
gemacht und solchem dieses beneficium zuerst und dann 
seinem Bruder auf drei Jahre conferirt werden. Von 
dem Pfarrer Uhrhan zu Witteisberg sollte auch sobald 
ein Instrument über dieses beneficium gemacht und von 
ihm als Subsenior der Familie die Collatur desselben 
besorgt werden. Nach diesen 6 Jahren solle alsdann 
dieses beneficium der Professor Engelschall zu Mar- 
burg drei Jahre lang geniessen, welchem jedoch frei- 
stehe, ob er es behalten oder seinem Vetter George, 
des f Oberpfarrers Justi Sohn zu Marburg abtreten 
wolle." 

Der Erblasser hatte drei Schwestern, von welchen 
1) Margarethe Elisabeth an den lutherischen 



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300 

Pfarrer Theophil Ludwig Marsehall zu Waldalges- 
heira in der Pfalz vermählt war, deren 7 Töchter schon 
1789 theils in Schwaben an mehrere gräflich Degen- 
feldische Beamte, Gramer, Christlieb etc., andere 
zu Mannheim (L i o m i n) und Worms (W a 1 1 h e r), eine 
an einen Hausverwalter des holländischen Gesandten zu 
Wien verheirathet und so zerstreut waren, dass der 
Erblasser die Zahlung der Legate von genügender Legi- 
timation abhängig machte. 2) Catharine Marga- 
retha war mit dem Marburgischen Superintendenten 
Mag. Joh. Christoph Engelschall (f 1753) und 3) 
Anna Catharina mit dem zu Rauisch-Holzhausen 
1735 verstorbenen Pfarrer Joh. Wilhelm Uhrhan 
vermählt gewesen. Der letztgenannten Kinder waren 
die Universalerbin Barbara Margaretha Elisa- 
beth Uhrhan, und deren 4 Brüder, der Pfarrer 
Christian Wilh. Uhrhan zu Witteisberg, dessen zwei 
Söhne das Benefizium zunächst und zwar Joh. Jacob 
Georg Uhrhan ausnahmsweise als Jurist geniessen sollte, 
und Joh. Philipp Jacob Uhrhan, Rector zu Rauschen- 
berg, Theophil Friedrich Uhrhan, Verwalter zu Ros- 
berg, und Ludwig Christoph Uhrhan, Verwalter zu Ge- 
münden. Von dem Pfarrer Christian Wilh. ührhan 
stammen die später zu Kirchvers und Lohra gestandenen 
Pfarrer dieses Namens ab, während sich die Nachkommen 
der verheiratheten Engelschall in der Familie des späteren 
Professors und Marburgischen Superintendenten Dr. Carl 
Leonhard Justi fortsetzen. 

Das von dem Erblasser in seinem Testament an- 
geordnete und durch den Pfarrer Uhrhan zu Witteis- 
berg aufzurichtende Instrument über das Familienbene- 
fizium errichtete dieser d. d. 22. October 1789 wie folgt: 

„Der weiland hochehrwürdige und hochgelahrte 
Herr Joh. Jacob George Schmidt, gewesener Pfarrer zu 
Ebsdorf, hat in seinem den 17. Mertz 1789 gerichtlich 



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301 

gemachten und durchgängig als rechtsgültig und be- 
ständig anerkannten Testament oder letzten Willens- 
meinung sub numero 

Drittens, ein Legatuni von Eintausend Rthlr. frankf. 
W. zu einem Familien Stipendio ausgesetzt, wie solches 
besagtes und in den Händen der dreyen daran theil- 
nehmenden Stämme seiende Testament ausweiset und 
bestätiget, und mir dem bisherigen Subseniori der 
Schmidtischen Familie, nun aber an seine Stelle treten- 
den Seniori den Auftrag gethan, nach seinem mir da- 
rüber bekannt gemachten Willen nicht nur ein Instru- 
ment, als eine Norm, Regel und unabänderliches Gesetz, 
nach welchem dabei nun und zu ewigen Zeiten ver- 
fahren werden solle, aufzurichten, sondern auch die Col- 
latur zu besorgen. Es will denn ab^r, setzet und ver- 
ordnet oben gedachter Herr Pfarrer Schmidt als Stifter 
dieses Beneficii: 

I. Daß dasselbige denjenigen, die sich jetzt und 
forthin zu dem allgemeinen Ahnherrn und Stammvater, 
dem weiland hochwürdigen Herrn Superintendenten und 
Consistorial-Rath, Herrn Joh. Dietrich Schmidt, als 
seinem im Leben liebgewesen Vater rechtsbeständig 
werden legitimiren können, mithin seine Collateral-Erben 
sind, einzig und allein conferirt werden solle ; die Kinder 
seiner im Leben ihm lieb gewesenen drei Schwestern 
und deren Descendenz haben sich also allein desselbigen 
zu erfreuen, nemlich — folgen die Namen der oben 
genannten drei Schwestern und ihrer Ehemänner — . 
Alle aber, welche sich nicht zu den Kindern und An- 
stämmlingen vorgedachter dreier Schmidtischen Töchter 
legitimiren können, sind davon auf immer und ewig 
ausgeschloßen. 

Und damit ein zeitiger Director und Dispensator 
hierin ordentlich verfahren könne, so soll ein ordent- 
licher Stammbaum der resp. Schmidtischen Descendenz 



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302 

und Familie nach beglaubten Attestatis verfertiget werden 
und der zeitige Collator in Händen haben. In welchem 
Stammbaum das Alter eines jeden Zweiges, nach Jahr, 
Monat und Tag beizusetzen ist. Und ein jeder zu der 
Familie gehörige soll schuldig und gehalten sein, am 
Ende des Jahres die Veränderungen seines Hauses mit 
beigelegten Extracten aus den Kirch en-Protocollen, dem 
Curatori franco einzusenden, um den Stammbaum voll- 
ständig erhalten zu können, in dessen Entstehung aber 
sich selber zuschreiben, wenn ihm und seiner Familie 
Schaden daraus erwächst." 

Die Kosten des Stammbaums, des Einbandes des 
Instruments, sowie eines Rechnungsbuches sollen die 
drei Stämme gemeinsam tragen. 

„n. Zu einem immerw^ährenden Schmidtischen 
Familien Stipendio hat Herr Stifter desselben, Herr 
Pfarrer J. J. G. Schmidt nach dem dritten Abschnitt 
seines Testaments Ein Tausend Thaler Frankf. W. den 
Thaler zu 45 alb. den alb in 8 ^ gerechnet, nach dem 
Fuß der Louisdor zu 9 fl. gezahlet, auch bei Lebzeiten 
schon ausgeliehen und die dahin gehörige documenta 
oder Schuldbriefe mir dem nunmehrigen Seniori, Pfr. 
Chr. Wilh. Uhrhan durch die Universalerbin zugestellt. 
Und da Eintausend Gulden davon laut Versicherung nur 
zu 4 pro Cent, und 500 fl. zu 5 pro Cent ausgeliehen 
sind, so hat er noch verordnet, daß erstere auch auf 
5 pro Cent gebracht, auch jedem Studierenden seine 
150 Rthlr. als eine dreijährige Interesse von 1000 Rthlr. 
voll gewährt werden solle, auch wo möglich dahin be- 
dacht zu sein, daß dieses Capital in einer unzertrennten 
Summa auf einen sicheren Fond ausgeliehen und die 
Interessen richtig gezogen werden können. 

III. Als ohnabänderliche und ewig geltende Ge- 
setze verordnet aber der Stifter dieses Schmidtischen 
Familien-Stipendii : 



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303 

1. daß solches irnr denen aus seiner Familie, die 
sich dem studio theologico widmen, conferirt werden 
solle mit der im Testament etc. gemachten exception 
etc. (folgt obige Testamentsbestimmung zu Gunsten des 
stud. jur. Uhrhan, des Prof. Engelschall u. ev. Georg 
Justi). 

2. Ein jeder, der dasselbe genießen wolle, wenig- 
stens 2 Jahre auf einer hessischen Universität, Marburg 
oder Rinteln studieren solle. 

3. Mit Conferirung desselben solle es also gehalten 
werden, daß nach dem Stammbaum jederzeit der Aelteste 
unter denen, die Theologiam studieren wollen, und der 
seinen cursum academicum entweder schon angefangen 
hat, aber noch nicht vollendet, oder im Begriff ist, eine 
Universität zu beziehen, oder auch, wenn er schon ab- 
solviret hat, Zeugnisse beibringt, daß er seine Zeit wol 
angewendet, drei Jahre haben solle. (Eine Ausnahme 
hinsichtlich der Altersreihe soll nur für etwaige Tauf- 
pathen des Stifters stattfinden.) 

4. Fände sich der Fall, daß keiner in der Familie 
vorhanden, der sich dem studio theologico gewidmet, 
so sollen in der Zeit die eingehenden Interessen zum 
neuen Capital gemacht und das Beneficium vergrößert 
werden." 

5. Besonders fleißigen und fähigen Familien-Sti- 
pendiaten „soll als eine außerordentliche Aufmunterung, 
zu den schon genoßenen drei Jahren der Collator noch 
das vierte Jahr zuzusetzen befugt und berechtiget sein.*' 

6. „Es solle auch Keiner, wenn er gleich rechts- 
beständig zu der Familie sich legitimiren könnte, der 
aber nicht Seiner, des Herrn Pfarrer Schmidts, als des 
Herrn Stifters, und seiner Väter Religion, nemlich der 
Evangelisch-Lutherischen zugethan ist, daran Antheil 
haben, sondern eben deswegen, weil er sich zu einer 



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304 

anderen Religion bekennet, von dem Genuß dieses Bene- 
ficii schlechterdings ausgeschloßen sein. 

7. Der Collator und Dispensator dieses Familien- 
Stipendii solle jederzeit einer aus der Familie im Vater- 
land sein und zwar jedesmal der Aelteste; weswegen 
dann auch der Herr Stifter den dermaligen P. Chr. Wilh. 
ührhan zu W. etc. im Testament zum Collator ernennt 
und verordnet hat, und demselbigen die Verfertigung 
dieses Instruments nach seiner ihm bekannt gemachten 
„Willens-Meinung" anbefohlen und anvertrauet hat. 

Nach der Bestimmung des Stifters solle sich der 
Senior am Ende eines jeden Jahres vor dem Subsenior 
hinsichtlich des Rechnungswesens etc. legitimiren, nach 
seinem Tode die Papiere etc. dem Subsenior überliefert 
werden ; jeder Collator soll dieses Amt 

8. „lebenslänglich fähren, es wäre denn, daß der- 
selbe erweißlich betrüglicji gehandelt hätte", daher nur 
ein solcher dazu bestellt werden soll, der 160 Thlr. 
Caution zu stellen im Stande ist. 

IV. Jedem Senior der drei Stämme soll eine von 
allen 3 Stämmen anerkannte Abschrift dieses Instru- 
ments ertheilt werden. 

In Folge der Beschränkung auf Theologie Stu- 
dierende lutherischer Confession aus der Schmidtschen 
Descendenz und der Zerstreuung der Nachkommen der 
etc. Marschall in Süddeutschland ist das Benefiziura oft 
unvergeben geblieben und daher der Kapitalstock durch 
den Zinsenzuwachs namentlich in neuerer Zeit sehr ver- 
mehrt worden. Derselbe beträgt dermalen 3921 Mark 
58 Pfg. Collator ist der Herr Geh. Rath Prof. Dr. F. Justi. 




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305 



VIIL 

Beitrag: zur Geschichte des Postamts 
Bebra. 

Von 

Joseph Ruhl, 
Postsekretär zu Marburg. 

fei der Zusammenstellung dieser Geschichte des Post- 
^^^ amts Bebra sind vor allem die im Königlichen 
Staatsarchive zu Marburg befindlichen älteren hessischen 
Postakten benutzt worden; die Akten des Postamts 
Bebra sind zum grössten Theile noch vollständig und 
gut erhalten und als solche auch äusserlich bezeichnet. 
Für die jüngste, uns am nächsten liegende Zeit sind 
einige Akten benutzt worden, welche sich bei der Kaiser- 
lichen Ober-Postdirektion in Kassel befinden und mir 
s. Z. auf meinen Wunsch zur Benutzung gütigst über- 
lassen wurden» Die neuesten statistischen Angaben über 
das Postamt Bebra verdanke ich dem vorhinnigen Herrn 
Postdirektor Schmidt. Gerade der Umstand, dass ich 
über das Postamt Bebra ein so vollständiges Akten- 
material vorfand, hat mich bewogen, eine Geschichte 
desselben zusammenzustellen. Wenn diese Darstellung 
auch zunächst nur für Bebra selbst von Wichtigkeit ist, 
so lässt sie doch zugleich noch manche allgemeine 
Grundsätze erkennen, die in der Verwaltung unseres 
alten hessischen Postwesens massgebend waren ; dieses 

N. F. BcL XVII. 20 



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306 

letzteren ümstandes wegen ist auch diese Darstellung 
öfters etwas ausführlicher gegeben worden. Dieselbe 
behandelt die Geschichte des Postamts Bebra von ihrer 
Einrichtung 1704 bis zum Jahre 1886; unter den in 
diesem Zeiträume von 182 Jahren in Bebra gewesenen 
7 Vorstehern gehörten 5 der dort ansässigen Familie 
Rehwald an ; da man den Posthalter Johann Heinrich 
Graf, welcher von 1760—1783 die Posthalterei in 
Bebra verwaltete, als Schwiegersohn des im Jahre 1739 
verstorbenen ersten Bebraer Posthalters Johann Reh- 
wald auch zu dieser Familie rechnen darf, so sieht 
man, dass ausser dem Posthalter Mathias Dietz, von 
1739—1760, die übrigen 6 Vorsteher der Postanstalt 
Bebra einer und derselben Familie angehörten, ein Ver- 
hältnis, welches früher in Hessen vielfach vorge- 
kommen ist. 

Die Darstellung hat folgenden Inhalt: 

I. Johannes Rehwald, Posthalter . . . 1704—1739. 

n. Mathias Dietz, „ ... 1739—1760. 

m. Johann Heinrich Graf, „ ... 1760-1783. 

IV. Johann Christoph Rehwald, Posthalter 1783-1793. 

V. Johann Heinrich Rehwald, „ 1793—1825. 

VI. Johannes Rehwald, Posthalter und 

Postmeister 1825—1850. 

VII. Christoph Rehwald, Postverwalter und 

Postdirektor 1850-1886. 

VIII. Verlegung der Posthalterei von Bebra 

nach Rotenburg (1837—1839). 

IX. Der Postbote Johann Martin Wepler 

in Bebra . 1715—1751. 

X. Privatbesteller der Postverwaltung 

Bebra 1838-1852. 

XL Landbriefbestellung in Bebra . . . 1815- 1863. 
XIL Einiges über die jetzigen Verhältnisse des Post- 
amts Bebra. 



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307 

I. Johannes Rehwald 1704—1739. 

Als im Jahre 1700 der damalige kursächsische 
Ober-Postmeister Johann Jacob Köss zu Leipzig 
mit Erlaubniss des Landgrafen Carl in Kassel eine 
fahrende Post von Leipzig durch Wanfried und 
Kassel über Paderborn und Münster nach Hol- 
land eingerichtet hatte, wurde alsbald im Anschlüsse 
an diese Post auch eine neue fahrende Post von Kassel 
nach Nürnberg eingerichtet, welche in Kassel die 
„Nürnberger Post*' genannt wurde. Diese Post 
nahm nach Verhandlungen, welche im Jahre 1705 
zwischen dem hessischen Postmeister Johann Philipp 
Böddicker in Kassel im Auftrage des Landgrafen Carl 
und dem Postmeister von Waldsachsen zu Meiningen 
im Auftrage des Herzogs Ernst Ludwig zu Sachsen- 
Coburg und Meiningen stattgefunden haben, ihren Weg 
von Kassel aus über Melsungen, Morschen, Bebra und 
Hersfeld nach Vacha, von wo dieselbe ihren Weg über 
Salzungen, Meiningen und Coburg nach Nürnberg fort- 
setzte. Zum Posthalter in Bebra wurde beim Ein- 
richten dieser Post im Jahre 1704 der dortige Gerichts- 
schultheiss Johannes Rehwald von dem Land- 
grafen Carl bestellt. Die Nürnberger Post fuhr jede 
Woche einmal hin und zurück und der Bebraer Post- 
halter Rehwald fuhr dieselbe von Bebra nach Hersfeld, 
sowie von Bebra nach Morschen, bezw. Heyda bei 
Morschen. Wie aus weiteren Verhandlungen aus den 
Jahren 1717 und 1718 zu ersehen, erhielt der Post- 
halter Rehwald für diese beiden Fahrten jährlich 200 
Thlr., der Posthalter in Kassel erhielt 108 Thlr., der 
Posthalter Süss in Melsungen 280 Thlr. und der im 
Jahre 1715 in Hersfeld angestellte Posthalter Betz 200 
Thlr. für das Fahren des Postwagens. — Im Jahre 1717 
fanden Verhandlungen statt zwischen dem damaligen 
hessischen General-Postamte und dem Land- 

20* 



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308 

kammerrath von Waldsachsen in Coburg wegen Aende- 
rung dieses Postkurses. Von dem sächsischen Vertreter 
wurde beantragt, die Post über Eisenach und Wanfried 
nach Kassel zu führen, während der damalige hessi- 
sche General-Postmeister von Bar die Post 
von Hersfeld aus auf dem kürzesten Wege mit lieber- 
gehung der Stationen Bebra, Morschen und Melsungen 
über Homberg nach Kassel führen wollte. General - 
Postmeister von Bar brachte seinen Vorschlag zur Aus- 
führung, demgemäss die „Nürnberger Post" zum letzten 
Male am 31. Dezember 1717 über Melsungen, Morschen, 
Bebra und Hersfeld nach Vacha und von da weiter 
nach Nürnberg fuhr; von da ab fuhr dieselbe von Hers- 
feld über Homberg nach Kassel hin und her. Da aber 
diese Fahrpost mit ihren Postsendungen aus Holland 
sehr oft nicht den Anschluss an die von Coburg nach 
Nürnberg abgehende Reichspost erreichte, fanden im 
Dezember des Jahres 1718 Verhandlungen zwischen dem 
hessischen Postkommissarius Renner und dem Post- 
meister von Waldsachsen statt, denen zufolge die Nürn- 
berger fahrende Post vom 14. Dezember 1718 an von 
Kassel aus zugleich mit der holländischen Post nach 
Leipzig über Lichtenau und Eschwege bis Wan- 
fried gemeinsam befördert wurde, von wo ab dann 
eine besondere Fahrpost über Eisenach, Salzungen, 
Schmalkalden u. s. w. nach Coburg bezw. Nürnberg 
ihren Anschluss erhielt. Doch auch diese Einrichtung 
bewährte sich nicht und auf Grund von neuen Verein- 
barungen, welche am 16. März 1723 zwischen dem 
hessischen Ober-Postmeister Renner und dem sächsi- 
schen Kammerrath und Postdirektor von Waldsachsen 
zu Coburg in Salzungen stattfanden, nahm die fahrende 
Nürnberger Post vom 5. April 1723 an wieder ihren 
anfänglichen Weg von Kassel über Melsungen, Morschen, 
Bebra und Hersfeld nach Vacha u. s. w. bis Nürnberg. 



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309 

Die Nürnberger fahrende Post hatte also vom 
Jahre 1718 an bis zum 5. April 1723 die Station Bebra 
nicht berührt; von diesem Zeitpunkte ab aber nahm 
dieselbe wieder stets ihren Weg über Bebra bis zur 
Aufhebung dieser Post, welche mit der Einführung der 
Eisenbahn von Kassel nach Bebra im Jahre 1849 er- 
folgte. Als vom Jahre 1718 ab die Fahrpost nach 
Nürnberg über Homberg, bzw. über Wanfried und Eise- 
nach geleitet worden war, wurde zwischen Kassel und 
Nürnberg eine „Nürnberger reitende Post" 
ins Leben gerufen, welche über Melsungen, Bebra und 
von hier geraden Wegs auf Vacha u. s. w. nach Nürn- 
berg ging. Das hessische General-Postamt machte die 
Einrichtung dieses neuen reitenden Postkurses den 
Stationen, also auch der Poststation Bebra, durch „e i n 
besonderes Notifications-Patent^' bekannt. 
Die reitende Post von Kassel nach Nürnberg nahm 
ihren Anfang Sonnabend, den 1. Januar 1718; diese 
reitende Post ging wöchentlich 2 Mal. 

Als die fahrende Nürnberger Post von 1718 an 
nicht mehr die Stationen Melsungen, Morschen und 
Bebra berührte, war jedoch in Betreff der Extra- 
posten und K u r i e r e bestimmt worden, dass diese 
nach wie vor über Melsungen und Bebra und von 
hier aus auf „der reithenden Route" geraden Weges 
auf Vacha und Salzungen geleitet werden sollten und 
ebenso umgekehrt. 

Ausser diesen Posten bestand nachweisbar vom 
Jahre 1715 an, wenn nicht noch früher, eine wöchent- 
lich 2malige Botenpost von Bebra nach H e r s f e 1 d. 
Im Jahre 1761 ging dieser Bote in Bebra ein und es 
musste ein Bote von Rotenburg aus die Briefe nach 
Hersfeld und wieder zurück befördern. (Vergleiche den 
besonderen Artikel: IX. Johann Martin Wepler, Post- 
bote zu Bebra 1715—1751.) Der Posthalter Johannes 



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310 

Rehwald ist im Jahre 1704 als solcher bestellt worden; 
denn der im Jahre 1760 zum Posthalter in Bebra be- 
stellte Johann Heinrich Graf, Schwiegersohn des 1739 
verstorbenen Posthalters Johannes Rehwald, erwähnt 
gelegentlich im Jahre 1764, dass sich die Post seit 
1704 in seinem, dem ehemals R e h w a 1 d'schen Hanse 
befunden und dass sein verstorbener Schwiegervater die 
Poststation Bebra von 1704 bis 1739 verwaltet habe. 
Hieraus ersieht man, dass die Nürnberger fahrende Post 
im Jahre 1704 ihren wirklichen Anfang genommen hat. 
Was nun die Vergütungen betrifft, die der Post- 
halter Rehwald für seine Postdienstleistungen erhielt, 
so erfahren wir diese aus den Verhandlungen, welche 
Seitens des hessischen Ober-Postamts in Kassel (G. G. 
Geschwind und EHas Ewald) im Jahre 1739 mit seinem 
Nachfolger, dem Posthalter Mathias Dietz, geführt 
worden sind. Darnach erhielt der Posthalter Rehwald 
vierteljährlich : 

1. Für wöchentlich einmalige Fahrt des 
Postwagens nach Morschen und 

nach Hersfeld 31 Thlr. 6 Ggr. 

2. Für wöchentlich 2 Postritte nach 

Vacha und wieder zurück ... 26 „ — 

3. Für den Boten, welcher wöchentlich 
zweimal das Briefpacket nach Hers- 
feld und zurück tragen musste . . 5 „ — 

4. Ein Dritttheil des erhobenen inländischen Portos. 

5. Jährlich zwei Livreen für 2 Postillone und alle 2 
Jahre 1 Livree für den Hersfelder Boten. 

Die festen Einnahmen des Posthalters Johannes 
Rehwald betrugen hiernach in der Zeit vor seinem Tode 
vierteljährlich 61 Thlr. 6 Ggr., also jährlich 245 
Thlr. — Der Posthalter Johannes Rehwald starb im 
April 1739. 



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311 

n. Mathias Dietz 1739-1760. 

Als der Posthalter Johannes Rehwald im April 
1739 gestorben war, meldeten sich zwei Bürger von 
Bebra bei der hessischen Regierung zu Cassel als Post- 
halter und zwar: 1) Heinrich Christoph Graf, 
Schwiegersohn des verstorbenen Rehwald und 2) Mathias 
Dietz, welcher mit Eleonore Magdalena Amelunx ver- 
heirathet war. Gegen den Mitbewerber Mathias Dietz 
reichte der genannte Graf beim Landgrafen Wilhelm 
ein besonderes Gesuch ein, worin er sagte, dass der 
seitherige Gastwirth M. Dietz zu Bebra, der ausserdem 
mit seiner dem Trünke sehr ergebenen Schwiegermutter, 
der Wittwe Amelunx, in „schlechter Harmonie^' lebte, 
„sehr leutscheu wäre und zu einem Posthalter, wie 
ietziger Zeit erfordert wird, schlecht qualificirt wäre"; 
das Amelunx'sche Haus Hesse sich wohl zum Posthause 
einrichten, doch sei der Hofraum um dasselbe nicht 
gross genug, so dass die Postwagen nicht gut vorfahren 
könnten ; das Rehwald'sche Haus passe sich am Besten 
zur Post und da diese schon vor vielen Jahren sich in 
demselben befunden habe, so möchte ihm der Fürst, 
als dem jetzigen Besitzer des Rehwald'schen Hauses, 
die Post in Bebra übertragen. Obwohl auch der Amt- 
mann J. A. Wenderoth zu Rotenburg auf Ersuchen des 
Ober-Postamts in Kassel die Angaben des H. Chr. Graf 
über den M. Dietz bestätigte und noch besonders her- 
vorhob, dass Graf als ehemaliger Wachtmeister im 
Schreiben und Rechnen wohl erfahren sei, dass er Be- 
sitzer des Rehwald'schen Hauses geworden und schon 
„seit den letzten Jahren das Postwesen in Bebra ad- 
ministriret*' habe, so wurde doch die Posthalterei in 
Bebra am 8. Mai 1739 dem oben genannten Mathias 
Dietz übertragen unter denselben Bedingungen, wie sie 
der verstorbene Posthalter Rehwald seither gehabt hatte. 
Dietz hinterlegte mit seiner Frau Eleonore Magdalena 



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312 

Amelunx zu Rotenburg am 25. Mai 1739 als Kaution 
von 1000 Thlrn. das überkommene Äraelunx'sche Haus 
nebst Hofreite, sowie die von seinen eigenen Eltern er- 
erbten Grundstücke in der (Jemarkung Bebra. Darauf 
wurde derselbe am 24, Juni 1739 von Landgraf Wil- 
helm definitiv zum Posthalter von Bebra bestellt und 
es wurden ihm folgende Bezüge vierteljährlich zu- 
gesprochen : 

„1) Für wöchentlich Imal den Postwagen 

„nach Morschen, sodann Imal nach 

„Hersfeld ohne Retour zu fahren . . 31Thhr.6Ggr. 

„2) Für wöchentlich 2mal die ordinair 

„reitende Post nach Vacha und zurück 

„zu überführen . 25 „ — 

„3) Für den Boten, so wöchentlich 2mal 
„das Brief-Paquet nach Hersfeld und 

„zurück bringt 5 „ — 

,,4) Pro expeditione Vstheil von dem erhobenen inlän- 

„dischen Briefporto; 
„5) sodann erhielt er noch jährlich 2 Livreen auf 2 
„Postillons und alle 2 Jahre eine dergleichen auf 
„den Hersfelder Boten." 
Die festen Bezüge des Posthalters in Bebra waren 
also damals vierteljährlich 61 Thlr. 6 Ggr. einschliess- 
lich des Lohnes für den Bebra-Hersfelder Boten. 

Am 14. Januar 1762 erhielt Dietz für Anschaffung 
bzw. Stellung eines besonderen Reitpferdes für die Nürn- 
berger Reitpost eine jährliche Zulage von 20 Thlrn. 

Dietz hatte zur Beförderung der Posten einen Be- 
stand von 10 Pferden zu halten. Er starb am 27. April 
1760 und hinterliess neben seiner Wittwe 5 Kinder, 
darunter einen Sohn von 22 Jahren, der in den letzten 
Jahren schon das Postwesen in Bebra für seinen kranken 
Vater besorgt hatte. Die Wittwe bat nach dem Tode 
ihres Mannes das Ober-Postamt, ihr und ihrem ältesten 



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313 

Sohne die Posthalterei übertragen zu wollen. Ferner 
meldete sich der Gastwirth Johann Heinrich Graf, 
der schon oben genannte Schwiegersohn des im Jahre 
1839 verstorbenen Posthalters Johannes Rehwald. Als 
dritter meldete sich noch als Posthalter zu Bebra Gg. 
Christoph Knobel, Sohn des verstorbenen Dekans 
Knebel zu Rotenburg und Pfarrers in Obereinbach. Die 
Posthalterei Bebra wurde von dem Landgrafen Friedrich 
durch Bestallungsurkunde vom 10. Juni 1760 vom 1. 
Juli 1760 ab dem Gastwirth Johann Heinrich Graf 
übertragen. 

m. Johann Heinrich Graf 1760-1788. 

Graf musste auch eine Caution von 1000 Thlr. 
gerichtlich hinterlegen. Seine Bezüge waren folgende 
für das Vierteljahr: 

1) für die Beförderung der fahrenden 
Post wöchentlich einmal nach Mor- 
schen und Hersfeld ohne Retour . 31Thlr. 6Ggr. 

2) für Beförderung der ordinairen reiten- 
den Post wöchentlich zweimal nach 

Vacha und zurück 32 „ 12 „ 

3) für Expedition der Posten den dritten 
Theil des in Bebra aufkommenden 
inländischen Brief-Portos excl. der 
fremden Portoauslagen; 

4) jährlich zwei Postillons-Livreen nebst 
Brustschild, Hut und zwei Cordons; 

5) Vergütung für Schreibmaterialien . — „ 8 „ 

6) Freier Bezug bzw. freie Lieferung 
von zwei Casseler Zeitungen. 

Am 4. Juli 1760 wurde Graf zu Rotenburg von dem 
Eeservat-Commissarius Ullrich als Posthalter von Bebra 
verpflichtet und vereidigt. Seine dienstliche Thätigkeit 
begann er mit dem 1. Juli. 



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314 

Graf musste für die Beförderung der Posten 9 
Pferde halten, für welche er im Interesse einer ordent- 
lichen Postbeförderung um Befreiung von den öffentlichen 
Fuhren bat, die ihm auch gleich den anderen hessischen 
Posthaltern gewährt wurde. 

Der Posthalter Graf beschwerte sich im Juli 1762 
bei dem Ober-Postamt zu Cassel, dass ihm französische 
Soldaten bei ihrem Durchzuge durch Bebra Bier, Brannt- 
wein und Wein abgefordert und nicht bezahlt hätten ; 
ebenso hätten sie ihm am 5. Juli 16 Rationen Hafer 
abverlangt und ihm einen Revers darüber ausgestellt. 
Er habe sich mit diesem an den Magazinverwalter 
Rittmeister Chaumont in Rotenburg um Erstattung 
der 16 Rationen Hafer gewandt, jedoch ohne Erfolg; 
darum bitte er das Ober-Postamt, ihm zur Wiederer- 
langung des Hafers behülflich zu sein. Wie aus den 
verschiedenen Schreiben hervorgeht, hatte der Marschall 
Prinz von Soubise, um den Postverkehr in Hessen 
aufrecht zu erhalten, schon vorher am 6. Mai 1762 
Befehle gegeben, „dass den Postbedienten nichts hin- 
weggenommen, besonders aber die Fourage gelassen 
werden sollte." Das Ober-Postamt wandte sich daher in 
einem französischen Schreiben an den Prinzen von Soubise 
und bat denselben, „rfß t^ouloir hien maintenir V ordon- 
nance quelle a donnee pour la police des posies et accorder 
nne saure garde ä cetie Station de Bebra^ comme aiissi 
d'ordonner que les 16 rations d'avoine soyent restituSes 
du magasin de Rotenbourg et que les trouppes ne 
doivent 7ien exiger des maity^es de poste confofyrmnent 
ä h' d[^^ (dite) ordonnance du 6, Mai 1762J'' (Zu Deutsch: 
„Er wolle den gegebenen Befehl zur Wohlfahrt der 
Post aufrecht erhalten und der Station Bebra eine 
Sicherheitswache gewähren, wie auch anordnen, dass 
die 16 Rationen Hafer aus dem Magazin zu Rotenburg 
wieder erstattet würden und dass die Truppen den 



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315 

Postmeistern nichts wegnehmen dürften gemäss der 
genannten Ordnung vom 6. Mai 1762.") 

Im April 1764 stellte der alte Posthalter Graf bei 
dem Ober-Postamt in Cassel den Antrag, „dass sein 
jüngster Sohn Georg Anthon Graf Ihme zur Post- 
Administration cum spe successionis adjungiret werden 
möchte." Das Ober-Postamt legte dieses Gesuch dem 
Landgrafen vor und bat um Gewährung dieser Bitte, 
„weil der junge Graf von Person ein hübscher Mensch 
sei, dessen Bruder als Rittmeister unter den Hessischen 
Husaren gestanden, und weil jener sich bissher zu den 
Post-Expeditionen fleissig appliciret habe, das jetzige 
Post-Hauss in Bebra auch am besten gelegen und in 
gutem Rufe sei." Der Landgraf aber bestimmte am 28. 
April, dass dem Gesuche des Graf noch nicht zu ent- 
sprechen sei, da er erst 4 Jahre Posthalter gewesen; 
er möchte seinen Sohn ferner im Postdienste unterweisen 
und später sich wieder melden. Der Posthalter Graf 
reichte aber schon am 24. Mai desselben Jahres wieder 
ein ähnliches Gesuch beim Ober-Postamt ein. Er be- 
gründete dieses sein Gesuch, ihm seinen Sohn als Ad- 
junct zu geben, auf folgende Weise: 

1) sei es nicht unbekannt, dass die Post seit 1704 sich 
in seinem, dem Rehwald'schen Hause befunden 
habe, und zwar habe sie sein verstorbener Schwieger- 
vater von 1704 bis 1739 versehen ; bei Lebzeiten 
seines Schwiegervaters habe er schon das Post- 
wesen in Bebra mitversehen; von 1739 bis 1760 
sei M. Dietz Posthalter gewesen und von 1760 an 
habe er die Posthalterei inne; 

2) gab er an, dass er schon alt sei und „durch die 
assistence seines jüngsten Sohnes soulagiret werden 
müsste" ; 

3) führte er an wohl als hauptsächlich durchschlagen- 
den Grund : „Ueber dies, so könnte dieser mein 



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316 

Sohn anjetzo sein Glück durch eine Heyrath machen, 
das aber blos darauf beruhet, wenn Er mit einem 
Allergnädigsten Rescript versehen wäre (als Post- 
halter-Adjunct)." 

Schon am folgenden Tage, den 25. Mai 1864, ge- 
nehmigte der Landgraf die Ernennung des jungen Graf 
zum Posthalter-Adjunct und am 26. Mai fertigte der 
Ober-PostdirectorCanngiesser das bezügliche Rescript aus. 
Im Jahre 1780 hatten der alte Posthalter Graf und sein 
ihm beigegebener Sohn um Zulage gebeten, da sie immer 
noch trotz der eingetretenen grossen Theuerung dieselben 
Bezüge genössen, die ihnen 1760 verwilligt waren. Das 
Gehalt des Posthalters in Bebra betrug, wie oben schon 
mitgetheilt, jährlich 255 Thaler vierteljährlich 63 ^ 18 
Ggr. In den Jahren 1772 und 1773 war dem Posthalter 
in Bebra wegen ganz ungewöhnlicher Theuerung eine 
aussergewöhnliche Zulage von 15 und 12 Thlr. viertel- 
jährlich verwilligt worden. Da aber die ungünstigen 
Theuerungsverhältnisse beständig andauerten, so befür- 
wortete das Ober-Postamt am 30. November 1780 das 
Gesuch des Graf und bat den Landgrafen um eine jähr- 
liche Zulage von 50 Thlr. für den Posthalter von Bebra 
„zur nötigen bessern Subsistenz vors künftige und zum 
„Besten des Dienstes überhaupt." Diesem Gesuche wurde 
aber nicht willfahren. 

Der Posthalter Graf kam in seinen Vermögensver- 
hältnissen nach und nach zurück ; dieser Rückgang war, 
wie das Ober-Postamt selbst am 12. Dezember 1782 in 
einem Berichte an den Landgrafen F r i e d r i ch ausführte, 
nicht allein durch die allgemeine Theuerung, sondern 
auch durch die Verluste, Beschädigungen und Drangsale 
des 7jährigen Krieges verursacht worden. Da der alte 
Graf und sein Sohn nicht mehr im Stande waren, die 
Post in Bebra zu verwalten, so schlug das Ober-Postamt 
den dortigen wohlhabenden Gerichtsschultheiss Johann 



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317 

ChristophRehwald als Posthalter vor, welcher Vor- 
schlag auch vom Landgrafen Fried rieh am 20. Dezem- 
ber 1782 genehmigt wurde. Rehwald übernahm die 
Posthalterei Bebra unter denselben Bedingungen, wie 
sie sein Vorgänger Graf gehabt hatte. Da Graf seinen 
Dienst stets treu und redlich besorgt hatte und ohne 
sein Verschulden in so schlechte Vermögensverhältnisse 
gekommen war, empfahl das Ober-Postamt den beinahe 
80jährigen Greis der Milde des Landgrafen, worauf 
Landgraf Friedrich dem alten Posthalter Graf am 20. 
Dezember 1782 eine jährliche Pension von 50 Thlr. 
vom Jahre 1783 an gewährte. Durch die schlechten 
Vermögensverhältnisse des Posthalters Graf war bei seinem 
Abschiede 1783 auch noch ein Rezess vorhanden, wegen 
dessen Bezahlung das Ober-Postamt mit den Graf sehen 
Kindern einen Prozess führte. Im Jahre 1788 betrug 
dieser Rückstand noch 253 Thlr. 9 alb. und die Graf- 
schen Erben erboten sich, die Hälfte zahlen zu wollen, 
wenn der Landgraf dann die Angelegenheit beruhen 
lassen würde. Das Ober-Postamt bat am 7. Juli 1788 
den Landgrafen, den Vergleich annehmen zu wollen, 
da die Familie Graf ihr sehr beträchtliches Vermögen 
durch die Verluste an Postpferden, so wie durch den 
Krieg und dessen Verwüstungen und Drangsale verloren 
habe. Am 11. Juli 1788 genehmigte der Landgraf den 
angebotenen Vergleich, so dass der Prozess endlich durch 
die Zahlung von 126 Thlr. 20 alb. 6 hlr. Seitens der 
Graf sehen Erben seine Erledigung fand. 

IV. Johann Christoph Rehwald. 1783—1793. 

Johann Christoph Rehwald, welcher vom Landgrafen 
Friedrich am 20. Dezember 1782 als Posthalter an- 
genommen war, wurde, am 27. Dezember desselben 
Jahres durch den Rath und Reservat-Commissarius 
Lieutenant Kleinhans zu Rotenburg vereidigt. Er über- 



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318 

nahm sämmtliche Geschäfte der Station Bebra vom 1. 
Januar 1783 an. Seine Bezüge waren genau dieselben, 
welche sein Vorgänger Graf genossen hatte. Zur Be- 
wältigung des Postdienstes auf der Station Bebra musste 
er auf ausdrückliche Anordnung 2 vollständige Gespanne, 
tüchtige Pferde und „geschickte wegkundige 
Knechte und keine Jungens bereit halten". 
Die Postrechnung musste er vierteljährlich aufstellen 
und spätestens 8 Tage nach Ablauf des dritten Monats 
an das Ober-Postamt in Cassel einsenden ; ebenso musste 
er, wie seine Vorgänger, eine Caution von 1000 Thlr. 
hinterlegen. Er starb gegen Ende des Jahres 1793 und 
ihm folgte als Posthalter zu Bebra sein Sohn Johann 
Heinrich Rehwald. 

V. Johann Heinrich Rehwald. 1793—1825. 

Johann Heinrich Rehwald wurde am 14. 
Dezember 1793 vom Landgrafen Wilhelm als Post- 
halter von Bebra angenommen und bestellt; am 30. 
Dezember 1793 wurde er zu Rotenburg durch den Com- 
missarius C. Martin als Posthalter vereidigt. Seine 
Leistungen waren dieselben, wie bei seinem Vater ; seine 
Bezüge waren folgende: 

1) Für Beförderung der ordinairen fahrenden Post 
wöchentlich 1 mal nach Morschen und Hersfeld 
ohne Rückfahrt jährlich 125 Thlr. oder vierteljähr- 
lich 31 Thlr. 6 Ggr; 

2) Für die Beförderung der ordinairen reitenden Post 
wöchentlich 2 mal nach Vacha und wieder zurück 
jährlich 155 Thlr., oder vierteljährlich 38 Thlr. 
18 Ggr; 

3) Ein Drittheil von der Briefporto-Einnahme aus- 
schliesslich der fremden Briefporto- Auslagen ; 

4) Vergütung für Schreibmaterialien vierteljährlich 8 
Ggr. 



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319 

5) Freier Bezug von .2 Casseler Zeitungen ; und 

6) jährlich zwei complete Postillons-Livreen. 

In jener Zeit waren die Ueberfälle und Berau- 
bungen der Posten in Deutschland so häufig, dass sogar 
von Reichswegen allgemeine Verordnungen zur Be- 
kämpfung derselben angeordnet wurden; ebenso waren 
die Landesftirsten, welche ihre eigenen Posten hatten, 
genöthigt, für die Sicherheit derselben zu sorgen. 

Meistentheils entschloss man sich erst zur Siche- 
rung der Posten, wenn sie beraubt worden waren. So 
ging es auch mit der reitenden Post von Bebra über 
den Säulingswald nach Vacha. In der Nacht vom 29. 
auf den 30. October 1799 war, so berichtet der Post- 
halter Johann Heinrich Rehwald von Bebra am 31. 
October nach Cassel, „sein Postknecht auf dem Säu- 
lingswalde von zwei Räubern überfallen worden ; die- 
selben hatten ihm das Felleisen abgeschnitten, alles 
durchsucht und den Postillon geprügelt und abscheulich 
misshandelt; auch war dreimal nach dem Postillon ge- 
schossen worden." Der Reservat-Commissarius Martin 
in Rotenburg wurde mit der sofortigen Untersuchung 
des Vorfalles beauftragt, und der Amtmann Gössel in 
Friedewald musste den Säulingswald durchsuchen lassen. 
Wegen Gefährdung der Post über den Säulingswald 
stellte die Ober-Postdirection am 7. Dezember 1799 
beim Landgrafen Wilhelm den Antrag, ein Kommando 
Soldaten von 1 Unteroffizier und 8 Mann nach Friede- 
wald zu legen, um dem Räuberwesen zu steuern, was 
auch geschah. 

Der Posthalter Johann Heinrich Rehwald, wie 
schon oben gesagt, von Landgraf Wilhelm am 14. 
Dezember 1793 bestätigt, erlebte und überlebte die 
traurige Zeit der französischen Fremdherrschaft in 
Hessen und nach der Vertreibung der Franzosen diente 
er noch der hessischen Post bis zum Jahre 1825 ; er 



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320 

hat es auch erlebt, dass das Landgrafenthum Hessen 
zum Kurfürstenthum erhoben wurde ; er hat es ferner 
miterlebt, dass die Ausführung des Postwesens in 
Kurhessen vom 1. Juli 1816 an den Fürsten von Thurn 
und Taxis übertragen wurde, infolgedessen in Frankfurt 
am Main eine k urfürstl ich hessische General- 
Po st direction und in Gasse 1 eine kur hessische 
Gen eral-Postinspe ction ins Leben traten, welchen 
beiden Behörden die Leitung und üeberwachung des 
Postdienstes im Gebiete des kurhessischen Staates ob- 
lagen. Während der Franzosenherrschaft in Hessen 
blieb das Postwesen des Nürnberger Kurses unver- 
ändert bestehen. Im November 1818 bat der schon 
bejahrte Posthalter Rehwald die kurfürstlich hessische 
General-Postdirection in Frankfurt am Main, „dass ihm 
rücksichtlich seiner Alterschwäche, wie auch seiner 
langjährigen treu geleisteten Dienstzeit sein Sohn Jo- 
hannes cum spe succedendi adjungirt werden möchte." 
Die kurhessische General-Postinspection in Cassel, 
welcher dieses Gesuch zur weiteren Behandlung von 
der kurhessischen General-Postdirection in Frankfurt 
abgegeben worden war, befürwortete das Gesuch des 
Rehwald in einem besonderen Berichte vom 13. Dezember 
1818 an den Kurfürsten, demgemäss dessen Sohn 
Johannes Rehwald laut kurfürstlicher Entschliessung 
vom 18. Dezember 1818 als Adjunct mit der Hoffnung 
der Nachfolge bestellt wurde, jedoch unter der Bedingung, 
„sofern und so lange die Posthalterei in Bebra bei- 
behalten würde." (Die über die Aufhebung bzw. Ver- 
legung der Posthalterei Bebra gepflogenen Verhandlungen 
folgen in einem besonderen Artikel VIII.) Die dem 
Posthalter-Adjunct Johannes Rehwald zugefertigte 
Ernennungsurkunde ist am 24. Dezember 1818 ausgestellt 
worden; die Vereidigung und Verpflichtung als Post- 
halter-Adjunct für den Postdienst in Bebra erfolgte 



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321 

am 31. Dezember 1818 vor dem Reservat-Commissarius 
und Rath Arstenius in Rotenburg an der Fulda. Noch 
sechs Jahre lebte der alte Posthalter Johann Heinrich 
Rehwald; er starb am 17. Januar 1825. 

VI. Johannes Rehwald 1825—1850. 

Nach dem Tode seines Vaters bat der seitherige 
Posthalter-Adjunct Johannes Rehwald alsbald die kur- 
fürstliche General - Postdirection in Frankfurt um 
üebertragung „des durch den Tod seines Vaters erledigten 
Postdienstes in Bebra." Alexander Freiherr von 
Vrints-Berberich, der damalige kurhessische General- 
Postdirector in Frankfurt, berichtete am 21. Januar 
1825 an die kurfürstlich hessische General-Postinspection 
zu Cassel, dass er gegen die definitive üebertragung 
der Posthalterei Bebra an den bisherigen Posthalter- 
Adjunct Johannes Rehwald nichts einzuwenden habe, 
zumal derselbe ja die Anwartschaft auf diese Stelle 
schon seit dem 18. Dezember 1818 besitze; bevor 
jedoch die Stelle in Bebra wieder definitiv besetzt 
würde, möchte die General-Postinspection darüber noch 
Auskunft geben, wie es sich zur Zeit mit Beibehaltung 
oder Aufhebung der Posthalterei Bebra verhalte. Am 29. 
Januar wurde in dieser Angelegenheit beschlossen, dass 
die Station Bebra vorläufig beibehalten werden sollte; 
jedoch sollte in das Bestellungs-Rescript des Johannes 
Rehwald wiederum die Glausel : „so lange die 
Poststation in Bebra beibehalten wird'* 
eingeschaltet werden. Hiervon wurde die kurhessische 
General-Postdirection in Frankfurt am 7. Februar 
benachrichtigt. Am 18. März 1825 stellte die General- 
Postdirection in Frankfurt im Auftrag des Erbland- 
postmeisters, des Fürsten von Thurn und Taxis, bei der 
General-Postinspection zu Cassel den Antrag, „dem 
Johannes Rehwald die höchstlandes- und lehn&herrliche 

N. F. Bd. XVII. 21 



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322 

Bestätigung als kurfürstlicher Posthalter zu Bebra 
ertheilen zu wollen." Auf Antrag der General-Post- 
inspection vom 5. April wurde der bisherige Posthalter- 
Adjunct Johannes Rehwald laut kurfürstlicher Ent- 
schliessung vom 8. Juni am 17. Juni 1825 zum 
Posthalter in Bebra ernannt „unter dem Vorbehalte der 
ferneren Beibehaltung der Posthalterei in Bebra." 

Im Februar 1831 bat der Posthalter Johannes 
Rehwald die General-Postdirection in Frankfurt um 
Gehaltserhöhung bzw. um Gleichstellung seines Dienst- 
einkommens mit dem des damaligen Postmeisters 
Scheuch in Morschen, worauf ihm am 25. Februar 
eine jährliche Zulage von 25 Thlr. gewährt wurde. 
Am 7. Juli 1833 bat Rehwald die General-Postinspection 
in Cassel um Verleihung des Titels „Postmeister'^; 
er begründete sein Gesuch damit, dass andere Post- 
offizianten mit nicht so ausgedehnten Postgeschäften 
ebenfalls diesen Titel schon besässen; die Stelle in 
Bebra habe sich seit seinem Dienstantritt im Jahre 1818 
ganz verändert und „aus der ehemaligen Unbedeuten- 
heit sei sie zu einer ansehnlichen Station geworden. 
Wöchentlich habe er ausser den bedeutenden extra 
Arbeiten gegenwärtig viermal Fahrpost und 
13 Brief- und Both en-Post-Expeditionen. Mit 
Cassel, Melsungen, Morschen, Rotenburg, Bischhausen, 
Sontra, Eschwege, Nentershausen, Hersfeld, Fulda, 
Vacha, Schmalkalden, Herrenbreitungen, Salzungen, 
Friedewald u. s. w. stehe er in unmittelbarem Karten- 
und Packete-Schluss" ; in Betreff seiner Dienstführung 
betonte er, dass ihm noch nie ein Verweis zu Theil 
geworden, dass er aber schon mehrmals „Bei obungs- 
schreiben" erhalten habe; ja er habe sogar durch 
Beschluss des kurfürstlichen Staatsministeriums, Abthei- 
lung des Innern, am 15. September 1830 als Beweis 
und Ausdruck besonderer Zufriedenheit mit seiner 



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323 

Dienstführung die silberne Verdienstmedaille erbalten. 
Obwohl die gute Dienstführung des Posthalters Rehwald 
allgemein anerkannt wurde, so erfolgte doch Seitens 
der General-Postinspection am 19. August 1833 ein ab- 
schläglicher Bescheid aufsein Gesuch vom 7. Juli desselben 
Jahres. Die General - Postinspection führte in ihrem 
Bescheide unter anderem an, dass es um der Conseqenz 
willen gegenüber den anderen hessischen Posthaltern 
nicht angängig sei, dem Posthalter von Bebra den 
Titel „Postmeister" zu ertheilen. Die kurhessische 
General-Postinspection hatte dieses Gesuches wegen 
auch an die kurhessische Regierung berichten müssen ; 
der damalige Postrath Gunst, welcher bei der General- 
Postinspection die Behandlung der Postsachen auszu- 
führen hatte, berichtete bei dieser Gelegenheit an die 
kurfürstliche Regierung, dass nach dem Reglement 
vom 13. März 1762 auf die Posthalter die Post- 
verwalter folgten, welcher Titel für die Posthalter 
und kleineren Postexpediteure schon eine Auszeichnung 
sei ; die Postverwalter erhielten dann späterhin auf 
Nachsuchen den Titel „Postmeister"; gewöhnlich 
aber sei dieser Titel nur den Inhabern von bedeuten- 
deren Stationen gegeben worden. 

Rehwald begnügte sich aber nicht mit diesem 
abschläglichen Bescheide, sondern wandte sich schon 
am 31. August mit einem gleichen Gesuche an den 
damaligen Kurprinzen und Mitregenten Friedrich 
Wilhelm, welcher dasselbe der General-Postinspection 
zur Berichterstattung zugehen Hess. Der Bericht der 
General-Postinspection lautete wiederum dahin, dass der 
Posthalter Rehwald in Bebra höchstens Anspruch auf 
den Titel Postverwalter habe; da aber Rehwald „als 
ein thätiger, pünktlicher und rechtlicher Postoffiziant 
bekannt sei", so stelle es die General-Postinspection 
dem Kurprinzen anheim, dem Posthalter Johannes 

21* 



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324 

Eehwald den Titel Postme ister als eine persönliche 
Begünstigung zu erth eilen. So wurde nun dem Post- 
halter Rehwald endlich am 10. Januar 1834 von dem 
Kurprinzen und Mitregenten Friedrich Wilhelm der 
Titel „Postmeister" verliehen. Im Jahre 1841 hatte 
der Posthalter Rehwald wiederum um Erhöhung seines 
Diensteinkommens gebeten. Die kurfürstliche General- 
Postdirection zu Frankfurt willfahrte diesem Gesuche 
am 10. September 1841. Das Gesammteinkommen 
des Postmeisters Rehwald bestand von da ab 1) aus 
einem Fixum (festen Gehalte) von 100 Thlr. jährlich, 
2) aus 5 Procent vom Brief- und Päckerei-Porto und 
Franko, welche nach den Rechnungen von 1839/40 
ungefähr 18 Thlr. 4 Gr. 1 ^ betrugen, 3) aus den 
s. g. Emolumenten {Nebeneinkünften), welche ungefähr 
47 Thlr. jährlich betrugen, so dass sich das gesammte 
Einkommen jährlich auf ungefähr 165 Thlr. belief. 
Aus dem unter 3 genannten Betrage musste der Post- 
meister Rehwald jedoch die sämmtlichen Amtsausgaben 
und Schreibmaterialien bestreiten; das bisher bezogene 
Schreibmaterialien-Aversum (Vergütung) kam in Wegfall, 
(lieber den Orts- und Landbestelldienst der Poststation 
Bebra siehe die besonderen Abhandlungen X und XI.) 
Der Postmeister Johannes Rehwald starb am 6. März 
1850; sein Sohn, der damalige Postpracticant Christoph 
Rehwald, zeigte den Tod seines Vaters am 8. März der 
Kurfürstlichen General-Postinspection zu Cassel an. 

Vn. Christoph Rehwald, Postverwalter^PostmeiBter 
und Postdirector. 1850--1886. 

Da Herr Postdirector Rehwald noch im Ruhestand 
in Bebra lebt, folgen hier nur die nachstehenden wenigen 
Angaben über denselben. Christoph Rehwald, der Sohn 
des am 6. März 1850 verstorbenen Bebraer Postmeisters 
Johannes Rehwald, ist am 12. Dezember 1843 als Post- 



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325 

geliülfe eingetreten und an demselben Tage für den 
Postdienst verpflichtet worden. Am 20. Juni 1848 
erfolgte nach vorausgegangener Verpflichtung seine 
Ernennung zum Postpraktikanten. 

Nachdem sein Vater am 6. März 1850 verstorben 
war, hat er die Postanstalt in Bebra verwaltet bis 
zum 2. Juni 1851, an welchem Tage er vom Landes- 
herrn zum Postverwalter in Bebra ernannt wurde. 
Seine Ernennung zum Postmeister erfolgte am 27. 
Mai 1868, diejenige zum Po stdirector am 1. Januar 
1872. — Vom 15. September 1848 bis zu der am 
1. Juli 1886 eingetretenen Versetzung in den Ruhestand 
ist Rehwald ununterbrochen bei der Postanstalt in 
Bebra beschäftigt gewesen. — Beim üebergange des 
Thurn und Taxis'schen Postwesens an Preussen wurde 
das reine Diensteinkommen des Rehwald, welches 
grösstentheils im Bezüge von Emolumenten bestanden 
hatte, auf ungefähr 450 Thlr. jährlich festgesetzt. Sein 
Gehalt als Postdirector richtete sich nach den Bestim- 
mungen des Postetats. 

VIII. Verlegung der Posthalterei in Bebra nach 
Rotenburg. 

Als der nachmalige Postmeister Johannes Rehwald 
in Bebra am 24. Dezember 1818 zum Posthalter- Ad - 
junct seines bejahrten Vaters Johann Heinrich Rehwald 
ernannt wurde, erfolgte diese Ernennung unter dem 
ausdrücklichen Vorbehalte, „so fern und so lange die 
Posthalterei in Bebra beibehalten würde" ; ebenso er- 
folgte die definitive üebertragung der Posthalterei 
Bebra an den Posthalter, den späteren Postmeister 
Johannes Rehwald am 8. Juni 1825 unter demselben 
Vorbehalte. Man ging also schon im Jahre 1818 mit 
dem Plane um, die Posthalterei in Bebra aufzuheben 
und zu verlegen und zwar nach Rotenburg. Dieser 



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326 

Plan ruhte *jedoch bis zum Jahre 1837 ; am 8. Februar 
dieses Jahres regte das kurhessische Ministerium endlich 
diese schon so lange Zeit offene Frage bei der General- 
Postinspection in Cassel an. Nachdem der Postmeister 
Rehwald von der beabsichtigten Aufhebung der Post- 
halterei in Bebra und Verlegung derselben nach Rotenburg 
Kenntnis bekommen hatte, wandte er sich am 4. März 
1837 an den kurhessischen Minister von Motz und 
bat um Beibehaltung der Bebraer Posthalterei ; Rehwald 
hob in seinem Gesuche hervor, dass die Station Bebra 
an der Nürnberger Landstrasse im Mittelpunkte zwischen 
Hersfeld und Rotenburg liege ; hier treffe auch die Son- 
traer Nebenstrasse mit der Nürnberger Landstrasse 
zusammen und Bebra sei wieder der Mittelpunkt zwischen 
Hersfeld und Bischhausen ; ebenso sei Bebra der 
Mittelpunkt eines bedeutenden Holzhandels zwischen 
Friedewald, Berka und Morschen ; seiner günstigen 
Lage wegen erfolge von hier aus am besten die Be- 
förderung aller Sendungen nach dem Richelsdorfer 
Bergwerk, nach Nentershausen, Wildeck u. s. w. ; durch 
die geplante Verlegung der Posthalterei von Bebra nach 
Rotenburg werde er in seinem Haushalte sehr geschädigt, 
ja vollständig ruinirt ; ausserdem werde die Tour so 
erheblich verlängert, dass für die Pferde der grösste 
Nachtheil erwachsen müsse ; zu dem habe er gerade in 
den letzten Jahren grosse Ausgaben gemacht zum Ankauf 
von guten Postpferden, welche noch nicht alle gedeckt 
seien ; schliesslich berief sich der Postmeister Rehwald 
noch auf seine gewissenhafte und treue Dienstführung. 
Am 14. April 1837 erstattete die General-Post- 
inspection ihren Bericht über diese Frage an das Mini- 
sterium ; dieselbe erkannte die von dem Postmeister 
Rehwald betonte für den Postdienst und den allgemeinen 
Verkehr so günstige Lage Bebras vollkommen an. Bei 
Fortsetzung dieser Verhandlungen mit der General- 



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327 

Postinspection erklärte sich Rehwald endlich bereit, 
die Posthalterei von Bebra nach Rotenburg zu verlegen, 
in Bebra aber die Postexpedition weiter beizubehalten, 
sowie ein Relais einzurichten besonders wegen des neu 
eingerichteten B r i e f-C o u r i e r-K u r s e s von Bebra 
über Sontra nach Bischhausen. Auf allerhöchste Geneh- 
migung wurde dann am 24. Mai 1837 verfügt, dass die 
Posthalterei von Bebra nach Rotenburg verlegt werden 
sollte. Doch war diese Verlegung nicht so leicht 
ausgeführt, als sie angeordnet worden war ; denn die 
Entfernung von Hersfeld nach Rotenburg betrug 2'^k 
Meilen und war für die Postpferde zu gross und nach- 
theilig; die Entfernung zwischen Hersfeld und Bebra 
betrug nur 2 Meilen. Die Posthalterei Rotenburg sollte 
dem Postmeister Rehwald übertragen werden, welcher 
sich ferner verpflichten musste, in Bebra ein Pferde- 
Relais beizubehalten, sowie die dortige Postexpedition 
weiter zu versehen. Vor der Verlegung der Posthal- 
terei von Bebra nach Rotenburg sollte aber erst noch 
eine geeignete Zwischenstation zwischen Bebra und 
Hersfeld eingerichtet werden, etwa in den Orten Breiten- 
bach oder Blankenhain. Das Kurfürstliche Finanz- 
Ministerium forderte hierüber unterm 5. September 
eingehenden Bericht von der General-Postdirection. 
Diese wandte sich am 14. September an die kurfürstliche 
General-Postdirection in Frankfurt und bat um deren 
gutachtliche Aeusserung. Der Bericht der General- 
Postdirection vom 14. October sagt, „dass allerdings 
die Entfernung zwischen Rotenburg und Hersfeld — 2^4 
Meilen — für ein e Station bei den jetzigen Anforderungen 
an den Postdienst zu gross sein würde" ; sie stimmte 
nicht für Einrichtung einer Zwischenstation in Breiten- 
bach oder Blankenhain; denn wenn man dieses thun 
wollte, müsste zwischen Blankenhain und Bischhausen, 
wo die Entfernung 5 Meilen betrüge, ebenfalls noch 



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328 

eine Station eingerichtet werden ; die GeneraKPostdirec- 
tion spricht schliesslich ihre Ansicht dahin aus, die 
Station Bebra in ihrem dermaligen Stande zu lassen 
und von einer Verlegung der Posthalterei nach Roten- 
burg abzusehen. Nachdem die General-Postinspection 
diesen Bericht der General-Postdirection am 21. November 
dem kurfürstlichen Ministerium mitgetheilt hatte, wurde 
am 25. desselben Monats im Ministerrathe diese Ange- 
legenheit wiederum verhandelt. Minister von Motz hat 
damals unter den Bericht der General-Postdirection 
eigenhändig folgende Worte geschrieben: „Die General- 
Postdirection hätte nicht erst ihre Bereitwilligkeit zur 
Verlegung der Posthalterei von Bebra nach Rotenburg 
an den Tag legen sollen.** Das Resultat des Minister- 
rathes war der Beschluss vom 29. November, welcher 
lautete: „Die Verlegung der Posthalterei von Bebra 
nach Rotenburg ist festzuhalten ohne eine Station 
zwischen Bebra und Hersfeld." Am 5. Dezember wurde 
die General-Postinspection von dem Ministerium mit 
der Ausführung dieser Verlegung beauftragt; die 
General-Postdirection wurde von diesem Beschlüsse 
am 28. Dezember in Kenntnis gesetzt. Diese traf 
sofort die nöthigen Einleitungen, um die Verlegung der 
Posthalterei von Bebra nach Rotenburg vom 1. April 
1838 ab ins Leben treten zu lassen. Sie verhandelte 
zuerst mit dem Postmeister Rehwald, welcher an- 
fänglich sich auch geneigt zeigte, die Posthalterei 
vom 1. April 1838 ab in Rotenburg zu übernehmen 
und zu unterhalten. Am 23. Februar 1838 berichtete 
aber die General-Postdirection an die kurfürstliche 
General-Postinspection in Cassel, dass Rehwald ihr 
ganz unerwartet mitgetheilt habe, dass er ohne beson- 
dere Entschädigung und Unterstützung aus der Post- 
kasse die Posthalterei in Rotenburg nicht übernehmen 
und unterhalten könne und dass er es vorziehe, gestützt 



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329 

auf sein Anstellungs- und Bestätigungsrescript, so wie 
auf § 56 der Verfassungsurkunde, seine Posthalterei 
ganz in bisheriger Weise fort zu versehen. Trotz 
nochmaliger Aufforderung Seitens der General - Post- 
direction ist Rehwald bei dieser seiner ablehnenden 
Erklärung stehen geblieben. Die General-Postdirection 
war jedoch nicht der Meinung, dass Rehwald eine 
Entschädigung für die Verlegung der Posthalterei nach 
Rotenburg zu verlangen habe ; im Gegentheil würde 
die Anstellung desselben mit der Verlegung der Post- 
halterei von Bebra nach Rotenburg ihr Ende erreichen, 
da er nur unter der Bedingung in Bebra angestellt 
worden sei, „so lange die Posthalterei in Bebra bei- 
behalten würde"; wenn er darauf beharre, nicht nach 
Rotenburg zu gehen, so sei ihm nur auf Widerruf 
die Postexpedition in Bebra zu belassen und ihm für 
die Extraposten nach Witzenhausen eine Relais-Pöst- 
halterei daselbst zu übertragen, wofern er sich hierzu 
noch verstehen würde. Die General-Postdirection ersuchte 
schliesslich das Ober-Postamt Cassel, wegen üebernahme 
der Posthalterei in Rotenburg mit dem dortigen Post- 
meister Gessner zu unterhandeln. Die General-Post- 
inspection theilte die nachträgliche Weigerung des 
Postmeisters Rehwald zur üebernahme der Posthalterei 
in Rotenburg am 5. März 1838 dem kurfürstlichen 
Ministerium mit und bat um weitere Verhaltungs- 
massregeln in dieser Angelegenheit. Unter diesen 
Umständen war die Verlegung der Posthalterei nach 
Rotenburg vom 1. April an, wie angeordnet worden 
war, natürlich unausführbar. Die nun mit dem Post- 
meister Gessner wegen üebernahme der Posthalterei 
in Rotenburg geführten Verhandlungen waren von dem 
besten Erfolg, da Gessner, der als tüchtiger Beamter 
bekannt und durch seine günstigen Vermögensverhält- 
nisse im Stande war, die Posthalterei zu errichten und 



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330 

zu unterhalten, sofort sich zur üebernahme derselben 
bereit erklärt hatte, wie ein Bericht der General- 
Postdirection vom 26. März 1838 an die General-Post- 
inspection in Cassel ausweist. Doch als der Postmeister 
Rehwald hiervon Kenntniss bekommen hatte, bat er den 
nach Rotenburg gesandten Commissar, bei der Post- 
halterei-Verlegung doch auch auf ihn Rücksicht nehmen 
zu wollen, indem er versprach, auf die verlangte Unter- 
stützung und Entschädigung aus der Postkasse nunmehr 
verzichten zu wollen. Die General-Postdirection schlug 
aber in Cassel an erster Stelle den Postmeister Gessner 
als Posthalter in Rotenburg vor, den Postmeister 
Rehwald erst in zweiter Stelle. Die General-Postin- 
spection theilte diesen Sachverhalt dem kurfürstlichen 
Ministerium am 10. April mit und machte den Vorschlag, 
dem Postmeister Gessner in Rotenburg die dortige 
Posthalterei zu übertragen, dagegen dem Postmeister 
Rehwald in Bebra neben der Expedition daselbst noch 
ein Relais für die Seitenrouten von da über Sontra 
nach Bischhausen, sowie nach Vacha zu belassen. 
Am 4. Mai 1838 genehmigte die kurfürstliche Regierung 
die von der General-Postdirection, sowie von der 
General-Postinspection ihr unterbreiteten Vorschläge, 
wornach der Postmeister Gessner die Posthalterei in 
Rotenburg erhielt ; die General-Postinspection wurde 
vom Ministerium beauftragt, die nöthigen Verfügungen 
zu treffen und zu erlassen. Postmeister Gessner 
versprach die Posthalterei vom 1. Januar 1839 ab ins 
Leben treten zu lassen. Die kurhessische Regierung 
verlangte von der General-Postinspection, dass sie darauf 
halten sollte, dass die Verlegung der Posthalterei von 
Bebra nach Rotenburg nunmehr auch wirklich mit 
dem 1. Januar 1839 erfolge. 



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331 

IV. Johann Martin Wepler, Postbote zu Bebra 
von 1715-1751. 

Johann Martin Wepler, gebürtig aus Breitenbach 
bei Bebra, war im Jahre 1715 von dem Poöthalter 
Johannes Rehwald zu Bebra als Postbote angenommen 
worden, um den Briefbeutel wöchentlich 2 mal von 
Bebra nach Hersfeld und wieder zurück zu besorgen. 
Diesen Postbotendienst hat er ununterbrochen 36 Jahre 
lang bis Ende April 1751 „treu, fleissig und unver- 
drossen verrichtet und sich jederzeit so aufgeführt, dass 
Niemand sich über ihn zu beschweren jemals Ursache 
gehabt". Vom Mai 1751 an war dieser Postbotendienst 
so eingerichtet worden, dass ein Postbote von Roten- 
burg aus über Bebra nach Hersfeld und wieder zurück- 
ging, infolge dessen der alte Wepler, wie er sich selbst 
ausdrückt, „dimittirt*' wurde. Er wandte sich desshalb 
an das Ober-Postamt in Cassel und bat um eine jähr- 
liche Unterstützung aus der Postkasse. In diesem Ge- 
suche sagte er unter anderem noch folgendes : „Er habe 
nun sein Stückchen Brod verloren und durch die vielen 
Strapazen und die beschwerlichen sauren Gänge, so ^r 
über 36 Jahre jedesmal bei Nachtszeit habe verrichten 
müssen, sei er ein alter abgelebter und schwächlicher 
ßOjähriger Mann geworden und dergestalt von Kräften 
gekommen, dass er mit anderer schwerer Arbeit sein 
Stückchen Brod und Lebensunterhalt zu verdienen fast 
nicht mehr capable sei, mithin als ein alter 60jähriger 
Mann, welcher 36 Jahre als Postbote treu gedient, einer 
Gnade wohl würdig wäre.'* 

Wepler musste auch wirklich ein treuer, recht- 
schaffener Postbote jederzeit gewesen sein, wie drei 
von ihm beigebrachte Zeugnisse beweisen. Die im 
Jahre 1751 noch lebende Wittwe des i. J. 1739 ver- 
storbenen Posthalters Johannes Rehwald Elisabetha be- 
scheinigte ihm aoi 19ten August 1751, „dass Johann 



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332 

Martin Wepler aus Breitenbach in aiino 1715 bey mir, 
alß ich die Posthalterey zu Bebra gehabt, alß Postbotte 
angenommen, auch die gantze Zeit über, so lang ich 
die Post gehabt, seinen Dienst jeder Zeit treu und erlich 
verrichtet und überhaupt seine hierin (in dem Bittgesuche) 
angeführte motiven in der Wahrheit gegründet, mithin 
derselbe einer Gnade wohl werth seye." 

Die Postmeisterin WittweM. C. Fuhrmännin zu Hers- 
feld bezeugte ihm am 22. Aug. 1751, dass „Weppeler" 
die ganze Zeit ihres Hierseins den Postbotengang zwischen 
Bebra und Hersfeld stets exact besorgt habe; „sogar 
bei dem allerschlimmsten Wetter habe er seine Zeit 
richtig eingehalten, und habe sich des Nachts zwischen 
11 und 12 Uhr ordentlich eingefunden; dabey habe er 
sich stets treu, ehrlich und redlich verhalten und so 
gedienet, dass nicht die geringste Klage eingelaufen, 
vielmehr jedermann, besonders die hiesige Station, wohl 
mit ihm zufrieden gewesen sei." 

Ein ebenso günstiges drittes Zeugnis stellte ihm 
am 24. August 1751 der Gerichtsschultheis zu Breiten- 
bach P. P. Eckhardt aus. 

Das Ober-Postamt befürwortete das Gesuch des 
alten, ehrlichen und verdienten Wepler am 28. October 
1751 und am 14. Januar 1752 verfügte der Ober-Post- 
director und Regierungspräsident Calckhoff, dass dem 
alten Bebraer Postboten Wepler „ad dies vitae" der dritte 
Theil desjenigen Gehaltes, das er als Postbote zuletzt 
erhalten, als Pension aus der Postkasse gezahlt werden 
sollte. Der Commissarius und Postkassirer Ewald wurde 
beauftragt, diese Summe gegen Quittung jährlich an 
den Wepler auszuzahlen und im Postetat in Ausgabe 
nachzuweisen. Wie oben unter I und 11 zu ersehen, 
zahlte die hessische Postverwaltung jährlich für diesen 
Boten an die Posthalter zu Bebra 20 Thlr. ; ausserdem 
lieferte sie alle 2 Jahre für denselben eine Postbotenlivree. 



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333 
X. Privatbriefbesteller der Postverwaltung Bebra. 

Am 4. Juli 1838 wurde der Postmeister Rehwald 
von dem Ober-Postamt Cassel aufgefordert zu berichten, 
„durch welches Individuum die ankommenden Briefe etc. 
für den Ort selbst an die Adressen befördert würden", 
worauf derselbe am 8. Juli nach Cassel berichtete: „dass 
die Briefe und Paquete, welche in den Ort selbst ge- 
hörten, von den Betheiligten selbst abgeholt würden''; aus 
dem Zusätze des Berichtes, dass diese Sendungen nur für 
Staatsdiener und Lotterie-CoUecteure bestimmt seien, 
geht hervor, dass der damalige Postverkehr des Ortes 
Bebra ein sehr geringer gewesen ist ; ein Briefträger für 
Bebra selbst war damals noch kein Bedürfnis. Am 
16. Februar 1842 führte aber das Ober-Postamt Cassel 
Klage über die höchst mangelhafte Briefbestellung bei 
der Postverwaltung Bebra und forderte den Postmeister 
Rehwald auf, auf Grund seiner i. J. 1841 stattgefundenen 
Gehaltserhöhung und der ihm demgemäss obliegenden 
Verbindlichkeit, für ordnungsmässige Bestellung der 
Postsachen zu sorgen, „binnen 14 Tagen ein qualifi- 
zirtes männliches Individuum zur Briefbestellung anzu- 
nehmen und davon unter Vorlage von Zeugnissen über 
dessen seitherigen sittlichen Lebenswandel Anzeige zu 
machen, resp. dessen Verpflichtung zu beantragen". 
Daraufhin nahm Postmeister Rehwald einen gewissen 
Georg Gleim *) als Briefträger für Bebra an. Am 2. Juni 
1843 beantragte Postmeister Rehwald für denselben 
beim Ober-Postamt Cassel eine jährliche Unterstützung 
aus der Postkasse, „da die Einnahme, welche dem 
Briefboten durch die Bestellgebühren würde, zu unbe- 
deutend wäre, als dass ein Mann seine Familie ordentlich 
davon ernähren könnte"; aus seinem eigenen un- 

*) Dieser Georg Gleim ist nicht zu verwechseln mit dem im 
Jahre 1847 angenommenen Landbriefträger Gleim. 



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334 

bedeutenden Posteinkommen könnte er den Gleim nicht 
doch besonders unterstützen. Dieses Gesuch des Post- 
meisters Rehwald wurde am 10. Juni 1843 von dem 
Ober-Postamt Cassel abgewiesen mit dem Bemerken, 
dass er nach seiner im Jahre 1841 am 10. September 
erfolgten Gehaltserhöhung verpflichtet sei, aus seinen 
Mitteln für eine ordnungsmässige Bestellung in Bebra 
zu sorgen. Gleim war bis zum 1. April 1849 Brief- 
träger in Bebra und von da an versah er die Stelle 
eines Wagen meisters daselbst und hatte vor allem 
das Umladen der Postsachen auf dem Bebraer Bahnhofe 
zu besorgen. 

Am 14. September 1849 bat Gleim das Ober-Post- 
amt Cassel um definitive Anstellung als Postwagen- 
meister. Dieses Gesuch des Gleim wurde von dem da- 
maligen Ober-Postmeister, dem Postrath Sezekorn, am 
5. Februar 1850 abgelehnt, da nach dem neuesten 
Uebereinkommen mit dem Postmeister Rehwald vom 26. 
März 1849 dieser lediglich verpflichtet sei, auf seine 
Verantwortung hin den Wagen meisterdienst durch ein 
geeignetes, in seinem Privatdienst stehendes Individuum 
versehen zu lassen. 

Am 21. Januar 1850 bat der Postmeister Rehwald 
für den Wagenmeister Gleim um Bewilligung eines 
Mantels, der ihn gegen die strenge Kälte schützen könne, 
da Gleim täglich von 6 Uhr Morgens bis Abends 9 und 
10 Uhr Dienst habe und besonders auf dem Bahnhofe 
beim Abwarten der Bahnzüge, sowie beim Umladen der 
Postsachen sehr dem Luftzuge und der Kälte ausgesetzt 
sei. Der Ober-Postmeister und Ober-Postrath Sezekorn 
legte dieses Gesuch am 7. Februar 1850 der kurfürst- 
lichen General-Postdirection in Frankfurt vor und be- 
fürwortete dasselbe. Die General-Postdirection aber 
lehnte das Gesuch am 11. April 1850 ab, erklärte sich 
jedoch bereit, dem Postwagenmeister Gleim statt des 



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335 

Mantels „eine vollständige Postbotenmontour, also das 
eine Jahr Jacke und Mütze, das andere Jahr dagegen 
Oberrock und, Mütze zu verwilligen". Der Wagen- 
meister Gleim erhielt anfänglich von dem Postmeister 
Rehwald monatlich 5 Thlr; hierzu erhielt er vom J. 1850 
ab „eine vollständige Postbotenmontour" ; später wurde 
sein Gehalt von 5 Thlr. auf monatlich 7 Thlr. erhöht. 
Am 2. März 1852 machte Georg Gleim als Brief- 
träger und Bureaudiener zu Bebra ein Gesuch an das 
Ober-Postamt Cassel, worin er unter Darlegung seiner 
häuslichen und Familienverhältnisse um Gehaltserhöhung, 
sowie um Lieferung eines Mantels bat; das letztere be- 
gründete er besonders damit, dass er wegen seiner 
dienstlichen Verrichtungen am Bebraer Bahnhofe gar 
sehr allen unfreundlichen Witterungs Verhältnissen aus- 
gesetzt wäre. Der Postverwalter Rehwald befürwortete 
dieses Gesuch des Gleim und legte es am 26. März 
1852 dem Ober-Postamt Cassel vor. Dieses lehnte je- 
doch das Gesuch unterm 2. April ab, indem es dem 
Postverwalter Rehwald erklärte, dass er nach seinem 
Anstellungsdecret verpflichtet sei, alle Amts- und Büreau- 
kosten ohne Unterschied aus seinem Diensteinkomraen 
zu bestreiten, mithin auch das erforderliche ünterbe- 
amtenpersonal auf seine Kosten zu halten und zu be- 
zahlen; glaube er, dass sein Einkommen zu gering sei, 
so werde ihm anheim gegeben, nach Ablauf eines vollen 
Dienstjahres eine genaue üebersicht über alle seine 
Dienstbezüge und alle davon bestrittenen Ausgaben vor- 
zulegen, worauf man dann nach Befinden die Erhöhung 
seiner Dienstbezüge in angemessener Weise bei der 
Ober-Postdirection in Frankfurt befürworten wolle. 

XI. Landbrief bestellung in Bebra, (1815—1836). 

Nach dem Aufhören der französischen Fremd- 
herrschaft in Hessen suchte die kurhessische Ober- 



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336 

Postdirection in Cassel das hessische Postwesen überall 
zu heben und zu bessern. Am 25. Juni 1815 forderte 
der damalige kurfürstliche Ober-Fostdirector von 
Starckloff die sämmtlichen kurhessischen Postanstalten 
auf, ein Verzeichniss über alle Orte und Dörfer mit 
Angabe der Entfernung von den betreffenden Postan- 
stalten aufzustellen und einzureichen, um auf Grund 
einer solchen allgemeinen Zusammenstellung die Ver- 
sendung der Postsachen auf den hessischen Posten ohne 
jegliche Verspätung rasch erfolgen zu lassen. Es lässt 
sich nicht verkennen, dass auf diese Weise die Leitung 
der Postsendungen geregelt und die Beförderung der- 
selben beschleunigt wurde. In den Bebraer Postacten 
finden wir nach der oben erwähnten Aufforderung des 
Ober-Postdirectors von Starckloff vom 25. Juni 1815 
betreffs der Landbrief Stellung erst wieder im Jahre 1838 
eine Verfügung des kurfürstlichen Ober-Postamts Cassel, 
worin die Poststation Bebra aufgefordert wird, zu be- 
richten, durch welche Personen in Bebra die Postsen- 
dungen im Ort selbst, sowie in den zugehörigen 
Landort.en bestellt würden. Am 30. Juni 1838 berichtete 
der Postmeister Rehwald in Betreff der für den dortigen 
Landbestellbezirk bestimmten Postsendungen, „dass keine 
solche Individuum (!) daselbst angestellt seien, welche 
die Briefe bestellen" ; er theilte in diesem Bericht 
ferner mit, dass die Herrn von Trott zu Solz und das 
kurfürstliche Bergamt zu Friedrichshütte ihre Postsachen 
durch eigene Boten und zwar die Herrn von Trott 
wöchentlich 2 mal und das Bergamt täglich abholen 
Hessen ; die sonstigen Sendungen mussten von den 
Empfängern selbst in Bebra abgeholt werden. Aus 
den noch vorhandenen Postacten der Postanstalt Bebra 
ersehen wir, dass im Jahre 1839 ein gewisser Paul 
Spohr als>L andbrief träger in Bebra thätig war 
und dass von Bebra aus folgende 21 Orte ihre Post- 



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337 

Sachen erhielten: 1. Asmushausen, 2. Breitenbach, 3. Bo- 
denthal, 4. Braunhausen, 5. Blankenhain, 6. Friedrichs- 
hütte, 7. Gilfershausen, 8. Hönebach, 9. Imshausen, 10. 
Iba, 11. Kleinensee, 12. Lispenhausen, 13. Lüdersdorf, 14. 
Meckbach, 15. Mecklar, 16. Richelsdorfer Gebirg, 17. 
Richelsdorfer Hütte, 18. Ronshausen, 19. Solz, 20. Wei- 
terode und 21. Wildeck. Doch wurden damals diese 21 
Orte nicht sämmtlich von dem Landbriefträger Spohr 
begangen ; derselbe bestellte nur die für die Orte Blan- 
kenhain, Lüdersdorf, Meckbach und Mecklar vorliegenden 
Postsendungen und zwar täglich; dagegen war die 
Bestellung nach den übrigen Orten noch immer eine 
Privatbestellung ; wie nämlich Postmeister Rehwald 
unterm 29. Juni 1839 an das Ober-Postamt Cassel 
berichtet, wurden die für Asmushausen vorliegenden 
Sendungen täglich durch den ünterförster Gleim bestellt ; 
die für die Orte Bodenthal, Friedrichshütte, Iba, Richels- 
dorfer Gebirg und Richelsdorfer Hütte vorliegenden 
Sachen wurden täglich durch den Boten der Richels- 
dorfer Hütte abgeholt und bestellt; die Sendungen für 
die Orte: Braunhausen, Gilfershausen, Imshausen und 
Solz wurden jeden Dienstag und Freitag, zuweilen auch 
noch öfters von dem Solzer Boten abgeholt und bestellt ; 
die Sendungen für die Orte Hönebach, Kleinensee, 
Ronshausen, Weiterode und Wildeck wurden durch einen 
Boten des Herrn von Ziegler in Wildeck abgeholt und 
bestellt; die Bewohner von Lispenhausen mussten sich 
ihre Sachen auf der Post in Bebra selbst abholen. 
Der Wildecker Bote besorgte die Bestellung ohne Er- 
hebung der Bestellgebühren; die übrigen Privatboten 
erhielten für die Bestellung die tarifmässigen Bestell- 
gelder und zwar: V2 Gr. für einen Brief und 1 Gr. für 
einen Geldbrief oder ein Packet. — Die Landbrief- 
bestellung war also noch im Jahr 1839 in Bebra mehr 
eine private, als eine amtlich geregelte. Die kurhes- 

N. F. Bd. XVII. 2i^ 



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338 

sische Postbehörde war aber damals schon sehr bestrebt, 
auch die Landbriefbestellung nach und nach nur durch 
hierzu eigens angestellte Personen ausführen zu lassen. 
Wie aus den Acten ferner zu ersehen, betrugen damals 
die Bestellgelder für Briefe und Packete bei der Post- 
anstalt Bebra jährlich ungefähr 30—35 Thlr., welche 
die Briefträger bzw. Boten erhielten. 

Im Jahre 1845 fanden Verhandlungen statt, um 
die am weitesten von Bebra entlegenen Orte anderen 
näher gelegenen Postanstalten zuzuweisen. Auf Grund 
dieser Verhandlungen wurde am 17. Februar 1847 vom 
Ober-Postamt Cassel verfügt, dass die Orte Bodenthal, 
Richelsdorfer Gebirg und Richelsdorfer Hütte, sowie 
Wildeck und Solz dem Landbestellbezirke der Post- 
anstalt Nentershausen, das Dorf Lispenhausen dem- 
jenigen von Rotenburg und der Ort Kleinensee dem- 
jenigen von Friedewald zugetheilt würden. Gleichzeitig 
wurde der Postmeister Rehwald aufgefordert, für die 
der Poststation noch verbleibenden Orte eine geregelte 
Bestellung durch verpflichtete Briefbesteller derart 
einzurichten, dass jeder Ort mindestens 2 mal und 
nach Bedürfniss auch mehremal in der Woche an be- 
stimmten Tagen und zu bestimmten Stunden durch den 
Briefbesteller begangen würde ; ferner musste der Post- 
meister Rehwald für diese Landbriefbestellung ein 
Tourenverzeichniss aufstellen und an das Ober-Post- 
amt Cassel einreichen, aus welchem die einzelnen Orte, 
welche zu einer Tour gehörten und deren Entfernung 
von einander, sowie Tag und Stunde der Begehung 
durch den Landbriefträger zu ersehen waren. Post- 
meister Rehwald suchte von den vorher genannten 
Orten das Dorf Solz nebst Gunkelrode beizubehalten, 
doch verfügte das Ober-Postamt Cassel nochmals, dass 
nach den getroffenen Bestimmungen vom 17. Februar 
1847 Solz nebst Gunkelrode zum Landbestellbezirke 



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839 

der Postverwaltüiig Nentershausen gehören sollte. — 
Postmeister Eehwald nahm nun zum Landbriefträger 
einen gewissen Gleim an, welchem er jährlich 36 
TMr. gab. Während der vorhin geschilderten Unter- 
handlungen mit dem Ober-Postamt Cassel und auch 
noch später bat Postmeister Rehwald um Bewilligung 
einer Unterstützung zur Unterhaltung dieses Briefträgers 
und zwar um monatlich 2 Thlr., sowie um Abgabe 
einer „Postboten-Montour". Am 16. April 1847 ant- 
wortete das Ober-Postamt Cassel, dass dem Postmeister 
Rehwald nach seiner Gehaltserhöhung vom 10. September 
1841 die Verbindlichkeit obliege, mit seinem Dienstein- 
kommen alle Amtskosten zu bestreiten, wozu auch 
gehöre, dass er sowohl' für den Landbriefträger, sowie 
auch für eine geordnete Landbriefbestellung sorgen 
müsse, zumal er ja auch alle Bestellgebühren beziehe ; 
wenn er glaube, dass sein Aversum (Entschädigungs- 
summe) für die Amtskosten und die Höhe der Emolu- 
mente (Nebeneinkünfte) unzulänglich seien, so möchte 
er darüber einen sicheren Nachweis führen und den- 
selben vorlegen, damit höheren Orts eine Erhöhung 
seiner Entschädigung für Amtskosten beantragt werden 
könnte. Diesem kam der Postmeister ßehwald baldigst 
nach und auf Grund seiner nochmaligen Ausführungen 
beantragte das Ober-Postamt unterm 12. Mai 1847 bei 
der kurfürstiichen General-Postdirection in Frankfurt 
für den Postmeister Rehwald eine Erhöhung seines 
Aversums um jährlich 25 Thlr., sowie um Gewährung 
einer „Briefboten-Montour'^ für den Landbriefträger. 

Am 30. April 1847 reichte der Postmeister Rehwald 
das verlangte Tourenverzeichniss für die neu einzurich- 
tende bzw. zu regelnde Landbriefbestellung von Bebra 
an das Ober-Postamt in Cassel zur Begutachtung und 
Genehmigung ein und zwar in folgender Ausfertigung 
und Form: 

22* 



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340 

Tour en-Verzeichniss 
für den Landbriefbesteller der Postverwaltung Bebra. 



Abgang 


1 Ankunft j Der Bote trifft ein 


von Bebra 


ii '" 


j zur Tageszeit 


Stunde. 




i Braunhausen ... 1 Morgens 


8>/2 




1 Vockerode . . 




" 


9 


Mittwoch 


II Imshausen . . 




l! 


9V« 


und 


II Gilfershausen . 




! " 


10 


Sonn- 


i Friedrichshütte 




1 1» 


IOV2 


abend 


ij Iba . . , . 




V 


IIV4 


Morgens 


1 Hönebach . . 




Nachmittags 


2 


7 Uhr. 


II Ronshausen . 




>» 


3^/4 




1 Weiterode . . 




>5 


4''/4 




1 Bebra . . . 




>J 


51/2 




ülfermühle. . . 




Morgens 


71/» 


Sonntag 


i Meckbach . . , 




n 


8>/2 


und 


Kneipmühle . 




i " 


9V» 


Donners- 


Mecklar. . , . 




! 


IV k 


tag 


' Blankenhain . . 




Nachmittags 


1 


Morgens 


Lüdersdorf . . 




" 


3 


7 Uhr. 


: Breitenbach . 




5» 


3»/* 




' Bebra . . . 

ii 




)» 


41/2 


Täglich 


1 
Breitenbach . , 




u 


4-5 


Dienstag 


1 
1 






und Freitag 








nach Rück- 


Asmushausen . . . 


1 

» 


51/2 


kunft von 








Breitenbach. 




i 




Bebra, d 


en 30. April 1847. 




Der Postmeister: 



RehwaM, 
Dieses Tourenverzeichniss für die Landbriefbestel- 
lung von Bebra legte das Ober-Postamt Cassel am 12. 
Mai 1847 der kurfürstlichen General-Postdirection in 
Frankfurt zur weiteren Begutachtung und Genehmigung 



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341 

vor gleichzeitig mit dem schon oben erwähnten Ersuchen 
des Postmeisters Rehwald, demselben für den Land- 
briefbesteller ein fixes Gehalt, mindestens aber eine 
„Montour" zuweisen zu wollen. Das Ober-Postamt 
Cassel führte auf Grund des Gesuches des Postmeisters 
Rehwald aus, dass die letzte Regulirung des Gehaltes 
desselben am 10. September 1841 stattgefunden habe; 
damals seien seine Nebeneinnahmen auf ungefähr 35 Thlr. 
jährlich veranschlagt worden ; diese könnten aber nicht 
mehr als hinreichend betrachtet werden, da er hiervon 
sowohl die Landbriefbestellungskosten bestreiten, sowie 
den Dienst bei der Bebra wieder berührenden Cassel- 
Hersfelder Personenpost versehen lassen müsste; diese 
Kosten könnten sich leicht auf 60 Thlr. jährlich be- 
laufen. Da Rehwald nur 35 Thlr. hierfür habe, „so 
müsste er das Fehlende aus seinem übrigen, ohnehin 
sehr geringen Diensteinkommen von 100 Thlr. Fixum 
und etwa 20 Thlr. Tantiemen decken." Das Ober- 
Postamt beantragte daher, dem Rehwald, der seit 1825 
im Dienste wäre und sich stets einer treuen Dienst- 
führung befleissigt hätte, ausser seinen jetzigen Emolu- 
menten noch ein Aversum von 25 Thlr. sowie eine 
„Montour" zu gewähren. Hierauf antwortete die kur- 
fürstliche General-Postdirection am 26. Juni 1847, dass 
sie mit der beabsichtigten Landbriefbestellung einver- 
standen sei, dagegen könne sie keinen haaren Zuschuss 
zu den Kosten der Landbriefbestellung gewähren, da das 
Gehalt des Postmeisters Rehwald so reichlich bemessen 
sei, dass er recht gut auch diese Kosten noch aus 
seinem Einkommen hätte decken können; jedoch erklärte 
sie sich bereit, dem Landbriefbesteller zu Bebra eine 
Montour, welche abwechselnd in einem Jahre aus Jacke 
und Mütze und im anderen aus einem Oberrock bestand, 
zu liefern. Das kurfürstliche Ober-Postamt Cassel theilte 
dieses alles dem Postmeister Rehwald am 6. Juli 1847 



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342 

mit und forderte ihn auf zu berichten, von welchem 
Tage ab nun die Landbriefbestellung nach dem vor- 
gelegten und genehmigten Plane ihren Anfang nehmen 
sollte. Am 13. Juli 1847 erstattete Postmeister Rehwald 
den verlangten Bericht nach Cassel, indem er meldete: 
„dass die Landbriefbestellung für den Distributions- 
bezirk (Bebra) in der begutachteten Weise durch einen 
verpflichteten Landbriefträger seit dem 8. d. Mts. in 
Ausführung gebracht worden sei." In einem besonderen 
Ausschreiben wurde dieses am 29. Juli vom Ober-Postamt 
Cassel sämmtlichen kurhessischen Postanstalten zur 
Kenntniss gebracht. 



Zum Landbestellbezirke Bebra gehörte auch die 
Friedrichshütte, woselbst der erste Bergbeamte vom 
Richelsdorfer Bergwerke, der Bergrath Fulda, sowie der 
Hüttenschreiber Kraus e und der Kohlenmesser Schu- 
c h a r d t wohnten. Das Bergamt holte bekanntlich schon 
früher seine Postsachen durch einen besonderen Boten 
in Bebra ab. Nachdem nun die regelmässige Land- 
briefbestellung nach der Friedrichshütte von Bebra aus 
eingeführt worden war, bestellte die Postverwaltung 
Bebra die für das Bergamt vorliegenden Briefe durch den 
Landbriefträger und erhob auch dafür die entsprechen- 
den Bestellgebühren. Das kurfürstliche Bergamt weigerte 
sich aber diese Bestellgebühren zu bezahlen und wollte 
seine Postsachen nach wie vor durch seinen besonderen 
Boten abholen lassen. Die Postverwaltung Bebra be- 
stellte aber die für die Friedrichshütte vorliegenden Post- 
sendungen nach wie vor auf Grund des §. 5 c des kur- 
fürstlichen Generale vom Jahre 1843, worin bestimmt 
ist, dass von der Erhebung der Bestellgebühren nur 
dann abzusehen sei, „wenn die Adressaten in Ermang- 
lung einer regelmässigen Briefbestellung ihre Briefe von 
dem Postbüreau abholen oder abholen lassen." Auch 



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343 

das Ober-Postamt Cassel, welchem diese Angelegenheit 
vorgetragen worden war, war der Meinung, dass die 
Briefe nach der Friedrichshütte durch den Landbrief- 
träger von Bebra zu bestellen und dass auch die Be- 
stellgebühren zu erheben seien. Dagegen entschied die 
General-Postinspection zu Cassel, welcher diese Ange- 
legenheit zur Entscheidung vorgetragen worden war, 
am 2. August 1847, dass das Bergamt nach wie vor 
seine Correspondenz durch eigene Boten abholen lassen 
könnte und nicht gehalten wäre, die Bestellgebühren 
zu bezahlen ; dieser Entscheidung der General-Postin- 
spection zu Cassel trat auch die kurfürstliche General- 
Postdirection zu Frankfurt am 19. November 1847 bei. 
Am 29. November 1847 wurde die Postverwaltung Bebra 
von dem Ober-Postamt Cassel dementsprechend benach- 
richtigt und angewiesen, die für die Friedrichshütte 
bzw. für das Bergamt vorliegenden Postsendungen nicht 
mehr durch den Landbriefträger bestellen zu lassen, 
sowie die dem Bergamt angesetzten Bestellgebühren 
wieder abzusetzen bzw. zu vergüten. 

Wegen freier Bestellung der herr sc haft- 
lichen Briefe und Packete durch die Landbrief- 
träger von Bebra und Nentershausen hatte auch die 
kurfürstliche Hofdomainen-Kammer Anfangs April 1847 
bei der General-Postinspection zu Cassel eine Anfrage 
gestellt. Diese wandte sich am 8. April an das Ober- 
Postamt Cassel und forderte dasselbe auf, zu berichten, 
wie dieses in Bebra und Nentershausen gehandhabt 
würde. Auf Grund der von den beiden genannten 
Postanstalten eingeforderten Mittheilungen berichtete 
das Ober-Postamt am 3. Juni 1847 an die General- 
Postinspection, dass die an die in den Bezirken der 
Landbriefträger von Bebra und Nentershausen wohnenden 
Hofrevierförster bestimmten Sendungen schon immer 
unentgeltlich durch die Landbriefbesteller besorgt worden 



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344 

seien; dafür jedoch, dass die Briefträger die von den 
Förstern abzusendenden Briefe in ihren Wohnungen 
abholten und mit zur Post nahmen, erhielten die Brief- 
träger in Bebra und Nentershausen unter Zustimmung 
der Hofdomainen-Kammer jährlich ein bestimmtes Quan- 
tum Holz. Das Ober-Postamt sprach sich schliesslich 
dahin aus, dass die Briefträger herrschaftliche Briefe 
und Packete unentgeltlich an ihre Empfänger zu bestellen 
hätten, dass sie jedoch nicht verpflichtet wären, 
Briefe und Packete, welche mit der Post versandt werden 
sollten, zu sammeln und mit zur Post zu bringen, da 
die Auflieferung der Sendungen zur Post lediglich dem 
Absender selbst zukomme. 



Wie aus dem Tourenverzeichniss für die Land- 
briefbestellung der Postanstalt Bebra vom 30. April 
1847 zu ersehen, fanden auch die Landbestellgänge am 
Sonntage statt und dauerten von Morgens 7 Uhr bis 
4V2 Uhr Nachmittags. Im Jahre 1850 wurde in Kur- 
hessen allgemein die Sonntagsbestellung wieder beseitigt. 
Am 12. Juni ordnete das Ober-Postamt Cassel an, dass 
die Landbriefbestellung an den Sonntagen in Bebra 
aufhören und von da ab nur der ganz nahe bei Bebra 
gelegene Ort Breitenbach am Sonntage noch begangen 
werden sollte. Die Landbriefbestellung der Postanstalt 
Bebra wurde demgemäss neu geregelt in der Weise, 
dass ein Theil der zugehörigen Orte wöchentlich 4mal 
und ein anderer Theil wöchentlich 2mal begangen wurde. 

Jm Jahre 1857 wurden Seitens des Ober-Postamts 
Cassel auch Verhandlungen mit der Postverwaltung 
Bebra gepflogen wegen Aufhebung bzw. Beschränkung 
der Landbriefbestellung an den auf einen Wochentag 
fallenden Festtagen, nämlich am Neujahrstage, am Kar- 
freitage, am zweiten Oster-, Pfingst- und Weihnachtstage, 
am Himmelfahrtstage, sowie am jährlichen Busstage. 



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345 

Das Bestreben der kurhessischen Postbehörde, die 
Landbriefbestellung bei ihren Postanstalten stets zu ver- 
bessern, erkennen wir auch aus einer Verfügung des 
Ober-Postamts Cassel vom 6. Juni 1861 an die Postver- 
waltang Bebra, durch welche eine weitere Vermehrung 
der Landbriefbestellung dort erstrebt werden sollte. In 
der angeführten Verfügung wurde die Vermehrung der 
Landbriefbestellung auch in Bebra gefordert, „da man 
in dieser Beziehung nicht hinter den Postverwaltungen 
benachbarter Länder zurückbleiben wolle, welche meisten- 
tbeils sogar tägliche Bestellung nach allen Landorten 
eingeführt hätten". Am 24. Juni 1861 berichtete der 
Postverwalter Rehwald nach Cassel, dass seine beiden 
ünterbediensteten, der Privatwagenmeister Klein und 
der Landbriefträger Gleim so vollständig beschäftigt 
seien, dass er denselben keine Mehrarbeit zumuthen 
könne; wenn eine Vermehrung der Landbriefbestellung 
eintreten solle, müsse er noch einen dritten Unterbe- 
amten annehmen. Die Vermehrung der Landbriefbe- 
stellung liesse sich am besten in Bebra so ausführen, 
dass diejenigen Orte, welche bis jetzt viermalige Bestel- 
lung in der Woche hätten, demnächst 6malige Be- 
stellung und diejenigen, welche jetzt nur 2 malige 
Bestellung hätten, 4malige Bestellung erhielten. Das 
Ober-Postamt erklärte sich am 19. September 1861 mit 
diesem Vorschlage des Postverwalters Rehwald einver- 
standen und forderte ihn auf, die Landbriefbestellung 
in Bebra demgemäss einzurichten. Laut Bericht der 
Postverwaltung Bebra vom 18. October 1861 an das 
Ober-Postamt Cassel fand die Landbriefbestellung vom 
1. November 1861 an in folgender Weise und nach 
folgenden Orten statt: 

1) Eine wöchentliche 4malige Bestellung er- 
erhielten folgende Orte: Asmushausen, Blankenhain, 
Braunhausen, Hof Fassdorf, Hönebach, Kneipmühle 



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346 

bei Meckbach, Lüdersdorf, Meckbach, Mecklar, Ober- 
niühle bei Weiterode, Raiitenhausen, Ronshausen, 
Ulfermühle, Untermühle bei Ronshausen, Untermähle 
bei Weiterode und Ziebachsmühle bei Ronshausen ; 

2) eine wöchentliche 6malige Bestellung er- 
hielten die Orte: Hof ßodenthal, Bocksrode, Gilfers- 
hausen, Gunkelrode, Iba, Imshausen, Solz, Hof Triesch 
und Vockerode; 

3) eine tägliche Bestellung erhielten die Orte: 
Breitenbach, Cornberg und Hof Mischeis. Cornberg 
erhielt seine Postsachen täglich durch den Wagen- 
begleiter der Bebra-Eschweger Post. 

Nachdem im September 1863 zu Raboldshausen 
eine neue Poststelle eingerichtet worden war, wurden 
die bis dahin zum Landbestellbezirke der Postverwaltung 
Rotenburg gehörigen Höfe Dickenrück und Pflanzen- 
graben dem Landbestellbezirke Bebra's zugetheilt. Das 
„Landbestelltour-Verzeichniss der Postverwaltung Bebra'' 
vom 22. September 1863 umfasst folgende Ortschaften, 
Höfe und Mühlen und deren Begang fand in folgender 
Weise durch 2 Landbriefträger statt: 
Montag, I. Landbriefträger: Asmushausen, Braun- 
hausen, Kleine Mühle bei Asmushausen, Rautenhausen, 
Bodenthal, Bocksrode, Bruchmühle bei iba, Gilfers- 
hausen, Grundmühle bei Iba, Gunkelrode, Iba, Ims- 
hausen, Obermühle bei Gilfershausen, Obermühle bei 
Solz, Schneidemühle bei Iba, Solz, Tappgemühle bei 
Iba, Vorwerk Triesch, Untermühle und Windmühle 
bei Solz, sowie Hof Vockerode; 

II. Landbriefträger: Breitenbach, Hof Mischeis, 
Dickenrück und Pflanzengraben, Hof Fassdorf, Höne- 
bach, Obermühle bei Weiterode, Ronshausen, Ulfer- 
mühle, Untermühle bei Ronshausen, Untermühle bei 
Weiterode und Ziebachsmühle bei Ronshausen. 



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347 

IHmstay, L Landbriefträger; Bodenthal, Bocks- 
rode, Bruchmühle bei Iba, Gilfershausen, Grundmühle 
bei Iba, Gunkelrode, Iba, Imshausen, Obermühle bei 
Gilfershausen, Obermühle bei Solz, Schneidemühle 
bei Iba, Solz, Tappgemühle bei Iba, Vorwerk Triesch, 
Untermühle bei Solz, Hof Vockerode und Windmühle 
bei Solz; 
II. Land bri ef träger: Breitenbach, Hof Mischeis, 
Dickenrück und Pflanzengraben, Blankenhain, Lüders- 
dorf mit Mühle, Meckbach und Mecklar mit Mühle. 

Mittwoch, I. Landbriefträger: Wie Montag. 
IL Landbriefträger: Blankenhain, Breitenbach, 
Mischeis, Dickenrück und Pflanzengraben, Hof Fass- 
dorf, Hönebach, Kneipmühle bei Meckbach, Lüders- 
dorf mit Mühle, Meckbach, Mecklar mit Mühle, 
Obermühle bei Weiterode, Ronshausen, ülfermühle, 
Untermühle bei Ronshausen, Untermühle bei Weite- 
rode und Ziebachsmühle bei Ronshausen. 

DormcT'stag, I. Landbriefträger: wie Montag. 
II. „ „ wie Montag. 

Freitag, I. „ „ wie Dienstag. 

IL „ „ wie Dienstag. 

Sonnabend, L „ „ wie Montag. 

IL „ „ wie Mittwoch. 

Sonntag: ßreitenbach und Mischeis. 

Der Ort Cornberg erhielt noch immer seine Post- 
sachen täglich durch den Wagenbegleiter der Bebra- 

Eschweger Post. 

Xn. Einiges über die jetzigen Verhältnisse des 
Postamts Bebra. 

Nachdem der Postdirector Christoph Rehwald am 
1. Juli 1886 in den Ruhestand getreten war, wurde der 
damalige Ober-Postsecretair Schmidt zu Marburg zum 
Postdirector in Bebra ernannt. Das Postamt Bebra, 



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348 

welches als Station des alten Nürnberger Postkurses 
stets von geringer Bedeutung gewesen war, verdankt 
seine jetzige Bedeutung hauptsächlich dem Umstände, 
dass Bebra ein Knotenpunkt der Bahnen Frankfurt 
(Main)-Eisenach, B eb ra^Göttingen und der 
Bergisch-Märkischen Eisenbahnen geworden ist, 
wodurch eine nicht unbedeutende Umleitung und Um- 
arbeitung der Postsendungen daselbst täglich stattzu- 
finden hat. Das Postamt, mit dem eine Telegraphen- 
betriebsstelle verbunden ist, befindet sich auf dem um- 
fangreichen Bahnhofe. Täglich kommen an und 
gehen ab nach dem Stande von 1889 36 Posten 
und zwar kommen an und gehen ab bei Tage 1 Land- 
post und 25 Eisenbahnposten und bei Nacht kommen 
an und gehen ab 10 Eisenbahnposten. — Wie oben 
unter X und XI mitgetheilt, war der Postverkehr zu 
Bebra noch im Jahre 1838 so gering, dass der damalige 
Posthalter Johann Rehwald die Anstellung von Brief- 
boten nicht für unbedingt nothwendig erachtete. Im 
Jahre 1889 war die Zahl der für den Ort Bebra allein 
eingehenden Postsachen so gross, dass täglich eine 
4malige Bestellung der Briefe, Packete, Geldbriefe Und 
Postanweisungen daselbst statt fand ; Sonntags fand nur 
eine Bestellung statt. Die Zahl der im Orts-, Land- und 
Eisenbahndienste zu Bebra beschäftigten Unterbeamten 
betrug laut Rapport vom 13. Februar 1889 18, die Zahl 
der Beamten einschliesslich des Postdirectors 7 Personen. — 
Zum Landbestellbezirke des Postamts Bebra gehörten 
1889 20 Ortschaften, von welchen 13 Orte eine werk- 
täglich einmalige Bestellung hatten, während 7 Orte 
werktäglich eine zweimalige und sonntäglich eine ein- 
malige Bestellung hatten. 

Während die Einnahme an Porto und Franko, wie 
oben unter VI zu ersehen, bei der Postanstalt Bebra für 
das Jahr 1839/40 ungefähr 303 Thlr, betrug, beträgt 



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349 

dieselbe jetzt jährlich etwa 10000 Mark ohne die son- 
stigen Einnahmen. 

Das Postamt Bebra ist Abrechnungspostanstalt für 
die Postagenturen: Cornberg (Bz. Cassel), Heinebach 
(Kr. Melsungen), Hönebach, Mecklar und Solz (Bz. 
Cassel). 

Diese wenigen Angaben mögen genügen, um zu 
zeigen, dass die einst so unbedeutende Postanstalt in 
Bebra durch die jetzigen für Bebra so günstigen Ver- 
kehrseinrichtungen in ganz kurzer Zeit einen grossen 
Aufschwung genommen hat, den man noch vor 50 Jahren 
nicht geahnt hat 




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350 



IX. 

Der Marbnrger Aufstand des Jahres 
1809. 

Von 
Dr. Willi Varges. 



fv 



;n meinem Aufsatz „Die Theilnahme des Kurfürsten 
^il^ Wilhelm I. von Hessen am Oesterreichischen Kriege 
1809*', der im letzten Bande dieser Zeitschrift er- 
schienen ist, ist gezeigt worden, dass der Aufstand, 
welcher am 23. Juni 1809 in Marburg stattfand, in 
engster Beziehung mit den Ereignissen des Oesterrei- 
chischen Krieges steht *). Wir haben es hier nicht mit 
einer kleinen Revolte zu thun, wie sie vielfach im König- 
reich Westfalen, so im Werrathal, in Karlshafen und 
wiederholt in der Gegend von Osnabrück, wo die Leute 
durch das falsche Gerücht von englischen Landungs- 
versuchen erregt wurden, ausgebrochen sind **). Ebenso 
wenig hat Lyncker in seiner „Geschichte der Insurrek- 
tionen" recht, wenn er die Behauptung aufstellt, dass 
hier „ein verspäteter Ausbruch der Gährung des Dörn- 



*) Vgl. diese Zeitschrift 1891. S. 316—343. Qüert als 
Aufsatz I. 

**) Vgl. K. Lyncher, Geschichte der Insurrektionen wider 
das AVestfälische Gouvernement. Kassel 1857. Qoecke und Ilge», 
Das Königreich Westfalen. Düsseldorf 1888. 



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351 

berg'schen Aufstandes, welche trotz all den niederschla- 
genden Ereignissen in Hessen nicht ganz erstickt war", 
vorliegt * ). Der Marburger Aufstand ist eine, wenn auch 
kleine Episode in dem Kriege, den Oesterreich 1809 mit 
Frankreich führte. Er sollte den geplanten Einfall der 
Oesterreichischen Corps unter den Generalen Radivo- 
jevics und Am ,Ende, welch letzteren sich die Kurfürst- 
lich Hessische Legion angeschlossen hatte, in das König- 
reich Westfalen unterstützen **). 

Die Quellen für eine Geschichte des Marburger 
Aufstandes fliessen nicht reichhaltig. Die Untersuchungs- 
akten der Führer des Aufstandes sind nicht erhalten ***). 
Wir sind auf die üntelrsuchungsakten einiger Theilnehmer 
an dem Aufstande, auf eine Anzahl officieller Berichte, 
Briefe und üniversitätsakten, die sich im Staatsarchiv zu 
Marburg befinden f), und auf mehrere Flugschriften 
jener Zeit angewiesen ff). Die Briefe f ff ), die der eine 
Führer des Aufstandfes, Professor Sternberg, vor seinem 
Tode aus dem Castell an seine Frau schrieb und die 
in der Anlage veröffentlicht werden *f ), enthalten für die 
Geschichte des Aufstandes nur wenig Bedeutendes. Die 



*) Lyncker, a, a. 0. S. 173. 

♦*) Vgl. Aufsatz 1 diese Zeitschrift. 1891. S. 326. 329. 
***) Auch im Berliner Staatsai'chiv, wohin der Nachlass Je- 
romes gekommen ist, befinden sich die den Aufstand betreffenden 
Kriegsgerichtsakten, wie mir die Direktion gütigst mittheiltc, nicht. 

t) Es kommen besonders in Betracht die „acta, die wegen 
des Aufrühre am 24. Juni arretirten Ludwig Koch^ Johann Stoll^ 
Johann Moog betreffend." In den Akten contra iCocÄ befindet sich 
ein Auszug aus dem Verhör Sternbergs. Vgl. Beilage IL 

ff) Die entlarvte hohe und geheime Polizei des zerstörten 
Königreiches Vi^estfalen 1814. v, Wolff, Kurze Darstellung der 
Vorwaltung der hohen Polizei im ehemaligen westfälischen Depar- 
tement der Werra etc. April 1814. 

tft) Die Briefe sind im Privat-Besitz. Hoffentlich werden 
dieselben später dem Marburger Arcliiv überwiesen. 

♦t) Vgl. Beilage IV. 



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1 

I 



352 

auf die Politik bezüglichen Stellen sind von dem franzö- 
sischen Censor gestrichen. 

In meinem vorjährigen Aufsatz ist die Vorge- 
schichte des Aufstandes kurz berührt worden*). Die 
Anregung des Aufstandes geht auf den Erzherzog Karl, 
den Generalissimus der Oesterreichischen Armeen zurück. 
Es war für ihn von grosser Wichtigkeit, dass das von 
Truppen fast ganz entblösste Norddeutschland in Auf- 
stand gebracht wurde, und hier im Rücken der Fran- 
zosen und Rheinbundstruppen ein Guerillakrieg nach 
spanischer Art organisiert wurde. Der Kurfürst von 
Hessen, den der Erzherzog aufforderte, in seinem frü- 
heren Lande mit getreuen Leuten, mit denen er ja in 
Verbindung stand, die nöthigen Vorbereitungen zu treffen, 
verhielt sich zunächst ablehnend. Er wusste, dass In- 
surrektionen des Landvolkes ohne Beihülfe regulärer 
Truppen selten Erfolg haben **). Auch wollte er seine 
früheren ünterthanen schonen***). Bezeichnend ist die 
Stelle iii dem Briefe, den er am 3. Juni 1809, nachdem 
der Dörnberg'sche Aufstand missglückt war, an den Erz- 
herzog Karl schrieb : „Uebrigens kann ich nicht genug 
bedauern, dass die Insurrektion in Hessen gegenmeine 
ausdrücklich eAeusserung zu frühe ausgebrochen 
ist. Insurrektionen ohne militärische Hülfe glücken 
selten, dass man diese und namentlich ein Kaiserlich 
Oesterreichisches Corps (des Bellegarde) abwarten sollte, 
war gleich anfangs Ew. Liebden Idee und auch die mei- 
nige f)." — Erst als der Erzherzog dem Kurfürsten 
nach der Schlacht bei Aspern mittheilte ff), dass 

*) Diese Zeitschrift. S. 324. 

**) ebenda S. 324. A. 1. 
***) ebenda S. 333. 

t) Akten „Krieg mit Frankreich 1809" im Staatsarchiv zu 
Marburg Bd. I. S. 122. (Concept) „des Bellegarde'' ist ira Concept 
durchgestrichen. 

tt) ebenda Bd. I. S. 115. Vgl. Aufsatz I. S. 325 und 341 
(Beilage II) und Brief vom 31. Mai. Akten etc. I. S. 119. 



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353 

man den Plan gefasst habe zwei Oesterreichiöche Corps, 
von denen jedes durch 4— 6000 Mann Landwehr unter- 
stützt würde, nach Deutschland zu werfen, entschloss 
sich der Kurfürst zu einem energischeren Vorgehen. 
Am 3, Juni*) erhalten die hessischen Truppen den 
Befehl sich den Oesterreichern anzuschliessen. Gleich- 
zeitig wird, der Plan zu einer Insurrektion in Hessen, 
die die Westfälischen Truppen im Rücken bedrohen 
soll, gefasst. Der Zeitpunkt für einen Aufstand war 
sehr günstig gewählt. Schill hatte durch seinen leicht- 
fertigen, eigenmächtigen Zug die nördlichen Teile des 
Königreichs Westfalen in grosse Unruhe versetzt**). 
Seine Katastrophe war allerdings schon am 31. Mai 
erfolgt, aber sein Auftreten wirkte nach. Von Sachsen 
her wollte der Herzog von Braunschweig im Verein mit 
einem Oesterreichischen Corps unter Am Ende, von 
Franken ein anderes Oesterreichisches Corps unter Ra- 
divojevics in das Reich Jeromes eindringen. Den Ober- 
befehl über beide Corps erhielt später General Kien- 
mayer. Eine glückliche Erhebung Hessens, das theilweise 
noch von dem Dörnberg'schen Aufstande her in einer 
gewissen Gährung war, musste auf die allgemeine po- 
litische Lage von grosser Einwirkung sein. 

Die Verbindungen, die der Kurfürst in Hessen 
unterhielt ***), zeigten ihm den Ort und die geeigneten 
Leute, die einen Aufstand organisieren und leiten 
konnten. Die Wahl des Ortes war nicht leicht gewesen. 
Schon bei Dörnbergs Unternehmen war es zu Tage ge- 
treten, dass sich keineswegs alle Bevölkerungskreise von 
der Bewegung mit fortreissen liessen. Die Einwohner 
von Kassel hatten während derselben eine apathische 



*) Akten etc. 1. S. 122. 
**) Vgl. Lyncker a. a. 0. S. 182 ff. 

***) Diese Zeitschrift. 1891. S. 324. Vgl. auch ebenda Bei- 
lage II. S. 34.3. 

N. F. Bd. XVII. 23 



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364 

Ruhe bewahrt. Im Werrathal vergegenwärtigte man sich 
wohl das Misslingen der Versuche zur Niederwerfung 
der Franzosen aus dem Januar 1807 und deren Folgen. 
Selbst Fritzlar, das ganz in der Nähe von Homberg 
liegt, hatte trotz angestrengter Bemühungen ebenfalls 
nicht zum Anschluss gebracht werden können*). An 
die Kasseler Gegend war auch deshalb nicht zu denken, 
weil Jerome, der mit seinem Heer in Sachsen stand, 
leicht zurückkehren und den Aufstand im Keim er- 
sticken konnte. 

Am geeignetsten erschien Oberhessen und Mar- 
burg. Oberhessen hatte sich an dem Unternehmen 
Dörnbergs mit Eifer betheiligt; am 22. Mai war in 
Marburg nur deshalb alles ruhig geblieben, weil man 
versäumt hatte, Nachrichten von dem Ausbruch des 
Aufstandes zu geben. Die Gährung und Erbitterung 
im Lände war, besonders nach der Schlacht bei Aspern, 
gross; die Bauern und althessischen Soldaten, welche 
schon an dem Aufstande, welcher 1806 in Marburg 
stattfand, theilgenommen und an die Befreiung von der 
Fremdherrschaft durch Dörnberg geglaubt hatten, wett- 
eiferten in ihrem Hase gegen die Herrschaft Jeromes, 
Hierzu kam, dass die Provinz Oberhessen von Truppen 
entblösst war**). In Marburg befanden sich zu jener 
Zeit ausser einer Veteranen-Compagnie und einer etwa 
50 Mann starken Departemental-Compagnie (Präfektur- 
garde) 150 Mann grossherzoglich Bergische Soldaten. 

Als Hauptort des Departements war die Stadt der 
Sitz des Commandanten des Werra-Departements^ aber 
der Posten war damals nicht besetzt. Der bisherige 
Inhaber, der französische General Börner, hatte Ende 
Februar mit der zweiten westphälischen Armeedivision 
den Marsch nach Spanien angetreten, und sein Nach- 

*) Qoeeke und Ilgen^ Königreich Wostphalen a. a. 0. S. 163. 
♦*) Lymker a. a. 0. S. 176. 



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355 

folger, der Oberst von Dalwigk, Chef des Generalslabs 
des Gouvernements in Cassel, war noch nicht einge- 
troffen. Das nächste grössere französische Corps, das 
des Herzogs von Valmy, befand sich bei Hanau. An 
der Spitze des Departements stand der Präfekt, Baron 
Friedrich Ludwig von Berlepsch. Er führte zugleich 
das Commando über die Präfekturgarde, die hauptsäch- 
lich den Polizeidienst zu verrichten hatte. General- 
Prokureur — procureur du roi — war ein Herr von 
Hanstein. Chef der hohen Polizei war der General- 
Commissar von Wolflf, ein Elsässer, ein Mann, der in 
der Geschichte des Aufstandes eine bedeutende, aber 
wenig schöne Rolle spielt. — Auch die feste Lage 
Marburgs kam bei der Wahl des Brennpunktes für den 
Aufstand in Betracht. Eine kleine gut organisierte 
Truppe konnte sich hier eine Zeit lang auch gegen 
eine Uebermacht halten. Am entscheidendsten war 
aber der Moment, dass man von Marburg und Ober- 
hessen aus leicht in Verbindung mit dem österreichischen 
Corps des Generals Radivojevics und mit der fränki- 
schen Legion des Major von Nostitz, die einen Einfall 
in Franken machen sollten, treten konnte. 

Vielleicht ist es Dörnberg gewesen, der auf Mar- 
burg und Oberhessen hingewiesen hat. Dörnberg stand 
bekanntlich vom Mai 1808 bis Februar 1809 in Mar- 
burg in Garnison. Er war Oberst und Coraman- 
deur des dort liegenden Elite-Bataillons der Jäger 
(Carabiniers). Nach seinem missglückten Aufstand be- 
gab er sich zunächst zum Kurfürsten nach Prag und 
von da ins Hauptquartier der Oesterreichischen Armee 
zum Erzherzog Karl, wo er bestens aufgenommen wurde. 
Nach seinem Eintreffen schrieb der Erzherzog an den 
Kurfürsten : „Den Obersten Baron von Dörnberg habe 
ich mit Vergnügen aufgenommen. Seine Kenntnisse 
der neuen Verhältnisse im Königreich Westphalen kann 

23* 



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356 

sehr dienlich sein"*). Vermöge seiner Kenntnis der 
Marburger Verhältnisse ist er es wohl auch gewesen, 
der den Kurfürsten auf einen geeigneten Leiter und 
Organisator des Aufstandes hingewiesen hat. Es war 
hierzu ein Mann nöthig, der vermöge seiner Stellung 
ohne in Verdacht zu gerathen in leichte Verbindung 
mit den üniversitätskreisen, den Professoren und Stu- 
denten, der Bürgerschaft und vor allem mit den Bauern 
und den alten hessischen Soldaten treten konnte. Man 
fand denselben in dem Professor der Medicin, dem Hof- 
rath Johann Friedrich Sternberg. 

Im 15. Band von Strieders **) Grundlage zu einer 
hessischen Gelehrtengeschichte hat Sternberg eine Selbst- 
biographie bis zu seiner Berufung nach Marburg ge- 
geben. — Er wurde am 15. April 1772 zu Goslar ge- 
boren, wo sein Vater Stadtphysikus war. Da letzterer 
früh starb, wuchs der Knabe unter der Obhut seiner 
Mutter heran, die treu für ihn sorgte und in jeder 
Weise für seine Ausbildung bemüht war. Er besuchte 
die Stadtschule und erhielt nebenbei Privatunterricht, 
namentlich in den Sprachen. Besonders fesselte ihn 
das Studium des Homer und des Horaz. Er liebte die 
Künste, vor allem die Musik. 1793 bezog er die Uni- 
versität Göttingen, um Medicin zu studieren. Er ver- 
liess dieselbe 1796 und wurde 1797 Stadt- und Berg- 
physikus in der Harzstadt Elbingerode 1800 siedelte 
er nach Goslar über, wo er sich bis 1804 aufhielt und 
sich mit Charlotte Siemens, der Tochter des Stadt- 



*) Akten ^Krieg mit Frankreich etc.** Bd. I, S. 99. Moni- 
teur westphalien v. 27. Juni 1809. 

**) Strieder^ Grundlage zu einer Hessischen Gelehrteuge- 
schichte. Seit der Reformation. Cassel 1806. Hei einer Lebens- 
geschichte Sternbergs kommen auch die (auf dem Staatsarchiv zu Mar- 
burg aufbewahrten) Universitätsakten in Betracht. Eine Silhouette 
Sternbergs befindet sich im Privatbesitz. 



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357 

direktors Johann Georg Siemens vermählte. Er lebte 
in guten Verhältnissen und brauchte daher für seine 
ärztliche Behandlung kein Honorar zu nehmen. In der 
Zeit seines Goslarer Aufenthalts entstanden aus seiner 
Feder eine Anzahl medicinischer Abhandlungen *), deren 
Titel er in seiner Selbstbiographie angiebt. Im Jahre 
1798 starb seine Mutter, und vier Jahre später seine 
einzige in Goslar verheirathete Schwester. 

Im October 1804 wurde er als Nachfolger Bal- 
dingers als ordentlicher Professor der Pathologie und 
Therapie nach Marburg berufen. Er wurde zugleich 
zum Director der medicinischen Krankenanstalt und 
zum Hofrath ernannt. Er erhielt ein Gehalt von 800 
„schweren Thalern". Bei seinem Tode 1809 bezog er 
ein Gehalt von 900 Thalern = 3496 francs 50 cent. ; 
pro Monat 291 francs 37^2 cent. oder 75 Thaler**). 
— Die medicinische Fakultät der Universität Marburg 
war damals recht bescheiden. Es gab in derselben 7 
Professoren, die zusammen einen Gehalt von 3500 
„schweren Thalern" erhielten. Im Jahre 1808 wurde 
für Gehalt der Professoren und für Erhaltung der In- 
stitute die gewaltige Summe von 5000 Reichsthalern 
verbraucht. Die Zahl der studierenden Mediciner war 
sehr gering. Im Jahre 1809 besuchten die Universität 
13 Mediciner, 1808 wurde ein studiosus medicinae im- 
matrikuliert***). Man vergleiche damit die heutigen Ver- 
hältnisse. — 

Im Jahre 1809 hatte Sternberg die Aufsicht (jber 
das „Marburger clinicum", ausserdem trug er von 10 — 12 
Uhr ein practicum vor, „das von dem Pathologischen 
und Therapeutischen der einzelnen Krankheiten han- 

♦) Vgl. das Verzeichnis bei Strieder a. a. 0. ßd. 15 unter 
„Sternberg**. 

**) Pei"sonalakten Sternbergs, üniversitätsakten a. a. 0. 
***) Vgl. Universitätsakten a. a. 0. 



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368 

delte*'*). Nach seiner Verhaftung übernahm Professor 
Conrad i „die Führung des clinicums*' **). 

Sternberg war ein tüchtiger Arzt und guter Do- 
zent. Er wusste sich bald bei seinen Hörern, bei 
den übrigen Studenten und bei der Bürgerschaft beliebt 
zu machen, kam aber schnell in ein gespanntes Ver- 
hältnis zu einigen seiner Kollegen. Schon in Elbinge- 
rode war er energisch gegen „den sehr kranken Zu- 
stand im Medicinalwesen", wie es in seiner Selbstbio- 
graphie heisst***), aufgetreten und auch in Marburg ging 
er gegen jeden alten Schlendrian, der sich namentlich 
unter Baidinger eingeschlichen hatte, vor. In den Se- 
natssit^ungen empfahl er Neuerungen und gerieth da- 
durch vielfach in Streit mit den pedantischen Kollegen, 
die meist Anhänger des hergebrachten Alten waren. 
So kam er auch bei den Professoren der übrigen Fa- 
kultäten in den Ruf eines revolutionären und unruhigen 
Kopfes. Nach der Aufrichtung des Königreiches West- 
phalen wurde diese Spannung noch durch die politischen 
Verhältnisse vergrössert. Während die meisten Pro- 
fessoren sich in die Verhältnisse geschickt hatten und 
sich unter der Regierung Jeromes sehr wohl befanden, 
fühlte sich Sternberg als deutscher und hessischer 
Patriot. Er stand mit den anderen freiheitsliebenden 
Männern in Korrespondenz, so mit Friedrich von 
Schlegel f), dem Verfasser der glühenden Proklama- 
tionen des Erzherzogs Karl von Oesterreich, und suchte 
unter Bürgern und Studenten den Gedanken an eine 
Befreiung des Vaterlandes vom Joche der Fremden vor- 
zubereiten. Die Westphälische Regierung kannte seinen 
Einfluss wohl und hätte ihn gerne aus seinem Amte 

*) Vgl. die Personalakten St. a. a. 0. 
**) ebenda. 

***) Strieder^ a. a. 0. 
t) Vgl. V. Wolff, a. a. 0. S. 44. 



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3Ö9 

entfernt Im Juli 1808 fragte der ünterrichtsminister 
an, ob Sternberg so notbwendig für die Universität 
sei*). Es wurde ihm geantwortet, er sei unentbehr- 
lich. Man liess ihn. daher in seiner Stellung, chikaniertfe 
ihn aber in jeder Weise; unter anderem wurde er ge- 
massregelt, weil er ein Buch der Göttinger Universität 
über die gewöhnliche Ausleihezeit behalten hatte**). 

Die Spannung, in der Sternberg mit seinen Kol- 
legen lebte, hat viel dazu beigetragen, die Meinung 
über ihn in der Geschichte zu trüben. Der Professor 
der Theologie Dr. Münscher sprach sich über ihn 
folgendermassen aus : „Dieser unruhige Kopf hatte schon 
im akademischen Senat viele Händel angefangen und mit 
den meisten* Professoren sich entzweit. Er hatte durch 
leere Vorspiegelungen und durch Veranstaltung von Lust- 
partien sich einen Anhang unter den Studenten ver- 
schafft. Die Begierde, eine Rolle zu spielen, verführte 
ihn, sich auch in politische Händel zu mischen"***). 
Lyncker hat sich diesem harten, ungerechten Urtheil 
angeschlossen. „Wenn nicht die seit der Jenaschlacht 
in Norddeutschland sehr verbreitete abenteuerliche Sucht, 
durch kühne waghalsige Unternehmungen gegen den 
Landesfeind sich auszuzeichnen, die Haupttriebfeder der 
Chefs gewesen ist, so möchte es schwer fallen, irgend 
ein Motiv zu finden, welches mit Rücksicht auf Zeit 
und Umfang des Aufstandes, vor dem Richterstuhle der 
gesunden Vernunft bestehen könntest). Auch Goecke 



♦) TJniversitätsakten a. a. 0. 
**) Personalakten St. a. a. 0. 
***) Lyncker^ a. a. 0. S. 174. Lynckei"s Buch wurde nach 
seinem Tode herausgegeben. Man merkt namcutlich in den letzteren 
Theilen, dass dem Werk die letzte Politur fehlt. Vgl. Lyneker 
S. 179. — u. unten S. 366. Anra. 1. 
t) ebenda, 
t"!*) Goecke und Ilgen^ a. a. 0. S. 163. 



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360 

nennt Sternberg „einen unruhigen und nach Auszeich- 
nung trachtenden Mann" ff). 

Die harten Urtheile Münschers; Lynckers und Goecke» 
sind nicht berechtigt. Münscher war gegen Sternberg 
eingenommen, und weder Lyncker, noch Goecke haben 
den Zusammenhang erkannt, den der Marburger Auf- 
stand mit den Ereignissen des Jahres 1809 hat. Weder 
Abenteuersucht, noch Ehrgeiz haben Sternberg ange- 
trieben, die Organisation und Leitung des Aufstandes 
zu übernehmen, sondern die Liebe zum allgemeinen 
deutschen und besonderen hessischen Vaterland und der 
Hass gegen die fremden Unterdrücker. Er handelte 
nicht aus eigenem Antriebe, sondern auf Befehl des 
Kurfürsten von Hessen, seines alten Herrn. Ihn trifft 
weder die Schuld, einen nutzlosen Aufstand provoziert 
zu haben, noch die Schuld des Misslingens, wie wir 
unten sehen werden*). Die Insurrektion Hessens war 
nöthig, sie spielt eine Rolle im Kriegsplan der Oester- 
reicher. Um diesen Plan auszuführen, wurde Sternberg 
ein Opfer für das Vaterland**). 

Ob Sternberg auch am Dömberg'schen Aufstand 
betheiligt war, wissen wir nicht, doch ist es mehr als 
wahrscheinlich. Dörnberg hielt sich ja ein Jahr lang 
in Marburg auf und wird sicher mit dem bekannten 
Professor in Verkehr gestanden haben. Die Einver- 
ständnisse wurden sehr geheim gehalten. — Der Kur- 
fürst hatte die Ideen, die Erzherzog Karl in seinem 
Brief vom 24. Mai angiebt***), zu seinen eigenen ge- 
macht. Er wies Sternberg an, die Miss vergnügten und 
vor allem die gedienten Soldaten zu sammeln. Er 



*) Vgl. auch Lyncker S. 179. u. unten S. 366. A. L 
♦♦) Vgl. die Beilage JII. Verhör Sternbergs vom 11. JüÜ 
1809 S. 391 und Beil. IV. Brief 1. „Ich bin nicht Anstifter.'' S.395. 
*♦*) Vgl. Jahrg. 1892. Beilage II, S. 343. (Brief des Erz- 
herzogs Carl.) 



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361 

schickte seinem früheren Professor Anweisungen und 
Proklamationen*) und erklärte, er werde sofort beim 
Ausbruch des Aufstandes im Lande erscheinen und sich 
an die Spitze des Volksheeres stellen **). Ob er es 
wirklich beabsichtigt hat, sich in das feindliche Land 
zu begeben, ist nicht mehr zu entscheiden. Jedenfalls 
hat die Kunde von dem Kommen des Kurfürsten, wie 
Erzherzog Karl richtig annahm ***), in der Entstehungs- 
geschichte des Aufstandes eine grosse Rolle gespielt. 
Das Volk hing in blinder, hessischer Treue an dem 
Fürsten, den man für einen Märtyrer hielt. 

Sternberg ging klug ans Werk. Sein Beruf als 
Arzt ermöglichte es ihm, ohne Verdacht zu erregen, 
mit Leuten jeden Berufs in Verbindung zu treten f). Er 
gewann so Bürger, unter denen sich bekannte Mar- 
burger Namen, wie Klingelhöfer, Cramerding, Jos- 
bächer, Häuser, Matthaei, Justi finden, einige frühere 
hessische Officiere, so den Lieutenant Hesse (oder 
Hess) und vereinzelt auch einige Professoren, wie 
den Mineralogen üllmann, für seinen Plan. Vor allem 
kam es ihm darauf an, die alten hessischen Sol- 



*) Unterauchungsakten wider Johannes Moog, 1. September 
1810. „Sternberg habe ihm Papiere, angeblich von dem ehema- 
ligen Kurfürsten von Hessen unterschrieben, gezeigt. ** 

♦♦) ebenda 7. Sept. 1810. „Es sollten Briefe vom Kurfürsten 
da sein, derselbe werde an den Platz kommen. . . . Dies habe ihm 
Sternberg gesagt und ihm die Briefe gezeigt. ** 

***) Brief des Erzherzogs: „Die Völker können nur dann er- 
munternde Hoffnungen fassen, wenn die Fürsten zeigen, dass sie 
selbst von Hoffnung beseelt sind. Die Völker scheinen überall 
brav und zu Opfern bereit, — vieles ist zu hoffen, wenn in dieser 
Krisis die Füi-sten selbst sich an die Spitze stellen, um die zor- 
trümmei-ten Fürstenstühle wieder aufzurichten, welches nur durch 
kühnen Muth und schnelle Entschlüsse erreichbar ist." — 

t) Vgl. das Verzeichnis der nachweisbaren Theilnehmer. 
' Beüage I, S. 388. 



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362 

äaten, die theilwei.se schon am Aufstand von 1806 
theilgenommen hatten, zu gewinnen und zu bear- 
beiten*). Bei seinem Unternehmen leisteten ihm be- 
sonders zwei alte Soldaten, der Tagelöhner Moog aus 
dem Dorfe Sterzhausen und der Gärtner Sternbergs 
Vormschlag besondere Dienste. Sie suchten die alten 
Soldaten auf und führten sie dem Professor zu. Geld 
und Branntwein, Versprechungen und auch Drohungen 
wurden nicht gespart, um die Leute zu gewinnen**). 
Besonders wirkten die Briefe des Kurfürsten, der, wie 
es scheint, nicht sehr schonungsvoll mit seinen früheren 
Unterthanen umsprang. „Jeder hessische Soldat müsse 
sich einfinden, wer ausbleibe, verliere den Kopf." „Wer 
nicht dabei gewesen, würde als Feind betrachtet"***), 
— das waren Worte, die die alten Soldaten und auch 
die Bauern aufschreckten. Aus den alten Soldaten 
sollte ein fester Kern für das "Volksheer gebildet werden. 
„Waren die Soldaten zusammen, so sollten sie aus sich 
ihre Anführer erhalten, und zwar sollte Moog den Rest 
der alten Hessischen Garden und Vormschlag den Rest 
des ehemaligen Regiments »Kurfürst* kommandieren!). 
Die alten Soldaten wühlten unter dem Land- 
volk. In allen Orten Oberhessens bildeten sich wie 
im Jahre 1806 kleine Banden, die nur auf ein Zeichen 
von Marburg warteten, um loszubrechen. Die besseren 
Stände verhielten sich dem Unternehmen gegenüber 
ablehnend. Von den höheren Beamten des Departe- 

*) Es wird also derselbe Plan wie beim Marburger Aufstand 
von 1806 vorfolgt. Vgl. die Aussage Kochs über 180G. „Ja da 
hätten alle Dörfer in dieser Gegend theilgenommen, weil die Oixlro 
von Kassel gekommen wäre, dass alle alten Soldaten sinh stellen 
sollten.'^ — Untersuchungsakten a. a. 0. 
**) Vgl. Untoi-suchungsiikton. 
***) ebenda, 
t) Verhör Sternbergs. Beilage III, S. 392. Vgl. auch Bei- 
lage I, N. 12. 16, S. 389. 



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363 

ments, die fast alle Deutsche waren, betheiligte sich 
Niemand. Auch die Studenten scheinen sich nicht 
betlieiligt zu haben, obwohl sie gerade durch unnöthige 
Verordnungen, wie das berühmte Edict des Herrn von 
Wolff über das Barttragen, gereizt waren. „Es lässt 
sich eben nicht leugnen, dass ein grosser Teil gerade 
der gebildeten Deutschen, durchdrungen von der Un- 
möglichkeit des Fortbestehens der alten Zustände, sich 
durch die Neuordnung der Dinge angezogen fühlte und 
an sie Hofifnung auf dauernden Bestand knüpfte. Wohl 
ist der Mangel an Nationalgefühl, der dabei zum Vor- 
schein kommt, zu beklagen, aber -wir dürfen doch auch 
nicht vergessen, dass unsere Landsleute von damals in 
einer ganz anderen Entwickelung gestanden haben als 
wir, ihre weit glücklicheren Nachfahren. Im Kaufmanns- 
und Handwerkerstande bewirkten rein praktische Rück- 
sichten, dass man sich mit dem neuen Gouvernement 
aussöhnen zu können meinte. Sah man sich auch fast 
überall in den Erwartungen, die man anfänglich auf 
Grund der glückverheissenden französischen Manifeste 
hegen zu dürfen berechtigt schien, sehr bald stark ge- 
täuscht, man erkannte doch in mancher Beziehung eine 
Besserung und hoffte immer noch auf die Zukunft." 
So schildert Goecke treffend die Stimmung der besseren 
Kreise*). — Der Marburger Aufstand ist im wesent- 
lichen eine Erhebung des niederen Volkes, vor allem der 
Landbevölkerung, der Bauern und der alten hessischen 
Soldaten, die sich aus dem Bauernstande rekrutierten. 
Alles ging gut von Statten ; Pulver und Blei waren 
in Menge vorhanden. Man goss Kugeln und suchte die 
alten hessischen Uniformen hervor, „damit der Kurfürst, 
wenn er käme, gleich die Seinen erkenne"**). Die 
Führer der Verschwörung versammelten sich entweder 

*) Qoecke a. a. 0. S. 163. Vgl. unten, S. 373. 374. 
♦♦) Verhör Moogs. Untersuchungsakten a. a, 0. 



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364 

in Sternbergs Haus am Renthof in Marburg oder in 
einem einsamen Gehöft vor der Stadt, dem Görtzhäuser 
Hof. Es war später ein Anklagepunkt gegen Sternberg, 
„er habe mit seinen Consorten in seinem- Garten öftere 
Konferenzen, wobei man Papiere und Landkarten 
brauchte, gehabt."*) Die Führung des Volksheeres 
hatte Sternberg, der wohl wusste, dass er nichts vom 
Kriegswesen verstand, dem Obersten Emmerich tiber- 
geben, ,,weil dieser die Soldaten, wenigstens die alten, 
aus Amerika kenne und auch von diesen gekannt sei."**) 

Sowie man genauere Nachrichten vom Herannahen 
der oesterreichischen und hessischen Truppen und betref- 
fende Ordres vom Kurfürsten hatte, wollte man los- 
schlagen und Marburg überrumpeln. Die westphälischen 
Behörden hatten noch keinen, Verdacht geschöpft 
Sternberg hatte so klug operiert, dass nicht einmal alle 
Betheiligten wussten, dass er der Leiter war. Er hatte 
die Zündschnur klug im Verborgenen gelegt ; auf einen 
Wink von ihm platzte die Mine, und ganz Oberhessen 
stand im Aufstande. 

Aber dieser Wink wurde von Sternberg nicht ge- 
geben. Auch über diesem Unternehmen waltete, wie 
über den übrigen Aufstandsversuchen dieser Zeit, kein 
glücklicher Stern. Gerade als der Leiter am nöthigsten 
war, wurde derselbe durch eine böse Krankheit, den 
Typhus, auf das Krankenlager geworfen. An Sternbergs 
Stelle trat jener Mann, dem die militairische Führung 
des Aufstandes übertragen war, der Oberst Andreas 
Emmerich. 

Andreas Emmerich**) wurde im Jahre 1737 zu 
Kilianstätten bei Hanau als Sohn des Hessisch-Hanaui- 



*) V. Wulffs Kiiize Darstellung der Verwaltung der hohen 
Polizei etc. 1814. S. 44. 

**) Verhör Sternbergs. Beilage III, S. 391. 
***) Eine ausführliche Lebensgeschichte Emmerichs existiert 



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365 

sehen Försters geboren. Er widmete sich zuerst dem 
Waidwerk. 1756 ging er nach England und trat als 
Jäger in die Dienste des Herzogs von Cumberland. 
Als dieser 1757 das Kommando der verbündeten Armeen 
bekam, kehrte Emmerich mit ihm nach Deutschland zu- 
rück. Er trat jetzt als Freiwilliger in das neu errichtete 
Jägercorps des Grafen von Schulenburg ein und zeichnete 
sich bald als kühner Parteigänger aus. Zum Lohne 
für seine Dienste wurde er Lieutenant. Nach dem 
Kriege ernannte Friedrich der Grosse ihn zum Forst- 
meister, Kriegs- und Domainenrath. Er legte diese 
Stellen aber bald wieder nieder und ging nach England, 
um bei der Schatzkammer seine aus dem letzten Kriege 
herrühenden Forderungen einzutreiben. Er hatte hier- 
mit keinen Erfolg, erhielt aber die Stelle eines Deputj^ 
Surveyor General in den königlichen Forsten. Bei 
Ausbruch des Amerikanischen Krieges errichtete er als 
Oberstlieutenant und Commandeur ein Corps leichter 
Truppen. Auch in dem fremden Erdtheil zeichnete er 
sich aus. Nach dem Kriege kehrte er nach Deutschland 
zurück. Mit der Eintreibung der Forderungen, die er 
aus dem Amerikanischen Kriege an den Englischen 
Schatz zu stellen hatte, hatte er ebenso wenig Erfolg, 
wie mit den früheren Ansprüchen. Eine englische 
Pension bezog er nicht, wie Lyncker annimmt. So 
versank er immer mehr in Dürftigkeit. Er lebte zu- 
erst in Köln, dann unstät bald hier, bald dort. Zuletzt 
hielt er sich in Marburg auf. Hier trat er in Ver- 
bindung mit Dörnberg. Bei dem Unternehmen des- 
selben war er zum Führer des Aufstandes in Oberhessen 



nicht. Es würde dazu auch an Material fehlen. Er selbst kündete 
1794 eine Selbstbiographie in 5 Bänden an. Dieselbe ist aber 
nicht erschienen. Vgl. zum Folgenden Ö, iMndau, Emmerich. 
Hessisches Jahrbuch 1854. S. 148 ff. 



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366 

bestimmt*). Er hat sich, dann ohne Zaudern Stern- 
berg zur Verfügung gestellt. Wesentlich er hat dazu 
beigetragen, die alten Soldaten zu gewinnen, denn er 
kannte die älteren von Amerika her. Sein Name war 
geachtet und gefürchtet. Auch verschmähte er es keines- 
wegs die Kneipen des niederen Volkes, das den martia- 
lischen Erzählungen des alten Officiers gern lauschte, 
aufzusuchen. 

Emmerich war seiner Aufgabe nicht gewachsen. 
Ihm ist die Schuld zuzuschreiben, dass- der Aufstand 
unter den ungünstigen Verhältnissen, die zum Misslingen 
führen mussten, nicht unterblieb. Wäre Sternberg nicht 
erkrankt, so hätte der Aufstand wahrscheinlich nie 
stattgefunden **). Aus den Briefen, die Sternberg vor 
seinem Tode schrieb***), scheint hervorzugehen, dass 
Emmerich gegen das ausdrückliche Gebot Sternbergs 
losgeschlagen hat. Sternberg fällt über ihn ein sehr 
hartes Urteil. Er schreibt: „Jetzt erst erkenne ich, 
welch ein Mensch der Emmerich ist: ein Prahler, ein 
Lügner, ein Unverständiger, ein Mann, dem weder Ehren- 
wort noch Handschlag heilig sind. Ich kann nichts 
mehr als — ihn verachten? am wenigsten doch als einen 
Erbärmlichen bemitleiden, und seine Handlungsweise 
verachten. Ein Poltron ist er, ein Aventurier. Viel- 
leicht ist es hart, dass ich von einem Manne, der noch 
einmal so alt ist, als ich, so spreche, , aber ich habe 
auch wohl Ursache dazu."f) Aehnlich urtheilt Landau: 

*) Vgl. Lyncker a. a. 0. Lyucker stützt sich auf eine 
Aeusserung Martins, des bekannten Theilnehmers am Dörnbcrg- 
schen Aufstand. 

**) Vgl. I^7ick€7's Bemerkung a. a. 0. S. 179. „Ein Augen- 
zeuge erzählt jedoch, dass Sternberg an dem unzeitigen Ausbrach 
des Aufstandes nicht Schuld gewesen." 
***) Vgl. Beilage IV, S. 393 ff. 
t) Vgl. Beilage IV, 2, S. 397. Vgl. auch die Stelle in 
Brief 3: „Meineid und Verrätherei stürzen mich ins Grab.** Vgl. 



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867 

„Emmerich gehörte zu jenen waghalsigen Menschen, 
die zu allem bereit sind, nur um ihren Thatendurst zu 
befriedigen, und bei denen es nur davon abhängt, in 
welche Bahn das Schicksal sie wirft, um sie zum Helden- 
thume zu führen oder sie zum Schrecken der Menschheit 
zu machen." *) — 

Die Urtheile sind wohl etwas zu hart. Emmerich 
hat nicht bloss aus Abenteuersucht**); sondern nach 
bestem Wissen und in bester Absicht gehandelt, aber 
er war seiner Aufgabe nicht gewachsen. Er war ein 
tapferer Haudegen und Daraufgänger der alten Schule. 
Er wäre geeignet gewesen, die Bauern und Soldaten 
gegen eine Batterie zu führen, denn Muth hat er oft be- 
wiesen ***), aber er war nicht fähig eine Erhebung klug 
zu leiten. Er war kein Politiker und Diplomat, sondern 
nur Soldat. Vielleicht ist aus diesem Grunde die 
Leitung des Aufstandes Sternberg und 'nicht Emmerich 
Überträgen. Sternberg und Emmerich ergänzten sich. 
Ersterer war der Kopf, letzterer die Faust. Sowie der 
Kopf fehlte, machte die Faust Thorheiten. 

Sobald der alte Oberst an der Spitze steht, zeigt 
sich eine Planlosigkeit und Unvorsichtigkeit, die grenzen- 
los isi Die Correspondenz mit den auswärtigen Leitern 
— auch. Briefe von Schill wurden gefunden f) — wurde 
so offenherzig betrieben, dass es allgemein, nicht bloss 
seinem Hauswirth, dem Bäcker Justi, auffiel. Wie un- 
vorsichtig er war, geht daraus hervor, dass er es ver- 
säumte bei Ausbruch des Aufstandes seine compromit- 
tierenden Briefschaften zu verbrennen. Als er nach 

auch den Ausdruck; ^,Emmerichs unbesonnenes Beginnen*' in 
Biiof 2. 

*) Landau a. a. 0. S. 149. 

**) Vgl. Ooecke a. a. 0. S. 193, dagegen Lyneker a. a. 0. S. 173. 
♦**) Vgl. Landau a. a. 0. S. 150 ff. 
t) Vgl. Moniteur westphalien. 



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368 

Kassel abgeführt wurde, äusserte er zu dem Mitgefange- 
nen Günther *). „Wenn man seine Briefe fände, würde 
er unausbleiblich erschossen."**) — Auch sonst ver- 
säumte er die einfachsten Vorsichtsmassregeln. Er hielt 
in den Schenken Marburgs und der umliegenden Orte, 
besonders in Ockershausen, aufregende Reden. So 
wusste bald Jedermann, dass ein neuer Aufstand aus- 
zubrechen drohe***). Sternberg konnte nicht warnend auf- 
treten, denn er war dem Tode nahe. Auch dem fran- 
zösischen Präfecten Baron von Berlepsch kamen die Ge- 
rüchte zu Ohren. Er Hess Emmerich vor sich kommen, 
aber der alte Mann machte einen so unbedeutenden 
Eindruck, dass er frei gelassen wurde. Doch erhielt 
der Generalkommissar der hohen Polizei v. WolfT, der 
sich auf einer Dienstreise in Vacha befand, am 21. Juni 
Befehl, nach Marburg zurückzukehren, da man einen 
Aufstand befürchtetet). 

Der Vorgang, dass Emmerich zum Präfecten be- 
schieden wurde, hat den Aufstand zur Unzeit hervor- 
gerufen. Emmerich glaubte sich verrathen, er wollte 
daher der Westphälischen Regierung zuvorkommen. In 
Erinnerung an all die kühnen Thaten, die er früher 
vollbracht, hielt er es für möglich auch mit einer kleinen 
Schaar Leute Marburg in Besitz zu nehmen. In der 
Citadelle, dem Schloss, wollte er sich dann so lange 
halten, bis nach der Verabredung die Verstärkungen 
aus den anderen Orten und die Hessischen und Oester- 
reichischen Truppen eingetroffen wären. Die Gerüchte 
hatten die Annäherung dieser Truppen gewaltig über- 



*) Verhör dos Günther, erschossen am 19. Juli 1809. ünter- 
suchungsakten a. a. 0. Vgl. Beil. 1 u. II, S. 389. 390. 

**) Verhör Giintliei*s vom 3. Juli 1800. Untersuchungsakten 
a. a. 0. 

***) Vgl. Untei-sucliungsakten a. a. 0. 

f) V, Wolff a. a. 0. 



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369 

trieben. Hierzu kam noch, dass die ängstlich in West- 
phalen geheim gehaltene Nachricht von der Niederlage 
Napoleons bei Aspern die Hoffnung auf bessere Zeiten 
rege gemacht hatte. 

Emmerich glaubte, der günstige Moment für den 
Aufstand sei gekommen und so schlug er los. Auf 
Sternberg hat er wahrscheinlich nicht mehr gehört, 
weil er annahm, dass dieser todtkrank sei und so kein 
Urtheil über die zeitige Lage habe, die er, Emmerich, 
für sehr günstig hielt. Er gab Befehl, dass sich die 
Verschworenen aus den Orten Ockershausen, Kaldern, 
Sterzhausen am 23. Juni in Ockershausen versammeln 
sollten. Mit dieser kleinen Schaar wollte er den Hand- 
streich wagen. 

Schon am 22. Juni erfolgten in Sterzhausen bei 
Marburg Tumulte. Auf einer Holz Versammlung erschien 
der oben erwähnte Moog mit einer Proklamation des 
Kurfürsten und forderte die Bauern zum Aufstand auf. 
Die Mahnungen des Maires fruchteten nichts, am 
nächsten Tage folgten die Bauern dem Aufwiegler nach 
Ockershausen. 

Am Abend des 24. Juni versammelten sich die 
Verschworenen an dem angegebenen Orte. Emmerich 
und Vormschlag hielten zündende Reden und suchten 
die Zögernden durch Drohungen fortzureissen. Nach 
der Aussage des Daniel Muth bedrohten sie diejenigen 
mit dem Tode und mit Verbrennung des Hauses, die 
nicht mitgehen würden *). 

In der Nacht gegen 1 Uhr rückte die kleine Schaar, 
nach einer Nachricht waren es 45, nach dem officiellen 

*) Verhör des Daniel Muth, erschossen am 19. Juli 1809. 
In den Untersuchungsakten der übrigen Angeklagten finden sich 
dagegen Aussagen, dass Niemand durch Drohungen zur Theil- 
Dahme am Aufstand gezwungen sei. 

N. F. Bd. XVII. 24 



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370 

Bericht *) IBO Mann **) — gegen Marburg vor. . Der 
grösste Theil derselben rückte durch den „rothen Graben" 
zu dem verschlossenen Barfüsser Thor vor und machte 
hier Halt. Auf dem Marsche nach diesem Thore traten 
ihnen einige Gensdarmen entgegen. Sie trieben die- 
selben zurück und nahmen dem Gensdarm Wellhausen 
sein Pferd ab. Ein Theil der Verschworenen drang 
am Grüner Thor durch ein offenes Seitenpförtchen 
in die Stadt ein, eilte durch die Strasse „Am Grün" 
zum Barfüsser Thor, überrumpelte die Thorwache und 
öffnete die Thore. Die Aufständischen drangen ein, 
entwaffneten die Soldaten und rüsteten sich mit den 
abgenommenen Flinten und Säbeln aus. Emmerich 
rückte nun bis zum Markt vor und bereitete der 
dortigen Wache dasselbe Schicksal, Dann zog er durch 
die Stadt bis zum Ritter***). Hier stellte sich ihm die 
Präfecturgarde in den Weg, wurde aber zurückgetrieben. 

Es entstand ein gewaltiger Tumult. Die Bauern 
schössen und lärmten. Die Bürger stürmten mit den 
Glocken, um der Umgegend das Zeichen zum Losschlagen 
zu geben. Berittene Bauernburschen galoppierten durch 
die Stadt und riefen : „Lichter heraus, die kurhessische 
Kavallerie vor". 

Die westphälischen Beamten und Offiziere wurden, 
obwohl sie wussten, dass ein Aufstand auszubrechen 
drohe, völlig überrascht. Nur der Präfect verlor den 
Kopf nicht. Er schickte sofort einen Kourier nach Hanau, 
wo der Herzog von Valmy mit einem grösseren Corps 
stand, und bat um Hülfe. Unter den übrigen Beamten und 
Offizieren herrschte eine grosse Panik. Wolff gibt davon 
in seiner Flugschrift eine ergötzliche Schilderung!). 

*) Vgl. 8. 371. 

**) Nach dem Moniteuv Westphalien wai'eu es 500. 
♦♦*) Bekanntes Gasthaus in Marburg. 
t) V. Wolff a. a. 0. S. 40. 



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371 

„Mancher, sagt er, fühlte schon das Eisen in seinen Ein- 
geweiden." Die meisten suchten ihr Heil in der Flucht, 
andere versteckten sich. So verkroch sich der Gen- 
darmerie-Kapitain Dudon ; ein Bergischer Offizier fand 
hinter den Mörsern des Hofapotheker Hesse sich nicht 
sicher genug und kroch ins Stroh" ; „ein angesehener Be- 
amte flüchtete sich unter das Bett seiner Magd". Die kleine 
Garnison, etwa 110 Mann grossherzoglich Bergischer 
Truppen, verliess die Stadt durch das Elisabether Thor 
und stellte sich vor demselben auf, um die Strasse nach 
Kassel zu decken. Der Plan war gelungen, Emmerich 
war, wenn auch nur auf sehr kurze Zeit, Herr der 
Stadt. Der Zufall entriss ihm den Sieg, den er freilich 
wohl schwerlich lange behauptet hätte, von Wolfif*) 
erzählt den Vorgang etwa folgendermassen: „Der Kom- 
mandeur der Westphälischen Truppen, Major von Dalwigk, 
welcher etwa mit 200 Mann — Bergische Truppen, Prä- 
fecturgarde, Gensdarmen, Veteranen — vor dem Eli- 
sabether Thor stand, schickte seinen Bedienten in die 
Stadt, um aus seiner Wohnung etwas Leinwand und 
Geld holen zu lassen. Der Diener wurde unterwegs 
von Bauern befragt, wer er wäre. Er verlor die Geistes- 
gegenwart nicht, machte glauben, er sei auch einer 
der Aufrührer, worauf der andere klagte, dass alle Ver- 
bündeten ausblieben, und dass sie etwa, 45 Mann stark, 
zu schwach wären, was auszurichten." Der Diener 
kehrte sofort zu seinem Herrn zurück und meldete ihm 
das Gehörte. Dieser rückte nun mit seiner Truppe 
in die Stadt ein und drang unter Trommelschlag bis 
zum Markt . vor. Hier stellten sich ihm die Aufstän- 
dischen entgegen, aber durch einige Salven wurden sie 
auseinander getrieben. Einzelne fielen, den Meisten 
gelang die Flucht, Emmerich und sieben seiner An- 
hänger wurden gefangen. „Dem Spass war ein Ende 

*) V, Wolffsi, a. 0. S. 41. 24* 

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372 

gemacht", sagt Wolff in seiner frivolen Weise. Die 
Ruhe wurde schnell wieder hergestellt. 

Am folgenden Tage, dem 25. Juni, wurde der 
Vorfall durch den Substitut du procureur general an 
den Justizminister Simeon gemeldet*). Es begannen 
sofort die Verhöre durch den Untersuchungsrichter Quge 
d'instruction) des peinlichen Gerichtshofes (Tribunal cor- 
rectionel) — weil einzelne Gefangene schwer verwundet 
waren, und man fürchtete, dass sie sterben würden, 
bevor die Commission militaire die Untersuchung über- 
nehmen könnte. Am 26. Juni Abends 10 Uhr rückte 
der General Boyer, Chef des Generalstabes der Obser- 
vationsarmee, mit 1500 Mann französischer Infanterie, 
einer starken Abtheilung Dragoner und einer Batterie 
leichter Artillerie in Marburg ein **). 

Jetzt konnte die Untersuchung durch den General- 
Commissar v. Wolff in Scene gesetzt werden. In der 
Stadt herrschte die Stille des Todes. Tag und Nax^bt 
zogen die Patrouillen durch die Strassen. Ana 28. Juni 
kam die Antwort vom Justizminister aus Kassel ***). Es 
wurde zunächst Bericht vom Präfecten und vom Pro- 
cureur du roi von Hanstein eingefordert. Dann wurde 

*) Wir theilen den Bericht, der auch durch sein schönes 
Französisch auffällt, theilweise mit ; Vers les un heures apres minuit 
une foule des paysans des environs^ ä peu pres 150^ s'est portee 
vers les partes de la vilkt a desarme la garde ä la parte de Frank- 
fort et en occupant Veglise^ ils sannerent pendant quelques minutes 
les tocsin. Laplupart des bourgais restoit tranquüle, quotque quelques^ 
uns fönt suspects d'avoir pris pari ä ces troubUs. Selon tout ap- 
parence le sieur Emmerich, ancien colanel demeurant ici ü y a 

quelques mois est Vauteur de cette insurrectton Le dit Ihn- 

mertch a ete fait prisannier eamme plusieurs aiUres, qtii la plu- 
pari ont ete blesses ä la mort ete, 

Brief vom 25. Juni 1809. — Ä san Excellence Monsieur le 
ministre de justice — im Staatsarchiv zu Marburg. 
**) Moniteur Westphalien vom 27. Juni 1809. 
***) Brief vom 28. Juni 1809. Staatsarchiv zu Marburg. 



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373 

befohlen die verdächtigen Bürger zu verhören und Em- 
merich mit den anderen Gefangenen nach Kassel zu 
schicken *). Der Befehl wurde sofort ausgeführt. Die 
Gefangenen — mit Emmerich acht an der Zahl — wurden 
unter stärker Bedeckung nach der Hauptstadt gebracht 
und am 1. Juli in das Castell eingeliefert. 

In Cassel beginnt jetzt die kriegsgerichtliche Unter- 
suchung. Man hatte den Briefwechsel Emmerichs und 
darin die schwerwiegendsten Schuldbeweise gefunden. 
Nach dem Moniteur fand man auch einen an Schill 
adressierten Brief, in dem er diesem mittheilt, „dass 
Dörnberg bald zu der unter seinem Befehl stehenden 
Räuberbande stossen würde." Emmerich benahm sich 
vor dem Kriegsgericht standhaft und muthvoll. Als er 
nach seinen Genossen gefragt wurde, antwortete er un- 
willig: Ich heisse Emmerich, und verweigere jede 
Aussage **). — Nicht so verschwiegen waren die anderen 
Gefangenen, es wurden Geständnisse gemacht, die eine 
Anzahl Marburger Bürger und Bauern der Umgegend, 
besonders aber Sternberg hart belasteten. So sagte der 
mit Sternberg zusammen erschossene Günther aus : 
Sowie er gehört, sei ein gewisser Namens von Sternberg, 
wohnhaft in Marburg, mit in dieser Sache begriffen. 
Der Muth (ebenfalls erschossen am 19. Juli) und Haber- 
korn müssen auch darüber mehreres wissen, denn sie 
hätten ihn mehrmals erwähnt ***)". Nach Wolff-f) sollen 
gegen Sternberg auch eine Anzahl Denunciationen ein- 
gereicht sein. 

Am 2. Juli traf aus Cassel der Befehl an den 
General-Commissar von Wolff in Marburg ein, Sternberg 
zu verhaften. Wolff erzählt in seiner Flugschrift ff), er 

*) Moniteur Westphalien vom 27. Juni 1809. 
**) So Lyncker^ a. a. 0. 
***) Aussage Günthers. 

t) V, Wolff a. a. 0. S. 44. ~ ft) ebenda S. 43. 



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374 

habe die Krankheit Sternbergs als Vorwand benutzt, um 
Aufschub für die Ausführung der Verhaftung zu erlangen 
und dann zwei Herrn im Breidensteinischen Garten den 
eben erhaltenen Befehl initgetbeilt in der Erwartung, sie 
würden Sternberg warnen und ihm zur Flucht verhelfen. 
„Ich will zur Ehre dieser Menschen annehmen, fahrt er 
dann fort, dass sie nicht dachten, die Sache würde solchen 
Ausgang nehmen, als sie nahm, sonst wäre ihre Schaden- 
freude satanisch gewesen; kurz sie warnten Sternberg 
nicht, und leider erfuhr ich, dass einer jener beiden 
sein geschworener und grösster Feind war. Noch in 
Händen habende Papiere geben hiervon sichere Kunde**. 
— Ob die Aussage des Herrn v Wolff, der als ein 
ziemlich, dunkler Ehrenmann erscheint, wahr ist, kann 
nicht mehr entschieden werden. Es ist kaum glaublich, 
dass er sich „des einmal erkiesenen Staatsopfers wegen", 
wie er sagt, in dienstliche Unannehmlichkeiten gestürzt 
hätte, zumal er Sternberg nach seiner Behauptung gar 
nicht kannte. Sollte die Warnung aber wahr sein, so zeigt 
sie uns, wie ablehnend sich die besseren Stande dem 
Aufstand gegenüber verhielten. Man gab den Schul- 
digen Preis, um Stadt und Universität zu retten. Stern- 
berg hätte die Warnung freilich auch nicht ausnutzen 
können, denn er lag immer noch schwer krank zu Bett. 
Am 6. Juli traf eine ausserordentliche ünter- 
suchungskommission unter dem Vorsitz des Haupt- 
manns im 3. Linienregiment de Longe de Beauvesel, 
Comma7idant en chef du Recnäemeni daiia la fi Divi- 
sion militaire et Rapporieur du 8r. Tribunal special 
militaire permanent^ seani ä Cassel in Marburg ein. 
Ihr gehörte auch ein Abgeordneter des Justizministers 
Simeon an, ein Herr Detroy*). Die Sitzungsräume der 



*) Lyncker^ a. a. 0. S. 178 schreibt Detroit. Sternberg ia 
seinen Briefen Detroy. Vgl, Beilage lY. LS. 394. 



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375 

Üntersuchungs-Commission befanden sich im Schwarzen 
Adler. Jetzt wurde die Verhaftung Sternbergs ausgeführt. 
Sein Haus wurde durchsucht und alle seine Sachen ver- 
siegelt*). Er selbst wurde aber nicht in die Gefängnisse 
des Schlosses gebracht, sondern Wolff wies ihm in 
seinem Hause — dem jetzigen Hause des Dr. Hüter auf 
der Reitgasse — eine Wohnung an, obwohl dies die 
Missbilligung vieler Einwohner Marburgs fand. 

Ob dies nur durch Menschenfreundlichkeit, um 
den kranken Mann zu schonen, veranlasst war, ist sehr 
fraglich. Wolff scheint vielmehr die Absicht gehabt zu 
haben, sich St^rnbergs Vertrauen erwerben und so den- 
selben zu einem Geständnis zu veranlassen. Sternberg 
hatte Zeit gefunden alle verdächtigen Papiere zu ver- 
nichten. Es wurde freilich der Commission von einem 
Denuncianten die Adresse von Friedrich Schlegel in Wien, 
die man bei Sternberg gefunden, was allerdings sehr 
verdächtig erschien, überliefert, aber hierauf, wie auf die 
unbestimmten Aeusserungen der Gefangenen hin, konnte 
man ihn nicht zum Tode verurtheilen. Man wollte das 
Geständnis seiner Theilnahme an der Insurrektion. Sein 
Tod war so gut wie beschlossen, da man von seiner 
Schuld überzeugt war. Auch sollte wohl an einem hoch- 
gestellten Mann ein Exempel statuirt werden, um so den 
überaus gefährlichen Insurrektionen ein Ende zu machen. 
Wie stark die Erbitterung gegen Sternberg war, zeigt 
sich auch darin, dass seine persönlichen Gegner noch ein- 
mal den Versuch machten, den Gefangenen in ein ge- 
wöhnliches Schlossgefängnis zu bringen, aber „ein Con- 
silium medicum", das aus den Professoren Michaelis, 
UUmann dem jüngeren und dem Stadt- und Land- 
physikus Hofrath Schumacher bestand, sprach sich 
gegen den Transport des Kranken aus. 

*) Brief des Hauptmanns de Longe de Beauveset an die 
"Wittwe Sternbergs. 



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376 

Da Sternberg noch sehr schwach und leidend 
war, hielt man es nicht für schwer, denselben zum Ge- 
ständnis zu bringen. Man erklärte demselben, das« 
alles verrathen sei, und dass namentlich Emmerich 
weitgehende Geständnisse gemacht habe*). 

Als Sternberg trotzdem leugnete, griff Wolff zu 
einem diabolischen Mittel das Geständnis zu erlangen. 
„Fünf Tage lang, erzählt er **), beharrte Sternberg dar- 
auf, «r sei unschuldig, da erwischte ich von ungefähr 
die Akten, — an anderer Stelle***) sagt er, man habe 
ihm den Einblick in die Akten seiner Theilnahme für 
den Angeklagten wegen nicht gestattet, — die mir 
sehr viel Licht gaben. Dies stellte ich ihm den 6. Tag 
Morgens gleich nach seinem Erwachen vor, — ich be- 
stürmte ihn zu bekennen, und sich so wenigstens den 
Weg der Gnade nicht zu versperren." Als der Hofrath 
wankend wurde, wendete der edle Commissar eine Art 
geistiger Folter an, um zum Ziel zu kommen. Er 
hatte die Gemahlin des Hofraths aufgesucht und der- 
selben vorgestellt, dass Alles entdeckt, und dass ihr 
Mann verloren sei» Nur ein offenes Geständnis und 
die Appellation an die Gnade des Königs könne ihn 
retten, hatte er zugefügt. In ihrer Herzensangst bat 
die Frau, die keine Ahnung von den Plänen ihres 
Mannes und den Folgen ihres Vorgehens hatte, den 
Commissar um Zulassung zu ihrem Manne; sie wolle 
denselben bewegen, dass er gestehe und sich der 
Gnade des Königs empfehle. Wolff bestellte darauf 
die Frau auf denselben Morgen, an dem er den An- 
sturm auf Sternberg machte, — es war der 11. Juli, — 
um 4 Uhr in sein Haus. Er erklärte, er wolle ihr den 

*) Hierauf gehen wohl die Anklagen Sternbergs in Brief 2 
Beil. IV zurück. S. 397. Vgl. oben S. 366. 
**) Wolff a. a. 0. S. 47. 
*♦*) ebenda S. 46. 



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377 

Zutritt zu ihrem Manne, den die CommiHsion ihr ver- 
wehrt hatte, gütigst gewähren. Als Sternberg nun bei 
den Enthüllungen Wolffs schwankend wurde, holte 
dieser die im Nebenzimmer harrende Frau herein. Es 
spielte sich nun eine ergreifende Scene ab. Die Frau 
beschwört ihren kranken Mann offen zu bekennen, nur so 
könne er sich retten. Endlich wurde Sternberg mürbe, 
„er ward ohnmächtig, begehrte Wasser, trank und rief 
dann in schmerzlich-sichtbarer Verzweiflung aus: 
MannI wie hab ich Sie zu meinem Unglück verkannt! 
— ja ich bin schuldig, aber nicht wie man glaubt, — 
ich werfe mich in Ihre Arme!"*). — Er forderte Pa- 
pier und Feder und setzte sein Bekenntnis in einer 
Form, die ihn so wenig wie möglich compromittirte **), 
selbst auf. 

WoWs Plan war gelungen, üeber seine Infamie 
ein Wort zu verlieren, ist überflüssig. Er giebt zwar 
an***), er habe sofort ein Begnadigungsgesuch an den 
König nach Sachsen und an die Minister durch Staf- 
fette gesandt, aber diese Angabe des Ehrenmanns ist 
zu bezweifeln. 

Sternberg hat das Spiel, das mit ihm getrieben 
Wurde, nicht durchschaut. Bis zu seinem Tode hielt 
er Wolff für seinen Freund und Wohlthäter. Am Rande 
seines letzten Briefes steht : „Dank dem G[eneral]-C[om- 
missair] v. WolfP^f). Seine Frau hat erst spät durch- 
schaut, dass sie als Werkzeug benutzt wurde, um ihren 
Mann zu vernichten. Nach dem Tode ihres Mannes 
verehrte sie Wolff einen werthvoUen Flügel ff). 

*) Wolff a. a. 0. S. 47 schreibt sie, ihre klein; gemeiut 
ist V. Wolff. 

**) Vgl. unten Beilage IH. S. 391. 
***) Wolff a, a. 0. S. 48. 

t) Beilage IV, Brief 4. 
tt) Wolff erklärte freilich, er habe denselben von der flof- 
räthin St gekauft. 



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378 

Durch das Geständni» war das Schicksal des Hof- 
rathes entschieden. Man hatte jetzt keinen Grund 
mehr denselben in Marburg zurückzuhalten. Am 12. 
Juli wurde er mit den anderen Angeklagten, es 
waren fünf Wagen voll, nach Kassel abgeschickt. Stern- 
berg fuhr in seinem eigenen Wagen. Bei seiner 
Abreise geschah dem Armen noch eine öffentliche 
Beschimpfung. Die Kunde von seinem Geständnis hatte 
sich in Marburg verbreitet, und man fürchtete, Stern- 
berg habe viele compromittirt. Als er abfuhr, rief 
man ihm aus der Menge: Judas, Judas! — zu*). 
Am 14. JuU wurde er in das Kastell eingeliefert**); 
er sollte dasselbe nur zu seinem Todesgange verlassen. 
Er wurde im Kastell gut behandelt. Der Commandant, 
Major von Krupp, ein leutseliger, menschenfreundlicher 
Herr, der Hauptmann de Longe de Beauveset, der oben- 
erwähnte Herr Detroy, die Officiere des Kriegsgerichts, 
die W^ärter, Freunde in Cassel selbst wie die Hofräthin 
UUmann, suchten dem Mann, der im Geheimen schon 
zum Tode verurtheilt war, seine Lage so leicht wie 
möglich zu machen ***). 

Die kriegsgerichtliche Untersuchung hatte einen 
schnellen Fortgang. Sternberg und die anderen Ge- 
fangenen wurden täglich zweimal verhört. Der Hofrath 
legte sich nicht aufs Leugnen. „Ich habe nichts ver- 
schwiegen, verschweige nichts und werde nichts ver- 
schweigen. Was sollte ich für Gründe dafür haben. An- 
fangs glaubte ich verhindern zu können, dass nicht Em- 
merichs unbesonnenes Beginnen eine Menge Menschen 
ins Unglück stürtzte. Dieser Grund fällt jetzt ganz weg", 
schreibt er an seine Frauf). Er glaubte nicht zum 

*) Vgl. von Wolffs Darstellung a. a. 0. S. 49. „Er spielt 
sich auch hier wieder als Freund Stornbergs auf.** 
**) Vgl. Beil. II. S. 390. 
***) Vgl. die Briefe Stembergs. Beilage IV. 1—2. 
t) Vgl Beil. IV. Brief 2. 



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379 

Tode verurtheilt zu werden, sondern hoffte mit Festungs- 
haft — wahrscheinlich in Mainz — davon zu kommen. 
Diese Hoffnung täuschte ihn. 

Am 16, Juli wurde Andreas Emmerich und 
zwei ehemalige kurhessische Soldaten, Wendel Gänther 
aus Sterzhausen, 33 Jahr alt, früherer Husar (seit 1792) 
und Daniel Muth aus Ockershausen, am 17. Juli 
Sternberg standrechtlich zum Tode verurtheilt. 

Am 18. Juli am frühen Morgen wurde Emmerich 
auf dem Forst bei Kassel erschossen. Der alte Soldat 
sah dem Tode kühn ins Auge. Wie die SchilPschen 
Officiere verschmähte er die Binde. Die brennende 
Tabakspfeife ; in der Haiid erwartete er die tödtliche 
Kugel, Er starb mit dem Rufe : „Es lebe der Kurfürst" *). 

Sternberg wurde durch die Verkündigung des 
Todesurtheils, obwohl er dasselbe nicht erwartet hatte, 
nicht erschüttert. Er traf seine letzten Anordnungen 
mit Ruhe und schrieb an seine Frau. Auf die Gnade 
des Königs rechnete er nicht mehr. Der Pfarrer Götz 
bereitete ihn zum Tode vor. 

An seinem Todestage muss ihm noch etwas 
Schreckliches passirt sein. „Und wenn mir jetzt der 
König Gnade geben wollte — nein, diese Beschimpfung 
ist zu gross", schreibt er eine Stunde vor seinem 
Tode**). Worin diese Beschimpfung bestanden, ist 
nicht mehr zu erkunden. 

Am 19. Juli Nachmittags 5 Uhr trat er zusammen 
mit Günther und Muth den Todesweg nach dem Forst 
an. Um 6 Uhr wurde das. Urtheil vollstreckt. 

Ueber das Ende Sternbergs liegt ein Bericht des 
Majors von Krupp vor***), „Die fünfte Stunde, 

*) Vgl Landau a. a. 0. S. 148. Lyncker a. a. 0. S. 180. 
**) Vgl. Beilage IV, Brief 4. 
***) Brief des Major voa Krupp au den General-Commissar 
von Wolff. Vgl. Beilage Y, 



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380 

heisst es darin, Mittags den 19. dieses war es, in 
welchem er mit noch zwei des Aufruhrs Angeklagten 
und Ueberwiesenen, durch ein militairisches Commando 
zum Executions-Platz geführt wurde. Die Zeit vom 
Mittag bis dahin um 5 Uhr dauerte Ihm so lange, dass 
Er oft nach den Fenstern eilte, um zu sehen, ob das 
für ihn bestimmte Commando noch nicht komme. Mit 
ausserordentlicher Standhaftigkeit betrat er den Exe- 
cutions-Platz ! trat einige Schritte zurück, ver- 
band sich selbst die Augen und empfing so das ihm 
zuerkannte Blei." Er war schlecht getroffen und lag 
wimmernd am Boden. Die Kugel eines mitleidigen 
Jägers machte seinem Lebeii ein Ende*). Die Opfer 
wurden auf dem Executionsplatz begraben; eine ein- 
same Eiche, die Sternberg-Eiche, bezeichnet ihr Grab**). 
Sternbergs Frau glaubte sicher, dass der König 
Jerome Gnade üben werde. Sie wollte sich nach 
Kassel begeben, um den König persönlich um dieselbe 
anzuflehen, aber in Jesberg***) musste sie umkehren, weil 
sie die Geburt eines Kindes erwartete. Sie würde, 
auch wenn sie die Reise ausgeführt hätte, ihren Mann 
nicht mehr am Leben getroffen haben. Er war am 
selben Tage, wo sie aufbrach, erschossen. Am Tage 
nach dem Tode ihres Mannes gab sie einem Knaben 
das Leben. Sie hat erst spät erfahren, dass ihr Mann 
erschossen ist. Ursprünglich glaubte sie, er sei in Folge 
seiner Krankheit gestorben f ). 



*) Vgl. Lyneker a. a. 0. S. 180. 

**) Vgl. ebenda S. 198. Das Deiikmal, dessen Orandstein 
1863 gelegt wurde, ist nicht vollendet. Auch in Marburg findet 
sich keine Gedenktafel. 

**♦) Jesberg, zwei Meilen südlich von Fritzlar. Wolff schreibt 
Jesbach; es könnte demnach auch der Ort Josbach gemeint sein; 
wahrscheinlicher ist aber, dass der Flecken Jesberg gemeint ist 
t) Vergl. Vorbemerkung äu Beilage IV. 



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381 

Die Bädeisführer waren bestraft; man hatte ge^ 
zeigt, dass man allen Aufstandsversuchen energisch ent- 
gegentreten wärde. Jetzt Hess die Regierung Milde 
walten. Der Justizminister Simeon war gegen jede 
unnöthige Strenge und bewog den König, „nachdem 
das Exempel gegeben 'war", Gnade walten zu lassen. 
So wurden am 6, August 1809 Friedrich Hohl, Jo- 
hann Muth, Daniel Haberkorn, Christian Matthaei, 
Friedrich Keppler und Ludwig Klos, die vom Tri- 
bunal special militaire zum Tode verurtheilt waren, 
begnadigt und in Freiheit gesetzt, nachdem sie die 
Kosten des Verfahrens getragen*). Von dem Geld, 
das Klos bezahlen musste^ erhielten der marechal de 
logis «50 francs und die Agenten der Polizei 50 francs 
Belohnung **). 

Der Professor der Mineralogie Uli mann erhielt 
nach fünfwöchentlicher Haft seine Freiheit wieder***). 
Die am Aufstand betheiligten Bürger Josbäch^r, 
Cramerding und der Chirurg Klingelhoefer 
waren „in das Darmstädtische" geflüchtet Die Flucht 
erfolgte, als man dieselben ins Gefängnis bringen 
wollte f). Am 28. August theilte der Justizminister 
mit, dass der König, nachdem das Exempel statuirt sei, 
gegen alle Flüchtlinge eine stillschweigende Amnestie 
erlassen habe; sie könnten zurückkehren, sollten aber 
polizeilich überwacht werden ff). Ausgenommen von 
dieser Amnestie sollten die Rädelsführer Moog, Koch 

*) Brief des Justizministers vom 5. August 1809. Staats- 
archiv zu Marburg. 

**) VerfüguDg des Hauptmanns de Longe de Beauveaet. 
ebenda. 

*♦♦) Ijyncker a. a. 0. 
f) Bericht an den Justizministor vom 22. August 1809. 
Staatsarchiv zu Marburg. 

ft) Brief des Justizministers vom 28. Aug. 1810. Staats- 
archiv zu Marburg. 



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882 

und Scholl als unvel-besserlich Werdeii, denh ces 3 
individus mü pris retteraiiveme^t pari aux trois r«- 
voltes successiveSy ä celle 1806, sur Cassel ei Marburg; 
ces trois hommes sont incorrigibles*). 

Auf die Amnestie hin kehrten fast alle Flücht- 
linge in ihre Heimath zurück. Obwohl es sich im Lauf 
der weiteren Untersuchung zeigte, dass noch mancher 
derselben arg compromittiert war, wie Vormschlag, 
der Gärtner Sternbergs^ der Wirth Heuser zu Ockers- 
hausen, die Ackersleute Schneid ei* aus Oberwalgern, 
Heuser und Rhein aus Cyriaxweimar, — so hielt 
die Regierung Wprt und begnügte sich damit, die- 
selben zu überwachen**). 

Im März 1810 wurden die Flüchtlinge Koch und 
Stoll ergriffen und in Marburg eingeliefert. Sie sollten 
aber nur auf einen ausdrücklichen Befehl des Ministers 
vor die Geschworenen gestellt werden***). Im August 
wurde auch Moog ergriffen und dem Gerichtshof über- 
wiesen. Es konnte nun das Verfahren gegen sie vor 
dem peinlichen Gerichtshof zu Marburg eingeleitet 
werden. Die öffentlichen Verhandlungen fanden im 
October statt. Uebrigens hatte man Mühe, die nötliigen 
Geschworenen zusammenzubringen!). Am 29. October 
1810 wurden die Angeklagten auf Grund der Gesetze vom 
14. Februar 1795 und vom 9. April 1809 — betreffend 
Hochverrath und persönliche Sicherheit des Landeä- 
herrn — zum Tode verurtheilt, aber der Gnade des 
Königs empfohlen, weil ils soni sMuits par le profes- 
seur Stemberg, qui rta ^parg7ie ni prornesses ni me- 

*) Brief des Justizmini stei*s vom 12. März 1810 an den 
General- Piöcureur v. H an stein. Staatsarchiv zu Marburg. Be- 
gleitschreiben des Amnestie-Erlasses; ebenda. 

*♦) Brief des Ministers vom 28. März 1810. Marburger 
Archiv. 

***) Brief des Ministers vom 3. April 1810. ebenda. 
t) Bericht an den Minister vom 28. August 1810. ebenda. 



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383 

naces ni argent pour les 4garer*), — Am selben Tag 
erhielt der Superintendent Justi die Weisung, die 
Verurtheilteri von einem Prediger besuchen und zum 
Tode vorbereiten zu lassen**). Man rechnete also auf 
die Vollstreckung des Urtheils. Aber der König liess 
auch jetzt Gnade walten. Unter dem 3. Dezember 
1810 wurde mitgetheilt, dass die Verurtheilten be- 
gnadigt seien. Die Todesstrafe wurde in Gefängnis 
(Eisenstrafe, peine des fers) umgewandelt. Moog er* 
hielt 20 Jahre, die übrigen je 10 Jahre Gefängnis 
(Festung)***). Die Verurtheilten wurden nach Magde- 
burg gebracht, um dort ihre Strafe abzubüssen. Die 
Freiheitskriege brachten auch ihnen die Freiheit. 

Man muss anerkennen, dass die Westphälische 
Regierung bei der Bestrafung des Aufstandes viel Milde 
hat walten lassen. Es ist dies wohl vor allem dem 
Justizminister Simeonf) zuzuschreiben, der gleich nach 
Unterdrückung des Aufstandes die Kommission anwies, 
jede unnöthige Strenge zu vermeiden. Er traf aber 
damit auch die Absicht des jungen Königs, der eben- 
falls kein Freund von Grausamkeiten war. 

Der Aufstand hat wie das Dörnberg'sche Unterr 
nehmen keinen glücklichen Ausgang gehabt. Er war 

♦) Bericht ÄD den Justizminister vom 29. Oct. 1810. ebenda. 
*♦) Brief des Gerichtshofs an Superintendent Justi vom 29. 
Oct. 1810. Staatsarchiv zu Marburg. 

*♦*) Brief des Justizministers vom 3. l>^z. 1810. ebenda. 
f) „Simeon, friiher Professorder Rechte in Aix, hatte sich 
in den stürmischen Zeiten der Revolution und des Consulats 
mehrfach bemerkbar gemacht, weshalb Napoleon ihn nach seiner 
Kaiserkrönung zum Orafen erhoben und in den Staatsrath berufen 
hatte. Er ist als ein Mann von hoher sittlicher Bildung und 
glänzendem Verstände bekannt und hat durch die Justizverfassung, 
welche das Königreich während der sechsjährigen Dauer seines 
Ministeriums erhielt, die beredtesten Pi'oben seiner Befähigung 
gegeben. Lyneker^ TjK^önig Jerome und seine Minister". Hess, 
Jahrb. 1854, S. 66. 



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384 

wie dieses Vorhaben an der Theilnahmlosigkeit der 
Bevölkerung gescheitert. Nur in Folge dieser Apathie 
hatten die Versuche zur Befreiung des Landes von der 
Knechtschaft Napoleons im Wesentlichen so rasch im 
Keime erstickt werden können. Jerome hatte nur 
zu recht mit seiner Behauptung : „Der Deutsche ist 
kein Verräther." Sein gerader Sinn machte es ihm 
schwer, die Schleichpfade des Verschwörers zu wandeln. 
Dazu kamen Schwerfälligkeit und Nüchternheit in seinen 
Anschauungen, ja auch ein gewisser Grad von Indolenz, 
namentlich unter der städtischen Bevölkerung, die 
ihn nicht sofort begeistert in den Aufruf seiner Be- 
freier mit einstimmen Hessen. Sein Billigkeitsgefnhl 
erkannte und würdigte auch an dem neuen Regiment 
manches Gute'*'). Emmerich hätte gehofft, dass sich 
ihm sofort ganz Marburg anschliessen würde, aber wie 
Kassel bei Dörnbergs Unternehmen, so verhielt sich 
jetzt Marburg ruhig. Nicht einmal die Studenten^ die 
doch sonst für ein leichtlebiges Völklein gelten, schlössen 
sich ihm an. Die Städte sahen mit sehr wenigen Aus- 
nahmen die Erhebung ruhig mit an, ohne die Waffen 
zu ergreifen. Aber auch die Landbevölkerung, auf die 
man sicher rechnete, versagte im entscheidenden Augen- 
blick. Die Leute wollten erst einen Erfolg sehen, und 
als dieser ausblieb, hielten sie sich ruhig zu Hause. 
Hessen war kein Tirol. 

Es ist nicht zu bedauern und zu beklagen, dass der 
Marburger Aufstand zu früh ausgebrochen ist. Hätte 
Emmerich auch noch einige Zeit gewartet, hätte er auch 
alle seine Streitkräfte zusammen gezogen, er würde doch 
kein glückliches Resultat gehabt haben. Im besten Falle 
hätte er sich der Stadt Marburg und Oberhessens auf 
kurze Zeit bemächtigt. Gegen die überlegenen Streit- 
kräfte aber, über die die Westphälische Regierung ver- 

*) Qoecke u, llgen a. a. 0. S. 196. 

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385 

fügte, konnte er sich auf keinen Fall halten, denn 
das, was einzig seinem Unternehmen Bestand und 
Erfolge gegeben hätte, der Einfall der Oesterreicher und 
Kurhessen in das Königreich Westphalen, unterblieb in 
Folge der Ereignisse auf dem grossen Kriegsschau- 
platze. Ein Abwarten Emmerichs hätte nur viel mehr 
Leute ins Unglück gestürzt und auf den Sandhaufen 
gebracht. — Vielmehr zu tadeln und zu bedauern 
ist, dass der Aufstand überhaupt ausgebrochen ist. 
Hierfür trifft Emmerich die Schuld allein. Wäre Stern- 
berg nicht krank geworden und hätte er die Ober- 
leitung behalten, so wäre der Aufstand unterblieben. 
Sternberg hätte bei seiner Vorsicht nur losgeschlagen, 
wenn er des Erfolges ganz sicher gewesen wäre, wenn 
eben die Oesterreicher in das Land eingefallen wären. 
Wie der Kurfürst sah auch er ein, dass Insurrektionen 
ohne militairische Beihülfe selten Erfolg haben. — 

Auf die Ereignisse des grossen Kriegsschauplatzes 
hatte der Aufstand wenig Einfluss. Jerome, der mit 
seinen Truppen in Sachsen stand, scheint sich nicht 
sonderlich beunruhigt zu haben, da er sofort über die 
Einzelheiten desselben unterrichtet war. Er gab darauf- 
hin nach Kassel die nöthigen Weisungen zur Unter- 
drückung des Aufstandes und zur Bestrafung der Theil- 
nehmer an demselben*). Lyncker**) nimmt an, dass 
Jerome in Folge der Nachricht von dem Aufstande 
unruhig geworden sei, was sich in der Unsicherheit der 
Bewegungen seiner Armee gezeigt habe, und sich bald, 
zur, Verwunderung von Freund und Feind, mit seinen 
Garden in Eilmärschen nach Cassel zurück begeben habe. 
Diese Annahme ist nicht richtig. Der Aufstand fand am 
23. Juni statt, aber erst am 19. Juli***) kehrte Jerome 

*) Qoeeke u. Ilgm a. a. 0. S. 195. 
**) Lyneker a. a. 0. S. 180. 
***) Es war der Todestag Sternbergs. 

N. F. Bd. XVII. 25 



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386 

mit seinen Garden nach Kassel zurück, „nachdem ihm 
am 17. Juli Juli 10 Uhr Abends durch den Lieutenant 
Septeuil, Adjutant des Marschalls Berthier in Ober- 
Frauendorf die Nachricht und die Artikel eines eben be- 
schlossenen Waffenstillstandes der kriegsführenden Mächte 
überbracht war" *). Er wusste, dass auf den Waffenstill- 
stand der Friede folgen würde und kehrte deshalb in seine 
Residenz zurück. Vielleicht stützt sich Lyncker auf 
eine Bemerkung, die sich in dem Tagebuch des Gene- 
rals vonWachholtz findet**). Als dieser nämlich 
den missglückten Ueberfall von Schleiz erzählt, darch 
den Jerome von den Oesterreicherii, Braunschweigern 
und Hessen***) aufgehoben werden sollte, bemerkt er, 
„man könne sich nicht erklären, weshalb der König 
von Westfalen Schleiz verlassen hätte." Wachholtz 
nimmt als Grund des Abzuges die Landung der Eng- 
länder bei Vlissingen an. Lyncker hat wohl den Mar- 
burger Aufstand als Ursache des Rückzuges ange- 
nommen f ). 



*) Sehneidemnd^ Der Krieg Oesterreichs gegen Frankreich, 
dessen Alliirte und den Rheinbund im Jahre 1809. 1842. Bd. U. 
S. 192. 194. — Europas Palingenesie. Oesterreichs Kriegsgeschichte 
im Jahre 1809. Leipzig u. Altenburg 1810. Bd. IL S. 236 ff. 

**) Aus dem Tagebuch des Generals von Wachholtz. 
Braunsohweig 1843. S. 293 und Anm. 

***) Vgl. meinen ersten Aufs. Jahrg. 1891 dieser Zeitschr. 
S. 330 u. Anm. 

t) Wachholtz giebt an der angeführten Stelle a. a. 0. 
S. 293 Anm. die Schilderung, die sich über den Feldzug Jeromes 
in Le rayaume de Westphalie^ Jerome Buonaparte^ sa cowr^ ses 
favorits et ses miniatres. Par un temoin oculaire Paris 1820 
S. 116 findet. Die Schilderung ist übertrieben, sie lautet: Tout k 
monde donnait des ardres^ et personne n'en recevait: c'etaü um 
vraie petaitdiere. Les commissaires des guerres pülaient; les sol- 
dats etaient eti maravde ; les yeneraux jouaient et houspillaient les 
fUles ; on ne savait dans totä cela, gut conimandait, Ije rot s^üaii 
fait suivre par une partie de sa cour; c'etait un encombremeni de 



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387 

Auf österreichischer und kurhessischer Seite war 
der Aufstand von grösserer Bedeutung *). Am 16. Juli 
erhielt der Feldmarschalllieutenant von Kienmayer 
sehr übertriebene Nachrichten von dem Aufstande. In 
Hessen sollte eine grosse Revolution ausgebrochen sein, 
und in Kassel und Marburg viele Franzosen umge- 
bracht sein. Es sei schleunigste Hülfe nöthig. Kien- 
mayer theilte diese Meldungen sofort dem Commandeur 
der Hessischen Legion, dem Oberstlieutenailt von 
Müller mit. Dieser fasste sofort den Plan abzu- 
marschiren und in Hessen einzufallen. Es wäre so das 
umgekehrte Verhältnis von dem eingetreten^ v^as ur- 
sprünglich beabsichtigt war. Die Insurrektioi^ sollte 
stattfinden, wenn die Hessen und Oesterreicher im 
Lande wären. Jetzt rief der Aufstand den Plan des 
Einmarsches hervor. Kienmayer wollte sich zunächst 
gegen Junot wenden und nach Besiegung desselben 
auch in Westphalen einfallen. Müller wollte schon ab- 
marschiren, als die Nachricht von dem Waffenstillstand 
von Znaim kam Die Expedition war so vorläufig ver- 
eitelt. Müller hoffte, dass der Waffenstillstand nicht 
zum Frieden fähren werde. In diesem Falle wollte er, 
vereint mit dem Herzog von Braunschweig in West- 
phalen einfallen. Aber ohne einen Befehl des Kurfürsten 
mochte er nicht vorgehen. Er war ein vorsichtiger 
und verständiger Officier, der nicht eine abenteuerliche 
und eigenmächtige Politik treiben wollte. Er wusste, 
dass er mit seiner kleinen Schaar nicht viel gegen die 
Truppenmassen, die die Feinde während des Waffen- 
stillstandes zusammengezogen hatten, ausrichten konnte. 



chevataCf de voitures, de valets et de gens imUiles^ a faire peur; je 
ne sais rmrrve^ s'il n'y avait pas quelques comediens au quartier 
generale pour jouer les proverbes au camp, 

*) Vgl. meinen ersten Aufsatz Jahrg. 1891. S. 331. 334 und 
die Rapporte v. Müllers in den Kriegsacten. 

25* 



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388 

aber einem Befehl seines Kriegsherrn hätte er Folge 
geleistet. Ein Befehl des Kurfürsten traf nicht ein und 
so unterblieb die Expedition nach Hessen. 

Das Complott des Rittmeisters von Utten- 
hofen*), der mit einem Theil der Truppen und der 
Artillerie in Feindesland einrücken wollte, hat mit dem 
Marburger Aufstand nichts zu thun. Die Verschwörer 
gaben zwar vor dem Kriegsgericht an, sie wollten Hessen 
insurgiren, aber sie hatten vielmehr den Plan nach 
Bremen vorzudringen und in Englische Dienste zu 
treten**). Auch die Desertion des Lieutenants von 
N a tzm er hängt mit dem Aufstand nicht zusammen***). 

Zum Schluss soll noch eine Unrichtigkeit Lynckers 
berichtigt werden f). Derselbe sagt: „Selbst der Kur- 
fürst von Hessen, welchem sicherlich übertriebene Kunde 
von einem Aufstand in Oberhessen zugekommen war, 
erwachte auf einmal voll Hoffnung zu neuer Thatkraffc. 
Er eilte nach Eger, um sich an die Spitze seiner 900 
Mann starken böhmischen Armee zu stellen und seinen 
für ihn aufgestandenen getreuen Unterthanen die Hand 
zu reichen." — Der Kurfürst hat diesen Plan nicht 
gehabt. Er begab sich erst Ende Juli, also nach Ab- 
schluss des Waffenstillstandes nach Eger, um seine 
Truppen zu besichtigen. Nach der Revue kehrte er 
nach Prag zurück. An einen Kampf hat er nicht ge- 
dacht ft). 

♦) Mein Aufs. Jahrg. 1891 S. 332. 
**) ebenda S. 333. 
***) ebenda S. 333. A. 5. 
t) Lyncker a. a. 0. S. 180. 

tt) Brief des Kurfüi-sten an Erzherzog Kai'l vom 1. Aug. 
1809. Kriegsakten Bd. 1. S. 145. Staatsarchiv zu Marbuig. „Ich 
bin von einer Tour zurückgekommen, die ich unternommen habe, 
um meine Truppen zu sehen.*' 



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I 



389 



Beilage L 

Verzeichnis der nachweisbaren Theünehmer am Auf- 
stand XU Marburg, 

1. Johann Heinrich Sternberg aus Marburg, 
Hofrath, Professor der Medicin ; geb. 15. April 1772 
zu Goslar, erschossen am 19. Juli 1809 zu Kassel. 

2. Professor der Mineralogie Uli mann aus Marburg. 

3. Andreas Emmerich, Englischer Obrist a. D. 
aus Marburg, geb. 1737 zu Kilianstätten bei Hanau, 
erschossen am 17. Juli 1809 zu Kassel. 

4. Lieutenant Hess (Hesse) aus Marburg, Bruder 
des Verwalters der fürstlichen Kalkbrennerei (wohn- 
haft am Grün). 

5. Bürger Josbächer aus Marburg, amnestirt. 

6. Bürger Cramerdinger aus Marburg, amnestirt. 

7. Chirurg Klingelhöfer aus Marburg, amnestirt. 

8. Christian Matthaei aus Marburg, vom Tribu- 
nal special militaire zum Tode veruiiheilt, be- 
gnadigt 

9. Friedrich Keppler aus Marburg, ebenfalls zum 
Tode verurtheilt, begnadigt. 

10. Daniel Muth aus Ockershausen^ Landmann, ehe- 
maliger hessischer Soldat ; erschossen am 19. Juli 
zu Kassel. 

IL Johann Muth aus Ockershausen, vom Tribunal 
special militaire zum Tode verurtheilt, begnadigt 

12. Siegfried Vorm schlag aus Ockershausen, 28 
Jahre alt, diente 8 Jahr beim Regiment »Kurfürst« 
zu Marburg, Gärtner Sternbergs, amnestirt. 

13. Wirth Heuser aus Ockershausen, amnestirt. 

14. Daniel Haberkorn aus Ockershausen (?), am- 
nestirt. 



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390 

15. Wendel Günther aus Sterzhausen, Landmann, 
33 Jahr alt* von 1792 — 1806 hessischer Husa;-, er- 
schossen am 19. Juli zu Kassel. 

16. Johannes Moog aus Sterzhausen, 56 Jahre alt; 
ehemaliger hessischer Soldat. 29. Oct. 1810 züni 
Tode verurtheilt, zu 20 Jahr Festung begnadigt. 

17. Ludwig Koch aus Caldern, 32 Jahre alt; diente 
12 Jahr 8 Monat bei der Garde-du-corps. 29. Oc;^. 
1810 zum Tode verurtheilt, zu 10 Jahr Festiing 
begnadigt 

18. Johannes St oll aus Wenkbach, 43 Jahr alt; 
diente 27 Jahr bei der hessischen Garde in Kassel, 
29. Oct. 1810 zum Tode verurtheilt, zu 10 Jahr 
Festung begnadigt. 

19. — Schneider aus Oberwalgern, Landmann, ehe- 
maliger Soldat, amnestirt. 

20. Johann Heuser aus Ciriaxweimar, Landmann, 
amnestirt. 

21. Heinrich Rhein aus Ciriaxweimar, Landmann, 
amnestirt. 

22. Andreas Löwenstein aus Wetter, Kaufmann, 
amnestirt. 

23. Ludwig Klos aus (?), vom Tribunal special zum 
Tode verurtheilt, begnadigt. 

24. Friedrich Hohl aus (?), vom Tribunal special 
zum Tode verurtheilt, begnadigt 

25. — Günther aus (?), amnestirt. 

26. — Kimmel aus (?), ehemaliger Soldat, amnestirt. 



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391 



Beilage II*), 

Xr Hess. Geh. Acten Ißtes Coheft**) Nr. 27. 

Namentliches Verzeichnis 
derer Miütair- und Civilpersonen, welche wegen Insur- 
rektion durch ein Kriegsgericht zum Tode verurtheilt 
und erschossen worden sind. 



Tag dos i ' w^ «., ITag der Voll- 


Eintritts \ 


Vor- und Zuname. RahV I Ziehung des 
"* • 1 Urthoils. 


im Kastei. 


1809 




Zweite Insurrektion. 






29. April 


1. 


Wachtmeister im 1. 


Elbe-De- 


den 3. März 






Cuirassier-Reg. Chri- 


partement 


1809. 




stoph Honemann. 






30. April 2. 

1 


Friedrich v. Hasseroth 
Dritte Insurrektion. 


Allendorf 


den 13. May 
1809. 


1. Juli \ 1. 


Andreas Emmerich 


Im Hanau- 


denlT.July 




ehmal. Engl. Obrist 


ischen 


1809. 


;2. 


Wendel Kinder***) 


Sterz- 






Ackersmann 


hausen 






3. 


Joh. Heinr. Stemberg 
Professor 


Marburg 


den 19. 
Julyl809. 


14. Juli ^ 


4.1 Daniel Muth 


Ockers- 








Ackersmann 


hausen 





*) Einzel blatt im Staatsarchiv zu Marburg. Unten auf 
dem Blatt steht mit Bleistift: Die Haupt- und speziellen Verzeich- 
nisse finden sich in der Bibliothek zu Wilheliushöhe unter der Ru- 
brik Histoire de Hesse in einem besond. Folioband. 
♦*) nicht lesbar. 
♦*♦) Wendel Günther. 



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392 



Beilage IIL 
Verhör Sternbergs am IL Juli 1809. 
Dasselbe ist erhalten in den Untersuchiingsakten 
des L. Koch. Der Kommissar v. Wolff giebt in 
seiner Flugschrift S. 50 den Inhalt des Selbstbekennt- 
nisses Sternbergs an, das mit einem Theil des Verhörs 
Aehnlichkeit hat. Zur Vergleichung werden beide Aus- 
sagen neben einander mitgetheilt. 

Verhör. i Darstellung v. W o 1 f f s 

in. Frage. I a. a. 0. S. 50. 

Was Comparent seiner i Sternbergs selbst geschrie- 



Seits für einen Plan habe 
befolgen wollen. 

Antwort. 
Nachdem Comparent von 
der Erbitterung der Bürger 
auffallende Proben gehabt 
und von seinem Gärtner 
Vormschlag Nachrichten er- 
halten habe, dass die Bauern 
ebenso gestimmt seien, da 
er besonders gehört habe, 
dass diese Erbitterung be- 
sonders gegen einzelne Per- 
sonen gerichtet gewesen, 
da sei bei ihm der Ent- 
schluss gefasst worden, da- 
hin zu wirken, dass die 
bevorstehenden Grausam- 
keiten vermieden würden, 
und einen nicht zu ver- 
meidenden Aufstand zur 
Ordnung und einem be- 
stimmten zu leiten. 



benes Geständniss war: 



er habe durch die Besor- 
gung des Clinicums mit 
vielen Handwerkern Um- 
gang gehabt, von diesen 
das allgemein — durch die 
übertriebenen Steuern und 
das Nichtbezahlen für ge- 
schehene Lieferungen — 
verursachte Elend erfahren ; 
er hätte also, wenn er 
einige tausend Menschen 
gesammelt, mit diesen mit 
Cassel ziehen, und den 
König vermögen wollen, 
seine Finanzpläne zu än- 
dern. — 



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393 



Hierzu haben ihm die 
Subordination gewohnten 
Menschen die brauchbarsten 
erschienen und deshalb 
habe er sein erstes Augen- 
merk auf die alten Soldaten 
gerichtet. 

Zum Anführer dieser 
Soldaten habe ihm Emme- 
rich am tauglichsten er- 
schienen, weil dieser die 
Soldaten aus Amerika kenne, 
wenigstens die Alten, auch 
er von diesen gekannt sei 
und weil Comparent ihn 
für einen guten Menschen 
gehalten habe. Waren die 
Soldaten zusammen, so 
sollten sie aus sich ihre 
Anführer erhalten, und zwar 
sollte Moog aus Sterz- 
hausen den Best der alten 
Hessischen Garden und 
Vormschlag den Rest 
des ehemaligen Regiments 
Kurfürst kommandieren. 



Beilage IV. 
Briefe Stembergs an seine Frau*), 
Sternbergs Frau, Charlotte, war die Tochter des 
Kriegsraths und Stadtdirectors Georg Heinrich Siemens 

*) Die Briefe sind im Privatbesitz. Sie waren dem Ver- 
fasser von der Enkelin Sternbergs, Frau Helene Greve, geb. 
Sternberg, welche vor kurzem gestorben ist, gütigst zur Publi- 
kation zur Verfügung gestellt. . 



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394 

zu Goslar. Dieselbe hat erst sehr spät oder gar nicht 
erfahren, dass ihr Mann erschossen ist. Man liess sie 
in dem Glauben, dass derselbe an den Folgen seiner 
Krankheit gestorben sei. Sie hat daher die nachfo^ 
genden Briefe nie erhalten. Dieselbe fanden sich im 
Naehlass ihres Bruders vor und wurden dem Sohne 
Sternbergs*), der Privatdozent und Rechtsanwalt in 
Marburg war, ausgeliefert. 

Eingeleitet werden die Briefe durch ein Schreiben 
des Hauptmanns de Longe de B eauv eset**). 

Cassel den 26. Juli 1809. 
Hochzuverehrende Frau Hofräthin! 
Indem ich die Ehre habe, Ihnen einliegend drei 
Briefe Ihres verstorbenen Gatten zu übersenden, benach- 
richtige ich Ihnen zugleich, dass derCoffre in Verwahrung 
bei dem Herrn Major Krupp steht, und zu jeder Zeit 
verabfolgt werden kann. Genehmigen Sie Frau Hof- 
räthin die Versicherung meiner Hochachtung. 

de Longe de Beauveöet, 

Kappoi-teur vom Militairischec FermaneDten 
Special Tribunal 

Brief 1. 

Kastei, am Tage meiner Ankunft 
1809, Nachmittags ***). 

Mein theuerstes, inniggeliebtestes Weib! 
Kränker am Körper, als ich von dir scheiden musste, 
bin ich zwar nicht hier angekommen, aber — ich fühle 



*) geboren am 20. Juli 1809, also am Tage nach dem 
Todestage seines Vaters. Vgl. oben S. 380. Er ist der Verfasser 
einer Rechtsgeschichte. Das Geschlecht der Stembergs ist seit 
kurzer Zeit erloschen. 

**) Vgl. Brief 1. Anm. 6. 
*♦♦) Am 14. Juli 1809. — Vgl. Beilage IL S. 391. 



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396 

die Lükke neben mir, nar allzusehr ! ! Doch nein, ich 
will dir nichts davon sagen : Du weisst, was ich dir 
sagen möchte, und ich bessere dir und mir nichts damit, 
wenn ichs ausspreche. Gott wird geben, dass wir uns 
bald wiedersehen ; und dann soll alles vergessen seyn, 
— Alles Ungemach! Du kommst mir dann mit einem 
gesunden Kinde entgegen, das unseren Träumen gleicht, 
und nie werden wir wieder getrennt. meine beste 
Lotte!!! 

Mein Kopf ist mir, wie du denken kannst, sehr 
wüst, und schon, was gestern geschah, ist mir wie vor 
einem Jahre geschehen. Aber mein gefährlichster Theil, 
meine Brust, leidet doch nicht, üebrigens bin ich nur 
noch matt. 

Der Major von Krupp*), Commandant, ist ein 
alter leutseliger und menschenfreundlicher Mann. Er 
hat mir sogleich von der alten Bäthin Uli mann**) 
ein sehr gutes Bettzeug besorgt; und diese hat mir 
sagen lassen, wenn ich etwas bedürfe, so möchte ich 
es nur fordern lassen. Mein Zimmer ist gut, hoch und 
trokken, und hell. Auch mein Wärter ist, wie es scheint, 
recht gut. Das Essen hab ich heut Mittag auch recht 
gut aus einem Speisequartier gehabt. Also von dieser 
Seite habe ich in meiner Lage nichts weiter zu wünschen. 

Herr Detroy***) ist schon heute Morgen bei mir 
gewesen und hat mir etwas Schreibmaterialien gebracht. 
Ich bin dabei noch alles aufzusetzen, was ich mich nur 
irgend erinnere, und mit Wahrheit sagen kann. Auch 



*) Major von Krupp, ComuiandaDt des Kastol ia Kassel. 
*♦) Räthin Uli mann, Mutter (?) des Professors der Minera- 
logie ü. in Marburg. 

***) Detroy (Lifncker schreibt Detroit), ßeamter des Justiz- 
ministerium, war Mitglied der von Kassel nach Marburg gesendeten 
ausserordentlichen üntersuchungscommission. 



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396 

habe ich an Se. Excellenz den Hen*n Kriegsminister*) 
noch einmal geschrieben, und ihn um seine Fürsprache 
gebeten. 

Späterhin hat mich Herr Hauptmann de Lon- 
g e **) besucht. Er hat mir mit seinem biederen Ernste 
noch einmal versichert, dass er alles mögliche für mich 
thun werde : und das thut er auch gewiss, denn er hat 
ja selbst Frau und Kind! Ich besinne mich hin, und 
ich besinne mich her, was mir wohl noch zu sagen 
übrig ist, das ich aufzuschreiben hätte, und ich glaube, 
das viele Besinnen auf einen Punkt in seinen Details 
macht mir eben den Kopf erst noch recht wüst. In 
einigen Tagen erwartet man den König***), und dann 
kann die Entscheidung gleich da seyn. Ich sehne 
mich danach mit festem Vertrauen auf das Mitgefühl 
meiner Richter. Denn ich bin ja kein böser Mensch 
und nicht Anstifter. Werde ich dann nach Mainz 
gebracht, so sehe ich Dich doch einige Stunden in Mar- 
burg : und wenn Dein Wochenbett vorüber ist, kommst 
Du zu mir nach Mainz. Nicht wahr? 

0, leb wohl meine Lotte! 

Ewig dein 
Stemberg. 
(Gesehen und gelesen de Longe de Beauveset.) 
An die Frau Hofräthin Sternberg in Marburg. 

Abgeschickt von Cassel de Longe de Beauveset. 



*) Baron Eble, französischer Divisionsgeneral und General 
der Artillerie, vorher Commandant von Magdeburg. 

**)de Longe de Beauveset, Hauptmann im 3. Linien- 
regiment war le Commandant en Chef du RecnUement dans la P Di- 
vision Militaire et Rapporteur du Sr. Tribunal special militaire per- 
manentf seant ä Cassel. Er war der Vorsitzende der in A. 4. er- 
wähnten Kommission. 

***) Jerome traf am 19. Juli in Kassel ein. 



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397 

Brief 2. 

Cassel am . . July *). 
Bestes, theuerstes Weib! 

Früher konnte ich Dir nicht schreiben, so gern 
ich es auch gethan hätte: vor einem Vorwurf dieser- 
halb bin ich bei Dir ganz sicher, Du wirst dich nach 
Nachrieht von mir sehnen, und ich schreibe Dir gern 
alles, was ich Dir schreiben kann. dass ich es Dir 
mündlich sagen könnte, meine Lotte. Was gäbe ich 
nicht darum ! Aber dann würden wir eine Zeit lang 
die Vergangenheit über die Gegenwart vergessen! 

Ich weiss, Du bist für jetzt am meisten über meine 
Gesundheit besorgt, und wünschst gewiss zuerst zu 
wissen, ob meine jetzige Lage nichts mit sich führe, 
was mir besonders schaden könne. Meine liebe Lotte, 
gewiss nicht. Mache Dir darüber keine unnöthige Sorge. 
Ich habe erstlich ein gutes, hohes, trockenes Zimmer, 
das zugleich hell ist. Ich habe ferner ein Bett, das so 
gut ist, als ich es nur wünschen kann. Mein Essen 
bekomme ich recht gut : Mittags nehme ich nur Fleisch- 
brühe und Gemüse; und Abends etwas Salat und 
Braten. Oft habe ich es in diesen Tagen meiner se- 
ligen Mutter im Stillen Dank gewusst, dass ich so 
wenige Bedürfnisse kennen lernte, und in Allem, was 
Aeusseres ist, so leicht zufrieden zu stellen bin! Der 
Major V. Krupp, Kommandant, ist ein sehr leutseliger, 
menschenfreundlicher Mann : und die Aufwärter scheinen 
recht gutmüthige Menschen zu seyn, nicht so hart und 
rauh, wie man sonst wohl dergleichen Menschen zu er- 
warten hat. In einer Lage wie diese sind auch Kleinig- 
keiten gross, und es thut dem Herzen wohl, nicht auf 
Härten zu stossen. üebrigens habe ich so wohlfeil 
noch nie gelebt. Mein Befinden ist erträglich: freilich 



*) Qenaneres Datum ist nioht angegeben. 



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398 

noch immer sehr matt, und mit dem Appetit und Schlaf 
will es noch nicht fort^ mein Kopf ist wüst, aber ich 
hoffe, das wird sich auch schon geben, wenn der Sturm 
erst vorüber seyn wird. 

Täglich bin ich zweimal im Verhör. Die beiden 
Herren, welche in Marburg waren, begegnen mich so 
human, dass ich ihnen von Herzen gut bin: Auch 
nicht Ein hartes Wort haben sie mir gesagt. Ein Dritter, 
ein Offizier vom Kriegsminister, ist ebenso : er hat eine 
sehr interessante Physiognomie, und darin einen grossen 
Empfehlungsbrief für das Zutrauen; auch er behandelt 
mich ebenso. — Ich habe nichts verschwiegen, verschweige 
nichts, und werde nichts verschwiegen. Was sollte ich 
auch für Gründe dafür haben? Anfangs glaubte ich 
verhindern zu können, dass nicht Emmerichs unbeson- 
nenes Beginnen eine Menge Menschen ins Unglück 
stürzte. Dieser Grund fällt jetzt ganz weg, und ich 
würde selbst gegen Dich unverantwortlich handeln, wenn 
ich mir nicht durch reine Wahrheit eine bessere Zukunft 
sichern wollte. Jetzt erst erkenne ich, welch ein Mensch 
der Emmerich ist: ein Prahler, ein Lügner, ein Unver- 
ständiger, ein Mann, dem weder Ehrenwort, noch Hand- 
schlag heilig sind. Ich kann nichts mehr als ihn — 
verachten? nun wenigstens doch als einen Erbärmlichen 
bemitleiden, und seine Handlungsweise verachten. Ein 
Poltron ist er, und ein Aventürier. Vielleicht ist es 
hart, dass ich von einem Manne, der noch einmal so 
alt ist als ich, so spreche: aber ich habe wohl auch 
Ursache dazu. 

Ich bin jetzt ganz ruhig über mein Urtheil. Zu 
warmes Blut ist mein Vergehen, nicht ein böses Wollen. 
Vielmehr habe ich das Gute gewollt. Ich bin aufrichtig 
gewesen, und bin es noch. Und mit diesem Bewnsst- 
sein, und bei menschlich fühlenden Richtern darf ich 
ja wohl ruhig seyn. Sey du es auch, wegen der Zu- 



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399 

knnft, mein bestes Weib ! Denk zurück, wie sich in 
meinem Schicksale immer Glück aus Unglück ent- 
wickelte : und was mir so oft begegnete, kann mir auch 
diesmal begegnen. Nur das eine schmerzt mich tief, 
sehr tief, dass Du mit mir leiden musstü 

Meine Gedanken sind nun mit Dir und meinen 
Kindern *) beschäftigt, so oft ich nun nicht mit meiner 
Lage zu thun habe. Ich sehne mich nach Nachricht 
von Dir. Vielleicht hast Du die Schmerzensstunde 
schon glücklich überstanden? Gott gebe es, und kurz 
und gut! Oft sehe ich in Gedanken schon das Kind 
an Deiner Brust, das unseren beiden seltsam überein- 
stimmenden Träumen gleicht, sehe Riekchen und Lott- 
chen**) und Deine treuen Freundinnen mit der zärt- 
lichsten Sorgfalt um Dich beschäftigt. Aber lange darf 
ich mich solchen Gedanken nicht überlassen! — 

Lass mir doch recht bald Nachricht geben, wie 
Dir ist! Du weisst ja, was sie mir seyn wird. 

Leb wohl, meine Lotte ! Grüsse die Kinder, und 
alle, die uns gut sind von 

Deinem treuen 
Stbg. 

Brief 8. 
Theuerstes Weib! 

Diess ist schon mein dritter Brief an Dich, und 
Du hast meinen ersten noch nicht! Ich habe Nach- 
richt von dem Inhalt Deines Briefes (o, den innigsten 
Dank dafür!) aber ihn selbst habe ich nicht gesehen. 
Du sprichst mir Trost ein? Leider muss ich es Dir. 



♦) Es sind Lottchea und Riekchen Pflegekinder Stenibergs, 
die eine ein Kind seiner vei-stoibeneu Schwester, die andere eine 
Schwester seiner Frau. 

**) Pflegekinder Sternbergs. 



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400 

Mache Dich auf alles gefassl ...*). Es 

ist alles umsonsi In 36 Stunden bin ich nicht mehr. 
Ich habe männlich stets gehandelt, ich gedenke anch 
männlich zu sterben. Nur der Gedanke an Dich nnd 
die Kinder**), ist mir fürchterlich, fürchterlich. Vergebt 
mir! Ich riss Euch ins Unglück, weil ich die Menschen 
nicht für das hielt, was sie sind. Lebt wohl! Segen 
über Euch ! Lebt wohl ! Grüsst Carl ***), die Geschwister, 
die Freunde noch einmal und wem ich etwas belei- 
digendes gethan habe, den bittet für mich, dass er 
rairs nun vergesse; ich dagegen scheide ohne allen 
Groll. Theuerstes Weib, was hast Du mit mir nicht 
schon ertragen ! Dank für Deine Liebe, Deine gren- 
zenlose Liebe zu mir ! Gott lohne sie Dir. Wir werden 
uns wiederfinden, wieder lieben; vielleicht wo es besser 
ist. Kinder werdet und bleibt gut: ich hätte Euch 
gern gross und glücklich gesehen, aber es hat nicht so 
seyn sollen, Meineid und Verräthetei stürzen mich ins 
Grab. Seid tugendhaft, treu und fest von Wort: dann 
könnt ihr einst dem Tod ruhig ins Gesicht sehen, und 
wie es Euch auch ergehen mag, ihr werdet nie un- 
glücklich seyn. 

Noch einige Einrichtungen habe ich Dir zu em- 
pfehlen, da das ganze Vermögen Dein ist, und man das 
Deinige Dir nicht nehmen wird. 

Vor allen Dingen werden sie Dir den Wittwen- 
gehalt der Professorenwittwen nicht versagen können. 

Der Wagen, worin ich hergekommen, und der 
noch Dir und Deinen Geschwistern gemeinschaftlich zu- 
gehört, steht hier auf der Post. 



*) Zwei Zeilen sind von dem Censor, Hauptmann de Longe 
de Beauveset gestrichen. 
**) Vgl. Brief 2. A. 2. 
*''*) Schwager Sternbergs. 



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401 

Von meiner Bibliothek ist manches verliehen, tn 
dem untersten Fache links auf meinem Schreibtische 
liegt ein gelbes Büchelchen, darin ist das meiste Ver- 
liehene aufgezeichnet. Ausserdem haben nur Studenten 
noch etwas. Der Student Schmidt in Wetter hat 
noch vom Hovens Handbuch 2 Bände, — dagegen ist 
auch einiges nicht mein Eigenthum. Auf der Kammer 
in dem Präpositorium an der Bibliothekstube im 3. 
und 4. Fach stehen Bücher, die ÜUmann gehören.« 
Auf meinem Arbeitstische liegen die „Sammlungen für 
Wundärzte", die gehören dem guten Claus. Auf 
meiner Kommode liegt Wedelii de Pathologia und Lower 
de corde, die gehören zur Universitätsbibliothek. Auch 
liegt da Westra vom Spiessglanze, das gehört dem 
ältesten ITUmann. Ausserdem habe ich von Wielands 
Werken noch an den Präfeeturrath Hille und Dr. 
Grau mehre Bände geliehen. 

Ist das Unglückskind unter Deinem Herzen ein 
Knabe, so magst Du ihm nach Belieben die Bibliothek 
erhalten, ist es ein Mädchen, so verkaufe sie. Aber 
übereile Dich nicht damit, sondern verzieh, bis es 
Frieden ist, und sorge, dass der Katalog gut verbreitet 
ist. Sende ihn an Hofrath Hörn in Berlin, Professor 
Kühn und Rosenmüller in Leipzig, Professor 
Seiler in Wittenberg, Professor Gontt (?)*) und Hil- 
debrandt in Erlangen, Hofrath Ackermann in 
Heidelberg, Dr. Beyerle in Mannheim, Dr. Renard 
in Mainz, Hofrath Schäfer in Regensburg, Hofrath 
Günly in Göttingen, Dr. Mtihry in Hannover, Pro- 
fessor Pf äff in Kiel, Professor von Siebold in 
Würzburg, Professor Kramer (?)*) in Helmstedt, Pro- 
fessor Goyer und Spangenberg in Braunschweig 
u. s. w. — Am liebsten ist mirs, wenn er systematisch 



*) nicht lesbar. 

N. F. Bd. XVII. 26 



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402 

gedruckt wird, etwa in der Ordnung, wie in dem von 
mir schon angefangenen Verzeichnisse. Die Ordnung 
folgt so: erst das kleine Repositorium über der Stuben- 
thüre, dann das grössere daneben, dann das gerade 
gegenüber, dann das über der Kammerthür, dann das 
grosse daneben, dann das an der hinteren Wand, dann 
das neben dem Kleiderschranke. Die Foliobände werden 
an ihrem Orte eingeschaltet. Du kannst gleich nume- 
rieren lassen. 

Meine Hefte kann Niemand brauchen, denn sie 
sind nur meine Concepte gewesen, und ich möchte 
nicht gern, dass sie in fremde Hände kämen. — Barthn 
bitte um Verzeihung, dass ich nun mein Werk nicht 
beenden kann: es schmerzt mich bitterlich. Schicke 
ihm aus dem gelben pergamentenem Umschlag die 
bereits ausgearbeiteten Krankengeschichten (Morrom 
kennt sie) und aus der Schieblade meines Schreibtisches 
links die Abhandlung über Gallensteine. Dies mag er 
zusammendrucken unter dem Titel: Nachlese aus den 
Papieren des unglücklichen Hofrath Sternberg. 

Die ungebundenen Hefte der Jenaer Literatur- 
zeitung schicke an die Expedition zurück, und bitte 
sie dieselben wieder anzunehmen. 

Meine Musikalien betreffend, so habe ich noch 
mehreres von Uli mann, was er sich aussuchen mag. 
Was ich noch von anderen habe, und unaufgeschnitten, 
und unbeschmutzt, sende zurück. Die Suite von aus- 
geschriebenen Arien lass in den Zeitungen ausbieten, 
so auch die Partituren. Wo bei den ausgeschriebenen 
Arien die Singstimmen fehlen, lass sie von Zeiss dazu- 
schreiben. Findet sich nicht zu dem Ganzen ein Käufer, 
so lass einen Katalog drucken und vertheilen. Mehreres 
liegt bei Arnoldis, Heins, und Möllers. Meine 
Variazionen suche in einer guten Buchhandlung anzu- 
bringen, so auch meinen Monolog, den du durch den 



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403 

Professor Buch er wieder erhalten wirst. Meine Flöte 
lass dem Professor Uli mann, meine Geige verkaufe. 
Meine neuen Klarinetten, (nebst den beiden Schnäbeln, 
die auf der Bibliothek auf dem Tische liegen,) wird 
Meyer in Goslar Dir am besten anbringen können. 
Eine Klarinette hat Peter noch, sie ist etwa 4 Rthlr. 
werth. Die B-Klarinette mit A-Stück, welche Karl Dir 
senden wird, wird Peter für 5—6 Rthlr. gern behalten. 
Peter hat auch noch ein Bassethorn; beide können für 
5 ßthlr. verkauft werden. Die Oboen gehören Zeiss. 
Den Flügel behalte doch zum Andenken. Meine Bratsche 
verkaufe auch. Von Schmitz ist noch eine Violine ohne 
Bogen da; von Gillen eine mit Bogen, die bei der 
Hein oder Möller liegt. Das Papier wird Krieger 
behalten oder Boyerhäster. 

Lass meine Zuhörer zusammen kommen, und 
ihnen durch Uli mann für ihren Fleiss und ihre Liebe 
danken, besonders Claus und Kronemeyer. — 
Wächtern und Bauern lass ein Lebewohl sagen. 
Und allen meinen Freunden. — Besonders danke Ar- 
noldis, Heins, Möllers, grüsse Schmitz, Pistors, 
Schindlers, Gillens, Schlarbaums, ganz vor allen 
Dingen aber den guten Uli mann und üsener für 
ihre treue Liebe zu mir. — Von üsener habe ich noch 
einen Band von Eichhorns Geschichte, er liegt in 
meiner Bibliothek. 

Vermuthlich wirst Du bald nach Goslar ziehen. 
Was der Nachfolger unserer Wohnung im Garten be- 
halten will, zu meinen Anlagen gehörig, das lass ihm 
um billigen Preis, damit er sich, wer es auch sein 
möge, zuweilen meiner im Guten erinnere. 

Wo werden die Kinder bleiben ? Lottchen nimmt 
vielleicht Koch in Hamburg. Oder die Familie erzieht 
sie nach Deines seligen Vaters Willen. Für Riekchen 

26* 



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404 

sorgen vielleicht mehrere zusammen, Schlüter und Grum- 
brechts etc. Sag ihnen, ich empfehle sie ihnen. 

Lotte! Dich nicht noch einmal sehen, die 
Kinder nicht noch einmal, dies ist mir schrecklich, 
schrecklich peinigend. Ich hätte ja gerne Tagelöhner- 
arbeit gethan, wenn ich nur bei dir geblieben wäre ! 
Aber es sollte nicht seyn *) 

Die Fakultätsakten und das Fakultätssiegel (es 
liegt in meiner mittelsten Schreibtischschublade) wird 
Busch zusammennehmen und abholen. 

Unseren Mägden danke nochmals für ihre treue 
Anhänglichkeit, welche sie mir in den letzten Tagen 
meines Aufenthaltes in Marburg so sehr bewiesen haben. 

Schuldig bin ich auch noch an die Musiker für 3 
Konzerte, jedem ä 8 ggr. für das Konzert, und an Rein 
für einige Buch Papier ä 30 xr. 

Die Notenpulte gehören Zeiss bis auf den braunen 
und noch zwei andere. Schmolz hat noch Musikalien, 
die zu den Andreeschen gehören, nämlich 4 oder 6 
(ganz neuer) Violinkonzerte. 

Meine Briefschaften und Papiere, die nicht Fami- 
liensachen betreffen, kannst Du alle verbrennen : sie 
können für Niemand weiter Werth haben, oder von 
Nutzen seyn, selbst meine medizinischen Manuscripte 
nicht ausgenommen, da sie noch nicht korrigiert sind, 
und der Korrektur erst noch bedürften. 

Zur Standhaftigkeit will ich Dich nicht ermahnen, 
Weiber, wie Du, werden selten geboren. Du hast Kraft 
in Dir, und ohne mich je zu vergessen, wirst Du doch 
auch von dena harten Schlage nicht ganz niedergebeugt 
werden. Du bist ein herrliches Weib, eines günsti- 
geren Loses würdig ! Gott gebe Dir glücklichere Zeiten. 



*) Drei Zeilen sind von der Censur gestrichen. 



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405 

Ich will sehen, ob ich Dir nicht noch etwas von 
meinen Haaren schicken kann. Du hasts doch gern, 
und kannst es neben Jennys und Philipps *) Haaren legen. 
Wohl Euch, ihr ruhenden Kinder! 

Am 18. J. 

Leb wohl, bestes Weib, in ein paar Stunden bin 
ich nicht mehr. Auch der König ist angekommen **), 
aber — keine Gnade. Leb wohl! Küsse die Kinder! 

Ewig dein 

Slbg. 

Brief 4. ***) 

Kassel 1 Stunde vor meinem Tode, f) 

Hier bestes Weib! noch eine Haarlokke! Noch 

eilt Lebewohl dazu Dir und den Kindemi Gott sey 

mit Euch ! Er verzeihe allen, die unrecht thun ! Sieh, 

ich bin voll Fassung! Eltern, Geschwister, Kinder! 



*) Kinder Stembergs, die im frühen Kindesalter gestorben 

sind. 

**) Jerome traf am 19. Juli in Kassel ein ; daraus folgt, dass 
der Schluss des Briefes am (Morgen des) 19. Juli geschrieben ist. 
(Vgl. Beilage V.) 

***) Wolff kannte diesen Brief ; vielleicht ist der Brief durch 
Wolff an seine Adresse gelangt. Er theilt denselben in seiner 
Schrift aber nicht genau mit. Die Fassung bei Wolff lautet : a. a. 

0. 8. 50. 

Kassel am 19. Juli 1809. 

Liebe Lotte! 

In einer Viertelstunde ist mein Ende da, ich sterbe ge- 

ti'östet, überzeugt, dass ich nichts Böses wollte, noch gethan — 

ja, ich bin so gefasst, dass es mich schmerzen würde, wenn der 

König mir jetzt noch Onade wiederfahren liess. Fasse auch Du 

dich und sey gewiss, dass ich auch noch jenseits bin 

Dein Sternberg. 

Dank noch einmal dem Generalkommissair von Wolff. 

t) 19. Juli X809 4— ö Uhr Nachmittags. 



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406 

Bald werd ich bei Euch seyn! Bald in einer besseren 
Welt! . . .*) 

Nie bin ich böse gewesen. Menschenwohl war 
mein höchstes Ziel ! Pfarrer Götz ist bei mir gewesen : 
die Unterhandlung mit ihm war mir erhebend, denn 
seine Ideen sind die meinigen. hätt ich Euch nicht, 
Weib und Kinder, wie gerne schied ich aus einer 
Welt, die mir nur Jammerthal war. Die Freuden 
gingen meinen Leiden voraus, um diese desto fühlbarer 
zu machen. Genug ich habe ausgekämpft. Nie war 
mein Herz böse. 0, an Dir und an den Kindern, wie 
innig es daran hängt, das fühle ich jetzt. Aber ich 
will Mann seyn, wie ich immer gewesen bin. Und 
wenn mir der König Gnade geben wollte — nein diese 
Beschimpfung ist zu gross. Gott sorge für Euch und 
sey Euer Vater! Lebt wohl. 

Ewig Dein Sternberg, 

Dank dem G. K v. Wolff. **) 



Beilage V. 

Bericht des Commandanten des Kasteis, Major von 
Krupp über Stembergs Ende, 

Castel zu Kassel den 23. Juli 1809. 

Herr General-Commissair ! 

Ich beehre mich, Sie zu benachrichtigen, dass 

zwey Briefe von Ihnen mit Einlagen an den Herrn Hofrath 

und Professor richtig eingelaufen sind. Die erstere, 

nehmlich der Brief von dessen Frau Gemahlin, wiurde 



*) Von der Censur gesüichen. 
**) Steht am Rande dos Briefes. Vgl. v, Wolff a. a. 0. S. 50. 



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407 

mit Genehmigung der Üntersuchungs-Commission Ihm 
eingehändigt ; und zwar am nehmlichen Tag, an welchem 
er durch den Ausspruch des Kriegsgerichts zum Tod ver-* 
urtherlt ward. Die Fünfte Stunde Mittags den 19. 
Dieses war es, in welcher er mit noch zwei des Auf- 
ruhrs Angeklagten und Ueberwiesenen durch ein mili- 
tairisches Kommando zum Executions-Platze geführt 
wurde. Die Zeit vom Mittag bis dahin um 5 Uhr 
dauerte ihm so lange, dass Er oft nach dem Fenster 
eilte, um zu sehen, ob das für Ihn bestimmte Com- 
mando noch nicht komme. 

Mit ausserordentlicher Standhaftigkeit betrat er 
den Executions-Platz ; überreichte hier den obgedachten 
Brief seyner Frau mit einigen Zeilen von ihm selbst 
begleitet des Inhalts : „dass Se. Majestaet der König die 
zurücklassenmüssenden Seinigen mit einer Pension be- 
gnadigen möchte", dem commandirenden Offizier, mit 
Bitte ihn Sr Majestaet selbst oder durch einen anderen 
einhändigen zu lassen; er trat einige Schritte zurück, 
verband sich selbst die Augen, und empfing so das ihm 
zuerkannte Bley. Morgens schon nahm er schriftlich 
Abschied von seiner Frau, liess sich eine Haar-Locke 
abschneiden, und bath, diese als letztes Andenken von 
ihm aufzubewahren. Die Üntersuchungs-Commission nahm 
jenes Vermächtniss, weil sie Bedenken trug, ohne Vor- 
wissen Sr Excellenz des Kriegs-Ministers es fortschicken zu 
dürfen, mit unter der Versicherung nach erfolgter höherer 
Genehmigung es der Behörde sogleich zu übermachen. 
Die zurückgelassenen Kleidungsstücke, Uhr, ein Louisdor 
und einige ggr. an Geld etc. finden sich in seinem ver- 
schlossenen Coffre, wozu ich dem Capitaine Rappor- 
teur de Longe den Schlüssel übergab, nebst einem 
Bette den Pfühl und Kissen, unter meinem Gewahrsam, 
und ich erwarte nur die Nachricht, wann und wohin 
ich diese zur weiteren Besorgung absenden soll. Die 



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408 

zweite Einlage habe ich anliegend die Ehre zu remit- 
tiren, und Sie meiner vorzüglichsten Hochachtung zu 
versicheren. 

Der Commandant des Castels: 
(gez.) Krupp. 

Dem Herrn von Wolff. 

General-Commissair der Ober-Polizei 
im Werra-Departement 
zu 

Marburg. 




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409 



X. 

Beiträge znr Geschichte des Landgrafen 
Hermann II. von Hessen. 

Von 
Friedrich KUch. 

Vorwort. 

|ie im Folgenden gegebenen Beiträge beziehen sich 
^auf einige för die Geschichte Hermanns des Ge- 
lehrten, wie fiir die des Landes Hessen gleich wich- 
tige Begebenheiten. Die kriegerischen Verwickelungen, 
welche der Eintritt des ursprünglich zum Geistlichen 
bestimmten Neffen Heinrichs H. in die Regierung zur 
Folge hatte, sind zu verschiedenen Zeiten der Gegen- 
stand eingehender Spezialuntersuchungen gewesen. Wenn 
hier noch einmal auf diese wegen der Kargheit iind 
Unsicherheit der chronikalischen Nachrichten und der 
Nüchternheit der urkundlichen Zeugnisse sehr lücken- 
haft und häufig in schlechter Beglaubigung uns über- 
mittelten Begebenheiten zurückgekommen wird, so ge- 
schieht es, um auf eine in den bisherigen Darstel- 
lungen unberücksichtigt gelassene Quellenkategorie hin- 
zuweisen, die mehr als jede andere geeignet ist, die 
Chronisten auf ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen und sie 
zu ergänzen, £s sind dies die Rechnungen der land* 



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410 

gräflichen Beamten (Amtleute, Schultheissen, Rent- 
meister). 

Zum Zwecke der RechnungHablage führten diese 
Verwalter der landesherrlichen Einkünfte über Einnahmen 
und Ausgaben genau Buch, und am Schlüsse des Jahres 
oder am Ende der Amtsführung wurden die Tag für 
Tag gemachten Aufzeichnungen in ein Heft oder einen 
Rotulus zusammengeschrieben. In ruhigen Zeiten sind 
diese Rechnungen ihrem Inhalte nach ziemlich dürftig 
und bieten meist nur wirthschaftsgeschichtliches In- 
teresse, in kriegerisch bewegten Jahren dagegen schwellen 
sie durch die grosse Zahl der ausserordentUchen Aus- 
gaben an und gewinnen dadurch eine erhöhte Bedeu- 
tung, dass im einzelnen Falle mit grösserer oder ge- 
ringerer Ausführlichkeit der Anlass für die gemachte 
Ausgabe oder Einnahme angegeben wird. So kommt 
es, dass sie neben einer Fülle gleichgültiger oder nur 
lokale Bedeutung habender Notizen häufig Nachrichten 
über wichtige politische Ereignisse bringen, von denen 
unsere chronikalischen und urkundlichen Quellen schwei- 
gen, und der Werth dieser Notizen ist um so grösser, 
als die einzelnen Posten oft auch mit genauer Tages- 
angabe eingetragen sind. 

Die hier herangezogenen Rechnungen, die sämmt- 
lich im Staatsarchiv zu Marburg aufbewahrt werden, 
dürfen auch noch deswegen eine besondere Bedeutung 
beanspruchen, weil sie zu den ältesten landgräflicfa- 
hessischen Einnahme- und Ausgaberegistern gehören, 
die sich überhaupt erhalten haben. Sie sind als Bei- 
lagen den einzelnen Abtheilungen beigefügt, aber 
nur im Auszug, da die Wiedergabe der ganzen Rech- 
nungen einen unverhältnissmässig grossen Raum er- 
fordert hätte. Immerhin glaubte ich mich bei der 
Auswahl der abzudruckenden Partieen nicht auf das be- 
schränken zu sollen, was in der Darstellung selbst ver- 



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411 

wendet worden ist; ich habe vielmehr auch eine Reihe 
von sonstigen Notizen aufgenommen, die entweder in 
den Zusammenhang gehörten oder mir wichtig er^- 
schienen; so Nachrichten über den jeweiligen Aufent- 
halt der Landgrafen, über Ankunft und Abreise be- 
merkenswerther Persönlichkeiten, über Botensendungen 
u. A. m. Die einzelnen wörtlich wiedergegebenen Posten 
sind des leichteren Citirens wegen numerirt. Bei der 
Behandlung des Textes sind im Allgemeinen die in den 
„Deutschen Reichtagsakten" zur Anwendung gekom- 
menen Grundsätze massgebend gewesen. Die in den 
Originalen ausschliesslich verwandten römischen Ziffern 
sind durch arabische ersetzt worden. 

I. Der Stemerkrieg*). 

Der Sternerkrieg hat in dieser Zeitschrift bereits 
durch Landau"**) eine eingehende Behandlung gefunden, 
die besonders durch die Heranziehung eines reichen 
Urkundenmateriales von Werth ist. Unter den von 
ihm abgedruckten Beilagen zeichnet sich vor Allem der 
Briefwechsel zwischen Landgraf Hermann und dem 
Grafen Gottfried IX. von Ziegenhain ***) durch den sich 
auch mit den kriegerischen Ereignissen beschäftigenden 
Inhalt aus. Leider hat aber Landau diese Schriftstücke, 
welche ohne Jahresdatum sind und nur zum Theil den 
Tag der Ausfertigung enthalten, in ein falsches Jahr 
gesetzt und dadurch die chronologische Folge der Be- 



*) Das Nachstehende bildet den Inhalt eines am 2. März 
1892 in der Monatssitzung des Z^'eigvereins Marburg gehaltenen 
Vortrags. 

**) Die Rittergesellschaften in Hessen während des 14. und 
15. Jahrh. 1840 Suppl. I S. 24—90. Vgl. Colombel, der Steruer- 
bund u. Ruprecht d. Streitbare von Nassau. Nass. Annaleu Bd. 8 
S. 293 ff. 

*♦*) S. 108-114. 



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412 

gebenheiten und ihren uräächlichen Zusammenhang in 
arge Verwirrung gebracht. Dies soll im Folgenden be- 
richtigt werden. 

Ehe auf diese Dinge näher eingegangen wird, 
dürfte eine kurze Üebersicht der in Betracht kommenden 
chronikalischen Quellen geboten sein, da dieselben von 
Landau ohne genügende Kritik benutzt worden sind. 

Eine, gleichzeitige hessische Chronik aus dieser 
Zeit besitzen wir bekanntlich nicht '*^); dafür treten aber 
einige gleichzeitige Chronisten benachbarter Gebiete 
ein: die Limbnrger Chronik des Johann Elhen Von 
Wolfhagen**), zwei anonyme inhaltlich nahe verwandte 
thüringische Chronisten***) und die Mainzer Bischofs- 
chronik f). Alle stimmen im Wesentlichen überein, sie 
behandeln aber den Krieg ziemlich kurz und be- 
schränken sich auf die Hauptsachen. Dazu kommt 
eine Anzahl späterer Autoren: der thüringische Chro- 
nist Johann Eotheff), der die eben genannten thürin- 
gischen Chroniken benutzt, sie aber mit einer ganzen 
Reihe detaillirter Nachrichten ergänzt, die nicht selten 
Erzeugnisse seiner Phantasie sind ; dann ein Hersfelder, 
der gegen Ende des 15. Jahrhunderts eine thüringisch- 
hessische Chronik geschrieben hat ff f). Auch er be- 

*) Mit Ausnahme der kurzen Aufzeichnungen eines Kasse- 
lanere aus den Jahren 1 385-— 1388 in der „Hessischen Zeitrech- 
nung", wieder abgedruckt von Friedensbvrg in dieser Zeitschrift 
N. F. 11 S. 310 f. 

**) Ausg. von Wyss in Monum. Germaniae hist., Deutsche 
Chroniken TV 1 S. 62 f. 

♦♦♦) Anonymus Erphesfordensis bei Pistorius - Strttve rer. 
Germ. Script, ed. 3 Bd. I S. 1351 ff. und Historia de landgravüs 
Thuringiae bei Eccardus Histor. geneal. princ. Saxoniae sup. S. 460. 
Hierher gehört auch das Chronicon Thuringicum bei SckÖttgen u. 
Kreyssig^ Diplomataria et scriptt. S. 103. 

t) Hegel, Chroniken der deutschen Städte 18 S. 188. 
ff) V. Liliencrofh Thüring. Geschichtsquellen Bd. 3 S. 620 ff. 
ttt) Senckenberg, Seleota juris et historiarum Bd. 3 S. 365 ff. 



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413 

nutzt die anonymen thüringischen Clironisten, fügt aber 
eine Anzahl anscheinend auf mündlicher Tradition be- 
ruhender Nachrichten, meist von lokal hersfeldischem 
Charakter, hinzu. Die Reihenfolge der Ereignisse be- 
handelt er sehr willkürlich. Der Frankenberger Chronist 
Wigand Gerstenberg hat den Vorzug, dass er in seinen 
beiden Werken *) die von ihm benutzten Quellen in der 
Regel angibt; für den Sternerkrieg sind es die Lim- 
burger Chronik, eine thüringische Chronik und die ver- 
lorene Hessenchronik, der einige glaubwürdige Nach- 
richten zu entstammen scheinen. Auch er fügt einige 
aus mündlicher Ueberlieferung hervorgegangene, auf 
Frankenberg bezügliche Mittheiiungen, hinzu. Schliess- 
lich sind noch zu erwähnen : der Hersfelder Chronist 
Nohen **), Wigand Lauze ***), die Hessische Reim- 
chronik f) und die Kasseler Congeries f f ). Alle diese 
sind Compilationen aus den uns grösstentheils be- 
kannten älteren Quellen. Nur Lauze bat daneben ur-. 
kundliches Material benutzt ; was er aus eigenem Wissen 
hinzufügt, ist in der Regel falsch. 

Was nun die Vorgeschichte des Sternerbundes 
betrifft, so kann im Allgemeinen auf die Ausführungen 
Landaus verwiesen werden ff f). Als der einzige Sohn 
L. Heinrichs H., Otto, gestorben war, waren vom 



*) Thüringisch-hessische Chronik bei Sehmincke Monim. 
Hass. tom. II 8. 490 ff., die sog. Riedeselschen Excerpte, die nur 
einen Theil desselben Werkes bilden, bei Kuchenbecker^ AnaL Hass. 
C'oU. III S. 24 ff. und die Frankenberger Chronik bei Kttchen- 
heeker Anal. Coli. V 8. 204 ff. 

**) Senekenberg, Selecta juris et hist. Bd. 5 8. 438 ff. 
***) Handschriftlich auf der Landesbibliothek zu Kassel fol. 
262 ff 

t) Kuehenbecker, Anal. Hass. Coli. VI S. 280 ff. 
ft) Nebelthau in Zeitschr. f. hess. Gesch. u. Ldskde. Bd. 7 
S. 309 ff 

ttt) a. a. 0. S. 24 f. 



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414 

Mannesstamm des hessischen Fürstenhauses nur noch 
am Leben der Bruder Heinrichs IL, Hermann, der un- 
verheirathet und hochbetagt war, und Hermann, beider 
NefFe. Der ältere Hermann hatte sich bereits am 24. 
August 1366 mit seinem Neffen in Betreff der even- 
tuellen Erbfolge geeinigt und der Rückkehr des jüngeren 
Hermann, der Domherr in Magdeburg war, in den welt- 
lichen Stand lag nichts im Wege*). Ueber den Zeit- 
punkt, wann dieser von seinem Oheim zur Mitregie- 
rung berufen wurde, wissen wir nichts Bestimmtes. 
Landau schliesst aus der angeblich bereits am 15. März 
1367 vollzogenen Verlobung Hermanns mit Johanna 
von Nassau, dass wegen der kurzen Zeit, die zwischen 
dem Todestag Ottos (9. oder 10. Dec. 1366) und diesem 
Termin gelegen habe, die Berufung sofort erfolgt sein 
müsse und bekämpft aus demselben Grunde die Erzählung 
der späteren Chronisten, wonach Heinrich 11. ursprünglich 
seinen Enkel Otto, den Sohn seiner Tochter Elisabeth 
und des Herzogs Ernst von Braunschweig, für die 
Nachfolge bestimmt habe, deren dieser aber durch eine 
voreilige Aeusserung verlustig gegangen sei**). Die 
Angabe des Verlobungstages ist aber falsch. Die Ur- 
kunden, auf welche sich Landau stützt***), sind datirt: 
1367 Montag nach Reminiscere, aber nach dem Trierer 
Styl ; dies würde, da der Trierer Jahresanfang bekannt- 
lich der 2B. März ist, dem 6. März 1368 nach unserer 
Bezeichnung entsprechen. Die betreffenden Urkunden 
enthalten die Wittumsverschreibung für Johanna von 
Nassau und den Befehl an die Burgmannen und Bürger 
Giessens, ihr zu huldigen. Sodann handelt es sich hier 



*) Landau a. a. 0. S. 26 A. 1. 

**) Der Ansicht Landaus tritt auch FHedensburg bei, Zeit- 
schrift N. P. Bd. 11 S. 10 Anm. 

***) Wenck, Hess. Landesgesch. Urk. 2 S. 431 u. 432 und 
Kuehenbeeker, Aual. hass. coli. II S. 273. 



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415 

nicht um die VerlobuDg, sondern die Vermählung Her- 
manns mit der damals noch nicht dreizehnjährigen Jo- 
hanna war bereits vollzogen *), wahrscheinlich an dem- 
selben Tage. Als Tag der Verlobung ist vielmehr der 
17. November 1367 anzusehen, an welchem die Ehe- 
beredung aufgesetzt wurde**). Die ersten mir be- 
kannten Fälle, wodurch Hermanns Auftreten als Nach- 
folger in Hessen urkundlich bezeugt wird, sind zwei 
ürfehdebriefe vom 6. Mai 1367, die die Gebrüder 
Ludeger, Adam und Johann Grebe und die Gebrüder 
Johann und Jordan von Reen dem L. Hermann, dem 
Jüngeren und dem Lande zu Hessen ausstellen***). 

Trotzdem hierdurch der Zeitraum zu dem „Zwischen- 
akt für Herzog Otto" vergrössert wird, lassen es doch 
die übrigen von Landauf) geäusserten Bedenken als 
höchst unwahrscheinlich erscheinen, dass L. Heinrich 
bei Lebzeiten eines männlichen Sprossen seines Hauses 
dem Sohne seiner Tochter bindende Versprechungen in 
Betreff der Nachfolge gemacht habe. Es sind zudem 
nur die späteren Chronisten, welche dies überliefern 
und ihre Erzählungen tragen das Gepräge des Sagen- 
haften an der Stirn. Wie die Sage entstanden ist, ist 
übrigens leicht ersichtlich. Sie geht zurück auf die 
anonymen Thüringer Chronisten, welche berichten, dass 
Hermann bei seinem Oheim nicht besonders beliebt 
gewesen sei und dass die Sterner die Absicht gehabt 
hätten, den ersteren aus seinem Erbe zu vertreiben ff). 

*) Johanna wird ausdrücklich als Hermanns eheliche Frau 
bezeichnet. 

♦♦) Wenck a. a. 0. S. 432-434. 

***) Orig.-Urkk. im Staatsarchiv Marburg, Abt. Fehde- und 
Sühnobriefe. 

t) a. a. 0. S. 31. 

tt) S. 0. S. 412 Anm. 3 (Landgravius), qui non habuit hae- 
redem, nisi filium fratris non multum dilectum, quem exhaeredi- 
tare nitebantur. 



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416 

Rothe hat dies nach seiner Art ausgeschmückt und 
sagt, Otto sei seinem Grossvater lieber gewesen als 
Hermann und hätte das Land gern an sich gebracht, 
was aber nicht angegangen sei. Dies hat sich schliess- 
lieh in die von den späteren Chronisten wiedergegebene 
Erzählung ausgestaltet. 

Viel grössere Wahrscheinlichkeit hat die Annahme 
Rommels*), dass Heinrich seinem Enkel Hoffnung 
auf die Erbschaft hessischer Gebietstheile, etwa Be- 
sitzungen an der Werra, gemacht habe. Hierfür spricht 
nicht nur der am 3. August 1371 abgeschlossene ziegen- 
hainisch-braunschweigische Ehevertrag**), wonach Otto 
seinem Schwager Gottfried als Brautschatz tausend 
Mark von dem nach Heinrichs H. Tode zu erwartenden 
Anfall von dem Lande zu Hessen verschreibt, sondern 
auch das uns von dem Hersfelder Anonymus ***) er- 
haltene Bruchstück eines Volksliedes, dessen Ursprung 
nicht weit hinter diesen Ereignissen liegen kann. Die 
Weigerung Hermanns, sich auf die Abtretung eines 
Theils seiner Erbschaft einzulassen, wird dann den 
Bund gegen ihn in's Leben gerufen haben, der es sich 
schliesslich zum Ziel setzte, ihn ganz aus seinem Erb- 
theil zu verdrängen. 

Dass Otto von Braunschweig der Urheber und das 
eigentliche Haupt des Bundes war, wird von den zu- 
verlässigsten Chronisten übereinstimmend berichtet. Die 
Mainzer Bischofschronik nennt ihn den capitaneus der 
Sterner, die beiden anonymen thüringischen Chronisten 
sagen : „quorum capitaneus principalis erat Otto dux 
Brunswigensis et adhuc tres alii" und dementsprechend 
die Limburger Chronik: „mit namen was der (geselle- 
schaft) ein anheber herzöge Otte von Brunswig . . . ,, 

*) Geschichte von Hessen Bd. 2, Anm. 62, S. 125. 
**) Landau a. a. 0. S. 106, fälschlich unterm 2. August. 
***) Smckenberg, Selecta Bd. 3, S. 376. 



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417 

der grebe von Zigenhan, grebe Johan von Nassau we 
herre zu Dillenberg, der grebe von Catzenelnbogen, her 
Johan von Büdingen unde anders die herren" etc. Erat 
Gerstenberg, dem Landau folgt, nennt als den Haupt- 
mann des Bundes den Grafen Gottfried von Ziegenhain. 
Die Zahl der Theilnehmer wird übereinstimmend auf 
2000 Ritter und Knechte mit 350 Schlössern angegeben. 

Was nun den Verlauf des Krieges selbst betrifft, 
so mag zunächst der hauptsächlichste Irrthum Landaus 
berichtigt werden. 

Unsere zuverlässigste Quelle, die Limburger Chronik, 
meldet zum Jahre 1372, dass Landgraf Heinrich Feind 
des Herrn (Friedrich) von Liesberg, eines Mitgliedes 
des Sternerbundes, geworden sei und deshalb seinen 
Neflfen Hermann mit mehr als 1000 Rittern und Knechten 
vor den Herzberg geschickt habe. Der habe zur Be- 
lagerung dieser Burg ein Haus aufgeschlagen^ sei aber 
durch die Sterner, die mehr als 1500 Mann stark heran- 
gezogen seien, abgetrieben worden, worauf die Sterner 
das Land bis Fritzlar verwüstet hätten. Dort hätten 
sie sich nach acht Tagen aufgelöst. L. Hermann habe 
dann den „täglichen Krieg'^ gegen die Sterner mit 
grossem Erfolge „bei Jahr und Tag" fortgesetzt. Aehn- 
lich lauten auch die Berichte der anonymen Thüringer 
Chronisten. Man sieht, die gleichzeitigen Chronisten 
betrachten die Unternehmung gegen den Herzberg und 
den Entsatz durch das Sternerheer als das Hauptereignis 
des Krieges, soweit er wenigstens in Hessen geführt 
wurde. Die genannten Quellen geben übereinstimmend 
das Jahr 1372 als die Zeit des Zuges an. Landau da- 
gegen setzt das Ereignis in das Jahr 1371 und beruft 
sich dabei auf den von ihm abgedruckten Briefwechsel, 
hauptsächlich ein undatirtes Schreiben des Grafen Gott- 
fried von Ziegenhain an die Stadt Marburg*), indem er 

*) A. a. 0. 8. 112. 

N. F. Bd. XVII. 27 



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418 

folgendermassen argumentirt*): „Der Graf spricht hier 
mit klaren Worten von der Belagerung des Herzbergs 
und dem Entsätze durch die Sterner, indem er sich 
wegen der auf dem Heereszug vorgefallenen Verwü- 
stungen rechtfertigt. Den Vorwurf dieser Verwüstung 
enthält schon der landgräfliche Brief vom 30. November 
1371. Da nun in dem Schreiben des Landgrafen vom 
2. September und der Antwort darauf noch nicht davon 
die Rede ist, so muss die Belagerung etc. in den Oktober 
oder Anfang November 1371 fallen." Nun hat aber 
das Schreiben an Kassel**) gar nicht das Datum des 
30. November 1371, sondern enthält nur das Tages- 
datum : Sonntag vor Nicolai ; dies kann aber ebensogut 
der B. December 1372 sein. Die ganze Beweisführung 
Landaus schwebt demnach in der Luft. Dass aber der 
Kampf um den Herzberg in der That dem Jahre 1372 
gehört, wie unsere zuverlässigen Chronisten berichten, 
dafür liefern die Aufzeichnungen des Marburger Rent- 
meisters Heinrich von Eckerichsberg den sicheren Be- 
weis ***). Dass die Belagerung auch nicht „in den 
Oktober oder Anfang November" fällt, wird später zu 
zeigen sein. 

Landau war nun, da die Fehdeerklärungen und 
andere urkundliche Zeugnisse deutlich für das Jahr 
1372 als erstes Jahr des Krieges sprechen, genöthigt, 
die Belagerung des Herzbergs und den Zug der Sterner 
nach Fritzlar als „Feindseligkeiten vor dem Beginn der 
Fehde" f ) aufzufassen. In Folge dessen stehen die Be- 
gebenheiten, die er zum Jahre 1372 schildert, ohne 
rechten Zusammenhang da, während sie mehr oder 
weniger mit dem Zug nach dem Herzberg in Verbindung 
stehen. Ohne auf die dadurch hervorgerufenen weiteren 

*) 8. 41, Anm. 2. — **) S. HO. 
***) Beilage Nr. 91. — f) A. a. 0. S. 39. , 



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419 

Irrthümer Landaus näher einzugehen, mögen deshalb 
im Folgenden die Ereignisse des Jahres 1372 in kurzen 
Zügen geschildert werden. 

üeber den Zeitpunkt der Entstehung des Bundes 
wissen wir nichts Bestimmtes. Nicht unwahrscheinlich 
ist die Vermuthung Landaus, dass schon am 5. Oktober 
1369, als Friedrich von Liesberg, einer der bedeutendsten 
Theilnehmer des Bundes und der Besitzer des Herz- 
berges, bei Herzog Otto in Münden war, die Vorberei- 
tungen dazu getroffen wurden. Jedenfalls dauerten die 
freundlichen Beziehungen Heinrichs IL und Ottos auch 
nach Hermanns Verlobung und Eintritt in die Mitregie- 
rung fort, ein Grund mehr zu der Annahme, dass Ottos 
Absichten nicht von Anfang an auf die Nachfolge 
Heinrichs H. in Hessen gerichtet waren. Auch in dem 
Ehevertrag vom 3. August 1371 verpflichtete sich Otto 
u. A., ohne seinen Schwager Gottfried von Ziegenhain 
kein Abkommen mit Hessen (in Betreff der auf ihn 
fallenden hessischen Erbschaft) zu treffen und noch am 
5. Oktober dieses Jahres sehen wir L. Hermann als 
Ottos Gast einem Turnier in Göttingen beiwohnen*). 
Erst nach dieser Zeit kann also der Bund mit seiner 
gegen Hessen gerichteten Tendenz hervorgetreten sein, 
wahrscheinlich zu Anfang des Jahres 1372, denn am 
16. Februar erliessen die Landgrafen ein Ausschreiben 
an die oberhessische Ritterschaft, sich nicht am Sterner- 
bunde zu betheiligen **). 

Hermann muss überhaupt sehr rührig gewesen 
sein, seine Streitkräfte gegen die Sterner zu sammeln 



*) a O. Schmidt, Götting. Urkundenbuch Bd. 1 S. 291. 
**) LmidaUf a. a. 0. S. 115 aus Lauzes Chronik. Unter den 
Orten, an welche das Ausschreiben gerichtet ist, hat L. durch 
üeberschlagung einer Zeile ausgelassen : „Hoemberg auf der Ohme, 
Nordecken, Gruenberg*' (hinter „Schweinsperg'' einzuschalten). 

97 * 



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420 

und auch ausserhalb Hessens Ritter und Knechte an- 
zuwerben*), denn als er gegen den Herzberg zog, 
gebot er über eine für die damalige Zeit recht stattliche 
Macht. Auch war er eifrig bemüht, sich durch Bünd- 
nisse zu kräftigen**) und die Aemter und Burgen mit 
geeigneten und energischen Männern zu besetzen***). 
Nach allen diesen Vorbereitungen kann Hermanns Lage 
beim Beginn des Krieges nicht so trostlos gewesen sein, 
wie die späte chronikalische Ueberlieferung sie hinstellt, 
und man wird die dramatische Scene auf dem Markte 
zu Marburg, wo Hermann die Bürger mit Thränen in 
den Augen um Hülfe gebeten haben soll, da er seine 
Anhänger mit einem Hellerbrode speisen könne f), in 
das Reich der Fabel verweisen müssen; die Erzählung 
ist wohl nur die sagenhafte Umgestaltung der oben 
erwähnten Abmahnung vor dem Sternerbund. 

Den Ausbruch des Krieges kann man mit ziem- 
licher Wahrscheinlichkeit in den Anfang Mai setzen ; 
damals sandten die Anhänger des Landgrafen dem Grafen 
Gottfried von Ziegenhain ihre Fehdebriefe ff ). Zu 

*) Meist thüringische und eichsfeldische. Von einigen haben 
sich die Quittungen über erfolgte Besoldung erhalten; so quittii-en 
am 4. Jan. 1373 die Wäppner Herman und Curt von Hastenbeck, 
Eckebrecht von Vimkin und Johan von Stedere den LI. Heinrich 
und Hermann über Sold und Gleviengeld für sich und die Wäppner, 
die sie in ihre Dienste gebracht haben, am 13. Jan. quittiren Diet- 
rich Schuwe und Curt von Ossen, am 28. April Reinhard Eadgebe, 
Fritz von Teytelebin und Albrecht Hofmeister, am 21. Mai die 
Brüder Cuit und Jan von ElMsleybin, Heinrich von Husin, Curd 
Wendekod, Hans von Frymar u. A., am 16. Mai 1374 Curt von 
Natza über Schuld und Schaden, „den ich vordinet unde gnmnmen 
hatte in erme dinste du sii kregin mid den Sternern". Orig.-Urkk. 
im Staatsarch. Marburg, Abt. Quittungen. 
**) Vgl. Landau a. a. 0. S. 60. 

♦**) Ders. S. 47. 
f) Euchmheckery Anal. CoU. IH S. 27 f. 

tt) Vgl. Landau a. a. 0. S. 48. 



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421 

gleicher Zeit muss auch der Kampf gegen den Bischof 
Heinrich von Paderborn entbrannt sein, der von den 
Brüdern Werner und Heinrich von Gudenburg, den In- 
habern der Aemter Wolfhagen und Freienhagen, mit 
Erfolg geführt wurde *). Ihnen gelang es am 17. Juli **) 
den Bischof mit einer grossen Zahl seiner Anhänger 
gefangen zu nehmen. Von dem Krieg gegen Ziegenhain 
wissen wir wenig. Den Hauptschlag versuchte Hermann 
durch die Eroberung der Burg Herzberg zu führen. 

Dass das Unternehmen nicht, wie Landau will, in 
den October oder November fällt, sondern bereits im 
Juli oder August ausgeführt sein muss, dafür sprechen 
folgende Gründe. Aus der im Anhang abgedruckten 
Amtsrechnung geht hervor, dass der Zug vor den 29. 
September fallen muss. In dem Briefe L. Hermanns an 
die Stadt Cassel vom 5. December 1372 ***) macht dieser 
dem Grafen Gottfried unter Anderem den Vorwurf, dass 
er „Kirche und Kirchobe gebraut und geschint" und 
seine Klöster gebrandschatzt hätte. Gottfried erwidert f), 
dergleichen sei ohne sein Verschulden geschehen, als 
L. Hermann vor dem Herzberg gelegen hätte und die 
Sterner ihm nachgezogen seien, um ihn zu suchen. 
Nun berichtet Gerstenberg ff) — die bestimmte Tages- 
angabe lässt eine gute Quelle vermuthen — , dass die 



*) Schon kurz vorher hatten sie mit Glück gegen west- 
phälische Gegner gekämpft. Am 24. März d. J. rechnen sie mit 
den Landgrafen ab ,,azgenomen .... siüchen schaden, den sie 
nomen uf dem walde, alse sie die von der Brackinburg unde die 
von Hedemynne niderworfin'^. Cop. im Staatsarch. Marburg, Gen. 
Kep. Wolfhagen. 

'*'*) Die Angabe des Tages stammt von Lanze, aus unbekannter 
Quelle, das Faktum berichtet auch die Mainzer Bischofschi-onik. 
***) Lcundau a. a 0. S. 111. 

t) Ebenda S. 112. 
tt) Sehmmeke^ Mon. Haas. Bd. 2 S. 492. 



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422 

Sterner am 14. und 15. August das Kloster Cappel be- 
raubt hätten. Man darf wohl annehmen, dass L. Her- 
mann diese That meinte, als er dem Grafen den er- 
wähnten Vorwurf machte, und wird danach die Belagerung 
der Burg Herzberg kurz vor diese Zeit setzen dürfen. 
Landau bezieht sich noch auf den Brief des L. Hermann 
an „seinen lieben Neffen", den Grafen Gottfried*), der 
Mittwoch nach Aegidii datirt ist, und worin er sich 
entschuldigt, dass seine Mannen den Grafen geschädigt 
hätten. Aber dieser Brief, der offenbar an den jüngeren 
Gottfried gerichtet ist, — der Vater starb am 8. October 
1372 — ist jedenfalls erst am 2. September 1373 ab- 
gefasst, zu einer Zeit, wo die Landgrafen mit den Ster- 
nern in Unterhandlung standen**). 

Erwähnt werden muss noch die von den beiden 
anonymen Thüringer Chronisten gebrachte und von 
Rothe erweiterte Nachricht, dass auch Markgraf Bal- 
thasar von Meissen-Thüringen an der Belagerung Theil 
genommen habe. Dieser Bericht, welcher von Landau***) 
angezweifelt wird, gewinnt aber dadurch an Glaub- 
würdigkeit, dass in dieser Zeit, am 12. August 1372, 
Graf Hermann von Beichlingen, Graf Heinrich von 



*) Lcmdau a. a. 0. Ö. 109, 1. 

**) Man kann die Zeit der Ankunft des L. Hermann in Mar- 
burg aus den Angaben des Marburger Rentmeisters berechnen. 
Wenn dieser seit der Rückkehr des Landgi*afen vom Herzberg bis 
Michaelis 18 Malter Korn und 86 ^z« M. Hafer^ und von Michaelis 
bis Pauli Bekehrung, also in 118 Tagen, 6OV2 Malter Korn und 
180 M. Hafer verausgabte, so kommt man auf eine Durchschnitts- 
summe von 46 Tagen, die zwischen der Ankunft des Landgrafen 
und dem 29. September liegen, diese würde also etwa am 14. Aug. 
erfolgt sein. Die Berechnung kann natürlich auf Genauigkeit keinen 
Anspruch machen, da der Verbrauch an Getreide nicht immer 
derselbe war. 

*♦♦) A. a. 0. S. 42. 



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423 

Schwarzburg u. A. wegen des Markgrafen Balthasar 
dem Grafen Gottfried die Fehde erklärten*). 

Den Abzug des L. Hermann vom Herzberg und 
die Verfolgung durch die Sterner hat der anonyme 
Hersfelder Chronist**) mit einer ganz sagenhaften Er- 
zählung durchflochten, die ihm auch getreulich nach- 
erzählt worden ist. Der Landgraf und sein Heer hätten 
beim Herannahen der Sterner kaum Zeit zum Aufbruch 
gehabt, seien eilig nach Hersfeld geflohen und von den 
Bürgern, trotzdem sich Abt Berthold selbst als Sterner 
zu erkennen gegeben habe, mit knapper Noth in Sicher- 
heit gebracht worden. Aus dem eben angezogenen 
Briefe des Grafen Gottfried von Ziegenhain geht aber 
hervor, dass die Sterner dem Landgrafen gar nicht so 
dicht auf den Fersen waren ***), und ferner kann man 
aus der Stelle der beigegebenen Marburger Amtsrech- 
nung f): „do min juncher der lantgrefe uz dem here 
quam und daz große folk tzü Marpurg quam von dem 
Hirtzberge", folgern, dass L. Hermanns Abzug nicht 
nach Hersfeld, sondern in der entgegengesetzten Rich- 
tung, nach Marburg, stattgefunden hat ff). Unterdessen 
zog das Sternerheer sengend und brennend nach Fritz- 
lar ff f), wo es sich nach einiger Zeit auflöste. 



*) Ebenda S. 50. 

**) Senckenh&rg, Seleota Bd. 3 S. 385 zum Jahr 1376. 
***) „Do zogen yme unsir herrin, wir und unsir gesellin nach 
und suchtin in an den stedin, do unsir herrin, uns und unsir ge- 
sellin duchte.*' 
t) Nr. 91. 
tt) Der Herzberg liegt etwa 4 Stunden östlich von Alsfeld 
und für L. Hermann war diese landgräfliche Stadt leichter zu er- 
reichen, als das weiter gelegene Hersfeld. 

ttt) Nach Lauxe a. a. 0. wurde bei dieser Gelegenheit die 
nicht lange vorher erbaute Freiheit von Homberg i. H. nieder- 
ge]brannt 



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424 

Während . die Unternehmung L. Hermanns gegen 
den Herzberg an der üebermacht der Gegner scheiterte, 
gelang dagegen die Eroberung einer anderen feindlichen 
Burg, des Schönsteins, welche ebenfalls in dieser Zeit 
erfolgt sein muss. Öer Schönstein war eine Ziegen- 
hainische Feste westlich von Jesberg und im Pfand- 
besitz der von Gilsa. In einer Urkunde vom 9. Mai 
1376*) erwähnt Johann von Gilsa eine Verschreibung 
des Grafen von Ziegenhain und sagt : „daz wir den brieff 
virloren, do die lantgrebin daz hus Schonstein gewonnen.*' 
Auf dies Ereigniss ist es jedenfalls zurückzuführen, dass 
am 26. September 1372 Henne von Gilsa dem Grafen 
von Ziegenhain einen erzwungenen Fehdebrief sandte **); 
die Eroberung der Burg muss also vorher erfolgt sein. 
Im Juni 1373 war sie, wie aus der Marburger Ämts- 
rechnung hervorgeht***), bereits im Besitze des Land- 
grafen. Auch Borken, Bomrod und Falkenstein scheint 
L. Hermann damals in seine Gewalt gebracht zu 
haben f ). 

Das Operationscentrum aller dieser Unternehmungen 
wird Marburg gewesen sein, wohin L. Hermann den 
grössten Theil seines Heeres geführt hatte ff). Nach 
der Limburger Chronik hatte er mehr als 600 Gleven 
Ritter und Knechte im Sold, mit welchen er den Kampf 
gegen die Sterner im kleinen Krieg fortsetzte. Auf der 
Marburg wurde im Herbst und Winter fleissig daran 
gearbeitet, die Keller für die Aufnahme der Gefangenen 



*) Landern a. a. 0. S. 153. 
**) Ebenda S. 49. 
♦♦♦) Beil. Nr. 52 u. 53 zum 25. Juni; L. Hermann verpro- 
viantirte damals den Sohönstein. 

t) Vgl. den oft erwähnten Briefwechsel und die Erörterungen 
Landatis a. a. 0. S. 43 Anm. 1 u. 2 und S. 44 Anm. 1. 

ff) Die ausserordentlichen Ausgaben an Korn und Hafer in 
der Marburger Amtsrechnung dauern noch bis zum 25. Jan. 1373. 



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425 

in Stand zu setzen *) und die Burg vertheidigungsfäfaig 
zu machen **). 

Von der Theilnahme Ottos von Braunschweig an 
diesen Kämpfen im hessischen Gebiet wissen wir nichts. 
Nach Rothes Bericht wurde der Krieg gegen ihn ge- 
meinsam durch hessische und meissnische Truppen ge- 
führt, welche (im J. 1373) seine Stadt Dransfeld ein- 
nahmen und ausraubten. 

Während des Winters ruhte in Oberhessen der 
Streit mit den Wafifen, er wurde aber zwischen L. Her- 
mann und Graf Gottfried um so eifriger mit der Feder 
fortgesetzt. Der Ziegenhainer schrieb an hessische 
Städte und den alten Landgrafen und machte dem L. 
Hermann die bittersten Vorwürfe wegen aller möglichen 
Uebelthaten. Der Landgraf blieb nichts schuldig, er 
sandte seine Entgegnungen an die Städte^ die sie wieder 
an den Grafen beförderten ***). Landau hat aus einer 
Aeusserung des Landgrafen in einem dieser Briefe f) 
einen voreiligen Schluss auf dessen Charakter gezogen, 
der auch für spätere Beurtheiler massgebend gewesen 
ist und deshalb hier berichtigt werden mag. Graf 
Gottfried hatte ihm den Vorwurf gemacht, dass er einen 

*) S. Beil. Nr. 4, 5, 9—12. 

**) Beil. Nr. 13—15. Besonders interessant ist die aus Nr. 18 
und 19 hervorgehende Thatsache, dass bei der Armirung derBuig 
bereits Feuerwaffen eine Rolle gespielt haben. Nach Wivkdnmnn 
(Chronik S. 343) soll L. Hermann 1380 „die damalen neu erfundenen 
Büchsen'* bei der Belagerung von Hatzfeld zuerst angewandt haben. 
Ich glaube auch, dass in dem Brief des Grafen Gottfried v. Z. 
{Landau a. a. 0. S. 109), in welchem sich dieser beschwert, dass 
L. Hermann „ubir unsen bodin rante, der unse bussin trug, und 
brach yme dy äff**, nicht von „Gerichtsbußen", wie Landau (S.39) 
annimmt, die Rede ist, sondern ebenfalls von einer Feuerwaffe. 

***) Landau a. a. 0. Die Reihenfolge und Datirung der Schrift- 
stücke ist nach dem Vorstehenden zu berichtigen. 

t) Landau S, 114; vgl. auch Nr. 5 S. 113, 



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426 

gräflichen Diener, Wigand von Dietersbausen^ fler doch 
nicht sein Feind wäre, gefangen genommen habe, worauf 
L. Hermann erwidert: „Oich als her schrybit ume Wi- 
gande von Dytirshusen, wissit, daz wir des grebin, sines 
landes und lüde fyent sin und wollin, daz wir er vele 
hettin". Landau fasst diese Aeusserung so auf, als 
hätte sich der Landgraf in frevelhaftem üebermuth 
möglichst viele Feinde gewünscht, während er nur sagen 
will, da er des Grafen und seiner Leute Feind sei, 
könne er sich nur wünschen, möglichst viele von ihnen 
zu Gefangenen zu haben. L. Hermann war eine rück- 
sichtslose und energische, beinahe starrköpfige Natur, 
aber derartige Prahlereien lagen ihm fern. 

Dieser Briefwechsel scheint den Anlass zu den 
ersten mündlichen Unterhandlungen mit den Sternern 
gegeben zu haben. Ende Januar 1373 fand in Fritz- 
lar, vielleicht unter Mainzischer Vermittelung, eine Zu- 
sammenkunft statt, die von landgräflicher Seite mit 
dem Deutschordenskomthur zu Marburg*) und dem 
landgräflichen Kanzler Peter beschickt wurde**), lieber 
die dort gepflogenen Verhandlungen ist uns nichts be- 
kannt, sie müssen aber jedenfalls erfolglos gewesen 
sein, denn im Frühjahr brach die Fehde aufs neue aus, 
die diesmal hauptsächlich in den solmsischen und 
nassauischen Gegenden wüthete***). Aber auch Ober- 
hessen wurde wieder durch den Krieg heimgesucht ; und 
u. A. hatte Marburg einen ernstlichen Angriff der 
Gegner auszuhalten. Wenigstens entnehmen wir den 



*) Johann vom Hein (nach Deutschordensurkk. im Staats- 
archiv Marburg). 

**) Beil. Nr. 23. Unsere Rechnung ist die einzige Quelle, 
die die Kunde von diesen und den späteren Verhandlungen er- 
halten hat. 

***) Ueber diese Kämpfe vergl. Latidau, Rittergesellschaften 
S. 56 ff. und Golombel a. a. 0. 



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427 

Aufzeichnungen des Marburger Rentmeisters, dass bei 
einem feindlichen Angriff das Thorhaus an der Burg 
niedergebrannt wurde*). Den Kampf gegen den Ziegen- 
hainer führte L. Hermann bis zum Sommer fort, wie 
aus den Lebensmittelsendungen desselben Rentmeisters 
nach Kirchhain zur Verproviantirung des Schönsteins 
hervorgeht**). 

Im Juli wurden die Verhandlungen mit den Ster- 
nern wieder aufgenommen. Gegen Ende dieses Monats 
fand eine Zusammenkunft in Bürgein östlich bei Mar- 
burg statt***), der am 19. September eine zweite folgte f). 
Zwischen diese beiden Tage fällt eine abermalige Be- 
lagerung der Burg Herzberg, die Kraft Rode, der Amt- 
mann zu Marburg^ leitet« ft)» 

Mit dem Ende des Jahres 1373 war die Kraft 
des Sternerbundes gebrochen. Zwar hatte das land- 
gräfliche Gebiet viel unter dem Kriege zu dulden ge- 
habt fff), und die Landgrafen hatten eine Schuldenlast 
auf sich geladen, die für die innere Entwickelung des 
Landes von verhängnisvollen Folgen war, aber es war 
doch der Thatkraft L. Hermanns gelungen, sich das 
Erbtheil seines Oheims ungeschmälert zu erhalten. Man 
muss auch das Geschick bewundern^ mit dem er durch 



♦) Beil. Nr. 48. Diese Reparatur wurde etwa Mitte März 
gemacht Vgl. Nr. 29. 

*♦) Beil. Nr. 52 u. 53 mit dem Datum des 26. Juni. Vgl. 
oben S. 424. 

***) Beil. Nr. 59. Da der nächste Posten unterm 25. Juli 
notirt ist, wird dieser erste Bürgeier Tag ungefähr in dieselbe Zeit 
oder nicht lange vorher fallen, 
t) Beil. Nr. 90. 

tt) Beil.. Nr. 65. — um dieselbe Zeit wurde auch an der 
Befestigung der Marburg fleissig gearbeitet, wie aus Nr. 57, 58, 
63, 67-73 hervorgeht. 

ttt) Man vgl. z. B. was Geretenberg von den Drangsalen 
erzählt, die seine Vaterstadt Frankenberg durch die Wostphalen 
zu erleiden hatte. Kuehenbecker^ Anal. Coli. V S. 205. 



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428 

eine Reihe von Bündnissen*) die auswärtigen Mit- 
glieder des Sternerbundes im Schach zu halten ver- 
stand, während er selbst im eigenen Lande die Gegner 
einzeln niederwarf. Auf diese Weise brachte er es zu 
Stande, dass, wie die Thüringer Chronisten sagen, der 
Bund bereits im dritten Jahre seines Bestehens zerfiel, 
und seine Mitglieder sich schämten, fernerhin die Sterne 
zu tragen. 

Am 6. December 1373 wurde L, Hermann der 
Preis des Kampfes zu Theil, als er aus den Händen 
Karls IV. die Landgrafschaft Hessen zu Reichslehen 
empfing und zugleich die kaiserliche Genehmigung zu 
der am 9. Juli 1373 geschlossenen Erbverbrüderung 
mit Thüringen-Sachsen einholte. Im Verlauf des Jahres 
1374 schloss eine ganze Reihe von Mitgliedern des 
Sternerbundes einzeln ihren Frieden mit dem Land- 
grafen, das deutlichste Zeichen, dass der Bund zer- 
fallen war ; am 4. Februar Friedrich von Lisberg, An- 
fang März die von Eisenbach, im Juni die von Hatz- 
feld. In einer Urkunde vom .2. Juni 1374 bezeichnet 
Hans von Reckerod, der ehemalige Amtmann in Roten- 
burg und Friedewald, den Krieg als bereits im März 
erloschen**). Freilich dauerte es noch fast ein Jahr, 
ehe auch das Haupt des Bundes, Herzog Otto von 
Braunschweig, sich unter dem Druck der gegen ihn 
geschlossenen Bündnisse zum Frieden fügte***), wenn 
auch nur zum Schein; denn er wartete nur auf eine 
günstige Gelegenheit, um sich den Gegnern des ver- 
hassten Rivalen aufs neue in die Arme zu werfen. 

*) Das Nähere über diese Verträge bei Landau a. a. 0. 
S. 52 ff. 

**) Orig.-Ürk. im Staatsarchiv Marburg, Abt. Quittungen. 
***) Ueber das Ende des Krieges vgl. Landau a. a. 0. S. 62 ff. 



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429 



Beilage. 

Atisxiig aus dem Einnahme- und Ausgaberegister des 

landgräflichen Rentmeisters Heinrich von Eckeriehsberg *) 

XU Marburg 1372—1373. 

Diu ist min usgebin in dem andern jare nSccclxxii. 
L Tzum erstin uff unser frowen abint nativitatis **) ^^^2 
loste ich uz der herberge in Thiderich Schützen ' 
hus den von Brandinfels, hern Heinrich von Stoc- 
husin und hern Kolmetz vor 9 lib. h. 5 s. und 

3 h.***). 

2. Item ich gab Theynharte mins herren boden 4 gross, 
tzü tzerne und daz fudir wynes uf den wegin tzü 
fuUene, daz tzü Grunenberg geladin wart. 

3. Item von dem obene uf der bürg tzü machene, 
eynen nüwen hals und eynnen nüwen herd darin, 

4 gross. 

4. Item meystir Heinrich dem steynmetzin von eyme 
nüwen obinloche und von eyme steyne dar vor 
tzü howene und von eynir treppin und von tzwen 
wengim f) in dem kelre, dar dy gefangen under der 
großin stobin inne sitzen, 10 gross. 

5. Item von dem nüwen bergfride by der küchene 
und von dem schribhüz uswendig tzü bewerfene 

*) In dem Register selbst tovrd der Name des Rentmeisters 
nicht genannty dagegen wird in einer Urkunde von 1372 Mai 24 
her Heinrich von Eckerich esberge als reutmeister zu Alsfelt und 
zu Margbürg erwähnt. Staatsarchiv Marburg^ Abt. Quittungen. In 
einer ürk. von 1374 Apr. 8 kommt Heinrich vom Etchosberge als 
rentemeystir tzü Marpurg vor. Ebenda, 

**) Die Tagesbexeiehfiung ist nachträglieh übergeschrieben. 
***) Die vorkommenden Bexeiehnungen der Oeldsorten sind: 
üb. h = Pfund Beüer, s, sol. h = Schilling, h, hll. = Heller, 
gross. = Groschen, 

f) üeber die Bedeutung des Wortes vgl. Schiller u. Lübben, 
Mittdniederd. Wörterbueh Bd. ö, S, 670, 



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430 

und in dem großin kelre eyn stücke eynir müren 
Widder tzü machene und löchere hinder der al- 
müsinkamern tzü stoppene, da daz waßir in der 
gefangen kelre ging, 6 gross. 
6. Item ich koyfte eyn vas wynes umme Johanne von 
Martorf, daz myme herren tzü Cassel ward, daz 
behilt funftehalbe ame unde koste 51 lib. h., daz 
halbe vor 17 h. 

Ausgaben für den Ankauf eines weiteren Fasses Wein 
und für den Transport nach Cassel 
Sept. 7. Item in der fronefastin vor Michahelis den por- 
15—18. tenern, tornhudern, wechtern, wingertir und dem 
armborstir 14 lib. h. und 5 s. h. 

Ausgaben für Kelterarbeiten, Ablehnung von Hand- 
werkern und Knechten und Anschaffung von Oeräthen. 
Zfec.^ S^ Item in der fronefastin in dem advente*) den por- 
tenern, thornhudern, wechtern, wingertir und dem 
armborstir 13 lib. h. und 5 s. h. 

Verschiedene Ausgaben, hauptsächlich für Handwerker- 

arbeiten auf der Burg. 
9. Item Hennen steynmetzen von fünftehalbin tagen 
tzü erbeydin in den tzwen kelrin und der küchen, 
da dy gefangen in gesast wordin, fünftehalbin gross. 
10. Item den tzymerluden von tzwen türin darvor tzü 
machen und anders des in den kelrin not was, da 
dy gefangen sitzen, IV2 lib. h. und 2 s. h. 
IL Item umme gehenke und gesmyde tzü denselben 
türen 6 gross. 

12. Item umme tzwey sloz mit tzwen kethin an dy 
seibin türe 8 gross. 

13. Item den tzymerludin von der tzogebrucken daz 
holtz tzü walde tzü howene und sie tzü machene, 
8 lib. h. 



15-18. 



*) aduuente Orig. 



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431 

6 

14. Item vir knechtin, dy ien hülfen dy brücken abe 
brechen und dy tzogebrucken dar henken, hebin 
unde tragen, 1 lib. h. 

15. Item dem smyde vor ysinwerg und vor gesmyde, 
daz tzü der brücken quam, und vor sin arbeyd 6 lib. 
h. und 4 h. 

16. Item von eyme nüwen slagen vor dem hein tzü 
machen, IV2 lib. und 2 s. h. 

17. Item um butirn 4^/2 gross. 

e 

18. Item von eynir ryndeshut und vir kalbizfellin tzü 
gerwen tzü den tzübrochen bußin 6 gross. 

19. Item dem korsner dy büßin und dy pulwe tzü newen 
und tzü büßen, 4 s. h. 

20. Item umme gugeler tzü den pulwen 32 h. 

21. Item den segern 3 lib. h., dy dyl tzü snydene tzür 
tzogebrucken und tzü eynir nüwen portin vor dy 
bürg. 

22. Item dem sloßir von eyme nüwen schanke *) in dem 
kleynen kellir tzü beslahin und um gehenke unde 
sloz dar an, und von dren andern sloßin an dy bü- 
telige **) und an dy kamern undir der cappellen, 
11 gross. 

23. Item uf den mantag vor conversionem Pauli reyd 1373 
ich tzü Alsfelt mit dem kumtur tzü Marpurg und J^^- ^^' 
mit hern Petir, mins junghern schribir, do sie vor- 

baz ryden gein Cassel, um den tag mit den Sternern 
tzü Fritzlar tzü leystin, unde gald vor sie in Ede- 
linde Stebins hüz IV2 lib. h. 

24. Item ich bleyb lengir dar dorch des tzolliz und- ander 
geschefFede willen und vortzerte 6 gross. 



*) = Sehrank. 
**) = Wohnung des Biätels? 



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432 

Avisgaben für Bierbrauen, Dcictideckerarbeiien auf der 
Burg und Arbeitslöhne. 

Febr, 26. 25, Item uf den sünabind vor Esto michi reyd ich tzü 
Alsfelt von geheyße mins junghern des lantgreven, 
da uf tzü hebin dy rente, daz ich da myde betzalte 
junghern Heinrich von Nassowe und junghern Jo- 
hanne von Solmes ir bürglehen, darum sie do 
phenden woldin, den mir enward da nicht, und vor- 
tzerte 6 gross. 

26, Item ich gab demselben junghern Heinrich von 
Nassowe 5 marg tzü burglene von geheiße mins 
junghern, daz sind 9 üb. h. 

27, Item junghern Johanne von Solmes 12 marg, daz 
ist 21 Vs lib. h *), auch tzü burglene. 

Löhne für Knechte und Mägde, 

Marx 16, 28, Item uf dy mittewochen vor Oculi sand ich myme 
herren dem lantgreven eynen salmen, den koyft ich 
vor 5 lib. h. und 2 gross. 

Arbeitslöhne u, A, m, 

Marx 29, Item in der fronefastin nach dem Eschedage den 
portenern, tornhudern, wechtern, wingertir und dem 
armborstir 13 lib. h. und 5 s. h. 

30. Item meystir Heinrich dem steynmetzen und sime 
gesellin 8 lib. h. den hürnen vullen tzü machen in 
dem höbe. 

31. Item demselbin steynmetzen 3 lib. h., steyne tzü 
brechin tzü demselbin burnen. 

32. Item tzwen knechtin, dy den burnen osetin **) unde 
fegetin, 4 gross, ane 4 h. 



9—12. 



*) Loch im Papier. 
*♦) osen = ausschöpfen. 



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433 

Andere Attsgaben xu de^nselben ZfU)€cke und Löhne für 
Biittfier und Schröter. 

33, Item meystir Heinrich dem tzymerman von dren 
tagen dy blocher in dem walde tzü howene, dar 
man dy dyl uz sneyt tzür bruckin und tzü dem 
bürgtore, 6 s. h. 

34, Item demselbin von dren tagen dy benke in der 
küchene tzü behowene und widder tzü machene 
und anders da inne tzü machene, des not waz, 
und von eyme schanke in dem kleynen kelre tzü 
machene, 6 s. h. 

35, Item demselbin von 5 tagen dy dyl tzü richtene 
und dy tzogebrucken umme damyde tzü bewedene 
und eyne nüwe bone uf dem torne tzü machin, 10 s. h. 

e 

36, Item demselbin von vir tagin, dy winden ubir dem 
bürnen in dem höbe by tzü ruckene und sie anders 
tzü setzene, daz man den burnen geosin mochte 
und dy winden do tzü legene und von spanbettin *) 
uf der bürg tzü machene, 8 s. h. , 

37, Item demselbin von 5 tagin ein nüwe to und eyner 
nüwe portin in den heingartin tzü machen und 
von ander erbeyd in dem hofe 10 s. h. 

38, Item demselbin von tzwen nüwen gatern uf dem 
sale an dy poteligen tzü machin, 7 s. h. 

39, Item Syffride dem smyde 5 gross, vor 9 nüwe spad- 
ysin in den heingartin. 

40, Item demselben 32 h. vor 4 klamern, dy vir steyne 
oben uf dem burnen t^üsamene tzü klamerne. 

41, Item dren knechtin, dy dy erdin widder um den 
bürnen fürten und trugen, 5 s. h. 

42, Item tzwen steynmetzen, dy den burnen mit eyme 
steinwege umme gredetin, 28 s. h. 

43, Item eyme knechte, der ien half, 8 s. h. 

*) = Bettstellen. 

N. P. Bd. XVII. 28 



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434 

44, Item eynen gross, um eyn ysern band anden an 
daz tor in dem hofe. 

45. Item 4 gross, um gehenke, nebele und gesmyde an 
daz tor unde portin in dem beingartin. 

46, Item 2 s. b. um gebenke an dy tzwene gadern uf 
dem sale an der potelige. 

AiLsgaben für Bierbrauen u. A. 

47, Item Wentzeln dem smyde 2^2 lib. b., 6 s. b. und 
2 b. um tzw nüwe ysirn scbufeln umme dry nüwe 
kerste unde von 27 kerstin tzü irlegene in dem 
wingarten. 

48. Item von eyme stucke der müren by dem obirstin 
tore in dem wingartin, do dy viende daz torbüz 
abbranten, gab icb tzwen steynmetzin 18 gross, vor 
reebtiz ....*) tzü macben. 

49. Item Ruprecbt Wisgerwir 38 lib. b., dy gefilen von 
der bede zu Lare. 

Ausgaben für aufgeführtes Bier und Hafer, 
Juni 5^. Item in der fronefastin tzü pbinkestin den tom- 
^~'^^' budern, den dorwertern, den wecbtern, dem win- 

gertir und dem armborstir 13 lib. b. und 5 s. b. 
51, Item 26 guldin, daz sind 23 lib. b. und 8 s. b., vor 
tzwey dücb, mins berren und jungbern dyner mit 
tzü kleydin. 
Juni 25, 52, Item uf den sunabent nacb sente Jobannis tage des 
toyfirs sant icb mime jungbern dem lantgrebin 
12 stocfiscbe tzüm Kircbein^ dy kostin 2 lib. b., 
do man den Scbonenstein spisete, 

53. Item 3 lib. b. um brot, daz oucb dar quam tzum 
Scbonensteine. 

54, Item eyme, der gertin biew tzü dem tzün an den 
wingartin uf der bürg by der smittin und tzü dem 

*) Loch im Papier. 



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436 

heingartin unde wellin unde dornir dartzü^ 11 gross, 
ane 4 h. 

55. Item tzwen knechtin, dy den tzün machtin und 
welleten und eynen nüwen weg machtin in den 
heingartin, 28 s. h. 

56. Item eyme knechte, der yn half, 6 s. h. 

57. Item tzwen steynmetzin den swynstal under dem 
bachüz tzü gredene und dy müren by der smittin 
tzü hochene und tzü horstene und eyn swellen in 
mins herren stalle uf der bürg undir tzü mürne, 
21 s. h. 

58. Item eyme knechte, der ien half, 6 sol. h. 

59. Item des abindiz, do der burggrebe her Johan von 
Beldirsheim und dy andern quamen von dem erstin 
tage, den man tzü Birgein mit den Stern ern geley- 
stit hatte, gab ich 8 s. h. um eyn virteyl gudiz 
wines. 

60. Item um sente Jacobiz tag gab Heinrich den karten- Jidi 25, 
knechten *) in dem höbe ein phund heller vor sinen 
halbin Ion. 

Ausgaben für Lohn und Wein. 

61. Item ich reyd gein Alsfelt von geheyße mins jung- 
hern, dy vorwerg tzü vorpachtin und den tzol tzü 
bestellene und hern Stebin, dem pherrer, sin gelt 
tzü betzalne, unde waz da tzw nacht und vor- 
tzerte 6 gross. 

Verschiedene kleinere Ausgaben. 

62. Item die mure in dem hofe by dem mitte .... **), 
da von gab ich 5 gross widder y. . . . **). 

63. Item dy wand in dem brühuse hin ....**) unde 
braute ; dy lies ich abbrechen . . . **), so lies ich 



*) So^ wohl karrenknecläe. 
**) LöcJier mi Papier, es feJilen jedesmal etwa 4 — 5 Worte. 

28* 



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436 

eyne muren machen dar by von .... biz an dy 
müren, dy iimme den hop get; davon gap ich 
6 gross. 

64. Item Emerich mins herren knecht der mich w . . . 
.,.*), daz Krone tzü Ludi ,...**) gestorbin 
were und wolde sich* unde ....*) hain von mins 
heren wegen, waz sie gesassin hette, des enwoldin 
yme dy voyde tzü Alsfelt nicht gehengen vnd reyd 

Avg. 29. darumme dar uf sente Johannis tag, als he ent- 
hoybtit ward, und vortzerte 6 gross, und mir en- 
ward da nicht. 

Ausgaben für Handwerkerarbeiten. 

65. Item demselbin ***) von zweyn tagin von vier blochern 
in dem walde zcü hauwen zcü den tylen, die her 
Graft Rode vor den Hirtzberg lech, 4 sol. hll. 

66. Item Cünen, sime gesellen, 2 gross. 

67. Item demselbin meistir Heinriche von zwein tagin 
daz holtz in dem walde zcü hauwen zcü eyme 
nüwen tore uff dem steinwege vor der ußern portin 
geyn der stad uff der bürg, 4 sol. hll. 

68. Item Conen, syme gesellen, 2 gross. 

69. Item demselbin meistir Heinrich von 15 tagin, daz- 
selbe tor unde eyne portin zcü machen, Vk lib. hll. 

70. Item Conen, syme gesellen, 15 gross. 

71. Item von dem seibin tore zcü deckene, dy bredir 
tzü howen und tzü nüwen, 10 s. h. 

72. Item dem smede umbe gesmyde darzcü 1 lib. h. 

73. Item umb zwey sloz dar ane 16 gross. 

74. Item demselben sloßer 8 s. h. vor nüwe sloßele und 
sloz Widder tzü machen uf der bürg und in dem hofe 
und van krappen tzun kanelin uf der bürg 4 sol. hll. 



*; Fehlt etwa 1 Wort. 
**) Ijoch im Pa^ner, Ludirbach? 
***) sr. Meiste?' Heinrich^ detn 2^immermann. 



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437 



Ausgaben für Botenlohn: 

75, Item eynem bodin zcü Honberg zcü Heinrich von Nese, 
du Wigand von Erfirshusen die swin genommen 
hatte, 20 hlL 

76, Item eynem boden zcü Kongisberg 30 hll., daz he 
die swin ließe holen zcu Marpurg. 

77, Item eynem bodin zcü Cassel zcü myme jünchern 
unde vorbaz geyn Grebinstein durch der mesteswine 
willen 5 gross. 

78, Item uflf sante Stephans tag eynem boden zcü Wettir 1372 
10 hll. nach Johann schriber unde sime gesellen, ^^• 
du man die habirn setzin solde. 

79, Item eyme boden zcu Damme nach Gumpracht von 
Stedebach durch dezselbin willen ouch 10 hll. 

80, Item uff unser frauwen tag purificationis eynem 1373 
bodin zcü Cassel zcü myme jünchern, unde muste ^^' ^' 
man yn vorbaz suchen mit bryben hern Stebins 

unde Petirs, 6 gross. 

81, Item eynem zcü Heinriche von Nese durch der ha- 
birn willen zcü Wettir 30 hll. 

82, Item eynem bodin geyn Wettir zcur eptißen unde 
zcu den von Fleckebol umbe er 8 marg, die sie 
myme herren geben, 1 sol. hll. 

83, Item eynem boden, der myme herren den salmen 
zcü Cassel brachte, 2 gross. 

84, Item eynem boden zcü Alsfelt zcü Petro, dem 
schriber, mit der antwort, die her Johan der cappe- 
lan von hern Johan Setzepande brachte von der 
brybe wegin von abe .... unde von der leistunge 
wegin zu Frankefurt 2 gross. 

85, Item eynem boden zcu Wettir tzu Johan schriber 
1 sol. hll., du dy wegin uff dem burgwalde uff ge- 
rumet waren. 



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438 

86. Item eynem bodin zcü Cassel durch der dryßeg 
punde heller willen, die hern Gräfte von Hatzfelt 
zcü Wettir werdin sollen, wart gevangin uflf dem 
wege, daz he nyt vollen gink, 2 gross. 

87. Item eynem bodin zcü Alsfelt umbe daz gedingecze 
von Engilnrade, daz der marschalg daz behilde 
myme jünchern unde andirs nymande gebe, 2 gross. 

88. Item eynem bodin zcü Grünenberg durch Johan 
Smedis gudis willen, alse myn herre mir geschrebin 
hatte, 30 hll. 

89. Item eynem bodin zcü Ameneburg durch dez gudis 
willen zcü Rosdorf, daz Hille Frantzen gekomert 
hatte, 10 hll. 

90. Item eynem bodin zcü Blankenstein mit jünchern 
Wigandes brybe von Erfirshusen umbe den tag, der 

SepL 19, uff den mantag nach Lamperti zcu Birgiln soldin (!), 
1 sol. hll. 

Es folgt das Oeld- Einnahmeregister, welches mit den 

1372 Worten beginnt: Diit ist daz innemen. Tzum erstin uf 

^* 'sente Bartholomeus tag 2V2 lib. und 4 s. h. von der 

voydige tzü Ebistorf, und den Rest der vorderen Seite 

des Rotulics einnimmt. Das Folgende steht auf der 

Rückseite, 

Diit ist daz uzgeben der fruchte. 

91. Tzum ersten do min jüncher*) der lantgrefe uz 
dem here quam und daz große folk tzü Marpurg 
quam von dem Hirtzperge, dar nach**) gab ich 

1372 Thiderich Steyndeckir an biz uf sente Michels tag 

^^* ' 17 malder kornis und 1 malder komis, daz quam 
vor schonebroyt, daz uf dem hüz do geßin ward. 

92. Item ich gab yme ouch 86 V2 malder havem tzü 
fuderne. 



*) Jöoher, Ortg. 
**J Ueber der Linie, 



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439 

93. Item von den tewen fronefastin vor sente Michehelis Sept. 

jfir -fo 

und dy andir vor Wynachtin gab den tzwen porte- j)^ 
nern 2 malder kornis. 15—18. 

Weitere Löhnungen an Korn, 

94. So hain ich Thiderich Steyndeckir gegebin von sente 1372 
Michels tage biz uf sente Paulus tag, als he be-'^^^^ ^ 
kard ward, 60 Va malder kornis unde hundert maldir Jan. 25. 
unde 80 maldir havern tzü fuderne. 

Verschiedene Ausgaben an Korn und Hafer» 

Ks folgt das Frueht-Einnahrneregister und schliesslich 
das Register der Ausgaben für den Weingarten, 



Papierrotulus im Staatsarch. Marburg. Abt. Rechnungen. 




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440 



XL 

Die Porzellansammlnng des Sehlosses 
Wilhelmsthal bei Kassel. 

Von 
Dr. Chr. Scberer. 

pngefähr zwei Stunden von Cassel entfernt und mit 
[der Bahn von Station Mönchehof aus bequem zu 
erreichen liegt halbversteckt in Mitten eines pracht- 
vollen, sorgfältig gepflegten Parkes das kleine Schloss 
Wilhelmsthal. Unter Landgraf Wilhelm VIII. durch den 
Architekten Carl Dury in den 50er Jahren des vorigen 
Jahrhunderts erbaut, hat dasselbe, wie fast alle Schlösser 
dieser Zeit, im Grundriss und Aufbau wenig Bemerkens- 
werthes *) ; erst wenn man das Innere betritt und die 
Reihe der zumeist noch beinahe unversehrt erhaltenen 
und nur zum Theil durch spätere Zuthaten veränderten 
Gemächer des Erdgeschosses und ersten Stockes durch- 
wandert, staunt man über den Reichthum und die Fülle 
zierlicher Ornamente, die über dieselben ausgegossen sind* 
Zwar kann sich Schloss Wilhelmsthal an Gross- 
artigkeit der inneren Ausstattung nicht mit jenen über- 
reich verzierten Schlössern zu Würzburg, Bruchsal, Brühl, 
Schieissheim und manchen anderen, in jener prunk- 

*) Vgl. C. QurlUty Geschichte des Barockstyles und des 
Rococo in Deutschland S. 439 f. 



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441 

liebenden Zeit entstandenen messen, allein es wird doch 
stets zu den reizvollsten Schöpfungen des Rococostyls 
auf deutschem Boden zählen, den es in einer zwar 
glänzenden, aber doch maassvollen Gestalt verkörpert. 
Die mit prächtigen, buntfarbigen Holzschnitzereien ge- 
schmückten Wände und Thüren, die herrlichen, hier 
und da leicht vergoldeten Stuckverzierungen der in den 
zartesten Tönen gehaltenen Decken, die feingemusterten 
Seidentapeten und endlich auch die zahlreichen Gemälde, 
die in die Wände eingelassen von J. W. Tischbein's 
Meisterhand geschaffen sind : Alles dies wirkt zusammen 
zu einem glänzenden^ aber vornehm und anheimelnd 
gehaltenen Ganzen. 

Allein nicht dieser Wand- und Deckenschmuck*), 
der noch immer einer würdigen Veröffentlichung harrt, 
wie sie anderen ähnlichen Rococoschlössern schon längst 
zu Theil geworden ist, soll uns im Folgenden beschäf- 
tigen, vielmehr möchten wir die Aufmerksamkeit der 
Leser auf einen Zweig der Kunstindustrie lenken, der, 
wie in allen Schlössern und Palästen dieser Zeit, so 
auch hier in Wilhelmsthal eine reiche Verwendung ge- 
funden hat und einen wesentlichen Bestandtheil der 
gesammten inneren Ausstattung bildet. Es sind die Por- 
zellane, ostasiatische wie deutsche, die in den Ecken 
der Gemächer sowie auf reichverzierten Wandtischchen, 
Kaminen und Konsolen aufgestellt, mit ihren zum Theil 
phantastischen Formen und leuchtenden Farben sich so 
wunderbar in diese heitere und anmuthige Umgebung 
einfügen. 

Zwar ist schon hier und da gelegentlich auf den 
Werth dieser Sammlung hingewiesen und wohl auch 

*) Derselbe wui*de unter Leitung des Bildhauers J. A. N a h 1 
(1710—1781) ausgeführt. Vgl. Knaekfussj Deutsche Kunstgeschichte 
II, S. 274 ff. Hier wird auch Schloss W. und seine Ausschmückung 
eingehend gewürdigt. 



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442 

dieses oder jenes Stück besprochen worden *), allein eine 
eingehende Würdigung hat dieselbe bisher noch nicht 
erfahren. Und doch enthält sie so viele Stücke 
ersten Ranges^ die das Auge des Kenners wie des 
Laien in gleichem Maasse erfreuen und wohl verdienen, 
auch weiteren Kreisen bekannt zu werden. 

lieber die Geschichte der Wilhelmsthaler Por- 
zellansammlung ist, so viel wir wissen, keine sichere 
Nachricht vorhanden; nur das eine steht fest, dass sie 
in ihrem jetzigen Bestände verschiedenen Zeiten angehört 
und nach und nach hier zusammengetragen ist. Den 
Grundstock wird vermuthlich Wilhelm VIII., der Er- 
bauer des Schlosses, gelegt haben, der wahrend seines 
langjährigen Aufenthaltes in Holland im Dienste der 
Generalstaaten genug Gelegenheit hatte, ostasiaiisches 
Porzellan, dessen grossartige Einfuhr nach Europa in 
erster Linie durch den holländischen Handel vermittelt 
wurde, für seine Schlösser anzukaufen. Zu diesem 
Grundstock kamen später — wie es heisst, im Jahre 
1827 — eine Anzahl anderer Stücke, so z. B. sämmt- 
liehe Berliner Figuren und einige sechseckige Vasen 
von noch nicht sicher aufgeklärter Herkunft, welche 
bis dahin der von Landgraf Friedrich II. in der „Schil- 
derey-Galerie" auf der Oberneustadt zu Kassel errich- 
teten „Porcellaine- Galerie^' angehört hatten; endlich 
fanden in der Mitte der 80 er Jahre drei grosse Bis- 
kuitgruppen, die ursprünglich im Schlosse zu Wabern 
aufgestellt gewesen waren**), in Wilhelmsthal ein 
neues Heim. Wie und wann alle übrigen Stücke, be- 
sonders die vielen figürlichen Porzellane der Meissener 

*) So z. B. bei 2jai8^ Die Kurmainzische Porzellan-MaDufaktur 
zu Höchst S. 89 und in der Besprechung dieses Buches von A^ 
Pabst im Kunstgewerbeblatt IV. (1888) S. 41. 

**) Mündliche Mittheiiung des Herrn Kastellan Steindecker 
in Wilhelmsthal. 



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443 

und Fiildaer Manufactur, dorthin gelangten, lässt sich 
bei dem Fehlen jedes aktentnässigen Ausweises nicht 
mehr genau feststellen. Doch ist anzunehmen, dass sie 
schon frühe dort untergebracht wurden, da sie sämmt- 
lich der in das vorige Jahrhundert fallenden Blüthe- 
zeit jener Fabriken angehören und bereits in dem 
ältesten vorhandenen Mobiliar-Inventar des Schlosses 
aus dem Anfange dieses Jahrhunderts Erwähnung finden. 

Ohne uns auf weitere Vermuthungen über die Ge- 
schichte der Sammlung einzulassen, gehen wir nunmehr 
auf deren nähere Betrachtung über. 

Unter den ostasiatischen Porzellanen der Wilhelms- 
thaler Sammlung, um mit diesen als den ältesten zu be- 
ginnen, nimmt ihrer Zahl nach eine Gruppe japanischer 
Erzeugnisse die erste Stelle ein. Es sind mehrere, der 
Provinz Imari entstammende Gefässe, die in den wir- 
kungsvollen Farben blau (unter Glasur), eisenroth und 
gold bemalt seit dem 17. Jahrhundert in grossen Massen 
durch die Holländer nach Europa gebracht wurden*). 
Weitbauchige Deckelvasen, zum Theil von beträchtlicher 
Höhe, ferner sog. Stangenvasen, jene nach oben stark 
ausladenden Gefässe von cylindrischer Form, von denen 
einige als besonderen Schmuck in je zwei länglich 
ovalen Feldern plastisch gebildete Blumen tragen, und 
kleine gedeckelte Näpfchen bilden die Haüpttypen dieser 
Gruppe, welcher fernerhin zwei schlanke, 0,600 hohe 
Vasen angehören, bei denen der vorherrschend schwarz 
gehaltene Grund durch ausgesparte, regellos hingestreute 
und mit bunten Landschaften und Blumen bemalte 



*) Eine bedeutende Zahl dieser Gefässe, die übrigens in 
Japan vorzugsweise für die Ausfuhr hergestellt wurden und daher 
heute von ihrer Werthschätzung erheblich eingebüsst haben, besitzt 
die Porzellansammlung im Dresdener Johanneum; andere schöne 
Exemplare befinden sich u. A. in der Rothschild'schen Vasen- 
sammlung zu Frankfurt a. M. und im Königl. Museum zu Kassel. 



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444 

Felder von der mannigfachsten Form belebt ist. Es 
ist dies ein ungemein reicher und eigenartiger Defcor^ 
der nicht allzu häufig anzutreffen ist. 

Dieser auserwählten Gruppe von Erzeugnissen alt- 
japanischen Porzellans reiht sich eine andere, nicht 
minder werthvolle an, als deren Heimath China an- 
zusehen ist. So zunächst vier Stangenvasen, die in der 
Mitte von einem flachen, gürtelartigen Wulst umgeben 
und zum Theil mit buntfarbigen, figürlichen Darstellungen, 
Scenen aus dem häuslichen Leben der Chinesen, zum 
Theil mit Vögeln und Blumen geschmückt sind ; sodann 
vier andere, paarweise zusammengehörige Vasen, bei 
welchen auf königsblauen Grund von grosser Schönheit 
und Tiefe Blumen im zartesten Goldton aufgemalt 
sind, ferner zwei prachtvolle becherförmige Gefässe und 
vier schon durch ihre kolossale Grösse als Ausfuhr- 
artikel erkennbare Vasen von jenem nur in blau unter 
Glasur gemalten sog. Nankingporzellan, schliesslich 
zwei weitbauchige, 0,620 hohe Vasen der sog. famille 
verte, deren hutförmige Deckel mit dem phantastischen 
Hunde des Foh, dem Sinnbild des Friedens und häus- 
lichen Glückes, bekrönt sind. Der Körper dieser beiden 
Vasen zeigt auf dunkelgrünem, fast schwarzem Grunde 
sorgfältig und flott gezeichnete grüne Ranken mit bunt- 
farbigen, asternähnlichen Blumen dazwischen und in 
zwei weissen Aussparungen lebendig gezeichnetes Ge- 
flügel und Blumen in bunten, leuchtenden Farbep. 

Ein besonderes Interesse beanspruchen aber zwei 
kleine sechseckige Deckelvasen, von denen die eine 
mit Blumen und Frauengestalten, die andere an ihren 
sechs unteren Seitenflächen mit vielfarbigen Vögeln 
und Blumen bemalt ist, während die an den mit 
mäanderartigem Muster in ziegelroth verzierten Hals 
anstossenden oberen Flächen grüne Ranken in rothem 
Felde und an den Ecken abwechselnd einen in ans- 



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445 

gespartem Baume gemalten hahnähnlichen Vogel mit 
ausgebreiteten Schwingen und eine asternartige Blume 
als Schmuck tragen. Diese letztere Vase ist nun offenbar 
das Vorbild für die vier in Wilhelmsthal befindlichen 
0,720 hohen Fayence-Vasen gewesen, welche in Form 
und Dekor merkwürdig mit jener übereinstimmen *j. 
Freilich unterscheiden sich dieselben hinsichtlich der 
Ausführung wieder wesentlich von ihrem Vorbild. Denn 
während dieses und sein oben erwähntes Gegenstück 
sich durch grosse Sorgfalt und Leichtigkeit der Malerei 
auszeichnen, sind jene vier Fayence-Vasen an ihrem 
ungleichmässigen, dünnen Farbenauftrag sowie an dem 
geringen Geschick und der Aengstlichkeit, mit welcher 
besonders die Ranken gezeichnet sind, sofort als schwache 
Nachahmungen zu erkennen. Indem wir uns vorbehalten, 
bei anderer Gelegenheit auf sie zurückzukommen, be- 
merken wir hier nur, dass man dieselben, gestützt auf 
die Thatsache, dass sie bis jetzt nur in Schloss Wil- 
helmsthal und in der Porzellansammlung des Kasseler 
Museums nachzuweisen sind, für Erzeugnisse einer 
Fayencefabrik hält, die in der zweiten Hälfte des vorigen 
Jahrhunderts in Kassel gegründet worden war**). Wie 
weit diese Vermuthung richtig ist, muss eine eingehen- 
dere Untersuchung lehren. 

Wenn wir hiermit unseren Rundgang durch die 
Sammlung der ostasiatischen Porzellane des Schlosses 
beendigen und uns nunmehr den übrigen, aus deutschen 

♦) Es mag hier erwähnt werden, dass diese Gattung chine- 
sischer Vasen auch von der Meissener Manufaktur in ihrer Früh- 
zeit nachgebildet worden ist. In den Poi-zellansammlungen zu 
Dresden und Kassel sind solche Meissener Nachbildungen von 
derselben Form und demselben Dekor vorhanden. 

**) Mündliche Mittheilung des Herrn Museums- Gustos Pro- 
fessor Lenz in Kassel. Ueber die Fayence-Fabriken von Kassel 
vgl. Ä. V. Draeh^ Faience- und Porzellan-Fabriken in Alt-Kassel, 
Hessenland 1891 Nr. 9 ff. 



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446 

Fabriken hervorgegangenen Erzeugnissen zuwenden, so 
müssen nach Zahl und Kunstwerth diejenigen der 
Meissener Manufaktur an erster Stelle genannt werden. 
Unter ihnen fesselt zunächst ein Satz von fünf 
Vasen unsere Aufmerksamkeit, die durch ihr Alter und 
die Vollendung ihres malerischen Schmuckes in gleicher 
Weise ausgezeichnet erscheinen. Es sind eine 0,560 
hohe weitbauchige Deckel vase, zwei ähnliche kleinere 
und zwei 0,400 hohe Stangenvasen mit gürtelartigen 
Wülsten. Sämmtliche Stücke sind an der Vorderseite 
mit dem hessischen Hauswappen in bunten Farben ge- 
schmückt und mit von Figuren belebten Landschaften 
im zartesten Purpurcaniayen bemalt, die von zierlichen, 
zum Theil schwarz conturirten Goldornamenten von 
feinster Zeichnung umschlossen werden. Dazu kommt 
auf der Rückseite der drei zuerst genannten Vasen, 
deren Körper hier und da mit den gerade für ältere 
Erzeugnisse Meissens charakteristischen Streublümchen 
und Insekten bedeckt ist, ein grellbunter Blumenstrauss 
mit Vögeln dazwischen in den leuchtendsten, sattesten 
Farben, die zu der verhältnissmässig sich vornehm zurück- 
haltenden übrigen Malerei einen eigenartigen Gegensatz 
bilden. Es ist, als ob hier zwei Farbensysteme und 
Dekorationsweisen, die ursprünglich nichts miteinander 
gemein haben, zum Kampf um den Vorrang zusammen- 
gestossen wären: dort die alte, noch ganz von den 
Vorbildern Ostasiens beherrschte farbensatte Palette, 
hier die bereits vom nahenden Rococo berührte feine 
und zarte Mal weise *). Dieser koloristische Gegensatz 
in Verbindung mit den noch vollständig nach chinesisch- 
japanischen Mustern geschaffenen, schweren Formen 
würde an sich schon deutlich genug für eine frühe 

*) Die Dresdener Porzellansammlung besitzt mehrere ganz 
ähnlich verzierte Gefässe, bei denen sich gleichfalls diese beiden 
Malweisen finden. 



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447 

Entetehnrg der Gefässe sprechen, auch wenn die eine 
der beiden Stangen vasen nicht mit dem aus A und R ge- 
bildeten Monogramm bezeichnet wäre, das sich bekannt- 
lich nur an älteren, d. h. der zweiten Periode der Meissener 
Manufaktur (1720— 1740) angehörigen Stücken findet*). 
Mit diesem Ansatz stimmt auch die auf einer Randbemer- 
kung im „Mobiliarinventar" von 1823 beruhende Ueber- 
lieferung vortrefflich überein, nach welcher diese Vasen 
von König August dem Starken an Landgraf Carl ge- 
schenkt worden seien; zweifelhaft bleibt jedoch, ob 
wirklich dieser ganze Satz oder nicht vielmehr nur jene 
eine mit dem Monogramm versehene Vase dieses Ge- 
schenk gebildet habe, welchem dann später, vielleicht 
als ein weiteres Geschenk oder auch in Folge einer 
Nachbestellung seitens des Landgrafen, die übrigen vier 
Stücke, die merkwürdigerweise die Churschwerter als 
Marke tragen, hinzugefügt worden wären. Allein wie dem 
auch sei, das eine steht fest, dass wir hier hervorragende 
Erzeugnisse aus der älteren Periode Meissens (etwa um 
1730) vor uns haben, wenn auch die Bemerkung im 
Mobiliarinventar des Schlosses, dieselben stammten als 
die ersten Stücke der Dresdener Fabrik aus den Jahren 
1707 oder 1710, zwar gut gemeint ist, aber keiner 
weiteren Widerlegung bedarf. 

Ungefähr derselben Zeit der Meissener Manufaktur 
gehört ein zweites, nicht minder werthvoUes Stück an, 
ein vollständiges, für sechs Personen bestimmtes Service 
nebst allem Zubehör von zum Theil noch ziemlich 
schweren, an Metallstyl erinnernden Formen. Die säramt- 
lichen Theile desselben sind mit vielfarbigen, fein ge- 
malten Chinoiserien nach französischem Geschmack 
verziert, die von zierlichen und reich ornamentirten 
Rahmen in Gold, mit farbigen Blumen durchflochten, 

*) Vgl. W. V. SeidlitXy Die Spitzner'sche Sammlung Alt- 
Meissener PorzelLino. Kuoet-Chronik. N. F. II. (1891) S. 356 ff. 



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448 

umgeben sind. Ein Stück dieses Services trägt neben 
den Churschwertern die Marke K. P. M. *) und weist 
dadurch in Verbindung mit den Formen und der De- 
koration auf die Entstehung desselben etwa in den 20er 
oder Anfang der 30er Jahre des 18. Jahrhunderts hin. 
Wenn wir sodann noch eine kleine, leider nicht un- 
versehrt erhaltene Vase nennen, deren eigenartige De- 
koration, ein Belag mit plastisch gebildeten Schnee- 
ballenblüthen, auf die mit den weissen Blüthen der 
Mumepflaume belegten Gefässe altchinesischer Herkunft 
zurückgeht, so haben wir hiermit die Reihe der deut- 
schen Gefässporzellane der Sammlung erschöpft und 
können uns nunmehr den zahlreichen Gruppen und 
Figuren zuwenden, jenen reizenden Werken der Klein- 
plastik des 18. Jahrhunderts, in welchen uns das Ro- 
coco von seiner liebenswürdigsten Seite entgegentritt 

Voransteht auch hier wieder Meissen, das ja im 
vorigen Jahrhundert, besonders unter J. J. Kändlers 
Leitung (um 1736), auf diesem Gebiete die grössten 
Triumphe gefeiert hat und hierin von keiner der anderen 
Fabriken erreicht worden ist. Leider müssen wir uns 
bei der grossen Menge altmeissener figürlicher Porzel- 
lane, welche die Gemächer des Schlosses enthalten, 
darauf beschränken, nur die vorzüglichsten und inte- 
ressantesten Stücke hervorzuheben und können denen, 
welche sich als Forscher oder Liebhaber mit diesen 
Gegenständen beschäftigen wollen, einen Besuch des 
Schlosses Wilhelmsthal nicht dringend genug anem- 
pfehlen. 

Einer der kleinsten Räume, der vermuthlich einst 
als Ankleidekabinet diente und trotz oder vielmehr 
gerade wegen der Schlichtheit seiner Farbenstimmung 
einen überaus vornehmen Eindruck macht, birgt einß 



*) Königliche Porzellan-Manufactur. 



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449 

ganze Reihe altmeissener Gruppen und Figuren, deren 
Aufstellung im engsten, man könnte sagen, im orga- 
nischen Zusammenhang mit der gesammten Dekoration 
dieses Baumes steht und sich mit derselben zu einem 
wirkungsvollen Ganzen vereinigt. Da stehen zunächst 
auf dem Simse des Kamins jene berühmten Figuren 
der fünf Sinne, eine der reizendsten Schöpfungen 
der Meissener Manufactur, für deren einstige Beliebtheit 
schon der Umstand spricht, dass sie in drei verschie- 
denen Entwürfen bekannt sind. Ausser den fünf 
sitzenden kleinen Damen im Zeitkostüm, welche u. A. 
die Dresdener Sammlung besitzt, und jenen Frauen- 
figürchen in buntgeblümter, antikisirender Tracht, von 
denen eine jede neben ihren Attributen noch ein 
Thier zur Seite hat, welchem der betreffende Sinn in 
ganz besonderem Maasse innewohnt, begegnen wir hier 
in Wilhelmsthal noch einer Erweiterung dieses zweiten 
Entwurfes durch Hinzufügung von kleinen Knaben, 
welche in humorvoller Weise einen jeden Sinn durch 
ihr lustiges Gebahren verkörpern, und durch die Ein- 
fügung der einzelnen Sinnesorgane in das zierliche 
Muschelwerk der Bococopostamente. Man könnte viel- 
leicht an dieser starken Häufung von allerlei Attri- 
buten Anstoss nehmen und dem Modelleur zum Vor- 
wurf machen, dass er nicht Phantasie genug besessen, 
um auch ohne dieselben dem Gedanken, den er ver- 
körpern wollte, Ausdruck zu verleihen, allein die naive 
Freude, mit welcher er Alles darstellt, und der frische, 
humorvolle Zug, den er in viele Einzelheiten hinein- 
gelegt, versöhnen vollkommen mit dieser Schwäche, 
und wohl Niemand wird sich dem wunderbaren Beize 
entziehen können, den die Anmuth dieser meisterhaft 
modellirten Formen und der zarte Schmelz dieser duf- 
tigen Farben ausüben. 

N. F. Bd. XVII. 29 



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450 

Wenden wir uns sodann den übrigen Statuetten 
dieses entzückenden Raumes zu, die auf je zwei über 
einander befindlichen Porzellankonsolen stehen, welche 
zu beiden Seiten des über dein Camine hängenden 
Spiegels angebracht und miteinander durch das holz- 
geschnitzte, farbige Rankenwerk der Wandfüllungen 
verbunden sind. Die links auf der unteren Console 
stehende Gruppe stellt den Raub der Proserpina durch 
Pluto dar, eine jener heftig bewegten und völlig ma- 
lerisch aufgefassten sog. Raptusdarstellungen, welche 
von Giovanni da Bologna, Bernini und Girardon in 
die monumentale Plastik der Zeit eingeführt die 
Lieblingsgruppen der damaligen Gartensculptur bildeten 
und von da auch in das Porzellan übergingen. Auf 
seinen Schultern trägt der muskulöse Gott mit Zacken- 
krone und lose umgeworfenem Lendentuch die sich 
heftig sträubende Schöne, deren Körper nur mit 
einem leichten flatternden Gewände bekleidet ist, in 
hastiger Eile von dannen. Im Gegensatz zu dieser 
heftig bewegten, hoch pathetischen Gruppe, in welcher 
männliche Kraft mit weiblicher Ohnmacht ringt, doch 
ohne dass Manier und Uebertreibung so stark darin 
zum Ausdruck kämen, wie in fast allen ähnlichen 
Werken jener obengenannten Bildhauer, zeigt uns die 
reizende Statuette auf der über ihr befindlichen Con- 
sole ein Bild heiterster Ruhe. Eine junge zarte Mäd- 
chengestalt hat sich zum Bade entkleidet und ist im 
Begriff, das Wasser vorsichtig mit der Spitze des Fusses 
berührend, das letzte Gewandstück fallen zu lassen, 
um den Körper der erfrischenden Fluth anzuvertrauen. 
Dieses köstliche, vom Zauber keuscher Sinnlichkeit um- 
flossene Werkchen, nicht minder fein in der Modellirung 
wie zart in seinen Farben, ist jedoch keine Original- 
schöpfung Meissens, sondern die getreue Copie eines in den 
Sammlungen des Louvre befindlichen Marmorbildwerks 



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451 

von der Hand des bekannten französischen Rococobild- 
hauers E. M. Falkonet, der auch als Modelleur für die 
Porzellanmanufactur von Sevres eine umfangreiche und 
fruchtbringende Thätigkeit entfaltet hat. Auf ein für 
Sevres angefertigtes Modell dieses Künstlers geht also 
offenbar unsere Meissener Figur zurück*). Ihr Gegen- 
stück auf der oberen Console der rechten Seite bildet 
die Statuette eines in behaglicher Ruhe an einen Baum- 
stamm gelehnten jugendlichen Apollo, die freie, im 
Geiste des Rococo umgeschaffene Copie einer jener 
zahlreichen antiken Statuen des Gottes, denen wir so 
oft in Gärten und Museen begegnen. Während sich 
in diesem farbenfrohen Figürchen männliche Jugend- 
frische mit Schönheit paart, zeigt uns sein Genosse auf 
der darunter befindlichen vierten Console ein Bild 
greisenhafter Gebrochenheit. Es ist die bekannte Per- 
sonifikation des Winters, eine Einzelfigur aus der 
Gruppe der vier Jahreszeiten, welche nicht minder 
volksthümlich gewesen waren wie die Sinne, die Erd- 
theile oder die Elemente. In einen Pelz gehüllt steht 
die weissbärtige Gestalt fröstelnd neben einem Kohlen- 
becken, ihr zur Seite zur weiteren Ausmalung des durch 
sie verkörperten Begriffes dienend, ein nackter Knabe 
mit Holzhacken beschäftigt**). Leider ist nur diese 
eine Figur aus jener berühmten Gruppe in Wilhelms- 
thal vorhanden und vergebens sehen wir uns nach 



♦) Ein anderes für Sevres angefertigtes Modell dieser Meisters, 
einen sitzenden Cupido, der in Füretenberg nachgebildet worden 
ist, habe ich an anderer Stelle nachgewiesen, vgl. Kunstgewerbe- 
blatt, N. F. III. S. 31 f. Uebrigens hat auch die Berliner Manu- 
factur die Badende von Falkonet nachgebildet. 

**) Der Vollständigkeit wegen seien hier noch die in diesem 
Cabinet auf einem Tischchen stehende Figur eines Apostels ge- 
nannt, vermuthlich Meissener Fabrikat und an L. Mattielli's Sta- 
tuen an der Hofkirche zu Dresden erinnernd, sowie die zwei 
höchst natunvahr und lebendig dargestellten Pudelhunde. 

29* 



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452 

ihren Gefährten um, jenem traubenveirzehrehden Bacchus, 
der den Herbst verkörpert., und jenen beiden reizenden 
weiblichen Gestalten, von denen die eine an einer 
Blume riechend den Frühling, die andere mit Sichel 
und Aehren den Sommer versinnbildlicht. Gewiss 
waren auch sie ursprünglich hier vorhanden und werden 
wohl mit vielem anderen, was heute noch dort vermisst 
wird, unter Jeromes zügelloser Herrschaft ihren Unter- . 
gang gefunden haben. Zum guten Glück besitzt das 
Schlösschen noch manches andere kostbare Stück Alt- 
meissens, so dass uns jener Verlust nicht allzu schmerz- 
lich zu berühren braucht. 

So befinden sich u. A. im ersten Stockwerk zwei 
grosse Uhren aus Goldbronze, die eine von Collier fils, 
die andere von Etienne le Noir in Paris gefertigt. Jene 
stellt einen Triumphwagen dar, der von zwei weissen 
Rossen in Sevresporzellan (?) gezogen wird und einen 
Knaben, der den Frühling darstellt, zum Lenker hat. 
Dieser, sowie alle anderen Insassen des Wagens: 
ein in die Posaune stossender Genius, eine sitzende 
minervenartige Gestalt mit Helm und Scepter, die von 
einer Siegesgöttin bekränzt wird, ferner Knaben als 
Jahreszeiten, ein Adler auf der Spitze der Uhr und 
schliesslich auch die zierlichen Blümchen und Guir- 
landen, die das ganze Bronzegestell als Schmuck um- 
geben, sind sämmtlich Erzeugnisse aus der besten Zeit 
der Meissener Fabrik und von feinster, sorgfältigster 
Ausführung. Dasselbe gilt von den verschiedenartigen 
Gruppen und Einzelfiguren, mit welchem das zu lauben- 
artigen Verschlingungen sich rankende Gezweig der 
anderen Uhr besetzt ist. In buntem Durcheinander, als 
hätte sie der Zufall oder ein lustiger Maskenscherz zu- 
sammengeführt, sehen wir hier die Gruppe eines Edel- 
mannes mit seiner Dame, einen sitzenden Lautenspieler, 
ein Negvrpaar, einen Harlequin, der mit einer Katze 



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453 

spielt und einen Knaben mit Blumen, der auf einem 
Postamente sitzend den Frühling verkörpert. 

Eine ähnliche Verwendung als Schmuck von Ge- 
räthen haben zwei als Gegenstücke gedachte Gruppen 
gefunden, von welchen die eine den unter einem Baume 
mit seiner Lyra sitzenden Apollo darstellt und neben 
ihm den getödteten Pythondrachen, die, andere eine 
ebenfalls unter einem Baume sitzende weibliche Gestalt, 
wahrscheinlich die Muse des Gesanges, die, unterstützt 
von einem nackten Knaben, ihre Melodien aus einem 
Kotenblatt in die Lüfte schmettert. Eine jede dieser 
beiden Gruppen dient zur Ausschmückung eines Tafel- 
leuchters aus Goldbronze in Gestalt einer blätterreichen 
Laube, aus deren Aesten die fünf Leuchterdillen her- 
vorwachsen. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass auch unter 
den übrigen kleineren Altmeissener Figuren noch manches 
Stück sich befindet, welches einst ähnlich wie die so- 
eben genannten verwendet worden war; bei einigen 
weist schon die Beschaffenheit der ünterfläche ihrer 
Postamente*) deutlich auf diese ursprüngliche Bestim- 
mung hin. Wohl die schönste unter den Statuetten 
dieser Art ist jenes weibliche Miniaturfigürchen, das in 
luftigem Gewände mit untergeschlagenen Beinen da- 
sitzend die Finger über die Saiten der Laute dahin- 
gleiten lässt. 

Andere Figuren wiederum sind sicher von vorn- 
herein für keine dekorativen Zwecke bestimmt gewesen, 
vielmehr als durchaus selbständige Kunstwerke anzu- 
sehen ; doch müssen diese, wie die meisten Porzellan- 
figuren des 18. Jahrhunderts, nicht sowohl für sich 
allein, als vielmehr zumeist mit einem Gegenstück ge- 
paart oder zu Gruppen und Reihen vereint gedacht 

*) Dieselben zeigen noch deutliche Spuren von lioim, mit 
welchem sie auf den Grund befestigt waren. 



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454 

werden*). Dabin gehört z. B. eine Folge von fein 
ausgeführten Figuren, welche, zum grössten Theile der 
Punkt- und Sternperiode Meissens (1763 — 1780) ange- 
hörig, Typen des Marktes veranschaulichen, wie eine 
Geflügel- und Früchtehändlerin, ein Eierhändler u. s. w. ; 
ferner müssen hier genannt werden ein Gärtner und 
eine Gärtnerin und schliesslich als Stücke von ganz 
besonderer Feinheit und liebenswürdigem Reiz: ein 
junger Cavalier in blauer, mit feinen Goldspitzen be- 
setzter Jacke und hellblauer Kniehose, der mit dem 
Dreispitz unter dem Arm, wie es die Sitte erheischt, 
in der Rechten einen Kranz, auf der Linken einen 
Vogel hält und seine Genossin, eine junge Dame in 
fein gemustertem Kleide und spitzenbesetztem Mieder, 
die einen Vogelbauer trägt. 

Während diese und andere Stücke, unter denen 
noch die als »Annette et Lubin« bezeichnete Gruppe 
dreier Figuren zu nennen wäre, welche offenbar irgend 
eine Rührscene aus einer der zeitgenössischen Hand- 
werksopern darstellt, die üblichen geringen Maasse 
nicht oder doch kaum überschreiten, zeichnen sich 
einige von ihnen, mit welchen wir zugleich die Be- 
trachtung der Meissener Plastik beschliessen wollen, 
dlirch besondere Grösse vor allen übrigen aus. Es 
sind vier paarweis verbundene Statuetten: ein Chi- 
nesenpaar und ein in arkadischer Nacktheit dargestelltes 
Schäferpaar, jene 0,350, diese gar 0,360 hoch, die 
ersteren mehr durch ihren höchst lebendigen Ausdruck, 
die letzteren mehr durch ihre körperliche Anmuth und 
die Schönheit ihrer Formen fesselnd, beide Paare aber 
gleich sorgfältig und liebevoll bis in's Kleinste und 
Einzelste ausgeführt. 

*) Neuerdings liat .7. Brinkmann wieder auf den engeren 
Zusammenhang der Porzellaufiguren des 18. Jahrhunderts hinge- 
wiesen, vergl. Bericht des Museums für Kunst und GewOTbe in 
Hamburg 1890 S. 10. 



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455 

Ohne mit den hier genannten Werken die Zahl 
der in Sehloss Wilhelmsthal überhaupt vorhandenen 
Erzeugnisse der Porzellan plastik Altmeissens erschöpft 
zu haben *), verlassen wir doch dieselben, um auch den 
übrigen ähnhchen Werken der anderen deutschen Fa- 
briken eine kurze Betrachtung zu gönnen. Unter ihnen 
müssen an erster Stelle diejenigen der ehemaligen 
bischöflichen Manufactur zu Fulda genannt werden, 
welche hier so ausgezeichnet vertreten sind, wie man 
sie anderswo kaum kennen lernen kann. Die Fuldaer 
Porzellanmanufactur **) hat trotz der Kürze ihres Be- 
stehens — sie wurde 1763 durch den Bischof Amandus 
gegründet, aber schon 1780 von dessen Nachfolger 
wieder aufgelöst — Leistungen aufzuweisen, welche 
einen Vergleich mit denjenigen anderer Fabriken nicht 
zu scheuen brauchen; ja wir tragen sogar kein Be- 
denken, das aus 16 kleinen Musikanten bestehende 
Orchester und die vier Tänzerpaare, die Sehloss 
Wilhelm&thal besitzt, dem Besten und Zierlichsten beizu-. 
zählen, was überhaupt auf dem Gebiete der Porzellan- 
plastik hervorgebracht worden ist. Ueber diese Werk- 
chen, welche wie es scheint, einst zum Ausputz einer 
Tafel oder eines Tafelaufsatzes dienten***), ist der 
ganze Zauber jener köstlichen Anmuth und Grazie aus-^ 
gegossen, wie sie nur der heiteren, lebensfrohen Kunst 
des Rococo eigen war. Es ist nicht nur die überaus 
feine und zarte Modellirung nebst der duftigen und 
diskreten Farbengebung, welche wir an diesen Figürchen 



*) Zu erwähnen wären noch mehrere knieende Chineson- 
figuren mit Schalen in den Händen, offenbar aus der frühesten 
Zeit Meissens, und das Figürchen einer älteren Dame in häuslicher 
Tracht, die an einem Tischchen sitzend, auf welchem ein Spinnrad 
steht, Spindel und Buch in den Händen hält. 

**) Vgl. F. Jännicke^ Orundriss der Keramik S. 786. 
♦♦♦) Vgl. Zais a. a. 0. S. 89. 



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456 

bewundern, sondern vor Allem auch die höchst indi- 
viduelle Behandlung jedes einzelnen, die sich ebenso 
sehr in der Mannigfaltigkeit der Stellungen, wie im 
Ausdruck der Köpfe kundgibt. ' Da bemerkt man nichts 
von jenem stereotypen, spitzigen Lächeln oder jenem 
sinnlichen Zug, den man so oft an den Köpfen der 
Gross- und Kleinplastik jener Zeit beobachten kann ; 
hier ist vielmehr Alles schlicht, einfach und wahr 
wiedergegeben, wie es dem Modelleur die Natur bot. 
Auch der Maler hat sich nur aufs äusserste beschränkt 
und in dieser sonst so ungewöhnlichen Zurückhaltung 
eine vollendete Meisterschaft bewiesen. Die vorher^* 
sehend weisse Farbe der Gewänder ist nur hier tmd da 
durch zarte Goldränder oder Gpldmusterungen iit Ver- 
bindung mit farbigen Bändern und Schleifchen belebt, 
die an Feinheit der Behandlung nur noch "durch die 
von den Tänzern und Tänzerinnen gehaltenen Blumen- 
kränze und Guirlanden übertroffen werden, welche in 
ihrer minutiösen Ausführung unsere laute Bewunderung 
hervorrufen. 

Mit diesen reizenden Figürchen kann sich denn 
auch keins der übrigen plastischen Erzeugnisse Fuldas 
messen. Am nächsten kommt ihnen noch jene zur 
grossen Gattung der sog. Pastoralen gehörige Gruppe, 
die einen jungen Schäfer darstellt, der seiner unter 
einem Baume eingeschlafenen Geliebten ein Körbchen 
mit einem unter Blumen versteckten Briefe überbringt. 
Sie gehört, was Formen- und Farbengebung anbetrifft, 
gewiss zu dem Besten in ihrer Art, wenn auch die 
Composition selbst auf besondere Originalität keinen 
Anspruch erheben kann. Dasselbe gilt von den beiden, 
dem gleichen Gebiet entnommenen Gruppen, die als 
Gegenstücke gedacht ebenfalls Schäferpaare darstellen, 
in ihrem harten Colorit aber wenig erfreulich wirken, 
während in vier anderen zusammengehörigen Gruppen 



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457 

zweimal derselbe Vorwurf mit geringen Veränderungen 
behandelt worden ist: hier drei Kinder bei der Obst- 
ernte, dort ein Kinderpärchec: ih vornehmer Tracht mit 
einem als Pierrot gekleideten Knaben unter einem 
Baum. So anmuthig und natürlich hier die Figuren 
wiedergegeben sind, so ungeschickt und geradezu häss- 
lich sind die Bäume gebildet, an denen man die Un- 
zulänglichkeit des Materials und die Grenzen seiner 
Leistungsfähigkeit nur allzu deutlich erkennt. 

Nennen wir ferner noch die Figuren eines Gärtners 
und einer Gärtnerin, die in ihren weissen, goldgerän- 
darten .Costümen an jene obengenannten Musikanten 
erinnern, mit denen sie jedoch an Frische der Erfindung 
und Feinkeit der Detailbehandlung in keiner Weise 
wetteiferor können, so haben wir hiermit die sämmt- 
liehen Stöcke . der Fuldaer Manufaktur aufgezählt und 
gehen nunmehr zu denjenigen von Berlin und Höchst, 
den beiden einzigen Fabriken, die ausser den genannten 
noch in Wilhelmsthal vertreten sind, über. 

Von Höchst, um mit dieser letzteren zu be- 
ginnen, besitzt die Sammlung nur ein einziges, aber 
vortreffliches Stuck, das den alten Ruf der Manufaktur 
auf dem Felde der Porzellanplastik im vollsten Maasse 
rechtfertigt. Es ist eine grosse Schäfergruppe *) in der 
Art der Pastoralen Fran9ois Bouche r's. Vom 
Wandern müde ist ein Schäferknabe am Fusse eines 
von einer Urne bekrönten Postaments in tiefen Schlaf 
gesunken, nachdem er zuvor Tasche und Hirtenstab ab- 
gelegt hat. Da naht sich die Geliebte, ein junges 
Schäfermädchen, und setzt dem von seinem treuen Hund 
bewachten, in süssen Träumen gewiegten Schläfer einen 
Blumenkranz aufs Haupt. Dies der Gegenstand, den 

*) Es ist vermuthlich dieselbe Gruppe, die in dem bei Za%8 
a. a. 0. S. 151 abgedrackten Waarenverzeichniss unter Nr. 29 an- 
geführt wird. 



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458 

Modelleur und Maler zu einer anmuthsvollen Kompo- 
sition gestaltet haben, die einen Vergleich mit ähnlichen 
Meissener Gruppen wohl anszuhalten vermag. 

In einen völlig anderen Gedankenkreis, in das 
Gebiet der Mythologie und Allegorie, führen uns drei 
Prachtgruppen der altberliner Manufaktur, die, 
wie schon oben erwähnt wurde, ursprünglich in der 
Porzellangallerie des Landgrafen Friedrich ü. aufgestellt 
waren. Die Stärke und Schönheit verkörpern die etwa 
0,330 hohen, sitzenden Figuren eines Herkules und 
einer Venus, beide berührt vom Geiste der Antike, wie 
sie die Plastik des 18. Jahrhunderts verstand und 
wiedergab. So erinnert zwar der mit Keule und Löwen- 
fell dasitzende Heros mit dem mächtigen Körper in 
manchen Einzelheiten, so vor Allem in der sorgfältigen 
Durchbildung der Muskulatur^ an das antike Vorbild 
des Herakles Farnese, mehr aber noch an andere, ähn- 
liche Werke von Pigalle und Puget; die auf ihrem 
Taubenwagen sitzende, kranzhaltende Venus ist nun 
vollends ganz im Geiste eines Goustou und Allegrain 
geschaffen und hat mit ihren griechischen Schwestern 
nur wenig noch gemein ; trotzdem sind beide Figuren 
in ihrem zarten, durch den Glanz und die Reinheit der 
Glasur noch gehobenen Fleischton sowie in der frischen, 
naturwahren Wiedergabe der Körperformen und der 
wundervollen Leuchtkraft der Farben von entzückender 
Wirkung. Dasselbe Lob gebührt im vollsten Maasse 
der fast monumental aufgefassten Gruppe des Mars und 
der Geschichte, in welcher eine gewisse, schon das 
Nahen eines neuen Styles verkündende Strenge im Aufbau 
der Komposition durch den Reiz der Farben und die 
Schönheit der Umrisse gemildert und ausgeglichen wird. 

Schon völlig auf dem Boden der von Antonio 
Canova mit Eifer erstrebten, von Thorwaldsen aber erst 
erreichten Antike stehen dann jene drei figurenreichen 



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459 

Gruppenbildwerke in Biskait, die aus dem 
Schlosse zu Wabern nach Wilhelmsthal versetzt worden 
sind. Mit ihnen wollen .wir unsere Betrachtung be- 
schliessen. Alle drei führen uns in streng pyramidalem 
Aufbau allegorische Gestalten vor, wie deren so viele die 
Kunst des 18. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Die eine 
dieser Gruppen zeigt uns Apollo mit der Lyra im Arm 
auf rundem Postament, um welches herum vier weibliche 
Figuren stehen, welche die Künste personifiziren. Es 
sind die Architektur, Bildhauerei, Malerei und Musik, 
eine jede mit den sie bezeichnenden Attributen aus- 
gestattet. Die zweite stellt die Welttheile vor: auf 
hohem Felsen Europa in einer an Athena erinnernden 
Erscheinung und unten um den Felsen stehend die Ge- 
stalten eines Negers (Afrika), einer Türkin (Asien) und 
einer Indianerin (Amerika)- Die dritte endlich ver- 
körpert in vier Figuren die Elemente; hier bildet die 
Gestalt der Luft, die in der erhobenen Rechten einen 
Vogel hält, die Spitze und den Mittelpunkt der Gruppe, 
um welchen die Figuren der Erde, des Wassers und des 
Feuers mit ihren zugehörigen Beizeichen gruppirt sind. 
Ist der materielle Zusammenhang unter den ein- 
zelnen Figuren dieser drei Gruppen auch nur ein loser und 
rein äusserlicher, entbehren dieselben auch jeder tieferen 
Charakteristik und jeder nur einigermassen bewegten 
Handlung, so muss doch jede für sich, was den Adel 
der Zeichnung, die Feinheit der Ausführung und die 
Schärfe der Modellirung anbetrifft^ als ein kleines Meister- 
werk bezeichnet werden. Eine gewisse Vornehmheit 
des Styles in Verbindung mit dem an den Marmor er- 
innernden Material verleiht diesen Figürchen trotz ihrer 
Kleinheit einen echt monumentalen Charakter, der sich 
ebensosehr von einer allzustrengen Nachahmung klas- 
sischer Vorbilder wie von einer naheliegenden theatra- 
lischen Gespreiztheit oder affektirten Grossartigkeit fern 



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4,60/ . ._ 

ZU halten verstanden hat. Leider sind sämmtUche drei 
Stücke anbezeichnet, sodass sich weder über ihre Her- 
kunft noch über ihren Schöpfer — unzweifelhaft sind 
alle drei von derselben Hand modeüirt — Sicheres 
sagen lässt*). Dass der Letztere zu den bedeutenderen 
Modelleuren seiner Zeit gezählt werden muss und die 
drei Gruppen nur einer von denjenigen Fabriken zu- 
geschrieben werden können, die auf diesem Gebiete 
wirklich Hervorragendes geleistet haben^ kann keinem 
Zweifel unterliegen. Vielleicht, dass in nicht allzuferner 
Zeit das Dunkel, welches noch über diesen Gruppen 
schwebt, gelichtet und der Name ihrer Herkunft wie 
ihres Schöpfers entdeckt werden wird. 

Wir sind hiermit am Ziele unserer Wanderung 
durch die Sammlung der Wilhelmsthaler Porzellane an- 
gelangt und blicken zurück auf eine reiche Fülle 
schöner Werke, die in diesem einsamen Schlösschen 
ein nur Wenigen bekanntes Dasein führen. Wer nicht 
aus blosser Neugierde getrieben das Innere desselben 
betritt, sondern von wirklichem Interesse geleitet ist, 
wird wohl in erster Linie dem reichen Wand- und 
Deckenschmuck, . den Tischbein'schen Gemälden und 
kostbaren Möbeln seine Aufmerksamkeit schenken und 
nur vorübergehend auch den Gefässen nnd Figuren in 
Porzellan eine flüchtige Betrachtung gönnen. Gerade 
diese Besucher möchten wir durch den vorstehenden 
Aufsatz auf den hohen Werth auch dieser Gegenstände 
hingewiesen haben ; daneben aber wollten wir Dem- 
jenigen, der sich ernster mit denselben befassen will, 
den Inhalt dieser Sammlung nutzbar machen, welche 
Keiner umgehen kann, der die Kleinkunst des 18 .Jahrhun- 
derts zum Gegenstand seiner Forschungen gemacht hat 

*) Dasselbe gilt von der vorzüglich modellirten, weiss gla- 
sirten Gärtnergruppe, die ebenfalls ohne Marke ist. 



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3. Joh. Heinrich 
Fenner, 

Ob.-Pfr. za Marburg, 

geb. 1688, t 1746, 

ux. Cath. Eiisabetli 

Rüben. 



4. Wilh. Casimir 
Fenner, 

Rentmeister, 

ux.Maria Martha 

Hermann. 



I 



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fe 



Cath.Joh., 

: f. Wilhelm 
111 Fenne- 
Capitäu. 



4. Eleonore 
Magdalene, 

mar. Joh. Jacob 

Hahn, Pfarrer 

zu Michelbach. 

etc. 



4 Kinder. 



inand F., 

tänd. 
nant. 



5. Carl F., 

Holland. 

Leutnant, 

ux. Maria 

Schenck. 



6. Luise 
Sophie F., 

mar. Metrop. 
F. C. Hassen- 
camp zu 
Frankenberg. 



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